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Kapitel 172 - Bauchlage, befristetes Wachstum und Schlag mit dem Hammer

  • 1. Oktoberwoche 2018

    Das erste große Ereignis hatte ich am 2. Oktober vorm Fernseher, leider kein gutes. Everton ließ sich 3:4 nach Elfmeterschießen aus dem FA-Cup befördern. Es folgte in der Euroleague ein Erfolg für Chad, dessen Gunners mit Aserbaidschans Meister Qarabag Agdam nicht eben eine Fußballmacht 3:0 aus deren Heimstadion in Baku fegten.
    In einer Teepause sprach mich dann unser Kaufmannsazubi Lewis an:
    „Ricky, ich weiß, dass man mit seinem Chef keine politischen Diskussionen führen soll. Aber ich denke wir sind eine offene Firma. Deine Aussage, Du würdest Leave wählen gegenüber Merwyn neulich hat mich doch enttäuscht.“ „Das war auch etwas übertrieben dargestellt. Um es gleich vorweg zu sagen, ich bin in der Tat Eurosceptic. Aber in der Summe würde mir die Vernunft immer sagen, Remain zu wählen, wenn ich Stimmrecht hätte oder mal haben werde. Nicht weil ich davon überzeugt bin, dass die EU eine tolle Sache ist, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass Mitmachen das kleinere der beiden zur Auswahl stehenden Übel ist. Wenn es den Saftladen aber irgendwann an seinen offensichtlichen Fliehkräften von alleine zerreißen sollte, bevor sie ihn mal so grundlegend reformiert kriegen, dass er wirklich was wert ist, werde ich nicht in Tränen ausbrechen. Reicht Dir das? Ich weiß, dass Du das als Mitglied von Plaid anders siehst und ich weiß, dass das meine Meinung nicht gerade in einer Linie zu den Liberal Democrats steht, in deren Nähe ich sonst zu suchen bin.“ „Ja. Danke. Die Diskussion würde sowieso deutlich länger als eine Tasse Tee dauern, wenn man sie aufnehmen wollte. Aber mit überlegten Eurosceptics kann ich, kann Plaid Cymru und kann vor allem und am wichtigsten das Vereinigte Königreich leben.“
    Am Wochenende dann sollte Chads neueste Errungenschaft ausprobiert werden. Die bestand aus Leder und Kunststoff, eine komplette Motorradausstattung mit Funktionsunterwäsche, Nierengurt, Lederkombi, Stiefeln, Halstuch und Helm.
    „Ich würde ja bei mir mitfahren. Wir sind sowieso gleich schnell, Luke nutzt nur 50 seiner 85 Pferde. Und mein Soziussitz hat ein dickeres Polster als sein Fahrersitz.“ „Trotzdem sieht die Maschine cooler aus.“ Also kletterte er auf die GSX650F und wir fuhren los.
    Bei der Mittagspause in Porthmadoc saß er etwas unruhig, aber war begeistert von der Tour. Also dachten wir noch, dass er einfach schnell weiter wollte. In Betws-y-Coed war die Tour aber zu Ende. Luke hielt auf einem Parkplatz an und Chad stieg mit verheultem Gesicht ab.
    „Was ist?“ „Ich kann nicht mehr sitzen.“ Nachdem wir ins neben dem Parkplatz gelegene Outdoorgeschäft gegangen waren und Luke einen Blick am Vorhang der Umkleide vorbei auf Chads Hinterteil geworfen hatte, stand das Ergebnis fest: „Okay, der fährt heute nirgendwohin mit dem Motorrad. Ich würde sagen, ich fahre nach Holywell und hole ein Auto. Schau Du mal, ob es hier normale Unterwäsche und eine weite Hose in seiner Größe gibt.“
    „Wie lange dauert das?“ „Eine Stunde hin, eine rück und dann noch eine mit Dir nach Hause.“ „Oh nein. So lange?“ „Ich habe eine Idee, wozu hat man Freunde?“ Ich rief Timo an, das Geräusch klang nach Autofahrt. „Hallo Timo. Wo treibt Ihr Euch denn rum?“ „Auf dem Heimweg von einer kleinen Spritztour, gerade auf der A494 am Llyn Tegid.“ „Oh, super. Könnt Ihr vielleicht einen kleinen Umweg einlegen und nach Betws-y-Coed kommen? Lukes Suzuki war etwas zu viel für Chads Kehrseite.“ „Okay. Sollten in einer halben Stunde da sein. Und das mit extra weichen Sitzen.“

    Nach der genannten halben Stunde fuhr unser Traumpaar mit Iestyns Sechszylinder-Sofa vor. flic.kr/p/pniGCP

    „Wenn Du willst, kannst Du mit Chad und Iestyn im Auto fahren und ich bringe Dir das Motorrad, Luke. Deine Sachen dürften mir passen und auch wenn ich seit der Prüfung nicht mehr gefahren bin, Klasse A habe ich. Die beiden tauschten in den Umkleidekabinen des Ladens ihre Sachen und Luke drückte Timo den Suzuki-Schlüssel in die Hand: „Übertreib es bitte nicht.“ „Habe auf einer Honda CBR600 Prüfung gemacht. Sollte mich von der Leistungsklasse nicht auf dem falschen Fuß erwischen.“

    Als Timo und ich an der Mühle ankamen, waren Iestyn, Luke und Chad auch gerade erst ausgestiegen. Zum Dank für den spontanen Taxidienst luden wir Timo und Iestyn zum Grillen ein.

    Am Sonntag lag Chad vor allem bäuchlings auf dem Sofa und sah sich mit dem Tablet Videos auf Youtube an oder las in deutschen Kinderbüchern von mir, die wir für ihn bei meiner Schwester mitgenommen hatten, nachdem ihre Kinder langsam zu alt dafür waren.
    Zwar war auch Chad für den Inhalt zu alt, meine Oma hatte mir die seinerzeit mit 4 bis 6 Jahren vorgelesen. Aber um die Sprache zu lernen, waren die Tier-Abenteuer von „Strupp dem Hirtenhund“ oder „Wolli dem Kaninchen“ besser geeignet als ein Text, der für 10-Jährige Deutsche, die mit der Sprache aufgewachsen waren, gedacht war. Wenn er in 2 Jahren rum das passende Alter hatte, würde er dann wenigstens meine deutsche TKKG-Sammlung lesen können. Und hören auch, denn sowohl mit Büchern als auch Cassetten war ich diesbezüglich gut versorgt.

    Eine wichtige Sache war allerdings Grund genug, die Lesestunde zu unterbrechen. Luke und ich kamen ins Wohnzimmer und Chad schien schon zu ahnen, worum es ging. Er nahm sich ein dickes Kissen und setzte sich in die Mitte vom Sofa.
    „Bleib ruhig liegen. Wir können uns auf die Sessel setzen.“ „Nein. Nicht wenn es das ist, was ich denke. Heute ist der siebte Tag der zehnten Woche, oder?“
    „Ja. Ab morgen dürften wir Deine Adoption beantragen. Und deshalb erst mal unsere Frage, ob Du bei uns bleiben willst.“ Er überlegte keinen Sekundenbruchteil: „Ja, natürlich. Darf ich denn?“ „Ja. Wir wollen Dich behalten und würden Dich auch adoptieren wollen. Vorausgesetzt, Du willst auch das.“ „Was bedeutet das für mich? Erklärt hat mir das nie jemand vom Jugendamt.“ „Das offensichtlichste ist, dass Du den Nachnamen Kaiser-Leighton bekommst. Außerdem wenn wir es vor dem Brexit machen auf jeden Fall die doppelte Staatsangehörigkeit britisch und deutsch.“
    Das könnte ihn im Extremfall von mir unterscheiden, denn wenn es zu keiner einvernehmlichen Regelung zwischen EU und UK kam und der Brexit nicht hinter den 12.11. verschoben wurde, dann könnte es sein, dass als Folge der Einbürgerung ins Vereinigte Königreich die Bundesrepublik meinen Pass einziehen würde. Oder er wurde gerade zum Grund, dass sie mir nicht entzogen werden konnte, da ich dann juristisch Vater eines Kindes mit deutscher Staatsbürgerschaft war und somit meine eigene deutsche Staatsbürgerschaft unter besonderem Schutz stand.
    „Im Prinzip wirst Du dadurch zu unserem Kind. Mit allen Rechten und Pflichten, die sich daraus ergeben. Als Pflegeeltern haben wir bisher nur die Aufgabe, Dich zu erziehen und auszubilden.“ Das könnte auch so bleiben, aber wir hofften, dass er den letzten Schritt auch gehen wollte. „Wenn Ihr mich adoptiert, sind wir also eine richtige Familie?“ „Ja. Auch wenn es biologisch natürlich Quatsch ist. Rechtlich wäre es dann so, als wären wir Deine leiblichen Eltern.“ „Cool. Zwei richtige Eltern. Eine komplette Familie.“ Er legte seine Arme bei uns beiden über die Schultern und zog seine „komplette Familie“ zu sich heran.

    Also beschäftigten wir uns erst einmal mit Formular A58.
    „Du hast jetzt die einmalige Chance, Deinen Namen zu ändern.“ Das war tatsächlich und auch jetzt so, diente aber von seiner Intention bei Babys dazu, den Wunschnamen bei der Adoption vergeben zu können. „Wieso sollte ich?“ „Vielleicht willst Du ja den Justin loswerden oder auch amtlich auf Chad verkürzen.“ „Nee, die Vornamen gehören auf dem Papier so zu mir, wie sie sind.“ Schließlich waren wir durch, unterschrieben vordatiert auf morgen und ich steckte den Umschlag ein für die Ausgangspost im Büro.
    Die Wundsalbe tat ihr übriges und so stand dem Schulbesuch am Montag auch nichts im Wege.


    2. Oktoberwoche 2018

    Der Alltag an den Werktagen spielte sich ein. Hätte man mir mal gesagt, dass ich als Herumtreiber vor dem Herren meinen Gefallen daran finden würde, jede Woche abwechselnd entweder morgens ein Kind zur Schule aus dem Haus zu kriegen oder Nachmittags den Haushalt zu schmeißen, während dieses Kind seine Hausaufgaben machte und abends im Familienkreis gemeinsam zu Essen, dann hätte ich ihm noch bis vor 3 Jahren einen Vogel gezeigt.
    Meine Karriere als LKW-Fahrer hatte mich weit herum gebracht. Bei Mahler nach Norwegen, Schweden, Dänemark, Finnland, Benelux, Großbritannien und Irland. Bei BP waren es dann „nur“ noch die britischen Inseln, aber von der Basis an der Westspitze von Wales bis an die Nordspitze von Schottland war es auch ein gutes Stück, genauer gesagt 1100 km. Von Bochum aus kam man damit zum Beispiel bis Bologna. Bei Talke waren es wieder Dänemark und die britischen Inseln gewesen, wo mich meine Touren hin führten und neu kamen nur die Alpenländer Österreich und Schweiz dazu.
    Schließlich hatte ich mit der eigenen Firma dann im wahrsten Sinne des Wortes alle Grenzen hinter mir gelassen. Alleine oder im Team mit anderen Fahrern hatte ich so viele Länder hinzu bekommen. Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn, Italien, Spanien, Portugal, fast das komplette Ex-Jugoslawien, Griechenland und die komplette afrikanische Nordküste von Ägypten bis Marokko.
    Nie ging es mir weit genug. Wenn es sich ergeben hätte und die politische Großwetterlage mitgespielt hätte, dann wäre ich auch gerne tief nach Russland rein, durch die Sahara ins Herz von Afrika oder sogar den Traum meiner Kindheit – Touren bis in den Orient. Damals waren sie bis Pakistan gefahren – mit Trucks, die heute keiner mehr mit der Kneifzange anfassen würde, der nicht damals zumindest davon geträumt hatte. Und so einen hatte ich inzwischen als Liebhaberstück.

    Wenn ich solche Geschichten in meiner Mittagspause im Internet fand, ertappte ich mich beim Staub Wischen am Nachmittag manchmal dabei, dass ich mir wünschte, nicht Jahrgang 1979 zu sein sondern 1959 und es erlebt zu haben.
    Und dann kam Chad angerannt, um mir stolz zu verkünden, dass er die Hausaufgaben fertig hatte und noch ein Bisschen mit dem Fahrrad fahren wollte. Ich sah den kleinen Wirbelwind, seine an den Seiten dank der Tendenz auszubleichen hellblonden und obenauf allmählich ins natürliche Dunkelblond übergehenden Haare und das schelmische Grinsen und wusste, dass 1979 doch das richtige Jahr gewesen war.
    Ich hatte es vielleicht nicht mit dem Truck bis Pakistan geschafft. Aber ich hatte einen gleichgeschlechtlichen Partner heiraten und mit ihm eine Familie gründen dürfen. Vor 20 Jahren wäre das nicht mal im liberaleren Großbritannien möglich gewesen, in Deutschland noch keine 2 Jahre. 2001 eröffneten die Niederlande als erster Staat der Welt die Möglichkeit der Heirat, 2002 der erste australische Bundesstaat die Adoption durch eingetragene, gleichgeschlechtliche Paare. Erst 2012 nahm die Gesetzgebung in beiden Belangen weltweit Fahrt auf.
    Scheinbar kam für jeden Menschen der Zeitpunkt, wo er genug in der Welt erlebt hatte und sesshaft wurde. Und in dem Zusammenhang fiel mir dann mein beruflicher „Sohn“ Timo ein. Er hatte schon mit seinem Vater im diplomatischen Auslandsdienst einige exotische Länder durch, bevor er mit 16 erstmals in Deutschland wohnte. Auch er hatte dann als angestellter Fahrer die komplette EU plus Norwegen und Schweiz, Ex-Jugoslawien, Griechenland, Marokko, Tunesien und Algerien gesehen. Nun war er schon mit Mitte 20 an dem Punkt mit dem Heiraten angekommen und hatte darum gebeten, maximal noch ein Wochenende im Monat draußen zu sein.

    Und am Wochenende wollte Chad noch einen Versuch auf zwei Rädern wagen, aber diesmal saß er bei mir auf der Yamaha Ténéré. Und weil die zwar realistisch betrachtet nicht mehr Polster auf dem Soziussitz hatte als die Suzuki auf dem Fahrersitz, aber definitiv mehr als die Suzuki auf dem Sozius, blieb der Ausflug auch folgenlos für Chads Sitzfleisch.


    Dritte Oktoberwoche 2018

    Im Büro gab es in dieser Woche Vorstellungsgespräche. Ich wollte einen Fahrer befristet einstellen als Verteilerfahrer im jetzt nicht mehr bewirtschafteten Gebiet von Wyatt & Stack und einen Springer. Allen Konjunkturwarnungen zum Trotz brummte die Wirtschaft noch und daher war die Reaktion auf unsere Anzeigen verhalten gewesen. Fahrer waren gesucht und wer wollte schon Springer und Regionalkutscher machen, wenn er nationalen und internationalen Fernverkehr kriegen konnte.
    Inzwischen waren wir aber an einem Punkt, wo eigentlich ständig jemand fehlte, sei es durch 25 Werktage Urlaub, bei Davey die Berufsschule oder Krankheit. Bei 6 fest angestellten Fahrern, 5-Tage-Wochen wegen der durchschnittlichen Lenkzeit und einem Auszubildenden kamen so schon planmäßig 42 Mannfehlwochen zusammen. Selbst wenn man es geschickt anstellte und Fahrzeugwartungen passend dazu legte oder Fahrzeuge eintauschte, war es eigentlich unnötig totes Kapital, denn selten waren die Wartungen eine ganze Woche und im Gegensatz zum Urlaubsanspruch der Fahrer hatten die Trucks auch keine 25 Tage Wartungsanspruch im Jahr. Und ein Fahrzeug, das solche Fehlzeiten durch Defekte fabrizierte, wäre schon lange nicht mehr in der Flotte.
    Am Ende wollten dann doch 5 Leute und die schickten ihre Bewerbungen auch später, als mir lieb war. Wenigstens hatte dieses Land schöne, kurze Kündigungsfristen.
    Namen alleine waren mir egal, aber wenn Antoniu Vasilescu nicht mal einen sinnvollen englischen Satz in Schriftform zusammen bekam, dann wollte ich mit ihm erst gar kein Gespräch führen. In solchen Fällen war auch die hier typische, anonymisierte Bewerbungsmappe machtlos, zumal man am Namen sowieso oft die Herkunft erkannte, hier definitiv mal Rumänien.
    Und Elliott Lovell war mir suspekt, da er zwar eine Menge Erfahrung hatte, aber bei den beiden letzten Speditionen jeweils unter einem Jahr war und dann anderthalb Jahre als Kommissionierer bei einem Internetversand gearbeitet hatte, wo er jetzt wieder weg wollte. Da schien der Führerschein einen Erholungsurlaub in Swansea bekommen zu haben, den hierzulande üblichen Anruf bei den ehemaligen Chefs nach den Gründen der kurzen Zusammenarbeit hatte ich mir gleich erspart. Also würden heute Reza Kouroshi, Mike Draper und Andrew Grant zum Vorstellungsgespräch kommen.

    Auch bei Reza Kouroshi war der Name schon Aussage genug, denn der war zweifellos Farsi und männlich. Aber ansonsten wusste man mangels Foto und Altersangabe in Großbritannien nie, wer oder was einen erwartete. Reza Kouroshi war ein auf den ersten Blick jung wirkender Mann mit einem gepflegten Vollbart. Beim zweiten Hinschauen würde ich ihn dann aber altersmäßig doch schon mit der 3 vorne schätzen.
    „Herzlich Willkommen bei KFL. Bedienen Sie sich.” Ich zeigte auf den Vorrat an Getränken und passendem Geschirr. Er goss eine Tasse heißes Wasser ein und nahm einen Beutel Schwarztee. Dem schloss ich mich an und während der Tee zog, erzählte ich ein Bisschen über die Firma und mich. Britische Vorstellungsgespräche begannen immer mit Smalltalk. Also machte er dann weiter und erzählte was zu sich.
    Er war 1985 in Teheran geboren und somit 33 Jahre alt. Seine Eltern mussten in den Wirren nach dem Tod Chomeinis und den international bis auf eine Handvoll Ereignisse wenig beachteten Auseinandersetzungen um dessen Nachfolge fliehen und so kam er als Vorschulkind nach Manchester, besuchte eine englische Schule und begann ein Studium im Maschinenbau, das er aber wegen schlechter Noten nicht beenden konnte. Er bekam einen Job bei Leyland Trucks in der Fertigung, aber bekam dabei eine interne Fahrerlaubnis, um fertige LKW zwischen Fabrik, Stellplätzen und Verladeterminal zu fahren. Über den Grund, Leyland zu verlassen, äußerte er sich nicht wirklich, aber es war klar, dass er auf eigenen Wunsch gegangen war. Danach folgten Hilfsjobs bis zum Führerschein CE, durch die wechselnden Arbeitgeber bedingt diverse Umzüge in Lancashire, Manchester und Cheshire und privat seine Hochzeit mit einer damaligen Studentin und heutigen Anwältin aus Aserbaidschan, sowie die Geburt des ersten Kindes.
    Danach änderte sich nicht allzu viel, denn auch mit CE wechselte er sich durchs Arbeitsleben, teilweise nur Urlaubsvertretungen mit 14-Tages-Verträgen. Dass seine Frau das Geld nach Hause brachte oder eher im Anbau des Hauses in ihrer Kanzlei verdiente, störte ihn nicht. Generell machte er einen weltoffenen Eindruck, der zu dieser Aussage passte. Den Hausmann zu geben, war aber auch nicht sein Ding, daher arbeitete er weiter als Aushilfsfahrer.
    „Als ich die Anzeige für einen fest angestellten Springer gesehen habe, dachte ich, dass das eine gute Möglichkeit ist, einen dauerhaften Job zu bekommen, aber ansonsten keine Änderungen zu haben und weiter viel bei meiner Familie zu sein.“ „Es kann aber sein, dass es mal keine Arbeit gibt und damit auch kein Geld. Oder dass mal morgens das Telefon klingelt, dass Du unbedingt kommen musst.“ Die Stelle sollte tageweise bezahlt werden und war mit „garantiert 35 Arbeitswochen, bedarfsweise bis zu Vollzeit“ ausgeschrieben. Mir war klar, dass das schwer zu besetzen war und von den Kandidaten, die ich eingeladen hatte, war er auch der einzige, der sich auf diese Stelle beworben hatte. „Das ist mir schon klar. Aber realistisch bin ich derzeit auch bei nicht mehr Wochen. 3 Monate arbeitslos kommen immer mindestens am Jahresende zusammen. Und hier würde der ganze Aufwand entfallen, eine neue Stelle zu suchen. Ich kann mich um meine Kinder kümmern, bis ich das nächste Mal eingeplant bin oder kurzfristig gebraucht werde.“
    „Ausland fahren kannst Du laut Deinen Unterlagen nicht?“ Sprachlich gab es keinen Unterschied im Englischen und vom Umgang waren wir schon eher bei einem deutschen Du angekommen. „Ohne Vorlaufzeit kann ich nur hier und in der Republik Irland arbeiten, so lange es die Common Travel Area gibt. Für mehr gilt meine Aufenthaltsgenehmigung nicht. Für Schengen muss ich entsprechend lange vorher ein Visum beantragen, habe ich aber zumindest als Tourist immer ohne Probleme bekommen.“ Die Common Travel Area sollte nach den Plänen beider Länder auch bei einem Brexit bestehen bleiben.

    Mike Draper war der nächste Kandidat. Er entpuppte sich als Mittvierziger und kam mir unsympathisch rüber. Er hatte lange in der Army gedient und auf dem harten Weg von den Soldatenrängen ohne Akademie und nur durch Dienstzeitbeförderung bis zum Sergeant. Während das Gespräch inhaltlich ganz normal und eigentlich positiv verlief, gefiel mir der soldatische Tonfall nicht. Merwyn, der ja ebenfalls einen Hintergrund in den Streitkräften hatte, konnte zwar in seiner direkten Art und manchmal unüberhörbaren Bestimmtheit auch nicht immer verbergen, wo er her kam. Aber bei ihm war das eher latent und nicht dominant im Verhalten.

    Also blieb als einzige Hoffnung für den Nahverkehr Andrew Grant. Der gehörte mal wieder zu den Überraschungspaketen der anonymisierten Bewerbungen, denn er war von der Abstammung afrikanisch und schien auch seitdem kein europäisches Blut abbekommen zu haben. Aufklärung würde auch hier der nach meiner Unternehmensvorstellung zweite Teil bringen, wenn er von sich erzählte.
    Seine Großeltern stammten aus Nigeria und kamen in den späten 60ern durch den Commonwealth Immigration Act nach London. Seine Eltern und auch er wuchsen in Hackney, East London auf. Mit 21 zog er nach Liverpool um und wurde LKW-Fahrer. Jetzt war er 28 und stand vor den Scherben einer kinderlosen Ehe, die an einer Affäre seiner Frau während der beruflich bedingten Abwesenheit zerbrochen war. Das nahm er zum Anlass, die Großstadt zu verlassen und auf dem Land neu anzufangen, wo es natürlich weniger Arbeitsplätze gab.

    Nach den Gesprächen beschloss ich, Andy Grant als Nahverkehrsfahrer einzustellen. Eventuell könnte der Nahverkehr ja dann auch zwischen Luke, Andy und zumindest bis zur Abschlussprüfung im Sommer noch Davey rotieren. Der größte Haken war, dass Andy nicht sofort zur Verfügung stand, da er noch angestellt war und dann umziehen musste. Er würde erst Mitte November anfangen können.
    Und auch Reza, den ich als Springer haben wollte, hatte während der bevorstehenden Ferien natürlich schon eine Stelle zugesagt und konnte erst danach anfangen. Dann könnte er aber wenigstens bis Andy anfing, schon mal Nahverkehr fahren. Einen LKW dazu würde ich bis zum Brexit und der Gewissheit über die Größe der Flotte erst mal mieten. Auch die Verträge waren erst mal bis Ende April ausgelegt. 4 Wochen nach dem Stichtag konnte man die Laufrichtung des Hasen vielleicht schon abschätzen.


    Vierte Oktoberwoche 2018

    In dieser Woche lief soweit alles in der normalen Routine. Die Verträge von Reza und Andy kamen unterschrieben zurück und ich mietete bei British Rental and Leasing einen Alptraum aus Södertälje, weil das das beste Angebot war. New Scania R410, leasingweiß mit einem Union Jack Aufkleber als Markenzeichen des Vermieters, dazu ausstattungsfrei und plastikhaltig.




    Außergewöhnlich war der Termin, den wir am Donnerstag hatten, denn es ging zum Gericht nach Mold. Wir warteten auf dem Gang und wurden schließlich aufgerufen. Ein Bisschen aufgeregt waren wir alle drei. Der Richter hielt sich nicht lange auf:
    „In der Antragssache Adoption von Chadwick Justin, geboren Stafford, durch Eric Simon und Lucas Jacob Kaiser-Leighton ergeht folgendes Urteil: Die Adoption ist bewilligt. Die Geburtsurkunde von Chadwick Justin Stafford wird behördlich einbehalten und vernichtet. Eine Adoptionsurkunde für Chadwick Justin Kaiser-Leighton kann in der Schreibstube ausgestellt werden.“
    Bumm, der Hammer schlug auf den Korkuntersetzer. So unromantisch wurde man also eine Familie. Wir ließen uns für stolze £ 11,00 die Adoptionsurkunde ausstellen, schon alleine, um damit gleich weiter nach Liverpool zum deutschen Konsulat fahren und den deutschen Pass beantragen zu können. Auch einen geänderten britischen Pass brauchte er, den bekamen wir aber bei der Stadtverwaltung in Holywell. Und am Abend gingen wir zur Feier des Tages Essen.

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Comments 12

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    infinity -

    Schönes Kapitel und bei dem Part mit Chads erster Motorradtour musste ich schmunzeln. Ich fahre selbst eine Suzuki SV650 und meine Frau ist vor kurzem das erste Mal als Sozia bei mir mitgefahren - ihr Allerwertester hat es besser überlebt :D

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      TurboStar -

      Nix gewöhnt, die Stadtkinder :D Allerdings sollte man nicht vergessen, dass zwar beides Sporttourer sind, aber bei der SV-Serie die Betonung eher auf "Tourer" liegt, während die GSX-F nicht umsonst ihre ersten drei Buchstaben mit den GSX-R Supersportlern teilt ;)

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    loddi51 -

    Klasse geschriebenes Kapitel.

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    Silaka -

    Ich steck da noch nicht ganz drinn im Thema (Brexit, Englisches Arbeitsrecht, Work und Travel Areas usw.), bin aber auf jeden Fall gehyped! Macht auf jeden Bock auf mehr! Sehr cool, ich freu mich über das Kapitel!

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      TurboStar -

      Danke schön. Ich nutze viel britisches Webradio und anstatt Tagesthemen läuft bei mir BBC News at 10 (kriegt man im Rheinland über eine leicht modifizierte Satschüssel mit zwei Empfängern). Da bin ich wenigstens was die allgemeinen Dinge angeht auf dem Laufenden. Insbesondere mit dem Arbeitsrecht oder in den letzten Kapiteln dem Adoptionsrecht muss ich mich auch befassen. Im Gegensatz zu anderen Auswanderungszielen unserer virtuellen Helden gibt es aber auf gov.uk alle nötigen Infos gut aufbereitet und einfach zugänglich.

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    manni_112 -

    Schön zu lesen, Euer Sohn scheint der wahre Glücksgriff zu sein :) vorallem, was den Musikgeschmack betrifft :)

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      TurboStar -

      Danke. Den üblichen Kram mit keine Lust auf Zimmer aufräumen und so gibt es halt. Aber da ist der Apfel genau neben den richtigen Stamm gekullert :D

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      manni_112 -

      tja, alles andere wäre auch zuviel des guten :) wusste garnicht, das du auch musikalisch bist :D

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      TurboStar -

      Wie meinst Du das denn? Also zumindest was den Musikgeschmack angeht, kannst Du da weit zurück lesen. Erste urkundliche Erwähnung von Nightwish in Kapitel 39, zugegeben ist es erst ein Jahr her, dass ich erwähnt habe, dass Ricky Gitarre spielt - was ihn insofern von mir unterscheidet, dass ich das so lange nicht mehr gemacht habe, dass ich meine Kenntnisse in einer Menge WD40 baden müsste, um den Rost runter zu kriegen.

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    Viking1971 -

    Na wer sagts denn. Und der Brexit lässt ja weiter auf sich warten. Zumindest dieses Trauerspiel bleibt dir nicht erspart. ;)

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      TurboStar -

      Ja, das ist in der Tat ein Trauerspiel. Wird einige Verlängerungen der Vertragsfristen geben müssen.