TruckSim Map Bilder Show

hier könnte auch dein Bild stehen ...

Kapitel 157 - Rückkehr zum Polarkreis

  • Montag, 12.06.2017

    Während am Vormittag Gary, Rafal und Dima sich mit Stapler, Ameisen und Spannzeug amüsierten, war ich im Büro. Das Tagesgeschäft ließ ich weiter komplett bei Philip. Meine Unterschriftenmappe und der Poststapel waren dick genug. Aber wir brauchten hier scheinbar noch ein Bisschen Unterstützung, wobei es im Normalfall nicht genug für eine Halbtagskraft war. Mir fiel die Bochumer Lösung ein:
    "Sag mal, Philip. Sollten wir ab September vielleicht noch einen Kaufmann ausbilden?" "Warum?" "Einer von uns muss jetzt doch wohl wieder öfter fahren. Und ein Auszubildender kann uns hier auch eine gewisse Unterstützung bieten. Und wir geben einem jungen Menschen eine Zukunftsperspektive."
    Da Ausbilden hier ziemlich einfach ging, hatte das oft nicht den besten Ruf. Mit unseren Qualifikationen und Erfahrungen hätten wir es in anderen Ländern gar nicht gedurft. Eine Ausbildereignungsprüfung hatten weder Philip noch ich. Er war zwar ausgebildeter Bürokaufmann, aber hatte vor 30 Jahren 2 Jahre und jetzt wieder knapp über 1 Jahr in dem Beruf gearbeitet. Ich hatte nur einen deutschen IHK-Schnellkurs absolviert, um ein Unternehmen führen zu dürfen. Den nannte ich selbst immer abfällig "Geschäftsführer leicht gemacht". Immerhin führte ich jetzt seit über 4 Jahren durchgehend und erfolgreich ein Unternehmen.
    Hier hatte die Schule allerdings einen größeren Stellenwert in der Wissensvermittlung. Zwar war der Anteil der Schulzeit an der Ausbildung nicht größer als in Deutschland, aber der Unterricht war fachbezogener. Sprachunterricht oder Fächer aus der Zeit der allgemein bildenden Schule wie Mathematik wurden auch vorausgesetzt und nur noch fachlich vertieft. Religionsunterricht oder Fächer wie Sozialkunde fanden in der Berufsschule nicht statt. Da konnte man zu stehen wie man wollte, aber es führte dazu, dass die Ausbildung nicht so viel schlechter war als in anderen Ländern, obwohl die Hürden für Ausbilder im Betrieb niedriger waren als anderswo. Ansonsten wären die britischen Unternehmer wohl noch weniger dazu zu bewegen, auszubilden, als sie es sowieso schon waren.
    Das Berufsbildungssystem hier war dreizügig, der vierte Zug hatte kein System. Oben war natürlich das Studium an einer Universität. Darunter kam die oft von den Betrieben nachgefragte, aber selten angebotene vollwertige Ausbildung "Level 1", nur etwas unterhalb von Westeuropäischen Standards, die wir hier anbieten wollten. Sie dauerte meistens 3, bei manchen Berufen auch bis zu 4 Jahren. Den Ruf der britischen Ausbildung im Ausland nachhaltig angeschlagen hatte seit den 80er Jahren die "Level 2 Ausbildung", die nur etwas mehr war als ein Anlernen auf eine bestimmte Tätigkeit - vielen Dank Mrs. Thatcher und Kabinett. Wobei "vom Metzger zum Trucker in einem halben Jahr" in Deutschland auch nichts anderes war und immer stärker im Kommen. Level 2 Ausbildung dauerte meistens nur ein Jahr, bei komplexeren Tätigkeiten auch mal zwei, also maximal die Hälfte einer richtigen Ausbildung. Die Mehrheit der Abgänger aus den niedrigeren Levels an der Schule machte aber sowieso keine Ausbildung welchen Levels auch immer und fing an, direkt nach der Schule ungelernt Geld zu verdienen. Zumindest eine Level 2 Ausbildung würde ihnen auch kaum mehr Geld bringen, aber noch mal 1 bis 2 Jahre Leben mit finanziellen Einschränkungen aufhalsen. Menschlich also zumindest in dem Vergleich verständlich.
    Jetzt noch einen Auszubildenden zu finden war vermutlich kein Problem. Meistens gab es nicht genug Level 1 Ausbildungsplätze, so dass die meisten Schulabgänger mit höheren Zielen entweder ein Studium aufnahmen oder wenn sie sich das nicht zutrauten, zähneknirschend eine Level 2 Ausbildung machten, weil keine auf Level 1 angeboten wurde.

    Nachdem ich also noch schnell eine Anzeige formuliert und geschaltet hatte, sah ich mal in der Halle nach dem Rechten. Mein Trailer war ziemlich voll. Aber es ging nicht anders. Dima hatte sperrige und empfindliche Ladungen, ich die schweren, dicht zu packenden Sachen. Wollten wir das ausgleichen, hätten wir in Murmansk am Straßenrand umladen müssen, weil sich dort unsere Wege trennen mussten. Mein Lagerleiter Gary hatte so seine Bauchschmerzen
    "Das geht so nicht, Ricky. Du wirst beim Nachladen zu schwer mit der Ladung." "Wieviel?" Dima hatte den Überblick über die einzelnen Partien: "Ich denke mal, Du wirst fast 47 Tonnen haben, wenn wir uns einschiffen." "Nicht erwischen lassen." "Wenn wir in Hull auf dem Schiff sind, ist es doch sowieso egal. Dann gehen 60." "Nicht mit dem Lastzug. Nagel mich nicht fest, ob der in Skandinavien 40 oder 44 haben darf, aber jedenfalls nicht mehr. Mehr Gewicht würde mehr Achsen oder sogar einen dritten Zugteil erfordern. Aber passt schon. In Skandinavien bin ich noch nie gewogen worden. Die scheren sich immer mehr um Tempo und Fahrtüchtigkeit als um Gewicht. Und hier sind es 8 Meilen. Wird schon klappen."

    Ich hatte einen unserer Ackermann-Trailer mit Hubbühne dran und fuhr meinen Volvo. Dima hatte ernsthaft einen der letzten Foden 4000 vor der Umstellung auf DAF CF und einen Trailer mit Moffettstapler bei einem russischstämmigen Unternehmen aus Southampton geliehen. Dazu kam noch unsere Leyland 75 Hofschleuder. Wenn man die modernen Autos auf den PKW-Plätzen nicht im Blickfeld hatte, sah es hier gerade aus wie in den 90ern. Wenigstens Timos Ford Sapphire und Rafals 97er Honda Civic Coupé störten den Eindruck nicht. Bens W203 C-Klasse war auch nur ein Bisschen zu modern.

    Schließlich hatten wir alles zusammen und waren auf dem Weg durch die West Midlands. Apropos "Auszubildender Speditionskaufmann". Ich rief erst einmal zum Gratulieren in Bochum an, denn es gab keinen Auszubildenden Speditionskaufmann mehr. André hatte letzte Woche bestanden, danach zwei Tage frei genommen und heute seinen ersten Tag als "echter" Speditionskaufmann und hauptberuflicher Disponent.

    Die viereinhalb Stunden reichten gerade bis nach Grimsby. Luke kam uns unterwegs entgegen. Hier bekamen wir beide bei einem Logistikdienstleister noch Ladung dazu. Bei mir war das vor allem Teppichboden. Bei Dima Feldduschen, Messgeräte und irgendein Spezialgerät, das wohl Erde nach Kontaminationsgrad trennen konnte. Dann kam der Zoll, prüfte Ladungen und Papiere, machte unsere Trailer dicht und die Carnet TIR waren eröffnet. In Immingham, wo wir nicht wirklich zu früh eintrafen, sahen wir Timo wieder, der mal wieder auf dem Weg nach Schleswig-Holstein war.


    Dienstag, 13.06.2017

    Das Schiff legte bekanntlich erst um 15:30 an, also war der Tag schon so gut wie gelaufen. Hinter Esbjerg nahm Timo die Primärroute 24 Richtung Apenrade und wir die E20 nach Kopenhagen. Ich hatte noch Dominiks Transponder für die Brücken in der Zugmaschine. Dima musste mit Karte zahlen.




    Wir machten 45 Minuten Pause in einem Gewerbegebiet direkt an der Autobahnabfahrt in Kopenhagen und schafften dann im letzten Licht noch die Öresundquerung. Gegen 21 Uhr ging die Sonne unter. Kurz nach Mitternacht und dicht an 9 Stunden Lenkzeit rollten wir nach Huskvarna rein. Das blaue Innenlicht war eine deutliche Verbesserung gegenüber dem gelben. Aber so dunkel wie heute Nacht würde es für den Rest der Tour sowieso nicht mehr werden.




    Wir parkten bei Dominik auf dem Firmenhof ein und ich öffnete uns das Gebäude mit dem Zahlenschlosscode, den er mir aufs Handy geschickt hatte. Hier hatten wir Dusche, Toilette, Küche und sogar kleine Schlafzimmer.


    Mittwoch, 14.06.2017

    Wir konnten sowieso erst wieder nach 11 Uhr weiter, also konnten wir in Ruhe frühstücken. Dann gab ich Dominik die Transponder zurück und sagte ihm, dass gestern noch mal zwei Brücken dazu gekommen waren. Und apropos Brücke, ich fuhr aus reiner Neugierde mal auf die Brückenwaage, sie blieb bei 46.601 Kilo stehen. Also ein Transport der Vollfettstufe. Technisch 2,6 und rechtlich je nach Land bis zu 6,6 Tonnen überladen. Aber ich hatte ja einige Jahre in Köln gelebt - Et hätt noch immer jot jejange!
    Statt der Transponder brachte ich jetzt die spätestens in Russland sowieso unvermeidliche Dashcam an. Bei Linköping konnte die gleich festhalten, wie uns ein ziemlich ambitionierter Viehtransport überholte. Dima jedoch entdeckte was anderes, wo wir vor einem halben Jahr in tiefster Nacht vorbeigefahren waren und fragte über Funk:
    "Warum sind hier eigentlich rund um die Stadt lauter Flugzeuge aufgeständert?" "Hier sind die Saab-Flugzeugwerke. Das sind die Meilensteine aus deren Firmengeschichte."




    Unsere Fahrzeit reichte zwar in den Großraum Stockholm, aber nicht mehr zum Hafen. Also machten wir im Süden wieder 45 Minuten Pause in einem Gewerbegebiet am Straßenrand und fuhren dann durch die Stadt zur Fähre.




    Donnerstag, 15.06.2017

    Nach der Überfahrt verließen wir Turku und mein Volvo hatte Durst. Dima hatte schon mal zähneknirschend in Dänemark getankt, um es wenigstens ungeschoren durch Schweden zu schaffen und füllte auch wieder nach. 92 Pence je Liter war kein schlechter Preis, schon gar nicht für die nordischen Länder.
    Der Foden hatte einen kleinen Tank und einen durstigen Motor. Aber sonst war er eigentlich für diese Tour ideal. Mit dem Hochdach der letzten Serie vor der Umstellung auf die Hütte vom DAF CF und einem kleineren Motortunnel als sein Nachfolger hatte er genug Platz im Innenraum, die Kabine aus GFK-Kunststoff war unverwüstlich und der Antriebsstrang mit Caterpillar-Motor und Fuller-Getriebe erst recht. Zwar war Foden nie meine Marke gewesen und auf der Insel war ich mehr der ERF-Fan, aber dennoch hatte die Zugmaschine so ihren Stil.

    Zum Glück hatte die Polizei zweisprachige Warntafeln, so dass wir mit "Accident" was anfangen konnten. Denn nur mit "Onnettomuus" hätten wir wohl nie begriffen, warum wir jetzt nicht auf die E63 nach Jyväskylä abbiegen durften, sondern mitten durch Tampere zu fahren hatten.

    Stellen, die wir im Januar nachts oder im Dämmerlicht passiert hatten, sahen wir jetzt bei strahlendem Sonnenschein.






    Die 45er machten wir an einer Tankstelle und gönnten uns lokale Küche. Dima nahm Muikku, was ich mir kaum ansehen konnte. Das waren im Ganzen gebratene, kleine Fische mit Kartoffelspalten, Gemüse und einer Aioli nicht unähnlichen Soße. Ich nahm lieber Rentier mit Kartoffelbrei, Preiselbeeren und Gewürzgurke. Das war zwar so weit südlich Touristenfutter und erst weiter nördlich in Lappland wirklich als einheimische Küche zu betrachten, aber das war mir dann mal egal.

    Der Tag endete im Wald, wo wir die Lastzüge gegen 17 Uhr einfach am Straßenrand abstellten. Heute Nacht hieß es, passend zu unseren urtümlichen Lastwagen Gaskocher, Klapptisch, Kanisterwäsche und Freilufttoilette




    Und als wäre das noch nicht genug Rückkehr in die frühen 2000er und meine TurboStar-Ausflüge hierher für Mahler, hielt kurze Zeit später noch ein zu unseren Fahrzeugen bestens passender Truck aus Norwegen - ein Scania Streamline. Aber nicht das rund gelutschte Bonbon aus der 6. Serie, sondern der originale 143M-SL450 und optisch im Neuzustand. Heraus stiegen ein Mann wohl in den 40ern und ein Jugendlicher und fragten, ob sie sich zu uns setzen durften. Natürlich rückten wir zusammen, damit sie mit ihren Stühlen noch an den Tisch passten. Das war so ein skandinavisches Phänomen. Durch die festgelegten Startzeiten nach einer Fährpassage hatte man auch immer Kollegen um sich, denen ungefähr an der gleichen Stelle die Lenkzeit ausging.

    Sie waren Vater und Sohn und stellten sich als Leiv und Daniel vor. Leiv war in der Tat 47 Jahre, Daniel war 17.
    "Es ist ja schon ein merkwürdiger Zufall, dass ausgerechnet hier drei Fahrzeuge aus einer längst vergangenen Zeit aufeinander treffen. Ihr fahrt zusammen und den TIR-Schildern und alten Zugmaschinen nach Richtung Russland?" "Ja." "Bin ich früher auch oft gefahren, aber da gibt es ja kaum noch sinnvolle Frachten rüber. Zumindest hier im Norden. Südlich von Sankt Petersburg geht es dann wieder besser." "Wir sind ja auch ein Hilfstransport. Wo wollt Ihr hin?" "Rovaniemi und dann noch mal 130 Kilometer weiter nach Sodankylä."

    "Wie kommt es eigentlich, dass Du als Brite so eine schwedisch lackierte Zugmaschine hast? Schweden-Fan?" "Nein. Erst mal bin ich Deutscher und nur nach Großbritannien ausgewandert. Die Zugmaschine habe ich von einem halb schwedischen Freund gekauft und will sie ein bisschen nach meinem Geschmack gestalten, wenn ich mal zu Treffen fahre oder Urlaubsvertretung fahre. Aber ich habe den erst vor 2 Wochen in Huskvarna abgeholt und in den paar Tagen zu Hause gerade mal mit glühend heißer Nadel verzollt und auf meine Firma zugelassen bekommen."
    "Also hast Du ein größeres Unternehmen, wenn Du nicht selbst fährst?" "Derzeit 6 LKW am Standort Deeside, den ich leite. In Bochum haben wir noch mal 11, aber da habe ich im Tagesgeschäft nichts zu tun außer dass zwei davon regelmäßig nach Großbritannien kommen und ich mit dem deutschen Kollegen deren Frachten koordiniere. Ein dritter bringt täglich einen Trailer zur Fähre, den einer von unseren dann austauscht und ins Umschlaglager holt." "Das wäre mir zu viel. Es gab immer nur zwei LKW im Alltag. Einen hat mein Vater gefahren, den anderen ich." "Und der 143 ist einer davon?" "Nein. Der läuft außer Konkurrenz. Den hatte mein Vater mir zum 21. Geburtstag gekauft und das war mein erster. Den habe ich aus Sentimentalität behalten, aber den fahren wir nur noch zu Treffen oder in Ausnahmen." "Und welche Ausnahme verschafft uns dieses besondere Treffen?" "Sein Geburtstag. Nächste Woche wird er 18 und bekommt den Führerschein ausgehändigt. Dann darf er den selbst für eine Tour fahren und bekommt dann seinen eigenen Scania S, so wie ich damals diesen."


    Freitag, 16.06.2017

    Wir machten nur eine 9er Pause, denn je früher man an der Grenze war, umso besser. Um 20 nach 2 nachts schien die Sonne schon wieder über die Baumwipfel. Leiv und Daniel blieben noch 2 Stunden länger stehen, um keine kurze Nacht zu verschwenden, aber frühstückten mit uns zusammen.
    Als wir wieder fuhren, dachte ich wehmütig 15 Jahre in die Vergangenheit. Damals hatte es so was öfter gegeben. Aber diese Zeit war heute endgültig Truckerromantik. Die normale Nacht fand heutzutage alleine statt, umgeben von Kollegen, die sich in fremden Sprachen unterhielten und sich teilweise nicht mal untereinander verstanden. Früher war auch das kein Problem. Wer kein Englisch konnte oder welche Sprache auch immer gerade die am Tisch gesprochene war, wurde irgendwie trotzdem in die Gemeinschaft eingebunden und man kommunizierte mit Händen und Füßen.

    Nun ging es durch eine Gegend, die auch mit Tageslicht nicht wirklich was zu bieten hatte. Links und rechts der geraden Straße stand dichter Wald. Als würde man zwischen zwei Palisadenzäunen durch fahren. Nur selten lockerte mal eine Ortschaft oder ein See die Einöde auf.

    Schließlich erreichten wir die Grenze. Hier war um diese Jahreszeit deutlich mehr los als noch im Winter. Und so halfen die TIR-Schilder und Plastiktüten mit schottischen und überseeischen Spezialitäten zwar irgendwie schon, aber es dauerte dennoch länger. Aus Finnland raus kamen wir noch relativ schnell, knapp unter 30 Minuten nach der Ankunft wurden wir ins Niemandsland entlassen. Und dort dauerte es dann dummerweise fast auf die Minute genau 8 Stunden, bis wir an die Reihe kamen. Wenn man sich noch eine Stunde mehr Zeit gelassen hätte, dürften wir wenigstens wieder fahren.
    Also führte uns der Weg nur noch aus dem Grenzstreifen raus bis hinter den letzten Schlagbaum und dann hieß es kurz nach 19 Uhr, noch mal 9 Stunden Pause einzulegen, was dann mit 3 der 8 vor der Grenze nach den Vorschriften eine vollständige Pause ergab.


    Samstag, 17.06.2017

    In Alakurtti, der ersten größeren Siedlung auf dem Weg stand wieder eine Tankpause an. Bei 38 Pence der Liter eine nette Sache. Obwohl es hier genug Platz gab, um die Straße zu trassieren, wartete sie mit der einen oder anderen scharfen Kurve auf, wo man mal gepflegt auf die Bremse treten musste. Damit er mir nicht wegfuhr, machte Dima den Schluss. Denn der Volvo war bei 90 km/h abgeregelt und der Foden bei 60 mph. Dennoch kamen wir schnell vorwärts, nachdem die Straße erst einmal vernünftig asphaltiert war. Die ersten Kilometer nach der Grenze waren nur festgefahrener Schotter gewesen.

    Der Wald wurde hier oben immer dünner und auf den höheren Bergen hatte sich auch Schnee gehalten. Gegen 8:30 kamen wir nach Murmansk, das sollte noch so gerade mit der Lenkzeit zum Zoll reichen. Dort mussten wir dann sowieso erst mal wieder warten.

    Allerdings kamen wir mit nur 2 Stunden recht glimpflich davon. Danach trennten sich unsere Wege. Dima fuhr zu einem Krankenhaus und ich zu einem Altenheim, die ersten Frachten abladen. Bei mir waren das vor allem Rollatoren, Rollstühle, ein paar orthopädische Spezialmatratzen und andere Dinge für die Altenpflege. Ich stand am Straßenrand und lud bei miesem Wetter über Heck mit der Bühne oder über die Seite von Hand mit Kletterpartie auf den Paletten ab. Der größte Teil meiner Fracht war aber wieder für das Kinderheim in Nikel.




    Viertel nach 11 hatten wir abgeladen, ich hatte noch mit dem Pflegepersonal einen Tee getrunken und machte mich auf den Weg für die letzte Etappe. Hoffentlich schaffte ich es in der Zeit. Sonst musste ich noch mal 9 Stunden irgendwo rum stehen und kam dann auch noch mitten in der Nacht an. Auch die Fjordlandschaft zwischen Murmansk und Nikel hatten wir im Winter kaum wahrgenommen.




    Dima kam ihr näher, als einem lieb sein konnte, denn er fuhr jetzt mit dem Strahlenschutzmaterial nach Poljarny. Das war eine geschlossene Stadt, in der atombetriebene Schiffe und U-Boote der russischen Marine im Fjord vor sich hin gammelten und auf die Verschrottung unter ähnlich kritischen Umweltbedingungen warteten.

    Als zwischen der Handvoll schwermetallresistenten Bäumen, die es schaffte, auch hier auszutreiben, die Schornsteine hinter der Kuppe auftauchten, war mir klar, dass ich wohl 5 bis 10 Minuten überziehen musste. Das war mir dann aber auch egal.
    Als ich in die Straße einbog, spielten auf dem Streifen zwischen Bürgersteig und Haus ein paar Jungs Fußball. Plötzlich zeigte der eine mit dem Finger auf meinen LKW und sie fingen alle an wie wild zu winken und zu rufen. Bis ich vor dem Heim eingeparkt hatte, waren auch Vasya und ein paar andere Betreuer vor dem Haus.
    Und die Wandplatten, die wir im Winter angeliefert hatten, hatten das Haus von außen deutlich aufgewertet. Dazu hatten sie neue Fenster in die Zimmer eingebaut und die Loggien verglast. Die waren vielleicht am Schwarzen Meer ganz nett, aber hier einfach nur Kältebrücken, die im Winter wieder ein Schimmelrisiko bildeten.


    581 mal gelesen

Kommentare 14

  • Benutzer-Avatarbild

    Tomlaker -

    Eines deiner besten Kapitel. Die Map ist da oben m.E.s besonders gut gelungen, besonders von Murmansk ganz nach Norden. Nächstes Jahr planen meine Frau und ich im Übrigen mit nem Bulli-Camper ans Nordkapp zu fahren und ich freue mich schon auf die Landschaft.

    • Benutzer-Avatarbild

      TurboStar -

      Vielen Dank. Und auch wenn es noch was hin ist viel Spaß da oben. Nordkapp hätte auf jeden Fall mal seinen Reiz, aber bei mir dann mit Motorrad.

    • Benutzer-Avatarbild

      Tomlaker -

      Danke! Motorrad geht natürlich auch! Was fährst Du denn? Habe mit dem Mopped schon so einige Ecken Europas erkundet.

    • Benutzer-Avatarbild

      TurboStar -

      Yamaha XT660Z, also eigentlich ideal für so eine Strecke. Ich mache mir da bei der Entfernung mehr Sorgen um den Gelegenheitsfahrer, der draufsitzt :D

  • Benutzer-Avatarbild

    Werner 1960 -

    Wie immer gut geschrieben.

  • Benutzer-Avatarbild

    alaskabaer01 -

    Jo datt hätt et immer. Schönes Kapitel.

  • Benutzer-Avatarbild

    loddi51 -

    Astrein geschrieben....Klasse Kapitel.

  • Benutzer-Avatarbild

    Sauerlaender -

    Wieder schön zu lesen. Da ist man schon auf die Fortsetzung gespannt.