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Kapitel 34 – Gewaltmarsch über die Alpen

  • Ich hatte Judith gebeten, uns so schnell wie möglich nach Hause zu holen. Die Art Heimweg gefiel mir dann aber gar nicht, mit 25 Tonnen Sand aus Rom nach Wuppertal. Abgesehen davon, dass ich gerne mal wüsste, warum man Sand quer über den halben Kontinent kutschieren musste, waren die Mulden einfach nur grausam zu fahren, also eigentlich nichts für Sattelzug-Anfänger wie Chris.

    Der Anfänger durfte erst einmal vorm Hotel die Bremse aufblasen, aber das war nichts Neues für ihn. Der LK im väterlichen Betrieb hatte wohl irgendwo im Bremssystem einen Dudelsack, denn der war nach 20 Minuten Kohlesäcke laden schon wieder leer und wenn man beim Bremsen ein Bisschen mit dem Druck spielte, bekam man auf den Ventilen angeblich auch Scotland Brave hin. Also TÜV-Prüfers Liebling.




    Endlich ging es los, aber eine Baustellenampel mit kilometerlangem Stau davor hielt uns recht lange auf. Der Zeitplan, in zwei Tagen nach Hause zu kommen wurde nun schon wieder eine enge Sache, als wir nach fast genau 4 Stunden bei Dachser im Flughafen-Gewerbepark auf den Hof rollten.
    „Ich mache die Papiere und kuppele auch an. Geh Du mal inzwischen zu einem Imbisswagen da draußen und hol Dir was zu essen.“ „Für Dich auch was?“ „Nein, beim ersten Fahrerwechsel müssen wir eh tanken, dann hole ich mir da was und esse wenn Du fährst.“
    Meine Frage im Büro, ob es denn auch ein Carnet TIR geben würde, wurde mit Gelächter beantwortet:
    „Wer braucht denn ein Carnet TIR für Sand?“

    Die Fahrt um Rom herum ging um die Mittagszeit problemlos. Während ich über den Ring fuhr, mampfte Chris sein Stück Pizza und bald waren wir auf der Autobahn in Richtung Norden. Mit knapp 40 quälte ich den Truck unter Vollgas in die Berge rauf. Immerhin entschädigte der Anblick dafür.




    Schon vor der Ablösung warnte ich Chris vor, was ihn nun erwartete:
    „Der Trailer ist extrem kurz, Du wirst merken, dass der Geradeauslauf bescheiden ist. Außerdem ist der Schwerpunkt eklig hoch. Wenn Du zu schnell bist, liegt in der Kurve die ganze Fuhre auf der Seite. Lieber 10 km/h zu wenig als 5 zu viel.“
    Dann tankte ich voll und ließ Chris ans Steuer. Ich hatte mir einen gemischten Salat und ein Brötchen geholt und holte meine Mittagspause nach. Chris fuhr bis hinter Bologna, bevor ich für den Rest unserer Tagesarbeitszeit noch mal übernahm. An einer Mautstelle bei Mailand war der Tag vorbei und es gab Fertigessen aus dem Umluftofen.
    Nun hatten wir also doch noch eine Nacht an so einer blöden Stelle. Ich konnte mir die Ohrschützer rein machen, Chris drehte sich welche aus einem Papiertaschentuch. So wurden wir am nächsten Morgen einigermaßen ausgeruht wach.




    Die erste Schicht über den Gotthard übernahm Chris. Wir kamen aber nicht weit. Und wenn mir eine gehässige Frage gestattet sei: „Wer braucht schon ein Carnet TIR für Sand?“





    Die Zöllner pieksten aber nur mal mit Stangen in die Ladung, ob vielleicht Geldschränke drunter waren und nach ein paar Minuten durften wir weiter. Chris fuhr sicher über den Gotthard. Im Tunnel ging wegen des Tempolimits wieder einmal eine Menge Zeit verloren, aber dennoch machten wir gut Strecke.
    In Göschenen war dann wieder Fahrerwechsel angesagt. Während ich den Fahrersitz wieder auf mich einstellte, besorgte Chris in der Tankstelle ein paar belegte Brötchen. Diesmal musste ich also einhändig steuern und essen.




    Ich entschied mich mit dem kippeligen Zug gegen Straßburg und die Strecke über Landstraße und fuhr über Zürich und Stuttgart. Dabei stellte nun Chris die entscheidende Frage:
    „Was hast Du denn vor, wenn wir in Bochum sind? Vor allem was wird dann aus mir?“ „Was willst Du denn aus Dir machen?“ „Wenn Du mich weiter im Pelz haben willst und dieser Stress von gestern und heute kein Dauerzustand werden, würde ich gerne weiter mitfahren.“
    „Nee, das muss ich auch nicht haben, ich wollte nur genau um solche Dinge zu klären ins Büro. Dann wirst Du noch mehr ADR-Scheine machen müssen. Ich darf fast alles fahren, wo eine viereckige Tafel dran kommt. Nur radioaktiv nicht.“ „Okay, würde ich machen.“ „Gut, dann sollte sich das schon ausgehen mit dem Beifahrer.“
    „Nur wo komme ich unter?“ „Meine Bude ist leider voll, habe schon eine WG mit zwei Kollegen. Ausnahmsweise bekomme ich Dich auf der Wohnzimmercouch unter. Wir machen einen Arbeitsvertrag und dann wirst Du Dir wohl was suchen müssen.“
    „Au weia. Ich habe doch gar nichts. Dass meine Eltern die Möbel raus rücken, glaube ich nicht. Schon aus Prinzip nicht. Ich war halt bisher Berufssohn und zukünftiger Firmenerbe. Alles was ich hatte, kam von meinen Eltern. Zimmer und Möbel im Hotel Mama, das Auto lief nicht auf meinen Namen.“ „Ich habe da auch keine Ahnung, aber vielleicht bekommst Du ein möbliertes Zimmer. Viel brauchst Du ja sowieso nicht für im Schnitt ein Wochenende alle 2 Wochen.“
    Bei Mannheim gab es noch einen Fahrerwechsel und Chris fuhr nun durch bis Wuppertal zu Hellmann. Mit Blick auf die Uhr riskierte ich noch die Heimreise nach Bochum. Sonst hätte ich jetzt aber auch ein Taxi für uns bestellt und wäre morgen mit der S-Bahn wieder her gekommen, um den Truck zu holen.
    Wir waren beide fix und fertig, als ich den Truck in die Halle rangierte.




    Wir ließen uns noch ein Abendessen vom Bestelldienst kommen und weil wir genug Pizza in den letzten Tagen hatten, entschieden wir uns für „Schniposa“, also Schnitzel, Pommes, Salat. Dann machte ich Chris die Schlafcouch fertig und ging selber ins Bett.

    Am nächsten Morgen gingen wir erst einmal ins Büro und ich lud bei der IHK einen Muster-Arbeitsvertrag runter, den ich etwas anpasste. Inzwischen war auch Judith eingetroffen und unterstützte mich ein Bisschen dabei. Als 3 Jahre lang ausgebildete Kauffrau hatte sie da doch mehr Ahnung von als ich mit meinem Unternehmer-Wochenend-Crashkurs.

    Bewaffnet mit dem Arbeitsvertrag um Vermieter zu besänftigen und einer Liste von einer Immobilienbörse machte sich Chris schließlich auf die Suche. Fündig wurde er in Dortmund-Oespel. Ein älteres Ehepaar vermietete ohne schriftlichen Vertrag einen Anbau an ihrem Einfamilienhaus mit einem möblierten Zimmer, kleiner Küche und Bad zu einem unverschämt niedrigen Preis. Wahrscheinlich besserten sie sich damit die schmale Rente am Finanzamt vorbei ein Bisschen auf. Er konnte quasi sofort einziehen, weil ein Student wohl erst zugesagt hatte und sich dann doch gegen die Uni Dortmund entschieden hatte. Meine Sache wäre so ein Arrangement nicht, aber das brauchte mich nicht zu interessieren.

    Am Nachmittag fuhren auch Marlon und Julian auf den Hof. Marlon setzte sich sofort mit Judith ab und wurde für den Rest des Wochenendes nicht mehr gesehen. Am Samstag half ich Chris dabei, seine Bude einzurichten und die Dinge, die er nun doch selber kaufen musste, zu besorgen.
    Am Sonntag setzten sich Chris, Julian und ich bei dem schönen Wetter einfach ein Bisschen an die Ruhr und hatten Spaß daran, nichts zu tun. Auf dem Weg zurück in die Stadt eröffneten wir die Eisdielen-Saison und schon trennte uns nur noch eine Nacht von der nächsten Arbeitswoche.

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