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Kapitel 35 – Cross und quer durchs Country

  • Ganz so gemütlich war das Wochenende jedoch zeitweise nicht verlaufen. Am Freitag hatte Mahad meine Zugmaschine abgeholt. Es war ein Ölwechsel fällig und auch sonst dürfte es nicht schaden, wenn mal wieder ein Mechaniker in Ruhe alles kontrollierte. Nicht dass ich nicht selbst einer wäre, aber weder hatte ich hier eine Inspektionsgrube noch die nötige Ruhe, um mal den Truck auf Herz und Nieren durchzuchecken.
    Kurz nach der Mittagspause rief aber der „weiße Bruder“ Vinni an:
    „Hier sind eben ein paar Vandalen mit Farbdosen um die Häuser gezogen und haben, als wir zu Mittag waren, allen Trucks auf dem Hof Tags verpasst." Ich ließ alles liegen und stehen, hinterließ für Chris eine Nachricht bei Judith, falls er von seiner Wohnungssuche zurückkam – wir hatten es tatsächlich nicht mal hinbekommen, unsere Handynummern auszutauschen – und fuhr rüber.
    Auf beiden Türen und der Frontblende unter der Windschutzscheibe stand nun irgendein Krickelkrakel.
    Wir sind natürlich versichert und ich bringe Dir das bis Montag früh in Ordnung. Aber dieses Dekor gibt es nicht mehr. Willst Du Dir mal den Nachfolger anschauen?“ Das neue Design sah besser aus. Die Linien stiegen jetzt schräg nach hinten an und auf der Seitenverkleidung war auch noch mal ein Muster. „Okay, das nehme ich so, wieder in meinen Hausfarben.“ „Wie sie wünschen, der Herr.“ Vinni stichelte auch immer wieder mal gegen das helle Gelb, aber meine Stammkunden kannten mich inzwischen nun einmal damit.

    Voller Tatendrang kam Chris nach dem Wochenende zur Arbeit:
    „Und was machen wir dieses Mal?“ „Wir wechseln die Straßenseite!“ Er guckte kurz ratlos. „Mehl für England.“
    Wir waren etwas spät dran, daher mussten wir auf ein Foto des Trucks im neuen Glanz verzichten. Für ihn viel wichtiger war vermutlich sowieso sein Namensschild in der Frontscheibe, das er schnell noch mit der Handycam beim Einsteigen „erlegte“.




    Ich fuhr die erste Strecke, holte den Trailer ab, während Chris sich um die Papiere kümmerte und bei Lüttich machten wir den ersten Fahrerwechsel. Chris fuhr bis zum Shuttle-Terminal in Calais und zirkelte den Truck für einen Neuling ziemlich sauber auf den Zug. Ich hatte hier schon alles erlebt.
    Fahrer, die sich hoffnungslos festgefahren haben oder angeeckt waren. Einmal hatte ein ungarischer Kollege die Nerven verloren, einen französischen Fahrer mit druckfrischem Führerschein aus der Kabine seines Renault geschmissen und dessen Truck auf den Zug rangiert.
    In Folkstone übernahm ich und fuhr noch bis zum Rasthof, wo ich den Truck für die Nacht abstellte. Da es noch früh war und wir uns die Zeit vertreiben mussten, erinnerte mich an eine Karaoke-App auf meinem Tablet und es wurde ein spaßiger Abend bei mäßigem Gesang.




    Am nächsten Morgen rannten wir durch den Regen ins Restaurant. Ich bestellte natürlich
    „One Full Traditional, please.“ Chris sah sich mit gerümpfter Nase die Auslagen an und brummte dann missmutig „For me one Continental.“
    Ich nahm also den Kampf gegen zwei Würstchen, vier Scheiben Speck, eine Tomate, eine Scheibe Blutwurst und eine Schöpfkelle Bohnen in Tomatensauce mit Obelix-Beilage („Dazu wir immer reichen Toast“) auf. Chris mümmelte derweil seine zwei halbharten Brötchen und versuchte irgendwie, die Scheibe Salami, die Scheibe Käse und das Plastikpäckchen Marmelade so aufzuteilen, dass kein Bissen unbelegt blieb.
    Der eine mehr, der andere weniger gestärkt wurde es nun ernst für den weniger gestärkten. Linksverkehr stand auf dem Programm, aber immerhin alles nur Autobahn bis zur Ablösung. Im Pendlerverkehr ging es auf London zu und schließlich auf die Ringautobahn.
    „Hier geht es auch gar nicht voran?“ „Abkürzung für kreisförmigen Parkplatz im Großraum London?“ „Hä was?“ „M25! Standard-Scherzfrage bei allen, die drüber fahren müssen.“
    Das Wetter war auch nicht nach Chris Meinung, weshalb er wieder den bekannten Comic zitierte:
    „Ist es immer so neblig in Britannien? Nicht wenn es regnet!“ Aber das war mal wieder typisch. Ich war hier wochenlang in strahlender Sonne unterwegs und kaum hatte ich jemanden dabei, der mit dem Land nicht so ganz warm wurde, kühlte auch das Wetter ab.
    Vor der Autobahnabfahrt gab es noch einen Fahrerwechsel und die Landstraße übernahm wieder ich. Insbesondere weil die Strecke als Unfallpiste verschrien war.
    In Grimsby rangierte ich den Truck an die Rampe, während Chris sich mit den Papieren auf den Weg machte. Danach koppelte ich schon mal an den Trailer mit Glasplatten an, mit dem es weiter gehen sollte.
    Nebenan hatte ein deutscher Kollege, der bei dem „grenzenlosen“ Namen seiner Firma wohl auf Schwer- und Spezialtransporte ausgerichtet war, seinen Peterbilt mit einer Yacht abgestellt. Wenn man eh immer mit Überlänge unterwegs war, interessierte wohl auch keinen mehr, dass die Zugmaschine zu lang für die EU war. Er sprach einen der Mitarbeiter an und sogar mir schmerzten die Ohren.
    Ich hatte mir vor etlichen Jahren mal die DVD-Box einer umstrittenen, neuseeländischen Jugendserie gekauft und rein gepfiffen. Die erste Staffel hatte ich zweimal geschaut, bis ich verstand, um was es ging. Bis die Produzenten nach 5 Staffeln gemerkt hatten, dass eine Serie über Jugendgangs in einer Postapokalypse, in der der erste und keinesfalls letzte Mord in den ersten 2 Minuten des Pilotfilms durch einen Lattenzaun deutlich genug zu sehen war, nicht wirklich kindgerecht war und das Format einstampften, kamen insgesamt knapp 200 Stunden allerfeinster, neuseeländischer Kiwi-Slang zusammen.
    Die Briten hatten nach Beschwerden bei der Premiere der Staffel 1 die Serie kurzerhand mit britischen Sprechern synchronisiert, damit man auf der Nordhalbkugel die Leute von der Südhalbkugel verstand!
    Der da draußen sprach zwar australisch und auch wenn weder Aussie noch Kiwi jemals zugeben würden, dass ihre Sprachen sich einigermaßen ähnlich waren, so hatte ich doch den entscheidenden Vorteil gegenüber dem Lademeister, dass ich verstand, dass dieses Wesen mit US-Truck und Aussie-Mundwerk nur die Dispo suchte.
    Mit breitem Grinsen lehnte ich mich aus dem Fenster und schlug, vorlaut wie ich war, ein betont aristokratisches Englisch an:
    „Hey, hier verstehen die keinen Dialekt, musst du schon Oxford-Englisch reden. Woher in aller Welt hast du denn das Englisch gelernt?“ Ich schaltete zu spät, um ihn mit Kiwi zu verwirren, was ich neben meinem standardmäßigen Welsh-English und übertrieben vornehmem Oxford als dritten Slang drauf hatte.
    Er sah etwas grummelig aus, aber antwortete brav:
    „Danke für den Tip, ich hab einige Zeit in Australien gelebt.“ Man konnte förmlich sehen, wie er im Gehirn die Regeln für die richtige Aussprache zusammenkratzte, bevor er den Lademeister noch mal fragte und die gewünschte Antwort bekam.
    Inzwischen war auch Chris wieder da. Ich fuhr noch über den Humber nach Hull und auf die Fähre nach Esbjerg. Hier besserte sich im Restaurant Chris Laune wieder, während ich darüber nachdachte, welchen Fisch ich heute nicht essen wollte.

    Am nächsten Tag übernahm Chris die erste Runde und fuhr bis ans Ziel zu Dachser in Kiel. Er hatte schon besser rangiert. Dass der Lademeister diese Parkposition akzeptierte, lag wohl nur daran, dass schon ein MAN TGS mit Stollenreifen darauf wartete, die Fuhre auf die Baustelle zu fahren, wo die Scheiben eingebaut werden sollten.
    Ich zwängte mich durch die nicht ganz öffnende Tür raus:
    „Du stehst etwas schief.“ „Schief ist englisch und englisch ist modern!“ „Und das aus Deinem Munde…“
    Chris kuppelte schon einmal das Zementsilo an, während ich Papiere tauschen ging.




    Da seine Zeit fast abgelaufen war, fuhr ich die erste Etappe. Bei Northeim wechselten wir noch mal und trotz Stau in einer Baustelle schaffte Chris es noch bis auf einen Rastplatz bei Darmstadt.
    Nach einer unruhigen Nacht auf dem kleinen Parkplatz fuhr ich zu Fercam nach Stuttgart und parkte den Trailer bolzengerade ein, nicht ohne Chris mit einem breiten Grinsen zu ärgern.




    Solo zu Rettenmeier fuhr ich auch noch, dann durfte sich Chris das erste Mal mit einem überlangen Tieflader herumschlagen. Die Herausforderung auf der Autobahn war nicht so groß und als uns das Navi hinter Montabaur überland schickte, war ich schon wieder am Steuer. Der Tag endete wieder auf so einem Mini-Rastplatz kurz vor der holländischen Grenze.
    Am nächsten Tag fuhr Chris die Reststrecke über die Landstraße bis zu ADM in Groningen. Das Soundsystem griff unterwegs aus seiner Sicht vollkommen daneben:
    „Boah! Stand im Arbeitsvertrag eigentlich was von Erschwerniszulage?“ Das Lied „Meine Liebe, meine Stadt, mein Verein“ von der Kölner Mundart-Band "Domstürmer" war natürlich nicht seins. „Tja, da musste bei einem Ex-Kölner durch. Auch wenn es schwer wird für einen aus dem großen Dorf im Norden.“

    Trotz musikalischem Terror schaffte er es nach dem Abliefern auch noch unfallfrei bis zu DHL, wo unsere Schlussfracht für die Woche wartete. Mit der Lieferung am Haken war es meine Sache, bis ins Sauerland zu fahren. Da das Mittagessen ins Wasser gefallen war, beschlossen wir, hier eine kleine Kuchenpause einzulegen.
    Chris stöpselte seinen Neuerwerb in die Steckdose, eine Kaffeemaschine. Ich brühte mir natürlich einen Tee auf, während Chris in der Dorfbäckerei zwei Stück Käsekuchen kaufte. Damit er nicht mehr aus der Kölner-Haie-Tasse trinken musste, hatte er sich extra eine von Fortuna Düsseldorf gekauft. Da mir deutscher Fußball relativ egal war und ich auch mit der Städtefeindschaft mehr spielte, als sie ernst zu nehmen, ärgerte mich das aber nicht wirklich.




    Nach dem Kuchen ging es weiter, nun mit Chris am Steuer. Ich hatte Probleme, mein Grinsen zu verstecken, je dichter wir nach Frankfurt kamen.
    „Da muss der Trailer rein?“ Schockiert sah Chris die Laderampe. Allerdings hatte er es sich unnötig schwer gemacht und war von der strategisch ungünstigen Seite angefahren. „Ja, da rein.“




    Ich war unbarmherzig und verweigerte, das Steuer zu übernehmen. Fluchend und teilweise zentimeterweise versuchte Chris, den Zug „um die Ecke zu bringen“. Irgendwann ging gar nichts mehr.
    „Was ist?“ „Bremse leer, verdammt noch mal! Frag doch nicht so doof!“
    Die Rache für meine sadistische Fahrlehrer-Einlage bekam ich aber noch während des Manövers, denn es fing an zu regnen und das bekam nun mal der Einweiser zu spüren. Also waren wir am Ende beide nass, Chris vom Schweiß und ich vom Regen. Aber der Trailer stand an Ort und Stelle.




    Jetzt fuhr ich, weil Chris Lenkzeit ebenso aufgebraucht war wie seine Nerven, noch zum Hotel und das Wochenende durften wir also in Frankfurt verbringen. Selten war ich für eine Wochenruhe so dicht bei der Heimat und doch zu Weit weg für die Heimreise gewesen.

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    Das etwas chaotische Wochenende am Anfang verdanke ich SCS und ihrer Herumspielerei an den Lackierungen. Leider ist die schiefe Linie der neuen Ausführung auf meiner Geforece210-Klötzchengrafik nicht so toll anzuschauen. Ich versuche aber immer noch, den neuen PC bis in den Juni herauszuzögern.

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