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Kapitel 171 - Geisterfahrer, Brexit-Sorgen und Teufelsgeiger

  • Freitag, 31.08.2018

    Nach der musikalischen Verlobung von Timo und Iestyn war die Session natürlich beendet. Wir beschlossen spontan, ins Wok-1 zu gehen. Ein Chinese und eins der beiden Restaurants in Shotton, in dem man vernünftig sitzen und vernünftig essen konnte. Es gab noch zwei Inder. Einer vergleichbar zum Chinesen, der andere mit besseren Stühlen, aber dafür leider umso schlechterem Essen. Der Rest waren Imbissbuden oder Bringdienste mit eher provisorischer Sitzgelegenheit.
    Iestyn und Timo luden uns zu All You Can Eat ein, Getränke jeder selbst. Der Kellner stellte eine Frage, die wir uns selbst noch nicht beantwortet hatten. „Wie groß ist denn der junge Mann?“ „Warum?“ „Unter 4‘5“ kostet es für ihn £ 7.25 und zwischen 4‘5“ und 5‘2“ £ 9.95.“ „Keine Ahnung.“ „Dann einmal hier an die Wand mit der Skala bitte.“ „4‘5½“ Dann wären das für die Gruppe £ 75.65.“ „Danke Chad! Die 12 Millimeter hättest Du den Kopf auch einziehen können!“
    „Ach, Timo. Nachdem ich aus eigener Erfahrung beurteilen kann, was an Kosten grob auf Euch zukommt, würde ich mal sagen, dass es dann auf £ 2.70 für ein Verlobungsessen auch nicht mehr ankommt. Das erste, was man während der Hochzeitsvorbereitungen bekommt, ist ein entspanntes Verhältnis zu großen Zahlen.“ „Auf Dich kommen auch gleich Kosten zu, wenn Du ja sagst, Herr Trauzeuge.“ „Na logisch sage ich ja.“ Ich hatte eigentlich auch nichts anderes erwartet.
    Nach dem Essen machten wir uns alle auf den Heimweg. Lewis war kürzlich 17 geworden und war nun mit einem 4 Jahre alten Nissan Pulsar unterwegs, den er von seiner Mutter bekommen hatte, als die nach einem Bandscheibenvorfall auf einen Renault Captur mit höherer Sitzposition umsteigen musste. Bevor er Auto fahren konnte, war es immer schwierig, wenn wir etwas länger machen wollten, weil er entweder einen Zug kriegen musste oder seine Eltern ihn holen mussten, zumindest in Glan-y-don, dem Wohnort von Ben und immer noch 8 Meilen von seinem Elternhaus in Prestatyn.


    Samstag, 01.09. und Sonntag, 02.09.2018

    Am Samstag standen die letzten Schulsachen auf der Einkaufsliste, außerdem gab es weitere Dinge zur Renovierung. Chads Zimmer war weiß gestrichen und dann holte Luke seinen berühmten Karton mit Dosen hervor. Unter Chads erstaunten Blicken entstand an der Wand ein Bild, das unverkennbar ihn auf dem Skateboard durch die Mauer springend zeigte – original mit fliegenden Ziegelsteinen und ungefährer Darstellung dessen, was man durch das Loch draußen sehen würde. Drunter stand in typischer Graffitischrift „Skater Power“.
    „Bring ihn nicht auf dumme Gedanken!“ „Wenn er Airbrush und Graffiti lernen will, gerne. Vor allem von mir. Denn dann würde ich illegale Dummheiten von ihm schneller erkennen, als die Farbe trocken ist!“
    Zum Glück galt ein Grade II Listing nur für die „wesentliche Außenansicht.“ Innen konnten wir machen, was wir wollten, außen durften wir nur Details so ändern, dass der Stil des Gebäudes trotzdem erhalten blieb. Die Vorbesitzer hatten bei der Restaurierung nicht nur die vorher naturbelassene Außenfassade geweißt, sondern auch die große, drehbare Dachkuppel durch das kleinere, feststehende Dach und den Holzbalkon ersetzt. Das war bei Grade II alles erlaubt, weil die Anmutung einer historischen Mühle erhalten blieb. Panoramafenster oder Metallbalkone wären zum Beispiel verboten – abgesehen davon, dass das nicht nur baurechtlich sondern auch ästhetisch mit Höchststrafe zu belegen wäre.

    Und auch der Sonntag war uns nicht heilig, denn je früher wir umziehen konnten, umso besser war das am Ende für unseren Alltag. Der von Chad würde morgen ein paar hundert Yards von hier losgehen.
    Im Baustellenradio hörten wir aber erst mal das erste Familienderby. Unsere Fußballsaison hatte schon am vergangenen Dienstag damit begonnen, dass in der zweiten Runde des League Cups Everton genauso souverän gegen Rotherham 3:1 gewonnen hatte, wie Cardiff eher unsouverän 1:3 gegen Norwich rausgeflogen war. Arsenal stieg erst in die dritte Runde ein, insofern hatte Chad pokalseitig noch nichts zu befürchten.
    Am Ende verlor Cardiff City das Ligaspiel 2:3 gegen Arsenal. Dass unser Junior uns bei diesem Thema die meisten langen Nasen drehen würde, war uns aber schon vorher klar gewesen.


    Montag, 03.09.2018

    Am Montag begann dann seine „Arbeit“. Anstatt ihn für schlanke £ 6 am Tag nach der Schulzeit betreuen zu lassen, bekam er einen Schlüssel für die Mühle und konnte schon mal Hausaufgaben machen, bis der erste von uns dann 45 Minuten später oder so rüber kam. Das war heute Luke, der schon vor 5 aufgestanden war und seine Tour nach Hull begonnen hatte.
    Ich war gegen halb 7 aus dem Bett gekrochen, hatte mich fertig gemacht und dann Chad ins Bad geschickt. Nun frühstückten wir im Trainingsanzug. Kleiner Trick, um nicht schon wegen einer Unachtsamkeit am Frühstückstisch die Arbeitskleidung wechseln zu müssen.
    Nach dem Frühstück ging es in die Uniformen. Bei mir war das eine beige Jeans und ein blaues Polohemd mit Firmenlogo. Bei Chad gab es dank sommerlicher Temperaturen lila Shorts, ein weißes Polohemd, und lila Socken in schwarzen Schuhen.
    Insgesamt war es schon eine ziemlich dicke Rechnung gewesen, bis die Schuluniformen für jedes Wetter, den Sport- und Schwimmunterricht – ja, sogar eine lila Badehose mit Schulwappen gehörte jetzt zum Inventar von Chads Kleiderschrank – zusammen war. Und die Sachen würden wohl nicht bis zum Schulwechsel halten, da würde er in den zwei Schuljahren noch mindestens einmal, eher zweimal raus wachsen. Hoffentlich waren wir bis dahin ein Bisschen in Holywell vernetzt und konnten eine gebrauchte Uniform bekommen. Meistens wurden die ja nur 8-10 Monate getragen und es war nichts dran, wenn sie nicht mehr passten. Sie waren aber eben auch begehrt und deshalb schwer zu bekommen, wenn man nicht gerade Verbindungen ausnutzen konnte.
    Ich fuhr Chad im BMW 20 Minuten nach Holywell und setzte ihn an der Schule ab. „Ysgol Maes y Felin“ hieß auf Englisch „Mill Field School“, also „Mühlenfeld-Schule“. Das führte zu der kuriosen Situation, dass Chad sein künftiges Zuhause im Wappen auf der Schuluniform hatte, denn dort war die Mühle abgebildet, allerdings im Urzustand mit grauen Mauern, großem Dach und Flügeln.

    Danach fuhr ich ins Büro, wo mich unser Lagerhilfsarbeiter Rafal überraschte. Eingeplant war er nämlich heute nicht, auch wenn noch Semesterferien waren. Aber die Trucks waren alle vorgeladen, vor morgen kam auch kaum was Neues rein. „Kann ich kurz mit Dir sprechen, Ricky?“ Ich bat ihn in mein Büro, wegen Lewis Ausbildung saß ich ja normalerweise im Dispobüro.
    „Wie kann ich Dir helfen?“ „Ich hätte mich bis vorgestern wieder an der Universität einschreiben müssen. Aus Hoffnungslosigkeit habe ich das aber spontan sein lassen. Mit meinen Noten werde ich nur einen befriedigenden Bachelorabschluss machen und die Professoren haben in der Klausurbesprechung schon gemeint, dass der Master eher eine halbe Note schlechter wird. Mit solchen Abschlüssen brauche ich mich dann aber erst gar nicht zu bewerben. Was ich kann, ist Lagerlogistik, nachdem ich hier in den vergangenen 2 Jahren gearbeitet habe. Ich würde gerne Vollzeit anfangen.“ „Das muss ich natürlich auch mit Gary besprechen. Er ist immerhin Lagerleiter.“
    Also rief ich als nächstes Gary zu mir und besprach die Lage kurz mit ihm. Er sah zwar nicht die Möglichkeit, Rafal eine Vollzeitstelle zu geben, aber schon jetzt um die 30 Stunden in der Woche beschäftigt zu halten. Und der Antrag für das Kühllager war immer noch schwebend unwirksam, aber nicht abgelehnt. Ich machte mir eine entsprechende Notiz auf der To-Do-Liste. Wir boten also Rafal eine Stelle im Stundenlohn an, die es ihm ermöglichte, ein einigermaßen brauchbares Einkommen zu erzielen und andererseits uns zu nichts verpflichtete, was wir ihm nicht auch an Beschäftigung geben konnten. Er sagte zu.

    Nachmittags kam Luke früh rein, stellte den Truck ab und fuhr nach Holywell. Er dürfte sogar vor Chad zu Hause sein. Ich folgte dann nach anderthalb Stunden, als ich im Büro fertig war.

    Und abends folgte dann die erste Unterschrift als Eltern. Chad hatte sich natürlich nicht vor den Ferien für die Fremdsprache einwählen können, weil zu dem Zeitpunkt noch niemand wusste, dass er nach den Sommerferien hier die Schule besuchen würde. „Ich würde ja gerne Deutsch nehmen.“ „Schon klar. Die gute Note ist Dir sicher. Aber nix da. Das lernst Du zu Hause auch so. Sieh die Schule als Möglichkeit, mehr zu lernen als in der Familie und nicht die Familie als Möglichkeit, in der Schule gut zu sein. Französisch oder Spanisch?“ „Dann Spanisch.“ „Kriegt Timo irgendwann einen Gesprächspartner.“ „Warum?“ „Weil der in Lateinamerika aufgewachsen ist. Durchs Geburtsrecht hat er sogar einen mexikanischen Pass. Der spricht Spanisch wie eine Muttersprache. Das kann für Dich zum Üben dann auch mal gut sein.“


    Dienstag, 04.09.2018 bis Sonntag, 16.09.2018

    Am Donnerstag hatte ich dann meinen Termin bei Ian White, dem Bauamtsleiter von Deeside. Das positive hier in Großbritannien war, dass man mit seinen Sorgen und Nöten noch so ernst genommen wurde, dass man bei den Lokalpolitikern vorgelassen wurde.
    Seine Erklärung konnte ich leider nicht prüfen: „Der Gewerbepark wurde mit EU-Mitteln finanziert, also müssen wir uns auch an die Vorgaben der EU halten. Und die schreiben einen ausgewogenen Branchenmix vor. Da würde Ihr gekühltes Lager leider die Balance noch weiter in die Lebensmittelindustrie schieben.“ „Und was soll ich nun machen? Auf einen harten Brexit hoffen? Dann brauchen wir wahrscheinlich rein wirtschaftlich kein Lager mehr zu bauen, haben aber die Erlaubnis, es zu bauen?“
    „So kann man es auch sagen, ja. Aber wenigstens würde die Regel beim harten Brexit sofort entfallen und wir könnten Ihr Lager so oder so genehmigen. Ich sehe ja die positive Entwicklung Ihres Unternehmens seit der Übernahme von Duncan. Ich hätte damit keine Probleme.“ „Das hilft mir nur leider nicht weiter. Und meinen Angestellten auch nicht.“
    „Ein Bisschen Hoffnung kann ich Ihnen aber machen. Auch in Ihrem ursprünglichen Heimatland gibt es von der EU geförderte Wirtschaftsparks und bei meinen Nachforschungen zu Ihrem Antrag bin ich auf die Stadt Bremerhaven gestoßen, die in einer vergleichbaren Angelegenheit einen Präzedenzfall zu Ihren Gunsten geschaffen hat. Vielleicht bekommen wir so noch vor dem Brexit eine Lösung hin. Verspechen kann ich aber nichts.“
    Immerhin, das Gespräch war fruchtbarer gewesen als die vorherigen und ich hatte mehr bekommen und vor allem mehr über den Status und seine Sicht der Dinge und auf unser Unternehmen erfahren, als ich erwartet hatte. Die Drohung, Deeside zu verlassen, kochte ich daher nicht weiter auf. Eigentlich wollte ich auch hier bleiben, denn die Lage war gut in dem Gewerbepark, direkt an der Schnellstraße und in Schlagweite zu Liverpool, Birkenhead, Ellesmere Port, Chester und Wrexham, Manchester, Shrewsbury und Stoke-on-Trent immer noch in annehmbarer Entfernung.

    Und so gingen zwei Wochen rum, bis wir am 15.09. so weit waren, dass wir umziehen konnten. Umzugswagen wurde Lukes FH16 mit einem der Fruehauf-Trailer, weil der Volvo dank Backlift den kürzesten Radstand fürs knappe Rangieren in Wohngebieten hatte und eine Hubbühne am Trailer beim Umzug nie verkehrt war. Iestyn und Timo halfen beim Möbel tragen.
    Und nachdem Timo schon einige Umzüge und Umbauten während unserer Zeit in Bochum mitgemacht hatte, kannte er die Tradition. Ursprünglich stammte das von meiner Mutter, die das schon immer so gehalten hatte und ich hatte es seit meinem Auszug aus dem Elternhaus übernommen. Bei Renovierungen oder Umzügen gab es grundsätzlich Lauch-Hackfleisch-Käse-Suppe. Die konnte man morgens einfach vorbereiten, indem man Hackfleisch anbriet, den Lauch dazu gab und dünstete und dann alles mit kalter Brühe ablöschte und quasi abschreckte. Dann noch Sahne und gewürfelten Schmelzkäse einrühren, kalt stellen und einfach vor der Mittagspause auf den Herd damit und aufkochen. Der Käse konnte dann schmelzen und ein sättigendes Essen für die ganze Armee Umzugshelfer war schnell fertig.

    Natürlich machten wir auch eine Runde durch das Haus und als Timo und Iestyn die nachgerüstete Sauna sahen, waren sie einerseits begeistert, andererseits enttäuscht: „Schon toll so was, nur bei uns passt die nirgends hin.“ „Wir können uns ja hier bei uns zu Saunaabenden verabreden. Man ist sowieso immer 15 Minuten drin und 15 Minuten draußen. Können in den Pausen ja die anderen rein. Und Ihr wohnt ja im wahrsten Sinne des Wortes um drei Ecken.“ Es waren knapp über 1000 Yards oder in kontinentalen Einheiten 900 Meter zu ihnen und dabei musste man zu Fuß oder mit dem Fahrrad wirklich nur 3-mal abbiegen.


    Montag, 17.09. bis Sonntag, 23.09.2018

    Ab Montag wurde es nun einfacher, unsere Morgenroutine abzuhandeln. Es entfielen die 20 Minuten Fahrt von Shotton zur Schule nach Holywell, um sie dann wieder ins Büro zurück zu fahren. Ich hatte wieder morgens „Kinderdienst“, Luke dürfte schon im Großraum Leeds-Bradford unterwegs sein. Inzwischen hatte er raus gefunden, dass er am besten seine Frühdienste so legte, dass er spätestens 5:30 in Deeside abfuhr. Dann war er vor dem Berufsverkehr an Leeds vorbei und nachmittags sogar vor Chad wieder zu Hause. Spät ging er zusammen mit Chad aus dem Haus und fuhr um 9:00 in Deeside ab, kam dann aber auch erst gegen 18:00 wieder nach Hause.
    Also bereitete ich für uns Porridge zu, das klassisch britische Frühstück, das hier den Stellenwert von Müsli in Deutschland hatte. Auch ich verließ das Haus zusammen mit Chad und war dann gegen 8:45 im Büro. Das würde mir gegen 17:15 Feierabend bescheren und dann war ich zwischen 17:30 und 17:40 wieder zu Hause.
    Derjenige, der nachmittags früh mit der Arbeit aufhörte, machte dann das Abendessen. Chad nahm nicht am Kantinenprogramm der Schule teil sondern nahm sich für die Pause Obst und ein Sandwich mit. Das gemeinsame Abendessen zu dritt war nämlich schnell unser Familienritual geworden - der Zeitpunkt, wo wir alle drei zusammen sitzen konnten und unsere Neuigkeiten austauschen konnten, Pläne für die nächsten Tage schmieden und mal Spaß haben. Manchmal beschlossen wir spontan, auch einfach sitzen zu bleiben, das Kartenspiel zu holen und eine Runde Canasta zu spielen. So hatten wir es in meiner Familie früher auch oft gemacht.

    Im Laufe der Woche kam dann auch jemand vom Children and Family Court Advisory and Support Service. Das war nicht der erste Besuch vom hiesigen Jugendamt, aber weil wir jetzt in unserem endgültigen Eigenheim wohnten, der mit dem größten Interesse am Alltag. Die beiden Sozialarbeiter sahen sich unser Anwesen an, sprachen mit uns allen als Familie und mit jedem von uns einzeln.
    Uns keine Rückmeldung zu geben, war Teil der Angelegenheit. In Deutschland fiel das wahrscheinlich unter „nicht kritisiert ist genug gelobt.“ Zumindest war das etwas, das wir an Informationen von Leuten finden konnten, die vor uns durch dieses Prozedere gegangen waren.
    Wir waren jedenfalls glücklich mit Chad und er scheinbar auch mit uns. Nach allem, was wir allgemein bei den Vorbereitungsgesprächen und speziell bei seinem Vorleben hätten befürchten können, war er ein lieber Junge und ein Glücksgriff. Dass das nicht immer so sein würde und wir auch mit ihm mal Ärger bekommen konnten, war uns klar. Aber zu zwei der Elternpaare aus dem Vorbereitungskurs hatten wir noch Kontakt. Und bei dem einen war das Zusammenleben mit dem Mädchen, das sie aufgenommen hatten, eher als „durchwachsen“ zu bezeichnen. Die anderen wollten ihren Jungen wieder zurückgeben und hinterfragten generell, ob sie einen zweiten Versuch mit einem fremden Kind wagen sollten.

    Am Freitag wurde die Routine für eine Kurzreise durchbrochen. Luke fuhr nach seiner Hull-Runde nach Holywell und holte Chad mit dem BMW direkt von der Schule ab. Dann kamen sie zur Firma zurück und ich stieg auch ein. Wir mussten einen Flug in Manchester kriegen, denn am Samstag hatte meine Mutter Geburtstag und einer ihrer Wünsche war natürlich, nach 7 Wochen endlich ihren Enkelsohn in Spe kennen zu lernen.

    Am Flughafen dann kam eine Nachricht aus Bochum. Es war ein Foto von Marlon, auf dem er sich zu Judith ins Krankenhausbett beugte und vor ihnen lag ein Baby: „Wir sind zu dritt. Am 21.09.2018 um 17:35 Uhr erblickte Torben-Julien Franke das Licht der Welt.“ Sie führten also die Tradition mit einem deutschen und einem französischen Vornamen fort und bei dem zweiten Vornamen schien Julian die Ehre der Patenschaft zuteil zu werden.
    Und weil wir bisher zwar mal erwähnt hatten, dass wir Chad als Pflegekind mit Adoptionsabsicht aufgenommen hatten, aber vor lauter Baustellentrubel noch nie ein Foto an unsere Freunde in Deutschland geschickt hatten, machten wir auch gleich ein Selfie von uns. „Von uns drei alles Gute den frischgebackenen Eltern. Luke, Chad und Ricky!“

    In Düsseldorf übernahmen wir unseren Mietwagen, einen Volvo V40, und fuhren nach Marsberg. Wir hätten uns natürlich auch in einer Pension einquartiert, aber meine Mutter bestand darauf, dass wir weiter bei ihnen übernachteten. Luke und ich hatten wie immer das Gästezimmer, für Chad fand sich als Schlafstätte das Klappsofa in ihrem Näh- und Handarbeitszimmer.
    Und das nahm er um 23 Uhr, auf der inneren Uhr auch schon 22 Uhr, schnell in Anspruch. Das richtige Kennenlernen folgte also am Samstag beim Frühstück. Meine Mutter sprach nicht viel Englisch, mein Vater so gut wie gar keins. Chad konnte bisher auch kaum Deutsch, so dass Luke und ich vor allem als Übersetzer gefragt waren.

    Am frühen Nachmittag kam dann meine Schwester mit Mann und Kindern. Lena und Chad mit 10 Jahren waren in dem Alter, in dem das andere Geschlecht grundsätzlich doof war. David war zwar 2 Jahre jünger als Chad, aber die beiden waren bald mit Matchboxautos auf dem Straßenteppich beschäftigt. Verkehrsregeln wurden ohne gemeinsame Sprache mit Händen und Füßen ausdiskutiert. Allerdings musste Chad manchmal von David mit einem empörten „Andere Seite!“ und nachdrücklichem Zeigen auf die entsprechende Fahrbahn auf die kontinentalen Gewohnheiten bezüglich Rechtsverkehr hingewiesen werden.
    Und das ließ beide auch nicht los, als zur Kaffeetafel gerufen wurde: „Na, habt Ihr schön gespielt?“ wollte meine Schwester wissen. „Ja. Aber Chad will immer auf der falschen Seite fahren.“ Mein Schwager musste nach allgemeinem Gelächter erklären: „Das kennt der nicht anders. Da drüben fahren sie links. Du kannst Dich wahrscheinlich nicht mehr dran erinnern. Als wir vor 2 Jahren auf Rickys und Lukes Hochzeit waren, da mussten wir vom Schiff zu ihnen auch links fahren.“ „Warum machen die das denn?“ „Das weiß man nicht so genau. Das war schon immer so. Es gibt aber viele Länder auf der Welt, wo wie bei ihnen links gefahren wird und noch mehr, wo wie bei uns rechts gefahren wird. Muss man akzeptieren. Aber hier sollte er natürlich rechts fahren. Wenn wir sie mal besuchen und Ihr spielt da mit Autos, musst Du aber dann auch links fahren!“
    Auch Chad hatte so seine Probleme damit: „How do you manage to switch roadside immediately? I didn’t want to upset David but automatically started driving on the wrong side so often.” “A rental car with the wheel on the correct side for the country makes things easier. But we are just used to changing. No matter of driving left or right in a car or lorry with the wheel on either side. If you travel internationally as often as we do, you just do it correctly without thinking.”

    Am Sonntag nach einem ausgiebigen Brunch fuhren wir nach Düsseldorf zurück und flogen nachmittags nach Manchester. Gegen 20 Uhr waren wir wieder zu Hause. Im Auto erfuhren wir, dass fußballerisch auch heute Chad der Gewinner war. Arsenal gewann zu Hause gegen Everton 4:2.


    Montag, 24.09.2018 bis Freitag 28.09.2018

    Am Montag vor Abfahrt hatte ich erst einmal zur Betriebsversammlung eingeladen. Es gab ein paar Dinge zu regeln. Die letzte halbe Stunde vor der Schule musste Chad deshalb alleine klar kommen, weil Luke mit nach Deeside musste.
    „Hallo Leute! Es gibt eine Neuigkeit. Und zwar wird die Firma Wyatt & Stack sich in einem Monat auflösen. Ich will nicht in die unschönen Details einsteigen, auch eine Unternehmenstrennung ist Scheidungskrieg. Für uns heißt das, dass wir mit Kevin Stack weiter arbeiten werden, aber der vorrangig die East Midlands und angrenzende Gebiete bedient. Die Kooperation mit Richard Wyatt wird enden. Für sozusagen die West-West-Midlands und östliches Wales müssen wir jetzt selber sorgen. Kurzfristig wird das bedeuten, dass Davey schwerpunktmäßig Verteilerverkehr fährt, sich allenfalls mit Luke im Hull-Pendel abwechseln wird. Ihr werdet mehr Ladestellen in diesem Gebiet direkt bedienen. Dann werden wir entweder eine neue Partnerfirma auftun oder uns einen zusätzlichen Fahrer suchen, um es selbst abzudecken.
    Das bringt uns allerdings zu einem weiteren Problem, dem Brexit. Wir haben immer noch keinen klaren Kurs aus Westminster, wie die zukünftige Zusammenarbeit mit der EU aussehen soll. Daher habe ich Bauchschmerzen, einen zusätzlichen LKW zu kaufen und einen weiteren Fahrer fest anzustellen. Wenn sie einen harten Brexit hinbekommen, sei es nun taktisch oder aus Versehen, weil sie bis zum 29.03. nichts auf die Beine gestellt bekommen, dann hätte ich gerne so wenige Verpflichtungen wie möglich. Ich hoffe schon, dass wir dann alle weiterhin Arbeit haben, so wie wir hier stehen. Viele unserer Transporte hier sind direkt oder indirekt für die hier ansässigen Airbus, Toyota und andere Unternehmen, die schon jetzt drüber nachdenken, auf den Kontinent zu wechseln, sollte es keinen Freihandel mit der EU geben.
    Der erste Leidtragende ist Merwyn, denn Du wirst Deinen DAF weiter fahren müssen, auch wenn er turnusmäßig zum Austausch dran wäre.“ „Vielen Dank auch! Das freut Dich jetzt? Wäre heute Referendum würde ich Remain wählen!“ Dass er Leave gewählt hatte, wusste man inzwischen. Und dass ich natürlich als Besitzer eines auf Außenhandel mit der EU angewiesenen Unternehmens mit dem Brexit damals und in der Hauptsache auch noch heute nicht so glücklich war, ebenfalls. „Was Du damals gewählt hast, interessiert mich nicht die Bohne, auch wenn es sich herumgesprochen hat. In einer Demokratie war und ist das Dein gutes Recht und wenn ich wählen dürfte, dann würde ich bei dem morgigen Referendum, das Du Dir vorstellst, wahrscheinlich Leave wählen und übermorgen mit dem Bau der Kühlhalle anfangen können, die derzeit an Eingriffen der EU in den freien Wettbewerb scheitert, weil sie die Region gefördert hat und nun der Stadt die Regeln diktiert, wer hier wieviel von welchem Gewerbe treiben darf! Dass es nun Dich erwischt ist Zufall und ich verspreche Dir, dass Du den nicht bis zu dem Meilenstand haben wirst, wie es Davey, Timo und Alex mussten. Aber stell Dich mal drauf ein, dass es Frühjahr 2019 werden kann, sofern das Parlament vorher nichts gebacken kriegt. Fragen? Anregungen? Kritik von Eurer Seite? Irgendwelche Probleme, von denen ich bisher nichts weiß?“

    Ben meldete sich zu Wort: „Auch wenn ich Dir jetzt gefühlt ein Bisschen in den Rücken falle, ein zusätzlicher Truck wäre dennoch nicht verkehrt. Dann müsste ich nicht immer Rücksicht auf freie Tage nehmen und wenn es nur einer ist wäre ich nicht so unter Zeitdruck. So muss immer Lukes schon fast historischer Volvo FH in den Ersatzdienst.“ Der sprang auch gleich in die Bresche: „Ich bin da mit Ricky auf einer Linie. Lass uns erst mal abwarten wie der Brexit wird und welche Folgen er hat. So lange kann mein FH16 als Ersatzfahrzeug her halten, wenn Ricky nicht einen anderen Truck bis dahin kaufen will.“

    Weitere Fragen gab es nicht, also gingen Lewis und ich in die Dispo und wir händigten den Fahrern ihre Papiere aus. Merwyn ging grummelnd an die Arbeit. Alex, Shawn und Luke ließen sich ihre Unterlagen so aushändigen. Timo und Davey sprachen in der Ecke Deutsch.

    Als nur noch sie beide übrig waren, fragte Timo mich, ebenfalls auf Deutsch: „Was bedeutet das denn mit der Gefahr vom harten Brexit am Ende für uns beiden?“ „Tut mir leid, meine Glaskugel ist runter gefallen. Ich weiß es nicht. Für Davey Sicherheit bis zum Ende der Ausbildung. Die ist hier genauso geschützt wie in Deutschland. Wenn ich heute sagen könnte, wie die Lage im Mai nach der Abschlussprüfung ist, wäre ich froh. Ich hoffe, ich kann Dich übernehmen.
    Das gleiche gilt im Prinzip für Dich, Timo. So lange genug Arbeit da ist, muss hier niemand gehen, auch Du nicht. Und wenn es zu wenig Arbeit wird, muss ich einen Sozialplan aufstellen, der hier aber nicht so aussieht wie in Deutschland, weil das Deutsche Prinzip von Bonus auf Alter, Betriebszugehörigkeit und Familie nach britischem Recht eine Diskriminierung junger, unverheirateter und kinderloser Angestellter wäre.
    Aber das sind ungelegte Eier. Ich lasse niemanden einfach hängen von meinen Angestellten. Und Euch zwei schon gar nicht, dazu verdanke ich Euch einfach zu viel. Im besten Fall gibt es keinen Sozialplan und im schlimmsten muss ihn hier niemand fürchten, der es in Deutschland müsste. Eure Chancen hängen hier von anderen, rein beruflichen Faktoren wie Qualität der Arbeit ab.“ Ich hoffte wirklich, ich würde nie das „Employee Redundancy Program“ einleiten müssen.

    Dienstagabend bekam Chad den nächsten Grund zum Jubeln, Arsenal besiegte mit Brentford nicht eben eine Fußballmacht 3:1 in ihrem ersten Spiel des League Cups.

    Am Freitag legten wir nach der Arbeit mal wieder eine Band-Session ein, kurzerhand bei uns in die Mühle. Luke wollte das Schlagzeug nicht runter tragen, in den BMW packen und in der Firma wieder aufbauen. Timo und Iestyn wohnten sowieso in der gleichen Stadt, für Lewis lag es an einem der beiden möglichen Wege und für Ben waren es 4 oder 5 Meilen Umweg.

    Und Iestyn hielt Wort, brachte die E-Geige, ein Effektgerät und einen Verstärker mit. „Ich kann aber nur Pachelbels Kanon auswendig. Noch bevor er die Geige angesetzt hatte, fing Timo auf dem Bass an, den Cellopart zu zupfen. „Ach, kannst Du das auch?“ „Ich bin nicht als Bassist geboren sondern habe mal Cello gelernt. Und deshalb kenne ich auch die schlimmste Cellopartie der Musikgeschichte!“ „Wieso schlimmste?“ „Weil es ganze 8 Viertelnoten sind, die Du die ganze Zeit wiederholst. D-A-H-Fis-G-D-G-A!“ „Ach so…“ „Ja, 54-mal muss man das als Cellist spielen, während Ihr Euch mit Euren Geigen vergnügt! Ich habe es nachgezählt, weil ich nichts Besseres zu tun hatte! Und wenn Du nicht bald anfängst, knacke ich die 70!“
    Die sollte er locker knacken, denn nicht nur, dass Timo von Ben und Iestyn auf den Keyboards Gesellschaft mit dem Grundthema bekam. Auch Lewis und ich auf den Gitarren spielten die zweiten und dritten Einsätze der Geigenstimmen zum echten Kanon oder improvisierten Soli drüber. Und auch Chad kannte einige ziemlich schwierige Variationen des Themas, so dass wir uns am Ende über 8 Minuten mit Pachelbel und seinem Kanon in D beschäftigten. Chad hatte richtig Spaß damit und war überrascht, wie gut sich die Geige mit den Instrumenten einer Rockband mischte. Und weil sonst keiner von uns Geige spielen konnte, schien er auch ein Bisschen stolz auf sein in der Runde einzigartiges Talent zu sein.
    Ansonsten sang er natürlich wieder vor allem Nightwish und wünschte sich, dass wir das Album „Of Wars in Osyrhia“ von Fairyland ins Programm aufnahmen. Denn auch dort übernahm mit Elisa Martin eine Sängerin, die in seiner Stimmlage war. Iestyn wollte sehen, ob er Noten bestellen konnte. Außerdem ließ er Chad zum Üben Noten von Rhapsody, Avantasia und Dragonforce, die Geigenstimmen enthielten.
    „Wie lange darf ich die Geige denn behalten?“ „So lange, bis sich entweder der eigentliche Besitzer mal bei mir meldet und sie zurückhaben will. Die gehört einem Mitglied meiner Studenten-Boyband. Oder bis Du sie nicht mehr willst oder brauchst. Doch nicht so uncool?“ „Na ja. Verglichen zu Lewis Gitarre oder Timos Bass sieht sie schon langweilig aus.“ Die beiden waren mit einer Jackson Rhoads und einem Santander Metal aber auch sehr extravagant unterwegs. Meine billige Yamaha Pacifica war dagegen langweilig, da half auch die Sonderfarbe „Amber Burst“ nicht viel.

    Nach der Musik ließen wir uns Pizza liefern und verabschiedeten nach dem Essen unsere Freunde. Und wir hatten das Gefühl, unseren Jungen mal wieder zufrieden und glücklich ins Bett zu schicken.

    526 times read

Comments 24

  • User Avatar

    Sauerlaender -

    Wieder ein tolles Kapitel von dir. Macht Lust auf mehr.

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    MT-Gaming -

    Schön geschrieben und gut zu lesen , bin am überlegen auch sowas anzufangen , storys im hirn sind genug ^^

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      TurboStar -

      Danke. Neue Schreiber können wir immer gebrauchen. Leider sind uns viele der alten Hasen abhanden gekommen :(

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      MT-Gaming -

      ah okey , naja man kann es mal versuchen , was kann schon schiefgehen ^^

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      TurboStar -

      Nicht viel. Und Tipps gibt es auf Nachfrage vor und ungefragt nach Veröffentlichung :D

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    alaskabaer01 -

    Klasse Kapitel. Fotos, wo sind die Fotos??

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      TurboStar -

      Danke. Es ließen sich keine machen. Mein Haus ist zu eckig als Windmühlen-Double, auch wenn ich die Tage den Pinsel geschwungen habe. Beim Zeit aufholen kann das mal passieren.

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      alaskabaer01 -

      Kenne ich muss ja auch einige Monate hinterher rennen. Also größere Zeitsprünge muss ich nun irgendwie hin bekommen.

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    infinity -

    :) wieder einmal eine gelungene Feierabendlektüre....

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    schwedentrucker_09 -

    Gefällt! :)

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    Werner 1960 -

    Klasse geschriebene Kapitel.

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    loddi51 -

    Klasse geschriebenes Kapitel.

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    Viking1971 -

    Schöne Story. Jaa der Brexit nervt inzwischen gefühlt 99% der Branche. Und das Theater darum ist immer noch nicht zu Ende. :(

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      TurboStar -

      Danke. Ja, der Brexit nervt nicht nur diese Branche. Im Real Life arbeite ich in der Medizintechnik, aber für einen britischen Konzern. Auch nur bedingt unterhaltsam.

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      infinity -

      Der Brexit... für meine Londoner Niederlassung weiß ich da auch noch nicht wie sich das entwickelt. Im Real Life geht mir dieses Hickhack tierisch auf den Geist - zeitweise fühlt man sich da wie im Kindergarten und am Ende geht es wie immer ums Geld...

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      TurboStar -

      Hört man inzwischen überall. In den britischen Medien inzwischen unabhängig davon, wie Leute damals abgestimmt haben auch als häufigste Meinung "Hart oder weich oder gar nicht ist egal - aber bringt es endlich irgendwie zu Ende!"