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Kapitel 32 – Hazard

  • „Fahr doch bei mir mit.“ Inzwischen war Sonntag und das machte Julian zwar sowieso gerade, aber nur im PKW. Wir waren auf dem Weg nach Köln zum Eishockey. Da Marco meine Dienste als Hilfsaufsicht nicht mehr brauchte, seit er in seinem Sportverein einen 17-Jährigen gefunden hatte, der mit ihm zu den Spielen fuhr, war es mir aber recht, dass jetzt mal Julian zum gemeinsamen Jubeln mitfuhr. Und ihm musste ich im Gegensatz zu manch anderem Bekannten nicht einmal was erklären, immerhin hatte er bei den Bambini und Kleinstschülern der Essen Moskitos gespielt, bevor er ins eisfreie Südfrankreich gezogen war.
    „Nee, der Laden läuft ja auf uns beide. Und GbR heißt Gemeinsam beim Rechtsanwalt! Ich habe keine Lust, dass Marlon den Laden auf Kurzstrecke pleite kuschelt und ich darf mit haften. So lange ich mitfahre, kriege ich ihn wenigstens zu Wochentouren.“ Schade eigentlich, denn ich merkte immer mehr, dass ich für effiziente Touren genau den Beifahrer brauchte, der Marlon offenbar das Liebesleben schwer machte.

    Nach dem Nervenkrimi, der wenigstens im Sieg gipfelte, fuhren wir wieder nach Hause, bestellten uns Pizza und wechselten auf das Sofa, um das Motorradrennen vom Festplattenrecorder zeitversetzt anzuschauen. Als wir dann gegen 10 Uhr abends auch damit durch waren, tauchte Marlon wieder auf.
    „Na, wie war Dein Wochenende?“ Statt einer Antwort auf diese betont hinterhältig ausgesprochene Frage streckte Marlon seinem Bruder die Zunge raus. Am nächsten Morgen brachen die beiden auf, dieses Mal nach Süditalien. Für mich war Montag noch Ruhetag.

    „Ich werde Dich irgendwie nicht elegant los!“ Judith hatte sich in ihren Jahren in der Männerdomäne auch eine freche Ausdrucksweise angewöhnt. „Was heißt das?“ „Eigentlich ist keiner der Aufträge mit einem Einzelfahrer zu schaffen. Die schwarzen Schafe, die sich oft nicht um Lenkzeiten kümmern, versauen nicht nur die Preise, sondern auch die Zeiten.“
    „Und was für Aufträge sind da uneigentlich zu schaffen?“ „Zu meinen alten Kollegen DB Schenker in Clermont. Dienstag ab 7 Uhr in Düsseldorf Getränke laden und Mittwoch bis 11:30 Uhr abliefern. Das ist der realistischste“
    Ich holte mir die Tour auf meinen PC.
    „Kaum zu schaffen. Um die Zeit ist es eine Illusion, glatt aus Düsseldorf raus zu kommen.“ „Dann bis Paris, verkürzte Nachtruhe und es geht auf. Reserve 52 Minuten. Sonst kann ich Dir nur Nahverkehr anbieten. Teilweise nicht mal aus dem Ruhrgebiet raus, mal nach Bremen oder Rotterdam.“
    „Da wirft Clermont mit Konventionalstrafe noch mehr ab als die Touren so.“ „Also Clermont.“ „Ja, ich riskiere es.“

    Dass ich zu hoch gepokert hatte, merkte ich schon am Nachmittag vor der Abfahrt. Streik im öffentlichen Dienst, also volle Straßen. Als ich Dienstagmorgen endlich in Düsseldorf ankam, war meine Zeitreserve für die Anfahrt gerade komplett beim Teufel. Damit hatte ich, bis ich los kam, schon 12 Minuten verloren. Das mochte wenig scheinen, aber es kam auf jede einzelne von ihnen an.
    Wenn das Schicksal schon zuschlug, dann auch an jeder Ampel. Ich kroch durch die Stadt und sogar die letzte Ampel zur Schnellstraße sprang direkt vor mir noch mal um auf rot.




    Ein Fußgänger gab mir deutlich Handzeichen vom Bürgersteig. Stimmte auch noch was nicht mit meinem Truck? Ich sah kurz in die Spiegel, aber konnte nichts entdecken. Also stand ich auf und schlängelte mich durch die Kabine zum Beifahrerfenster. Die schneidende Kälte erwischte mich durchs offene Fenster.
    Er entpuppte sich nur als Anhalter:
    „Darf ich mitfahren?“ Ich nahm selten welche mit, aber die Kälte schien mein Mitleid zu wecken: „Wo willst Du hin? Ich fahre über Lüttich durch Nordfrankreich nach Paris, ist da was für Dich dabei?“ „Nehme ich alles.“ „Okay, komm rauf.“ Er wuchtete einen großen und vollen Rucksack in die Kabine und kletterte hinterher. Dann sprang die Ampel um und ich fuhr los.
    „Ich bin Ricky.“ „Christian, aber sag einfach Chris.“ Da ein Dachdecker mit seinem Fiat Ducato und ziemlich dämlichem Fahrstil meine Aufmerksamkeit verlangte, schlief die Unterhaltung direkt nach der Begrüßung ein. Chris folgte der Unterhaltung wenig später, also mit Ablenkung wurde es erst mal nichts und mir blieb als Ablenkung nur das Radio mit dem dicken 32-GB-Stick voll MP3-Dateien voll mit beinahe allen Musikrichtungen, die man sich vorstellen konnte.

    Hinter Köln auf der A4 Richtung Belgien konnte ich dann auch nur zu mir selbst fluchen, da an der notorischen Engestelle, wo erst die dritte Spur endete und dann die Verbindung zur A61 kam, mal wieder Stau herrschte, aber heute ein gründlicher.
    26 Minuten später war ich dann auch wieder unterwegs. Chris war unbemerkt wieder wach geworden und fixierte mit seinen Blicken einen Punkt weit jenseits des Horizonts. Mein Telefon schreckte ihn schließlich auf, es war Judith.
    „Du kommst nicht wirklich voran?“ „Nein, der Termin wird wohl platzen. Und damit wird die Folgetour auch spannend. Ich sehe mich schon die Fähre in Ancona beim Ablegen bewundern.“ „Das dürftest Du notfalls mit verlängerten Fahrzeiten und verkürzten Ruhezeiten noch bequem hinbekommen.“

    Dann beschloss ich, mal meinen Passagier auszuhorchen. Man wollte ja wissen, wen man da durch die Gegend kutschierte:
    „Kleines Tramperabenteuer im Urlaub?“ Ich zeigte dabei auf den klobigen Rucksack zwischen seinen Beinen. „Nein, nicht wirklich.“ „Was denn dann?“ „Wenn ich jetzt sage zu Hause abgehauen klingt das doof.“
    In der Tat, das war für jemanden, der um die 25 sein dürfte, nicht so ein normaler Grund, um per Anhalter unterwegs zu sein. Dafür brachte es einem als Fahrer weniger Ärger ein als wenn die Leute 10 Jahre jünger waren. Aber dann hätte ich ihn sowieso stehen lassen.
    „Wie alt bist Du denn bitteschön?“ „26, aber Streit mit den Eltern kann man immer haben. Und es ist eine Mischung aus abhauen und rausgeschmissen worden.“ „Na ja. Mit 25 habe ich gerade die Firma gewechselt und bin von Nordhessen nach Wales umgezogen und war seit 5 Jahren zu Hause ausgezogen.“ „Tja, die Firma hat sich auch erledigt. War bei meinem Vater im Betrieb.“ „Und was willst Du dann in Paris anfangen?“ „Abstand von Düsseldorf gewinnen.“
    Das Thema war ihm unbequem und ich hatte wohl schon mehr erfahren als ich wollte und sollte. Er selbst suchte sich aber was Neues:
    „Was heißt Deine Tour platzt?“ „Die war von Anfang an zu knapp. Ich muss morgen bis allerspätestens 11 Uhr 30 in Clermont-Ferrand sein. Dazu müsste ich heute noch bis Paris kommen. Gleich muss ich aber Pause machen und danach habe ich nur noch 2 Stunden Lenkzeit. Das reicht im Leben nicht.“ „Hm.“

    Nach 15 Minuten nachdenklichen Schweigens fragte er:
    „Würdest Du mich den Truck fahren lassen?“ Die Versicherung war dank der Tour mit Julian vor Weihnachten immer noch frei für jeden Fahrer. „Wenn Du kannst und darfst?“ „Dürfen schon, das mit dem Können ist der Punkt, bei dem ich mir selber nicht sicher bin.“
    „Was bist Du denn gefahren?“„In der Fahrschule einen abgetakelten MAN F2000 mit Einachs-Auflieger und bei meinem Vater LK 814, Atego 1217 und als schwerstes einen alten Actros 1831, aber alles Solo-Zweiachser im Stadtverkehr.“
    „Na das ist alles ziemlich wenig. Wir reden hier von einem über 16 Meter langen Zug mit 39 Tonnen und 483 PS unterm Kabinenboden.“ „Ich wollte nur helfen.“ Ich hatte den Eindruck, er wollte auch auf andere Gedanken kommen. Das war schon bei Julian so, dass er sich entspannte, als er ans Steuer durfte. „Ich denke drüber nach, jetzt ist erst einmal Pause.“
    Ich zog auf den Rastplatz, tankte noch mal voll, weil Belgien billiger als Frankreich oder Italien war und zog vor auf den Parkplatz. Jetzt waren erst einmal typisch belgische Fritten angesagt.




    „Traust Du Dir wirklich zu, den Sattelzug zu fahren?“ „Na ja. Nicht überall. Aber geradeaus auf der Autobahn kann man wohl wenig falsch machen?“ Ich dachte an meinen eigenen Start zurück. Auch ich war nur Zweiachser und an zwei Tagen Züge mit Gewichten unter 18 Tonnen gefahren und plötzlich hatte ich einen Schlüssel für einen Iveco TurboStar 190-48 in der Hand. Dabei war ich auch noch fast 5 Jahre jünger als Chris, der Lappen kein Jahr alt. Der alte Mahler war wohl weniger zögerlich, im Prinzip ebenso fremden Fahrern einen 40-Tonner anzuvertrauen.
    „Zeig mal Deinen Führerschein.“ Ich drehte die Karte zweimal in der Hand und alles schien in Ordnung zu sein. „Okay, der linke Sitz ist Deiner.“
    Chris kletterte auf den Fahrersitz und schob seine Fahrerkarte in den Slot. Das Lesegerät blinkte, während es die Daten las und schließlich stand in dem Display „Langerczyk“.
    „Da bin ich ja froh, dass wir schon beim Vornamen sind.“ „Ist doch harmlos, wird Langertschick gesprochen. Meine Familie ist bis zum zweiten Weltkrieg für Jahrzehnte zwischen polnischer und deutscher Kultur herumgeirrt, bevor meine Urgroßeltern vertrieben wurden und in Düsseldorf gelandet sind.“
    Er hatte die Zeit auf dem Beifahrersitz als Fahrtunterbrechung in das Gerät nachgetragen und fuhr vorsichtig los. Aber schnell fühlte er sich sicher und fuhr den Truck aus. Schließlich traute er sich ans Überholen.




    Ich hatte ihm gesagt, er sollte das Navi ignorieren und über Reims fahren, damit ihm die Landstraße erspart blieb. Vor der Mautstation am Pariser Ring kündigte er aber an:
    „Machen wir hinter der Station einen Fahrerwechsel? Pariser Ring im Berufsverkehr muss nicht sein.“ „Okay, können wir machen.“ Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich es noch bis um Paris herum schaffen würde. Das waren wieder die berühmten 4 Stunden, die einem der zweite Fahrer täglich einbrachte.
    Er stellte den Truck auf den Parkplatz hinter der Mautstation und ich wühlte im Vorratsschrank:
    „Magst Du schwarzen Tee?“ „Kaffee wäre mir lieber.“ „Wenn Du Glück hast, habe ich irgendwo ein Röhrchen Pulverkaffee.“ „Das nennst Du Glück?“ „Es ist dichter an gutem Kaffee als gar kein Kaffee. Ich brauche eh keinen. Trinke ich hier drin nie und sonst nur in Ländern, wo sie keinen Tee hinbekommen oder wenn es schnell gehen muss.“ „Aber gar kein Kaffee ist besser als Pulverkaffee. Mach mir dann bitte auch eine Tasse Tee.“
    „Du musst leider aus einer Köln-Tasse trinken.“ Ich hielt meinen alten Haie-Becher hoch. „Das ist gegen die Menschenrechtskonvention. Bin zwar kein Eishockeyfan, aber echter Düsseldorfer.“ „Tja, Verdursten lassen ist wohl auch nicht Teil der Menschenrechte. Welche Folter hättest Du gerne.“ „Für einen Sekundenbruchteil lächelnd schnappte er sich die Tasse mit dem Hai, von meiner neuen Fantasse mit Spielerfoto guckte Marcel Ohmann kampflustig in das Fahrerhaus – das meiner Meinung nach größte Talent in der ganzen Mannschaft.




    Ich fuhr noch um Paris und auf die Autobahn in Richtung Orleans, bevor der Tag zu Ende war. Chris hatte keine Anstalten gemacht, in Paris bleiben zu wollen. Schließlich stellte ich den Truck auf einem Rastplatz ab. Da sollte noch mal einer behaupten, man könnte in Frankreich nicht vernünftig essen.




    In der Nacht wurde ich mehrmals wach. Es war einerseits wieder die Sache, dass ich nicht gewöhnt war, mit einer zweiten Person in der Kabine zu übernachten. Außerdem schlief Chris sehr unruhig und schien schlecht zu träumen.
    Nachdem wir also beim Goldenen M gefrühstückt hatten, legte ich Chris einfach ein paar Geldscheine für Mautstationen in eine Ablage und krabbelte noch mal auf die Liege. Ich nickte auch noch mal für eine Stunde weg. Als ich wieder wach wurde, tat sich vor dem Truck ein schönes Panorama auf.




    Auf dem Soundsystem fing gerade „Hazard“ von Richard Marx an und Chris schien es zu kennen. Er sang die eine oder andere Zeile stumm mit, ich konnte nur sehen, dass er dann die Lippen bewegte. „First time that someone looked beyond the rumours and the lies and saw the man inside“ „We used to walk along the river and dream our way out of this town.” Als dann die auch von Marx ziemlich leidenschaftlich gesungene Bridge kam, wurde er so laut, dass ich ihn hören konnte:
    „I think about my life gone by, how it's done me wrong. There's no escape for me this time, all of my rescues are gone, long gone.”
    Ich schlug die Decke zurück und er bemerkte die Bewegung. Der Gesang verstummte und er lief rot an. Ich überging die Szene und setzte mich auf den Beifahrersitz. Das Lied war allerdings, wenn man das Video kannte, nicht der Softrock, der es schien. Immerhin ging es um den Mord an einer Frau. Wie gut wusste Chris, was hinter dem Text stand, den er eben mitgesungen hatte, wer war seine Mary und was war mit ihr geschehen?
    Ich schnappte mir mein Tablet und surfte im Internet herum. Nicht ganz ohne Hintergedanken nahm ich dabei auch die Seite der lokalen Boulevardzeitung Express unter die Lupe. Sollte er was ausgefressen haben, das es wert war, in den Medien erwähnt zu werden, dann fand ich es hier zuerst.
    Er hatte wohl bemerkt, was ich tat:
    „Und? Was gibt es neues im Rheinland? Müsstest Du nicht sowieso eher bei der WAZ gucken?“ Nun war es an mir, mich ertappt zu fühlen. „Habe ja lange genug in Köln gewohnt. Da guckt man auch noch mal, was da gerade los ist.“ Die Notlüge schien zu überzeugen.
    Was sagten die drei Textausschnitte denn überhaupt aus? Er fühlte sich verkannt, er hatte mit noch jemand den Wunsch gehabt die Heimat zu verlassen und sein bisheriges Leben hatte ihm übel mitgespielt und war ausweglos. Ich hatte mich nie mit meinen Eltern so sehr gestritten, dass sie mich rausgeworfen hätten oder nicht mehr sehen wollten. Auch selbst wollte ich nie ausreißen, als ich noch zu Hause wohnte.
    Machte ich mir nur zu viele Sorgen und war das gefährlichste an der ganzen Situation doch nur das nach einer Stadt mit dem unheilsvollen Namen „Gefahr“ benannte Lied? Manchmal wünschte ich mir, ich würde nicht jeden dämlichen, englischen Liedtext so gut verstehen und hinterfragen können wie ein Muttersprachler.
    Chris zog erst einmal raus auf einen Rastplatz.
    „Was ist?“ „Das Navi zeigt mir zu wenig Reststrecke bis zum Entladen an. Und Stadtverkehr oder sogar Laderampe muss ich mir mit dem Sattelzug nicht geben. Außerdem muss ich mal pinkeln.“
    Während er in das Rasthaus ging, richtete ich mir den Fahrersitz wieder ein. Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, mal einen Blick in seinen Rucksack zu werfen, aber dann siegte der Anstand über die Neugierde. Außerdem war die Sache gleich so oder so erledigt und ich ihn los, denn dann konnte er mir wohl auch nicht mehr helfen.

    Judith rief an, als Chris wieder ins Fahrerhaus kletterte.
    „Hast Du Dich von Scotty beamen lassen oder wie kommst Du 60 Kilometer vor Clermont mit anderthalb Stunden Zeitreserve?“ „Nicht von Scotty, aber von Chrissy.“ „Und wer ist Chrissy?“ „Eigentlich nur Chris. Ein Anhalter, der am Ende einen Führerschein CE aus der Tasche zaubern konnte.“ „Ah ja. Dann schaffst Du es ja nun auch bequem an die Fähre. Oder soll ich einen Tag früher buchen, weil Du Dich wieder beamen lässt?“ „Nein, wenn Chris Benzin beamen darf, wäre das schon ein ziemlicher Zufall.“
    Kaum ausgesprochen zauberte Chris aus seinen Papieren einen ADR-Schein hervor, gültig für Klasse 2, 3, 4.1 und 4.2.
    „Judith, ich melde mich nach dem Abladen wieder.“
    „Wie kommst Du denn an den Wisch?“ „Mein Vater hat einen Brennstoffhandel. Flüssiggas, Heizöl, Kohle.“ „Selbstentzündliche Feststoffe?“ „Braunkohle. Du glaubst gar nicht, wie viele Kohleöfen es noch in den weniger netten Stadtteilen gibt.“

    Als wir durch die Stadt rollten, stellte ich die Gretchenfrage:
    „Und was hast Du jetzt vor?“ „Ich weiß nicht. Nichts Bestimmtes.“ Er atmete tief durch: „Und Du? Wo geht es hin? Wenn ich ehrlich bin, würde ich gerne weiter mitfahren. Ich kann mich hier nicht mal mit den Leuten unterhalten.“
    „Wer ist Christian Langerczyk? Mit welcher Mary wurde er quasi als letzter am Fluss gesehen, um bei dem Lied vorhin zu bleiben, das Du so gedankenverloren mitgesungen hast? Ich wüsste dann doch gerne genauer, wer da in meinem Truck sitzt und sich über internationale Grenzen mitnehmen lässt.“ „Niemand, den der Sheriff festgenommen hat und aus Mangel an Beweisen wieder laufen lassen musste. Und eigentlich auch niemand, der Mütter dazu bringen muss, ihren Kindern die Augen zuzuhalten, wenn er ihnen auf der Straße begegnet. Das einzige, was Du an Bildern aus dem Musikvideo in mein Leben hineininterpretieren darfst, ist, dass mein Vater mir zumindest im übertragenen Sinn den Wohnwagen abgefackelt hat. Ich will nicht darüber sprechen. Also denke ich, es ist besser, wenn ich gehe. Mach’s gut.“ Das war dann eine schnelle Entscheidung. Ich war mehr als überrumpelt. „Ciao.“



    Chris packte seinen Rucksack und kletterte aus dem Truck. Ich zog den Schlüssel ab und ging mit den Frachtpapieren ins Bürogebäude. Nun war ich genauso schlau wie vorher. Was sollte ich machen? War er Opfer oder Täter? Weggejagt oder auf der Flucht? Was hatte er getan und was hatte wer ihm dafür angetan? Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Während die Papiere geprüft wurden, sah ich aus dem Fenster. Chris ging extrem langsam über den Hof. Bei jedem dritten Schritt drehte er sich zu meinem Truck um.

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    Quellenangabe:
    „Hazard“, Musik und Text Richard Marx, Capitol Records, 1992


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