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Kapitel 31 - Inselpendel

  • Es dauerte natürlich nicht lange bis das Telefon „richtig“ klingelte. „Hallo Afrikafahrer!“ Was zu erwarten war, natürlich wollte Keith mit mir sprechen: „Hallo Cardiff-Urlauber. Wo treibst Du Dich rum?“ „Im blühenden Bute Park, was soll man an einem sonnigen Sonntag im Frühling schon anderes machen?“
    „Na gut. Du kannst Dir denken, warum ich anrufe? Wie um alles in der Welt kommst Du denn an Luke?“ „Ich hab mir im Pub ein Bier geholt und als ich mich vom Tresen umgedreht habe, stand er vor mir.“ „Und hat Dir keine geknallt?“ „Nein, nach der langen Zeit nicht. Aber verdient hätte ich es auch nach 7 Jahren noch.“
    „Ich meine, obwohl ich im Gegensatz zu Dir auf Frauen stehe, wie es sich gehört…“ „Ich komme Dir gleich nach Afrika!“ Ich wusste, dass Keith das im Scherz meinte. Er hatte damals zufällig herausgefunden, wie ich tickte und er war es gewesen, der mich „out of the closet“ geholt hatte. Also mich ermutigt hatte, mich als Mittzwanziger nicht mehr zu verstecken oder erst mal am Wochenende ein Bed & Breakfast zu buchen und stundenlang nach Cardiff zu fahren, um unter meinesgleichen auszugehen. Das war vor 10 Jahren in Großbritannien auch in einer Kleinstadt nämlich schon kein Problem mehr.
    Und am Ende lernte ich Luke kennen und lieben. Er kam ursprünglich aus dem kleinen Städtchen Ceredigion in Mittelwales und fing auch bei BP als Fahrer an. Ihm verdankte ich außerdem meine unnützeste Fremdsprache, denn mit Walisisch konnte man nie viel anfangen, außer relativ abhörsicher zu telefonieren oder in einem Pub zu diskutieren, so lange man nicht eben an der walisischen Westküste unterwegs war. Aber damals wollte ich es unbedingt lernen.
    „Jedenfalls habe ich nie begriffen, was Du damals an diesem Björn gefunden hast, dass Du Luke hast sitzen lassen und nach Deutschland zurück bist.“ „Das frage ich mich auch immer wieder, allerspätestens seit Björn weg ist. Die Beziehung mit Luke war mir damals wohl zu viel Routine geworden und ich suchte das Abenteuer. Heute sehe ich es als Fehler meines Lebens, dass ich ihn habe sitzen lassen und die ganze Insel gleich mit. Aber lassen wir die Vergangenheit. Auch wenn Lukes Anruf eine Senationsmeldung für Dich gewesen sein mag, wirst Du mich nicht nur anrufen, um zu erfahren, wie ich ihn getroffen habe.“
    „Ich meine, eigentlich kenne ich Luke selbst ja noch ganz gut. Immerhin bin ich noch 5 Jahre zusammen mit ihm bei BP gefahren. Aber er ist dann vor 2 Jahren doch raus geschmissen worden, als die Raffinerie verkleinert wurde. Aber Du hast ihn zuletzt persönlich gesehen. Ich hoffe, ich verlange jetzt nicht zu viel und bekomme eine ehrliche Meinung von Dir. Aber was für einen Eindruck hat er denn insgesamt auf Dich gemacht?“
    „Warum sollte ich nicht ehrlich sein? Ich muss ihm ja nichts vorwerfen. Er war ein Bisschen verbittert, wird sicherlich an unserem Wiedersehen und seiner Lage gleichermaßen gelegen haben. Warum fragst Du?“ „Wenn ich in anderthalb Wochen zurück bin, kommt er zu mir für ein Vorstellungsgespräch. Und Du hast ihn nun im privaten Umfeld und unvorbereitet gesehen. Auf so ein Gespräch kann man sich ja vorbereiten, auf eine Begegnung im Pub nicht.“
    „Ich denke, wenn man ihn auftaut, ist er wieder der alte Luke. Er war jedenfalls immer noch gestylt und gepflegt und kein unrasierter Zottelbär, der die Dusche nur noch aus der Entfernung kennt. Und er hat sich, auch wenn wir als Cardiff-Fans da gestern allen Grund zu hatten, nicht betrunken. Falls Du das meinst.“ „Dann spielt Ihr wenigstens nächste Saison wieder gegen Sheffield Wednesday.“ „Ach, halt einfach nur den Mund!“
    „Aber noch einen, den mir die Polizei besoffen aus dem Führerhaus zieht, kann ich in der Tat nicht gebrauchen. Ich schaue ihn mir dann mal an. Aus Unternehmersicht wäre es toll, wenn das klappt. Ob wir das beide wirklich wollen, muss sich zeigen. Er ist aber die Sorte Fahrer, die ich auf dem Arbeitsmarkt so vermisse. Ist schon komisch, auf welchen merkwürdigen Wegen man manchmal zusammenkommt. Ich mache mal Schluss, in Algerien ist das Telefonieren nicht so preiswert. Vielen Dank für Deine Einschätzung. Bye!“ „Viel Erfolg bei der Entscheidung. Bye!“




    Inzwischen war ich immer weiter am Fluss entlang gegangen und schon fast in Llandaff angekommen, also war es kürzer, wenn ich weiter wanderte zum Bahnhof dort und den Zug zurück ins Zentrum nahm. Ich gönnte mir ein gutes Abendessen an der nicht ganz billigen Cardiff Bay und machte mich dann auf meinen Weg zurück zum Bed & Breakfast.
    Auf dem Zimmer warf ich noch schnell einen Blick ins Firmensystem. Meine Tourplanung stand noch unverändert. Da der Renault buchmäßig mir gehörte, konnte ich auch immer sehen, wo sich Julian und Marlon herumtrieben und ich wollte mal aus Neugierde wissen, wo sie ihr Wochenende verbracht hatten. Zu meiner Überraschung teilte mir das GPS-Ortungssystem als Standort mit „44892 Langendreer, Bochum, Deutschland“. Sie waren jetzt nur 2 Wochen unterwegs gewesen, nach ihren Maßstäben galt das als Kurztrip.

    Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg zur ersten Fracht, aber schon auf dem Weg war erst einmal Schluss. In einem Kreisverkehr hatten sich zwei SUV geknutscht und die Fahrer debattierten ziemlich unbritisch über die Schuldfrage. Aber am Ende kam ich doch bei der Logistikfirma und meinen Tomaten an. Echte walisische Tomaten für Osnabrück.




    Durchs in voller Blüte stehende England fuhr ich auf London zu, nahm den Ring und kam schließlich an der Fähre in Harwich an. Sie legte am späten Nachmittag auf der relativ kurzen Route ab, weshalb ich dann um kurz vor eins nachts wieder Asphalt unter den Rädern hatte.
    Über Amsterdam kam ich weit vor Ladenöffnung bei Lidl in Osnabrück an. Allerdings regnete es inzwischen. Ohne Probleme kam ich auf dem leeren Parkplatz an die Rampe. Danach fuhr ich noch eben zu UPS, wo ich das Tor zwar offen fand, aber in der Halle waren nur Paketsortierer. Also stellte ich den Truck in eine Ecke und legte erst einmal die kleine Pause ein, die sowieso fällig war.




    Anderes Gemüse aufgesattelt und mit Frachtpapieren versorgt ging es schon um kurz nach 6 in die Gegenrichtung. Die Ladung waren nun Erbsen und das Ziel hieß Cambridge. Das bedeutete zuerst wieder eine Fahrt nach Rotterdam und mit der Fähre nach Harwich. Damit war um 11 Uhr mittags auch schon die Lenkzeit für den Tag um.
    In Richtung England war die Fähre noch früher. Ich musste in Harwich sogar bis Mitternacht warten, bevor ich losfahren durfte. Um kurz vor 3 lieferte ich bei Carrefour in Cambridge ab.
    Hier würde sich nun meine Pause eine Weile in die Länge ziehen, denn bei ADM konnte ich erst nach 6 Uhr laden. Also parkte ich die Zugmaschine in der Stadt, legte mich noch mal aufs Ohr und ging um 5:30 Uhr in einen der ersten Pubs, die öffneten und ein Full Traditional Breakfast anboten.
    So gestärkt holte ich die beiden Traktoren ab und war auf dem Weg nach Aberdeen. Kurz hinter Sheffield musste ich noch mal eine Pause einlegen. Das alberne Gespann mit dem überlangen Tieflader passte auch nicht auf den Parkplatz, aber zum Glück stand auf dem Platz vor mir nur eine Solozugmaschine.




    Der Tag endete schließlich in Südschottland und der Nachmittag würde noch lang sein. Ich sah ein Dorf nicht weit weg vom Rastplatz und beschloss, zum Afternoon Tea mal dort rauf zu wandern.
    Vor Ort fand sich auch ein sehr einladender Tearoom und so beschloss ich gleich, das Ganze zu einem High Tea auszuweiten. Insgesamt hielt ich mich mit Tee trinken, lesen in G.R.R. Martins „Lied von Eis und Feuer“ – worauf ich erst kürzlich durch die Umsetzung als Fernsehserie unter dem Titel „A Game of Thrones“ gestoßen war – und einem anschließenden Abendessen mit zwei Gängen, wieder serviert mit reichlich Tee, mehrere Stunden in dem gediegenen Landhausambiente auf.

    Am nächsten Morgen wartete ich auf der Raststätte wieder ab, bis es einerseits das Full Traditional gab und andererseits um wieder in einen Fahrtrhythmus zu kommen, der nicht darauf basierte, irgendwelche Supermärkte vor den Öffnungszeiten zu beliefern.
    Sogar hier, im immer etwas tristeren Schottland war der Frühling angekommen.




    Da ich immer noch keinen Folgeauftrag hatte, rief ich im Büro an. Judith wusste natürlich sofort, was Sache war:
    „Hallo Ricky, kommst Du gut voran?“ „Hallo Judith. Ja, ich bin jetzt knapp 90 Minuten vor Aberdeen.“ „Und jetzt suchst Du eine Anschlussfracht? Die suche ich ehrlich gesagt auch noch. Derzeit sieht es schlecht aus. Entweder schaffst Du sie nicht mehr bis zur Wochenruhe abzuliefern, würdest mit Wochenruhe auf der Strecke zu spät kommen oder sie bringen Dir wieder ein Außenwochenende.“
    Ich hatte ihr gesagt, dass ich gerne jedes zweite Wochenende zu Hause wäre. Aber das war auch kein Gesetz.
    „Was hast Du denn im Angebot?“ „Esbjerg, Kolding und Calais.“ „Frankreich geht mal gar nicht! Dänemark zu der Jahreszeit ist jetzt kein Traumziel, aber wenn es nichts besseres gibt…“ „Ich könnte Dir sonst noch einen Lückenfüller nach Edinburgh anbieten und wir sehen, ob noch in den nächsten Stunden eine Eilfracht rein kommt.“ „Mach das bitte. Zur Not ziehe ich die Ruhe auch einen Tag vor und bleibe in Edinburgh.“
    Die 22 Tonnen Milchpulver passten noch problemlos in die Tagesfahrzeit und kurz vorm Ziel meldete sich Judith wieder:
    „Mit einem kleinen Gewaltmarsch wärst Du am Samstag Abend zu Hause.“ „Was heißt das?“ „Du müsstest jetzt noch leer nach Glasgow. Da kannst Du bei Linde morgen früh 19 Tonnen Natrium für Duisburg laden. Das geht sich dann so aus, dass Du Samstagabend gegen 5 hier auf den Hof rollen solltest.“ „Passt! Die Tour nehme ich.“
    Nun fing es auch noch an zu regnen, also wurde ich beim Absatteln erst einmal pitschnass. Danach noch schnell der Hopser rüber nach Glasgow und ins Hotel. Am nächsten Morgen fuhr ich zu Linde, nahm gleich wieder die zweite Dusche, als ich ADR-Rechteck, Klasse 4.3 fürs Natrium und Klasse 3 für die Sperrflüssigkeit in den Fronthalter schob.
    Zwischen Edinburgh und Newcastle kam wieder die Sonne raus. Gegen 12 Uhr kam ich im Hafen an und den Zöllnern war wohl langweilig, bevor die Einfahrt zur Fähre freigegeben wurde. Also durfte ich erst einmal auf die Prüfbrücke und meinen Truck von allen Seiten genau untersuchen lassen.




    Als das Schiff ablegte, regnete es wieder, also durfte ich mir die Fahrt unter Deck vertreiben. Zum Glück waren die Bücher aus dem „Lied von Eis und Feuer“ ziemlich dicke Wälzer, da blieb man beschäftigt.
    Freundlicher war das Wetter dann am nächsten Morgen in Amsterdam. Judiths Rechnung ging gut auf. Gegen halb vier fuhr ich in Duisburg bei ENI auf den Hof und lieferte ab. Mit Papierkram und Fahrt durch den dicken Verkehr der einkaufenden Menschenmassen zeigte die Uhr im Cockpit 17:04, als ich auf den Hof fuhr und die Dreifachfernbedienung aus der Ablage fischte.
    Mit deutlicher Überraschung sah ich den weißen Umriss einer Zugmaschine auf Platz 1 stehen. Marlon und Julian waren schon wieder hier? Eine Wochentour konnte nur bedeuten, dass sich nicht in Afrika waren, denn das war auch für sie mit einer Zweierbesatzung nicht zu schaffen. Also drückte ich an der Fernsteuerung auf den mittleren Knopf und rangierte meine Zugmaschine in Einfahrt zwei.




    Als ich in der Wohnung ankam, saß Julian auf dem Sofa und sah sich die Qualifikation der MotoGP an. Ich schmiss mich also einfach neben ihm auf den zweiten Sofaplatz und verschaffte mir erst einmal einen Überblick über die Lage auf der Strecke.
    Dann siegte die Neugier:
    „Was macht Ihr denn schon wieder hier?“ Statt einer Antwort pfiff Julian ein paar Takte des Beatles-Klassikers „All You Need Is Love“. Ich sah ihn fragend an. „Judith hat uns nur eine Wochentour disponiert und Marlon gefällt das ausgesprochen gut. Die beiden dürften inzwischen beim Essen sein und danach steht Musical auf dem Veranstaltungsplan.“ „Schwerer Verstoß gegen Regel 1!“ „Was ist Regel 1?“ „Never f..k the company!“ „Hört sich an, als wüsstest Du, wovon Du redest.“ Ich nickte nur vielsagend.
    Glücklich war Julian so oder so nicht mit der neuen Affäre seines Bruders, denn immerhin gab es für Afrikafahrten deutlich mehr Geld als auf Mittelstrecke nach Südeuropa, die quasi jeder fuhr und wo deshalb die Preise verdorben waren.

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