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33. Vorführwagen, Unerwartete Testergebnisse und ein Wochenende am Meer

  • Sonntag, den 14. Januar 2018, 6:00 am, Eastern Standard Time, Atlanta, GA:

    Mein kurzes Wochenende und mein Reset waren am frühen Sonntagmorgen schon wieder zu Ende. In dem kleinen Hotel in Atlanta stand ich auf und ging unter die Dusche. Nachdem ich mich fertig gemacht hatte, packte ich mein Zeug zusammen und checkte aus. Dann ließ ich mich mit einem Taxi zum Zentrallager in Atlanta fahren. Keela hatte mir meine Ladung ja schon am Samstagabend durchgegeben.
    Am Zentrallager bezahlte ich mein Taxi und räumte die restlichen Sachen in den silbergrauen Cascadia, den ich für die Fahrt nach El Centro bekommen hatte. Meine Papiere bekam ich noch vom Lagermeister. Nun konnte ich zu Tor 11 fahren, wo ich den Reefer aufsatteln konnte.
    Für die Rückfahrt nach Kalifornien bekam ich nun einen Trailer von XPO Logistics. Immerhin besser, als einen von Swift. Dachte ich nur. Anschließend sattelte ich auf und erledigte die PTI. Es war dann viertel nach Sieben, als ich mich auf den Weg machen konnte.

    Nachdem ich am Freitagabend beim Umräumen schon den Platz in dem großen Sleeper bestaunt hatte, konnte ich jetzt die Maschine bewundern. Das dumpfe Grollen klang nach einem mächtigen V8. Ob es wirklich einer war, oder ob man nur einen entsprechenden Sound kreiert hatte, war mir letztlich egal. Dieser Motor war für meine Einsatzzwecke mehr als nur überdimensioniert. Es machte absolut keinen Sinn, eine so große Maschine zu kaufen, wenn man keine Schwertransporte fuhr. Für unsere Sammelgut- und Lebensmitteltransporte war schon die 540 PS Maschine überdimensioniert, die ging aber noch. Diese Maschine hier war absolut zu viel des Guten.

    Es ging durch Atlanta auf dem Weg zur Interstate 20. Auf diesem Highway sollte es nun erstmal einige Meilen nach Westen gehen. Etwa eine Stunde später ging es dann wieder über die Grenze nach Alabama. So war es jetzt wieder viertel nach Sieben, aber eben Central Standard Time.
    Nun ging es erstmal in Richtung Birmingham weiter. Dort angekommen, ging es aber diesmal nicht wieder in Richtung Memphis weiter. Ich blieb auf der I-20 und hielt mich in Richtung Tuscaloosa. Als ich die Stadt erreichte bekam ich Hunger. Ich fuhr also auf einen Truckstop, der hier an der I-20 lag und ging dort frühstücken. Anschließend telefonierte ich noch eine gute Stunde mit Keela. Wir mussten allerdings immer wieder unterbrechen, weil Keela eben auch Bereitschaft hatte und noch andere Fahrer mit Arbeit versorgen musste. Bei mir war es halb Eins und bei Keela halb Elf, als ich mich wieder auf den Weg machte.

    Es ging für den Rest des Tages weiter auf der I-20 in Richtung Westen. Nachdem ich 214 Meilen durch Alabama gefahren war, ging es nach Mississippi. Dort kam ich auch an der Stadt Jackson vorbei. Nach knapp 150 Meilen verließ ich aber auch diesen Staat wieder und erschloss für mich einen neuen Staat. Ich erreichte nämlich Louisiana. Auch diesen Staat passierte ich einfach nur. Bis zur nächsten Staatsgrenze brauchte ich nun wieder knapp 190 Meilen. Dann war Texas erreicht.
    Meine Fahrzeit neigte sich nun aber auch dem Ende zu. Es war aber auch schon sieben Uhr am Abend durch. Am Truckstop in Marshall, unweit der Grenze machte ich dann für diesen Sonntag Feierabend.
    Nach einer Dusche im Truckstop und einem anschließenden Abendessen machte ich es mir im Sleeper gemütlich. Dieser Sleeper war dann aber auch das Einzige, was mich an diesem Truck wirklich neidisch machte. Der hatte wirklich Platz satt. Wenn man den mittelhohen Sleeper, den ich bei der Hinfahrt hatte, noch mit dem 86 Fuß Sleeper vom W900 hätte vergleichen können, ich hatte ja sowieso nur den 72 Fuß Sleeper, dann war dieser noch mal ein ganzes Kaliber besser. Er war zwar nicht länger, aber höher, was auch schon für das bessere Raumgefühl reichte. Dazu gab es Stauraum satt. Wenn man wirklich mit zwei Personen permanent auf Achse war, dann brauchte man so einen Sleeper. Da ich aber sowieso nur alleine auf Achse war, reichte mir mein Sleeper aber vollkommen aus. Trotzdem war eine solche Fülle an Platz und die komplette Ausstattung mit allem, was man haben wollte, schon ein Traum.
    Ansonsten war das nicht meine Welt. Mein W900 war schon eher das, was ich mir vorstellte. Die Zahlreichen Rundinstrumente, das Fuller Getriebe und die klassische Optik gehörten für mich zu einem Truck dazu. Auf das moderne Cockpit und die Automatik konnte ich gut und gerne verzichten. Der einzige Grund für mich auf einen moderneren Truck zu wechseln, wäre der bessere Verbrauch. Trotzdem würde ich dann ein klassisches Fuller Getriebe der Automatik vorziehen. Wie Keela das auch schon beim Motorradfahren gesagt hatte, gehörte das Schalten für mich zum Fahrspaß dazu.
    Vielleicht würde ich da anders drüber denken, wenn ich älter werde, im Moment war das aber meine Meinung. Außerdem dachte ich inzwischen, dass im Freightliner doch zu viel europäische Technik drin war. Vielleicht sollte ich dann doch bei Paccar bleiben. Die hatten zwar mit DAF auch eine Marke in Europa, die gehörte aber den Amerikanern und nicht umgekehrt. Freightliner und Western Star gehörte dem deutschen Daimler Konzern und Mack und Volvo waren Marken des schwedischen Volvo Konzerns. Dann vielleicht doch eher Kenworth oder Peterbilt. Mit diesen Gedanken begann ich aber langsam einzuschlafen.

    Montag, den 15. Januar 2018, 4:30 am, Central Standard Time, Marshall, TX:

    Da die Staaten in Richtung Westen wieder größer wurden, sollte der zweite Tag mit dem Top Cascadia ein Texas Tag werden. Um halb Fünf klingelte mein Wecker und holte mich aus meinen Träumen. Ich sollte versuchen, bevor ich mich schlafen legte, von allem abzuschalten. In meinen Träumen tauchten reichlich aerodynamische Flottentrucks mit Automatik auf. Vergeblich suchte ich dann einen Klassiker, wie meinen. Dabei merkte ich, wie mir der Job immer weniger Spaß machte. Dazu gesellten sich noch andere Sachen, die das moderne Trucking ausmachten. Termindruck, ein ständig Alarm schlagendes E-Log und Häufige Kontrollen mit hohen Strafen.
    Das zeigte mir aber, wo mein Weg für die Zukunft hinführen musste. Als erstes musste ich zusehen, dass die Fahrzeiten wieder sauber wurden. Beim nächsten Mal würde ich mich auf die von Keela erwähnten Zeiten pochen. Wenn es danach gegangen wäre, hätte mich Danny bei der letzten Tour gar nicht mehr nach Redding schicken dürfen.
    Außerdem sollte ich bei Trucks bleiben, die mir auch Spaß machten, wie mein W900. Da dürfte ich mich nicht von etwas höheren Verbrauchswerten abschrecken lassen. Bei der letzten Tour hatte ich auch schon einen Verbrauch von 5,9 Miles per Gallone. Das waren weniger als 40 Liter auf 100 Kilometer. Das war zwar mehr, als bei einem modernen Truck, man konnte das aber halbwegs mit leben. Falls es irgendwann einen neuen Truck gab, würde ich schauen, ob ich eine längere Übersetzung finde, die es mir ermöglicht, den Verbrauch bei 65 mph noch weiter zu reduzieren. Mein Antriebsstrang war für Kalifornien optimal, für die anderen Staaten aber nicht ganz so. Außerdem kam dann ab Werk das Aerodynamikpaket auf den Sleeper. Die dann Aerocab genannte Version des Sleepers war vom Verbrauch her besser, als der alte Spoiler, den mir Rick verkauft hatte. Vielleicht konnte man das ja sogar nachrüsten. Da musste ich mich mal bei Kenworth erkundigen.

    Jetzt stand ich aber erstmal auf und ging in den kleinen Truckstop. Nach dem Aufsuchen der Keramikabteilung und dem ersten Kaffee des Tages ging es dann zurück zu dem Silbergrauen Top Truck. Ich setzte mir auch hier einen Kaffee auf und erledigte dann die PTI. Als ich dann den Truck startete, bekam ich von dem dumpfen Grollen des kräftigen Motors dann doch kurz Gänsehaut. Um viertel vor Sechs zirkelte ich den Truck vorsichtig von dem doch recht vollen Parkplatz und lenkte ihn dann zurück auf die I-20. Hier beschleunigte ich dann wieder auf 65, wo auch dieser Truck begrenzt war. Nun ging es mit großen Schritten auf Dallas zu.

    Sowohl Dallas, als auch Fort Worth passierte ich aber noch in der Dunkelheit des Januarmorgens. So sah ich außer den Lichtern der Städte nicht allzu viel von ihnen. Ich zog also weiter gen Westen und ließ die Städte hinter mir.

    Meine Pause verbrachte ich auf dem Love’s Travel Center in Baird, TX, vor den Toren der Stadt Abilene.
    Zuerst genoss ich ein ausgiebiges texanisches Frühstück. Anschließend ging ich zurück in den Sleeper des Cascadia und telefonierte eine ganze Zeit mit Keela. Sie hatte ja am Morgen ihre Übergabe gemacht und hatte nun Zeit bis zu ihrer Nachtschicht. Es war dann schon halb Zwölf am Mittag bei mir, als ich weiterfuhr.

    Den Mittag und den frühen Nachmittag verbrachte ich wieder auf der I-20. Es ging in südwestlicher Richtung weiter. Dabei passierte ich texanische Städte wie Midland und Odessa. Bei Scroggins Draw traf die I-20 schließlich auf die I-10 und endete dort. Nun ging es in nordwestlicher Richtung weiter auf New Mexico zu. Die Landschaft hatte sich auch allmählich wieder geändert. Während ich vor der Pause noch durch sehr grüne Landstriche gefahren war, die von Wäldern und von Landwirtschaft geprägt waren, wurde es hier wieder karger und die Landschaft wurde wieder zur Wüste. Das war ich aber aus Kalifornien gewohnt. Daher war das für mich nichts Besonderes.

    Die Tiefstehende Sonne am Nachmittag tauchte die Landschaft aber in wundervolle Farben. Dann ging es langsam ins Tal des Rio Grande, der hier die Vereinigten Staaten von Mexico trennte. Nun wurde es langsam Zeit für den Feierabend. Als Tagesziel hatte ich mir El Paso gesetzt. Das sollte ich auch so gerade eben schaffen. An der Ausfahrt 37, Horizon City / Socorro war ich an den ersten Vororten von El Paso.
    An dieser Ausfahrt gab es gleich drei Truckstops. Einen Flying J, einen Love’s und einen Petro Truckstop. Ich hatte also die dreifache Chance, einen vernünftigen Parkplatz zu bekommen. Ich begann beim Flying J und bekam auch hier direkt einen Parkplatz. Hier war dann für heute Feierabend. Nach einer Dusche und einem leckeren Abendessen wollte ich noch mit Keela telefonieren. Sie ging aber nicht dran, also lag sie mit Sicherheit noch im Bett. Ich machte mir noch einen gemütlichen Abend im Sleeper und legte mich dann ebenfalls schlafen.

    Dienstag, den 16. Januar 2018, 4:30 am, Central Standard Time, El Paso, TX:

    Da ich dieses Mal vorher abgeschaltet hatte, war die Nacht besser gewesen. Ich hatte keine bescheuerten Träume und hatte einfach nur den großen Sleeper genossen. Der Tag begann, wie üblich mit Kaffee kochen und dem Aufsuchen der gekachelten Abteilung im Truckstop. Viertel nach Vier begann dann die PTI, eine Viertelstunde später konnte ich losfahren.
    Da die Tanks aber inzwischen so gut, wie leer waren, fuhr ich zuerst an die Zapfsäule. Mit 2,60$ pro Gallone konnte ich leben. Heute wäre mir aber auch ein höherer Preis egal gewesen. Hatte ich doch wieder eine Tankkarte von Walmart.
    Da war ich auch froh drüber. Der große Motor soff nämlich, dass es nicht mehr feierlich war. Da war mein W900 sparsamer. Allerdings konnte man die Motoren auch nicht vergleichen. Wie ich schon sagte, war die Maschine für unsere Einsatzzwecke völlig ungeeignet und überdimensioniert.
    Schließlich waren die Tanks wieder voll und ich konnte mich wieder auf den Weg machen.

    Es ging zurück zur I-10 und dann durch El Paso. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis ich schließlich New Mexico erreichte. Bei Las Cruces folgte ich dann weiter der I-10 in Richtung Westen. Nun ging es mit der langsam aufgehenden Sonne im Rücken auf Arizona zu. Die Passage durch New Mexico dauerte auch nicht allzu lange. Bereits nach 137 Meilen war Arizona erreicht. Am Love’s Travel Stop in Benson, AZ machte ich schließlich meine kurze Pause.
    Hier war es jetzt zwar schon viertel vor Zehn, trotzdem versuchte ich, ob ich Keela noch erreichte, oder ob sie schon im Bett war. Sie meldete sich mit: „Das wurde aber auch Zeit, dass du endlich anrufst.“ Sie hatte also auf meinen Anruf gewartet. „Warum hast du dich denn nicht gemeldet?“ „Weiß ich wann du Zeit hast?“ „Das vielleicht nicht, aber ich habe, egal ob meine Maschine, oder Vorführer, eine Freisprecheinrichtung. Wenn ich keine Zeit habe, dann sage ich dir das schon.“ „Okay, okay. Ich habe vielleicht etwas überreagiert.“ Manchmal spielte ihr eigenes Temperament ihr einen Streich. „Kann schon sein.“ Mehr sagte ich da besser nicht zu. „Weißt du schon, wie es ab El Centro weitergehen soll?“ „Nicht wirklich. Aber da komme ich sowieso heute nicht mehr ganz hin. Ich wollte nicht schon wieder über die Zeit fahren.“ „Ich dachte, Charlie oder dein Dad hätten was gesagt.“ „Ich weiß nur, dass der Cascadia von einem anderen Fahrer übernommen werden soll. Aber nicht wann oder wo.“ „Eddie soll den wohl kriegen. Mehr weiß ich aber auch nicht.“
    Eddie kannte ich vom Sehen. Er war ziemlich bekannt in der Riege der Walmart Trucker aus Kalifornien. Er trug zwar auch, wie die anderen die dunkelblauen Arbeitshosen und die weißen oder hellblauen Hemden, die wie Uniformhemden aussahen. Dabei trug er aber nicht die obligatorische Cap mit dem Walmart Logo, sondern einen klassischen Stetson und Cowboystiefel. Den Truck hatte Eddie auf eigene Kosten aufgemotzt. So war das der einzige Walmart Truck mit Bullfänger und Büffelhörnern. Der Truck war aber immer wie geleckt.
    Eddie liebte seinen Job richtig und konnte sich nicht vorstellen, jemals was anderes zu machen. Für den 2018er Cascadia würde er dann wohl sogar seinen geliebten Truck, der noch auf dem Vorgänger basierte, stehen lassen.
    Irgendwann hatte er mir mal, als wir zusammen am Zentrallager standen, gesagt, dass er auch gerne so einen W900 wie ich fahren würde. Da Walmart sich aber auf die Fahne geschrieben hatte, nachhaltig zu arbeiten und noch umweltbewusster zu werden, würde sich das wohl erledigt haben.
    Wenn ich den Truck an Eddie abgeben sollte, würde er aber garantiert nicht mit seinem Truck kommen. Den durfte außer ihm keiner fahren. Vermutlich ging es dann von einem Vorführer in den Nächsten.
    Wir wechselten das Thema und gingen eher in den privaten Bereich. Keela fragte, wann ich denn endlich den Führerschein für Motorräder machte. Sie wollte mit mir zusammen auf Tour, meinte aber es sei besser, wenn ich nicht als Sozius mitfuhr, sondern selbst ein Bike hätte. Das Thema hatte ich aus Zeitgründen immer weiter vor mir hergeschoben. Auch jetzt wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Ich wechselte dann geschickt auf andere Themen. So telefonierten wir noch eine ganze Weile, bis Keela sich entschloss, schlafen zu gehen. Ich frühstückte dann noch. Hier war es dann 12 Uhr mittags, als ich wieder weiterfuhr.

    Nun ging es mit großen Schritten auf Tucson zu. Die Stadt war dann schnell erreicht und noch vor Beginn des Berufsverkehrs wieder verlassen. Bei Eloy wechselte ich nun auf die I-8 in Richtung Yuma. Ich hätte zwar auch von der I-10 in Richtung El Centro fahren können, hätte dann aber noch Phoenix passieren müssen. Das sparte ich mir lieber. Näher an der I-8 lag die Stadt auch noch. Es ging also mit großen Schritten auf Kalifornien zu.

    Gegen viertel vor Drei klingelte dann mein Telefon. Dad war dran. „Hallo Marc. Wir planen gerade, wie es weitergehen soll. Ich bin hier bei Charlie und Danny.“ Einen Moment wunderte ich mich, bis ich daran dachte, dass im Winter ja eine Stunde Zeitunterschied zwischen Kalifornien und Arizona war. Es war also gerade Übergabe. „Ja, und?“ „Wann kannst du denn in El Centro sein?“ „Morgen früh ziemlich zeitig.“ „Kannst du gegen acht Uhr dort sein?“ „Locker. Dann kann ich sogar noch ausschlafen.“ „Kennst du Edwin Baker?“ „Wen?“ „Sag ihm besser Eddie.“ Rief Charlie von hinten. „Ach Eddie. Ja den kenne ich.“ „Der kommt dann von hier mit einem anderen Vorführwagen ebenfalls nach Dole. Ihr trefft euch um acht Uhr dort und tauscht die Maschinen.“ „Von mir aus.“ „Gut. Wir sehen dann zu, dass du was nach Hause bekommst, damit du wieder mit deinem Truck weiterfahren kannst.“ „Okay.“ „Alles Weitere dann über das System.“ „In Ordnung.“ Wir legten auf.
    Nach dem Telefonat hatte ich irgendwie keine Lust mehr, weiterzufahren. Warum sollte ich auch noch weiterfahren. Von hier war es nicht mehr weit, bis nach El Centro. Ich brauchte aber erst morgen gegen Acht da sein. Von dort aus kam ich in einer Schicht auch nicht bis nach Sacramento. Also war es egal. Ich fuhr nur noch bis zur Mohawk Rest Area und machte dort Feierabend, auch wenn ich noch eine Stunde hätte fahren können.
    Dort testete ich dann noch die Mikrowelle, die hier eingebaut war. Außerdem konnte ich die Sitzecke in dem Sleeper ausprobieren. Nach dem Essen machte ich es mir dann gemütlich und ich schaute noch etwas fern. Anschließend legte ich mich wieder hin.

    Mittwoch, den 17. Januar 2018, 5:00 am, Mountain Standard Time, Mohawk Rest Area, AZ:

    Ich hatte wunderbar geschlafen. Dadurch, dass ich die Pause verlängern konnte, brauchte ich dann auch nicht mitten in der Nacht aufstehen, sondern ich konnte bis zum frühen Morgen weiterschlafen. Ich setzte, wie immer meinen Kaffee auf und nutzte dann den Sanitärbereich der Rest Area. Um viertel vor Sechs begann ich mit der PTI und um sechs Uhr fuhr ich weiter.
    Nun lagen die letzten Meilen in dem großen Cascadia vor mir. Ich war irgendwie schon gespannt, was ich nun bekommen würde. Wahrscheinlich wieder einen Cascadia mit der mittleren Kabine und 500 bis 540 PS.
    Ich hatte noch etwa 100 Meilen in Arizona zu fahren. Um die frühe Uhrzeit war das aber kein Problem. So brauchte ich knapp zwei Stunden, bis ich in Yuma war. Einer Eingebung folgend fuhr ich von der Interstate runter und machte mich auf den Weg zur nächsten Tankstelle. Ich würde meinen Truck noch volltanken, bevor es nach Kalifornien ging, warum sollte ich es mit dem Vorführer anders halten, zumal ich ja festgestellt hatte, dass die große Maschine auch recht durstig war.

    Um viertel nach Acht war der Freightliner wieder vollgetankt und ich hatte sogar noch einen Kaffee bei der Tanke bekommen. Fünf Minuten später war es dann wieder zwanzig nach Sieben. Ich war in Kalifornien angekommen und hatte nun Pacific Standard Time. Nun ging es mit Tempo 55 auf El Centro zu.
    Ich, beziehungsweise mein Navi hatte sich aber etwas verkalkuliert. Die Elektronik hatte sich nicht auf die kalifornischen Tempolimits bezogen, als es die Restfahrzeit berechnet hatte. Ich würde also zum Treffen mit Eddie zu spät kommen. Von der Grenze waren es noch 56 Meilen. Damit brauchte ich eine gute Stunde. Wenn dann noch Verkehr und Ampeln dazukamen, würde es mit Sicherheit halb Neun werden, bis ich bei Dole ankam. Ich meldete mich bei Charlie und kündigte ihm das an. „Okay. Ich sage Eddie Bescheid. Dann muss er eben erst noch eine Pause machen.“ Auf meine Meldung, dass ich noch mal vollgetankt hatte, reagierte er auch positiv. „Das hast du genau richtig gemacht. Ich habe aber auch nichts anders von dir erwartet.“ Ich fuhr bis zu der Anschlussstelle weiter, wo die I-8 die CA-111 kreuzte und fuhr dort von der Interstate ab. Dann musste ich noch durch El Centro durch, da die Farm von Dole auf der Nordseite der Stadt lag.

    Dort angekommen staunte ich nicht schlecht. Ein grinsender Eddie stand neben einem recht neuen Kenworth T680. Mit so einem Truck hatte ich nicht gerechnet. Ich musste den Trailer dann rückwärts ein Stück in eine Scheune schieben, dann konnte ich absatteln. Eddie kam rüber und kurbelte schon mal die Stützen runter, während ich die Schläuche löste. „Der Sohn vom Boss bringt mir mein neues Spielzeug.“ Stellte er grinsend fest. „Wo hast du denn deinen W900 gelassen?“ „Der steht in Sacramento in der Halle. Mein Dad wollte ja unbedingt, dass ich mal Cascadia fahre.“ „Und? Zufrieden?“ „Vom Platz her ist der super. Das war es aber auch. Die Maschine ist viel zu groß für unsere Zwecke und vor allem auch zu durstig.“ „Das brauchst du ja nicht zu bezahlen.“ „Bei dem jetzt nicht. Aber sonst schon. Ich bin ja Owner Operator.“ „Dann kannst du ja jetzt mal einen T680 testen. Ich hoffe, du kannst Schaltwagen fahren.“ „Natürlich. Mein W900 hat eine 13 Gang Schaltbox von Eaton und der Mack, den ich am Anfang hatte, war mit 18 Gang Fuller ausgerüstet.“ „Dann brauche ich dir wenigstens nichts erklären. Die meisten Fahrer in deinem Alter können ja nur noch Automatik fahren.“ „Ich bin froh, wenn ich wieder schalten kann.“ „Dann ist das der richtige Vorführer für dich. 18 Gang Eaton Fuller mit Retarder und 500 PS Cummins Maschine.“ „Kein Paccar MX 13?“ „Hat mich auch gewundert.“ „Cummins hat der hier auch. Aber ein paar Pferde mehr.“ „Da hätte ich auch eher mit einem Detroit Diesel gerechnet.“ „Schon komisch, dass die Hersteller die beigekauften Motoren im Vorführer haben und nicht die aus eigener Produktion.“

    Ich fuhr zu dem Kenworth rüber, den Eddie schon für mich aufgesattelt hatte. Dann ging das Umräumen los. Eddies Sachen mussten in den Cascadia und meine in den Kenworth. Eine halbe Stunde später waren wir fertig und Eddie konnte nun auch den Cascadia aufsatteln. Natürlich bekam er, als eigener Fahrer die Ladung, die direkt nach Sacramento ging, während ich, als Subunternehmer, nur mit einer Ladung nach Bakersfield hier wegfuhr.
    „Sound hat der ja.“ Meinte Eddie, als er aufgesattelt hatte. „Warum bekommst du eigentlich einen Vorführer? Dein Truck ist doch berühmt bei uns.“ „Dein Dad hat entschieden, dass ich einen neuen Truck bekomme. Eben so einen Cascadia 2018. Allerdings mit 500 PS und nicht mit der Riesenmaschine. Bis der geliefert wird, darf ich jetzt den hier fahren.“ „Und was ist mit deinen Anbauteilen an dem alten Cascadia?“ „Die passen nicht an den Neuen. Daher bleiben die dran.“ „Dann kann sich dein Nachfolger ja freuen.“ „Ich hätte den alten Truck auch weitergefahren, bis der ausgemustert wird. Es bekommt aber nun mal nicht jeder Fahrer bei uns eine ganz neue Maschine. Das kommt immer darauf an, wie die mit den Trucks umgehen.“ „Würde ich auch so machen.“ „So einen Klassiker, wie du ihn fährst, hätte ich auch gerne. Bei uns geht es aber um Nachhaltigkeit und gute Verbrauchswerte. Deshalb gibt es nur moderne Trucks und Automatik.“ „Mir muss der Job auch Spaß machen. Dazu gehört auch ein Truck, der mir gefällt.“ „Dann schau mal, ob dir der T680 gefällt. Ich mach mich jetzt auf den Weg. Quatschen können wir dann eh nicht, die Vorführer haben ja keine Funkgeräte.“ Wir verabschiedeten uns und stiegen in die Trucks.

    Eingeräumt hatte ich alles. Nun musste ich mir noch alles einstellen. Gegen Neun Uhr konnte ich dann fahren. Auch der T680 hatte den großen Sleeper, so konnte ich jetzt direkt mit dem Cascadia vergleichen. Gefühlt hatte der Kenworth etwas weniger Platz. Genaue Zahlen hatte ich aber nicht dazu. Trotzdem war es auch erheblich mehr Platz, als bei meinem W900. Dass die Maschine anders klang, als bei meinem Kenworth, lag daran, dass ich nun einen Cummins hatte. Der Sound vom Paccar MX13 gefiel mir etwas besser. Insgesamt war der Antriebsstrang aber klasse. Von der Leistung war das auch genau das, was ich mir langfristig auch für meinen Truck vorstellen konnte. 500 PS in Verbindung mit dem 18 Gang Eaton Fuller Getriebe und Retarder.
    Der Truck zog gut weg und war laut der Verbrauchsanzeige sogar sparsam. Verbrauchswerte von mehr als 6 Meilen pro Gallone hatte ich mit meinem W900 bisher noch nicht erreicht. Vom Platz und vom Triebstrang her, war das mehr mein Truck, als der Freightliner. Ich fuhr zuerst über die CA-111 weiter in Richtung Norden. Am Salton Sea entlang ging es in Richtung Palm Springs.
    Die Fahrt machte Spaß. Endlich konnte ich wieder schalten und somit genoss ich die Fahrt. Bei Indio fuhr ich dann in westlicher Richtung auf die I-10. Nun ging es in Richtung LA weiter.

    Auf der Interstate befasste ich mich weiter mit dem Truck. Obwohl es nur ein 76 Inch Sleeper war, also nur geringfügig länger, als meiner beim W900, war der Platz viel besser genutzt. Man brauchte gar nicht so viel Raum, wie bei dem Cascadia, wenn er besser genutzt wurde. Der Sleeper wäre für mich optimal. Ich war also im Großen und Ganzen mit dem Truck zufrieden.
    Es gab aber auch Sachen, die ich nicht mochte. Wenn ich eine Rangliste der Cockpits aufstellen wollte, gefiel mir mein W900 noch am besten. Obwohl ich sogar auf die VTI Diamond Version verzichtet hatte, die dann noch mit edleren Materialien und Kunstholzdekor versehen war. Das Mittelfeld war dann der Cascadia. Mit dem modernen Cockpit musste man auch leben können. Die Verarbeitung und die verwendeten Materialien waren aber gut gewesen. Der T680 belegte hier nur den dritten Platz. Man hatte diesen Truck mit dem Vantage Interior versehen, was in warmen Beigetönen gehalten war. Auch Kunstholzdekor war verbaut. Trotzdem wirkte das Cockpit irgendwie billig. Es war halt das typisch amerikanische Billigplastik, was auch nicht allzu gut verarbeitet war. Das war man aber bei amerikanischen Fahrzeugen gewohnt. Das Cockpit hätte aber eher in einen Savana gehört, als in einen Class 8 Truck.
    Bei der Ausstattung fehlte nichts und es gab sogar eine Klimaautomatik. Die fehlenden Rundinstrumente konnte man sich auch noch im Multifunktionsdisplay vom Navi anzeigen lassen.
    Was mich sonst noch störte war die Unübersichtlichkeit. Die Sicht nach Hinten war zwar sowohl bei Cascadia, als auch beim T680 besser, als bei meinem, Nach vorne war der T680 aber am schlechtesten zu überblicken. Leider hatte man auch hier aufgrund der Optik auf die vorderen Spiegel verzichtet. Selbst beim Cascadia konnte man aber ansatzweise die Haube nach vorne einschätzen. Bei normaler Sitzposition sah ich die vom T680 gar nicht. Das war halt der Tribut zugunsten der Aerodynamik.

    Im Raum LA machte ich dann noch meine Pause. Dabei schaute ich mich dann hinten noch weiter um. Der Sleeper überzeugte mich dann wieder vom Platzangebot. Sollte ich jemals auf einen Aerodynamischen Truck umsteigen, sollte er so eine Kabine haben. Nachdem ich mich etwas hingelegt hatte, konnte ich sagen, dass ich auch mit dem Bett seht zufrieden war.

    Gegen drei Uhr am Nachmittag fuhr ich weiter. Nun musste ich auch zusehen, dass ich den Raum LA verließ, bevor der Berufsverkehr richtig losging. Bei der Fahrt über den Tejon Pass merkte ich, wie gut der Truck zog. Das begeisterte mich wirklich. Im Gefälle zeigte sich, dass der Retarder genauso gut war, wie bei meinem W900. Über die CA-99 ging es nun weiter nach Bakersfield.

    Mit meiner Fahrzeit kam ich dann auch genau bis zum Güterbahnhof, wo meine Ladung auf einen Zug umgeladen wurde. Als ich abgesattelt hatte, hatte ich 10 Stunden 45 Minuten Fahrzeit weg. Ich suchte mir also gleich in dem Industriegebiet beim Güterbahnhof einen Parkplatz. Dort machte ich dann Feierabend. Es war jetzt auch schon sieben Uhr am Abend.
    Ich nutzte die eingebaute Mikrowelle um mir was zu essen warm zu machen. Danach nutzte ich den gemütlichen Platz im Sleeper für mein Abendessen. Anschließend telefonierte ich noch mit Keela. Schließlich konnte ich dann die erste Nacht in einem T680 verbringen.

    Donnerstag, den 18. Januar 2018, 4:15 am, Pacific Standard Time, Bakersfield, CA:

    Ich hatte wirklich gut geschlafen. Das Bett in dem T680 war mindestens so gut, wie das in meinem W900, wenn nicht sogar besser. Als der Wecker klingelte, stand ich gut erholt auf. Als ich mich dann in dem Sleeper fertigmachte, genoss ich den Platz, den ich hier hatte. Viel mehr Platz hatte der Cascadia mit der großen Kabine auch nicht gehabt. Ich setzte meinen Kaffee auf und erledigte dann die Körperpflege aus dem Wasserkanister neben dem Truck. Um fünf Uhr war ich schließlich startklar und begann auch mit der PTI. Da ich nur den Bobtail hatte, ging sie recht schnell und ich konnte den nächsten Auftrag aus dem System ziehen:

    PICKUP: SC-CABA
    TRAILER: PA53976R
    FREIGHT: GOODS RETURNS
    WEIGHT: 37,600 LB
    TO: CW-CASA
    GATE: 02
    REMARKS: -----

    CASA-KRY.

    Eine Ladung Warenretouren vom Supercenter, Bakersfield zum heimischen Zentrallager gab es für mich. Dort würde das Kapitel Testfahrten auch erstmal beendet werden. Mit dem Bobtail machte ich mich auf den Weg zum Supercenter, wo ich gegen halb Sechs eintraf. Ich holte mir meine Papiere aus dem Centerbüro und fuhr anschließend an Tor 2 zum Aufsatteln. Dass mir die Trailer Kennung unbekannt war, wunderte mich nicht mehr, als ich den Auflieger sah. Es war ein Reefer von Panther Premium Logistics. Mit denen hatte ich bisher noch nichts zu tun gehabt. Für die kurze Strecke von Bakersfield nach Hause war mir aber auch egal, was ich zog. Ich sattelte auf und machte die Abfahrtskontrolle. Um viertel vor Sechs konnte ich mich schließlich auf den Weg nach Hause machen.

    Ich fuhr auf die CA-99 in Richtung norden und beschleunigte dann auf 56 mph hoch. Dann schaltete ich in den größten Gang und ließ den Truck im Tempomat rollen. Dabei ging die Verbrauchsanzeige immer weiter nach unten. Da der Gang eigentlich schon etwas zu groß war, musste ich aber bei leichten Steigungen einen halben Gang zurückschalten. Trotzdem lief der Zug ruhig und sehr sparsam. Ich war dabei, einen neuen persönlichen Verbrauchsrekord aufzustellen. Dabei war der Trailer noch nicht mal aerodynamisch verspoilert. Es war zwar ein Reefer, er hatte aber weder die spritsparenden Windleiteinrichungen unter der Ladefläche, noch die Zusatzspoiler am Heck des Trailers. Trotzdem war der Verbrauch super. So ging es an Fresno vorbei nach Stockton.

    Bevor ich dort in den Bereich der Stadt kam, hatte ich gut über 7 Miles per Gallone als Verbrauch. Mit dem W900 war ich bisher nicht mal über 6 Meilen gekommen. Das überzeugte mich letztlich von dem Truck. Der Verbrauch und der Sleeper waren wichtige Argumente, die für den T680 sprachen. Der Cascadia hatte mich letzten Endes nicht überzeugt, der T680 schon.

    Bei der Fahrt durch Stockton, wo ein paar Ampeln im Weg waren, ging der Verbrauch wieder leicht hoch. Zwischen Stockton und Sacramento sank er aber wieder. Als ich Sacramento erreichte, war der Verbrauch noch bei 7,1 Miles per Gallone. Nun konnte ich durch meine Heimatstadt fahren. Hier wusste ich, wie ich fahren musste, um eine grüne Welle zu haben. So lag der Verbrauch noch bei 7 Miles per Gallone, als ich auf dem Platz ankam. Das Argument sprach dann am Ende deutlich für den T680. Genau wie der geräumige Sleeper.
    Auch wenn mir die Optik und das Armaturenbrett beim W900 besser gefielen, konnte ich mir durchaus vorstellen, dass mein nächster Truck ein T680 werden könnte. Der Verbrauch und mehr Platz bei gleichem Radstand waren doch überzeugende Argumente. Die Übersicht nach vorne könnte man auch mit den Frontspiegeln oder zur Not mit Peilstangen verbessern. Ich ging ins Büro und meldete mich bei Charlie. Wie erwartet, musste ich den Truck wieder abgeben. Ich sollte umräumen und meine kurze Pause machen. Gegen ein Uhr sollte ich mich wieder melden.

    Auf dem Weg zurück zum Truck lief mir dann mein Dad über den weg. „Hallo Marc. Wie waren deine Probefahrten?“ fragte er natürlich sofort. „Hallo Dad. Aufschlussreich. Würde ich sagen.“ „Hast du gleich etwas Zeit? Wir könnten zusammen Essen gehen.“ „In meinen Arbeitsklamotten.“ „Ich wollte nicht in ein Nobelrestaurant, sondern einfach in ein Diner, wo man in Ruhe reden kann.“ „Von mir aus.“ „Dann treffen wir uns um 12.“ „Dann komm zu meiner Halle. Ich muss noch absatteln und meine Sachen umräumen.“ „In Ordnung.“
    Ich ging zu dem T680 zurück und setzte den Trailer an die Rampe. Anschließend parkte ich den Truck auf dem Zugmaschinenparkplatz von Walmart Transportation. Ich holte meinen Ford vom Parkplatz und räumte den Truck aus. Anschließend fuhr ich zu meiner Halle und räumte die Sachen wieder in den W900.

    Gegen Mittag kam Dad mit seinem Cadillac auf den Platz gefahren. Er stieg aus und kam zu mir. „Wenn ich deinen PKW und deine Halle sehe, hast du inzwischen dringenden Investitionsbedarf.“ „Der Ford soll sowieso weg. Die Halle muss aber noch warten.“ „Über Walmart habe ich da Kontakte. Du kannst über uns gerne ein Geschäftsleasing für deinen nächsten PKW machen.“ „Bei wem?“ „Hier in Sacramento bei meinem Vertragshändler.“ „Ich glaube bei deinem Händler werde ich nicht wirklich fündig.“ „Wir können auch über Bentonville gehen. Über die Zentrale kannst du fast alle amerikanischen Marken bekommen.“ „Auch Ford?“Selbstverständlich.“ „Ich dachte vielleicht an einen Mustang.“ „Das geht auch. Aber bei einem Geschäftsleasing macht sich eine Limousine besser.“ „Eine Limousine will ich nicht mehr. Sowas hatte ich lange genug.“ „Bei einem Transportunternehmen, wie deinem, macht auch noch ein Van oder ein Pickup Sinn.“ „Einen Van haben wir doch schon. Keelas Savana.“ „Du kannst ja mal darüber nachdenken.“ „Mache ich.“ „Wegen einer Halle. Ist Keelas Vater nicht Bauunternehmer?“ „Das schon. Aber in Minnesota und nicht hier.“ „Vielleicht tut er euch ja einen Gefallen.“ „Der hat in Saint Paul schon genug zu tun.“ „Dann pass mal auf, dass deine Halle nicht vorher zusammenfällt. Wir sind hier im Erdbebengebiet.“ „Ich weiß.“

    Wir fuhren mit Daddys Cadillac zu einem Diner, wo wir in Ruhe aßen. Beim Essen unterhielten wir uns dann über das Fazit meines Tests. „Also kommt ein Cascadia wirklich nicht in Frage.“ „Nicht wirklich.“ „Das hatte ich schon vermutet. Deshalb habe ich ja noch den T680 geholt.“ „Den hast du extra für mich geholt?“ „Nicht ganz. Wie du selbst sagtest, muss man auch mal über den Tellerrand schauen. Die Kontakte zu Kenworth habe ich aber erst richtig geknüpft, als ich da mit deinem W900 ein paar Termine für dich wahrgenommen habe.“ „Verstehe.“ „Der Punkt ist folgender. Die Zentrale legt ja inzwischen auf ein gewisses Image bei uns Wert. Dabei geht es um Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Schonung der Ressourcen.“ „Und?“ „Da macht es natürlich Sinn, wenn man auch mit einem Truck unterwegs ist, der diese Voraussetzungen erfüllt.“ „Warum bist du damit nicht vor einem halben Jahr gekommen?“ „Weil du dann wieder gedacht hättest, dass ich dich bevormunden will, oder dir das Ganze ausreden wollte.“ „Und jetzt?“ „Deine Maschine kannst du jetzt natürlich nicht verkaufen. Da verlierst du zu viel Geld. Du solltest aber für die Zukunft darüber nachdenken, was du dann kaufst. Schließlich bist du auch gelernter Kaufmann. Du kannst also ökonomisch denken.“ „Klar kann ich das.“ „Wenn dich der Truck wirklich überzeugt hat, dann kannst du ja beim nächsten die richtige Wahl treffen.“ „Das kann aber noch eine Weile dauern.“ „Hast du schon mal daran gedacht, noch einen Fahrer einzustellen und mit zwei Maschinen für uns zu fahren?“ „Ich weiß ja nicht.“ „Gute Leute können wir immer gebrauchen.“ „Und wie soll ich das finanzieren?“ „Genau, wie bei deinem ersten Truck.“ „Das erhöht aber meinen Fremdkapitalanteil. Eine gesunde Basis sieht anders aus.“ „Denk mal in Ruhe darüber nach.“ „Mach ich.“
    Wir aßen in Ruhe zu Ende und Dad brachte mich dann zu meiner Halle zurück. Pünktlich um ein Uhr war ich dann wieder, wie von Charlie verlangt, startklar. Mein nächster Auftrag stand dann auch schon im ORBCOMM:

    PICKUP: CW-CASA
    TRAILER: DV53869
    FREIGHT: MILK POWDER
    WEIGHT: 40,000 LB
    TO: 711-CASF
    GATE: 08
    REMARKS: -----

    CASA-CSA.

    Es ging also mit Milchpulver nach San Francisco. Ich fuhr zum Zentrallager rüber und holte mir bei Charlie die Papiere. Anschließend sattelte ich den Trailer bei Tor 8 auf. Nach der PTI ging es mit dem Dry Van nach San Francisco.
    Was ich auf der Fahrt am meisten genoss, war die Tatsache, dass ich jetzt wieder mit meinem Truck unterwegs war. Auch, wenn ich ihn nach den ganzen modernen Trucks am Anfang altbacken fand. Aber genau das hatte ich ja gewollt, als ich mir den Truck gekauft hatte. Ich fuhr durch West Sacramento zur I-80. Dabei gewöhnte ich mich aber wieder langsam an meine Maschine. Als ich auf die I-80 in Richtung Westen auffuhr, fühlte ich mich schon wieder richtig zu Hause. Über diese Interstate ging es dann nach San Francisco.
    Wie immer war es beeindruckend, als ich über die Bay Bridge auf die Stadt zu fuhr. Durch die Stadt ging es dann zum Seven Eleven Markt. Dort angekommen, konnte ich dann vor dem Freilager absatteln. Nachdem ich den Trailer abgestellt hatte, war auch mein Anschlussauftrag im System:

    PICKUP: PO-CASF
    TRAILER: FE53754
    FREIGHT: ELECTRONIC DEVICES
    WEIGHT: 32,000 LB
    TO: ES-CASA
    GATE: -----
    REMARKS: -----

    CASA-DSN.

    Danny hatte mir also eine Ladung Elektronische Geräte vom Hafen San Francisco zum Außenlager, Sacramento zugeteilt. Das hatte aber zum Resultat, dass ich einmal quer durch die Stadt musste, um zum Hafen zu kommen, der weiter in der Bay war.
    Da es inzwischen halb Fünf am Nachmittag war, hatte der Berufsverkehr natürlich voll eingesetzt. Ich stürzte mich also mit dem Bobtail in den dichten Verkehr und machte mich auf den Weg zum Hafen.
    Während der Fahrt durch San Francisco kam mir dann ein von der Farbe her sehr auffälliger Volvo entgegen. Ginas Truck, der ja in Pinktönen gehalten war. Wir wechselten ein paar Worte über Funk. Gina war gerade auf dem Weg nach Hause. Da Danny Spätschicht hatte, machte es für sie auch keinen Sinn, in Sacramento zu bleiben. Irgendwann wurde der Kontakt wieder schlechter und wir brachen die Unterhaltung ab.
    Es war dann schließlich schon viertel vor Sechs, als ich endlich im Hafen ankam. Dort stand ein Dry Van von FedEx für mich bereit. Ich sattelte schnell auf und erledigte den Papierkram. Gegen sechs Uhr konnte ich mich dann auf den Weg in Richtung Sacramento machen.


    Meine Zeit würde aber nicht mehr reichen, um noch nach Hause zu kommen. Da Keela Nachtschicht hatte, war das aber auch nicht so tragisch. Ich fuhr aber trotzdem noch aus San Francisco heraus und überquerte die Bay Bridge. Auf Höhe der Mautstelle auf der anderen Seite der Bay bei Oakland machte ich dann aber auf einem Parkplatz Feierabend. Nun nahm ich mein Telefon und sprach noch eine ganze Zeit mit Keela.
    Ich hatte im Radio gehört, dass das Wochenende im Raum San Francisco trocken bleiben sollte. Davon sollte Samstag der schönere Tag bleiben. Die Temperaturen sollten zwischen acht und zehn Grad Celsius liegen. Da könnten wir mal wieder nach Pacifica fahren. Auch wenn es zum Surfen noch etwas zu frisch war. Der in dieser Gegend eigentlich immer recht kühle Pazifik sollte laut den Angaben der Meteorologen sogar wärmer sein, als die Luft. Trotzdem wollte ich nicht unbedingt bei 10 Grad Luft und 13 Grad Wassertemperatur surfen gehen. Dennoch lud das Wetter zu erholsamen Spaziergängen am Meer ein.
    Keela wollte dann morgen noch mal testen, ob die Standheizung des Savana noch funktionierte. Wenn ja, dann würden wir das machen. Ich sollte dann aber möglichst den Reset etwas verlängern, damit wir das Wochenende zusammen verbringen könnten. Sie wollte das bei der Übergabe morgen früh dann auch gleich mit Charlie besprechen. Nachdem wir schließlich aufgelegt hatten, machte ich mir noch eine Kleinigkeit zu essen. Anschließend ging ich bald darauf schlafen.

    Freitag, den 19. Januar 2018, 4:30 am, Pacific Standard Time, Oakland, CA:

    Der Wecker riss mich unsanft aus meinen Träumen. Trotzdem hatte ich nicht allzu gut geschlafen. Die Pause an der Mautstelle zur Bay Bridge zu machen, war nicht die beste Idee gewesen. Man stand quasi direkt neben der Straße, auf der die Fahrzeuge mit annähernd 55 mph vorbeifuhren. Außerdem drangen die Geräusche vom nahen Hafen auch fast ungefiltert zu mir. Ich setzte mir einen Kaffee auf und erledigte anschließend die Kanisterwäsche neben meinem Truck. Um viertel nach Fünf begann ich mit der PTI und um halb Sechs ging es weiter nach Sacramento.
    Die Fahrt über die I-80 ging am frühen Morgen aber reibungslos. Um kurz nach Sechs piepte mein Handy und ich hatte eine WhatsApp von Keela bekommen: „Mit Charlie ist alles klar gemacht. Es reicht, wenn du am Montagmorgen wieder losfährst. Die Standheizung funktioniert auch noch. Ich hatte sie über Nacht mal eingeschaltet und heute früh war es muckelig warm im Savana. Ich freue mich auf das Wochenende.“ So ging es mir auch. Endlich mal wieder ein paar gemütliche Stunden mit Keela zu verbringen hatte mir richtig gefehlt. So verging die weitere Fahrt im Flug.
    Um viertel nach Sieben kam ich dann beim Außenlager in Sacramento an, wo ich den Trailer dann mal wieder in die hinterste Ecke setzten musste. Nachdem ich das schließlich erledigt hatte, stand auch schon der Anschluss im System:

    PICKUP: CW-CASA
    TRAILER: CT53765
    FREIGHT: CEREALS
    WEIGHT: 42,998 LB
    TO: PO-CASF
    GATE: 11
    REMARKS: -----

    CASA-CSA.

    Am Zentrallager wartete also ein Planen Trailer auf mich, der mit Cerealien bzw. Getreide geladen war. Bei dem Gewicht von 42,998 Pfund rechnete ich eher mit letzterem. Dieser sollte genau da hin, wo ich gerade hergekommen war, zum Hafen von San Francisco. Ich machte mich also auf den Weg zum Zentrallager. Da ich in der Anmeldung das Tor schon drinstehen hatte, fuhr ich direkt vor den Trailer und ging erst dann zum Büro. Tor 11 war ohnehin nicht weit vom Eingang entfernt.

    Im Büro begrüßte ich Charlie, der ja inzwischen Dienst hatte. „Du möchtest also mal etwas länger Wochenende haben, als nur die 34 Stunden Reset.“ Sagte er nach der Begrüßung. „Das wäre mal nicht schlecht.“ Stimmte ich zu. „Oder möchte Keela das eher?“ „Wahrscheinlich beide.“ Sagte ich mit einem Grinsen. „Dann bin ich ja mehrheitlich überstimmt.“ Lachte Charlie. „Außerdem brauche ich keine schlechtgelaunte Keela hier.“ „Du kennst auch schon ihre Launen?“ „Deine Freundin ist wirklich nett. Ihre direkte Art finde ich auch gut. Sie kann es aber nur schlecht verheimlichen, wenn sie schlechte Laune hat, oder ihr was nicht passt.“ „Das stimmt.“ „So gesehen ist es besser für alle, wenn Keela gut drauf ist.“ „Das heißt?“ „Du bringst jetzt den Trailer nach San Francisco, dort organisiere ich dir eine Rückladung und anschließend hast du dann Wochenende. Montagmorgen um Sechs meldest du dich dann startklar bei Danny.“ „Okay.“ „Dann sieh jetzt zu, dass du nach Frisco kommst. Hier sind die Exportpapiere.“ Wir verabschiedeten uns und ich ging wieder zurück zum Truck.

    Nun konnte ich den Trailer aufsatteln. Nach der PTI ging es dann wieder zurück nach San Francisco. Bei der Fahrt durch West Sacramento bekam ich natürlich den Berufsverkehr ab. Auf der I-80 ging es dann aber wieder. So ging es wieder zurück an die Bay und dort wieder mal über die Bay Bridge nach San Francisco.
    Gegen elf Uhr erreichte ich schließlich wieder den Hafen. Da für den Nachmittag noch Regen angesagt war, musste ich den Trailer wieder in der Halle abstellen. Beim letzten Mal hatte ich nur einen 40 Fuß Trailer. Damit ging das ja ganz gut. Heute war der Trailer 13 Fuß länger. Das machte sich dann in der Halle bemerkbar. Ich brach mir beim Rangieren bald die Ohren und konnte manchmal nur knapp vermeiden, mit meiner Maschine irgendwo anzuecken. Ich brauchte dann eine knappe halbe Stunde, bis der Trailer endlich so stand, wie er sollte. Natürlich hatte ich inzwischen auch die Angaben für die Rückladung:

    PICKUP: PO-CASF
    TRAILER: RE28666 / RE28680
    FREIGHT: ICE CREAM / FROZEN VEGETABLES
    WEIGHT: 39,000 LB
    TO: NM-CASA
    GATE: -----
    REMARKS: STAA-DOUBLE DOLLY NR. (CA)3RX2556

    CASA-CSA.

    Ich war etwas erstaunt, dass hier Tiefkühlware per Schiff ankam. Dann fiel mir wieder ein, dass es auch Container mit Kühlaggregat gab. Woher die Tiefkühlware kam, stand ja nicht dort drauf. Ich erledigte den Papierkram und bekam dann ein neutralweißes Double. Nach dem Aufsatteln wurde es aber langsam Zeit für eine Pause. Diese erledigte ich gleich im Hafenbereich. Allerdings abseits der Ladestelle.

    Bis um ein Uhr blieb ich dann stehen. Anschließend ging es wieder zurück in Richtung Heimat. Bei Oakland kam mir dann mal wieder Gina entgegen. „Hast du schon Feierabend?“ fragte ich sie erstaunt. „Sogar Wochenende.“ „Irgendwas machen wir falsch. Keela und ich sehen uns nur sehr selten.“ „Vielleicht sind deine Touren zu lang. Du fährst doch als Long Hauler.“ „Kann sein. Aber immer nur Kalifornien wäre mir auf die Dauer zu wenig.“ „Jeder so, wie er es braucht.“ „Ist was dran. Und am Wochenende?“ „Danny kommt nach San Francisco, dann sehen wir mal weiter.“ „Viel Spaß.“ „Euch auch.“ Über die I-80 ging es nun wieder nach Hause.

    Tatsächlich kam dann der angekündigte Regen. Wie meistens kam das schlechte Wetter von Oregon rüber. Die hatten dort nicht umsonst so grüne Wälder. So erreichte ich im strömenden Regen West Sacramento. Nun musste ich noch über den Fluss, damit ich Sacramento erreichte. Dann ging es noch durch die Stadt zum Neighborhood Market. Bei der Fahrt durch die Stadt merkte ich wieder den Vorteil des Doubles. Man kam mit den zwei kurzen Trailern erheblich besser um die Ecken, als mit einem 53er Trailer.
    Um viertel vor Vier fuhr ich dann auf den Hof des bekannten Neighborhood Market. Das Double konnte ich natürlich wieder an der Seite abstellen. Nach dem Absatteln nutzte ich die Möglichkeit und stellte die Maschine kurz an die Seite. Dann ging ich noch direkt in Ruhe einkaufen.
    Warum sollte ich gleich noch mal zu dem Laden fahren, wenn ich sowieso gerade da war. Außerdem konnte ich meine Vorräte für den Truck gleich hier einräumen. Die Sachen, die ich für das Wochenende gekauft hatte, mussten natürlich gleich mit nach Hause.
    Es war dann halb Fünf, als ich mich auf den Weg zu meiner Halle machte. Eine Viertelstunde später fuhr ich schließlich den Ford aus der Halle und stellte den Kenworth hinein. Dann ging es endlich ins Wochenende.

    Zu Hause angekommen, räumte ich erst schnell die Einkäufe weg, dann ging ich ins Schlafzimmer, wo Keela noch im Bett lag und schlief. Ich begann sie dann ganz leicht zu streicheln, so dass es sie kitzelte. Zuerst zog sie dann ein paar Grimassen, dann schlug sie doch langsam die Augen auf. „Ach du bist das.“ Sagte sie verschlafen. Sie schlang aber ihre Arme um meinen Hals und zog mich zu ihr herunter. „Schön, dass du da bist.“ Wir kuschelten dann noch eine Weile, bis Keela dann aber doch langsam aufstehen musste. Schließlich hatte sie in der Nacht noch mal Dienst. Zuerst gingen wir aber zusammen unter die Dusche. Anschließend machte sich Keela fertig und ich machte uns das Abendessen. Als wir dann zusammen am Esstisch saßen fragte ich sie: „Soll ich dich wegbringen und morgen früh abholen? Dann können wir vom Büro aus direkt weiterfahren nach Pacifica.“ „Das kannst du machen. Wir müssen aber noch ein paar Lebensmittel kaufen.“ „Habe ich schon. Ich musste ja vorhin beim NM die Trailer abstellen, da habe ich die Gelegenheit gleich genutzt und war noch einkaufen.“ „Dann können wir das machen. Unsere Sachen habe ich schon in den Savana gepackt.“ „Wann mache ich denn meine Wäsche?“ „Wenn du kommende Woche unbedingt noch was von deinen Sachen brauchst, die noch nicht hier waren, dann musst du gleich noch eine Maschine waschen. Die anderen Sachen habe ich heute Vormittag schon eingesteckt.“ „Dann muss ich mal schauen.“
    Ich steckte wirklich noch eine Maschine Wäsche ein. Das war hier im Haus aber kein Problem, wenn da mal eine Waschmaschine noch abends oder am Sonntag lief.
    Als ich Keela dann zur Arbeit bringen wollte, schaute ich mal eben in den Savana, was Keela denn eingepackt hatte. Ich wunderte mich aber dann, dass unsere komplette Surfausrüstung im Van war. „Warum hast du denn die Surfsachen eingepackt?“ „Falls wir Lust bekommen, ein paar Wellen zu nehmen.“ „Bist du verrückt? Es sind am Wochenende maximal zehn Grad da draußen. Außerdem möchte ich nicht wissen, wie kalt der Pazifik ist.“ „Der ist das ganze Jahr gleich kalt.“ Grinste Keela. „Der hat jetzt 13, 14 Grad und im September, Oktober maximal 20 Grad.“ „Dann ist es in der Sonne aber wenigstens warm.“ „Wofür haben wir denn die Neoprenanzüge?“ „Ich dachte, das wäre bei dir nur Sonnenschutz.“ „Das auch. Aber auch gegen zu kühle Temperaturen.“ „Ich weiß ja nicht.“ „Wenn du Temperatur wie in der Badewanne willst, müssen wir Urlaub nehmen und nach Hawaii fliegen.“ „San Diego wäre billiger.“ „Da ist es aber auch nur geringfügig wärmer im Januar.“ „Wir werden mal schauen.“ Gab ich erstmal nach. Dann brachte ich Keela ins Büro.
    Zurück zu Hause machte ich noch etwas Bürokram, dann legte ich mich schlafen.

    Samstag, den 20. Januar 2018, 4:30am, Pacific Standard Time, Sacramento, CA:

    Mein Wecker war heute früh mal wieder unerbittlich und ließ mich partout nicht weiterschlafen. „Was ist das denn für ein Wochenende, wo ich mitten in der Nacht aufstehen muss.“ Schimpfte ich. Keela war ja zum Glück nicht da. Ich ging in die Küche und setzte erstmal eine Kanne Kaffee auf. Die musste sein. Auch gleich für die Fahrt. Nun ging ich ins Bad und machte mich fertig. Toilette, Zahnpflege, Dusche. Das komplette Programm halt. Zum Glück stand Keela immer noch auf meinen drei Tage Bart, so dass ich wenigstens nicht rasieren brauchte.
    Ich zog mir dann legere Freizeitkleidung an und setzte mich erstmal in die Küche und trank in Ruhe einen Kaffee. Viertel vor Sechs ging es dann in die Tiefgarage, wo neben der Harley auch der Savana stand. Irgendwie war es komisch eines der Fahrzeuge zu benutzen, ohne dass Keela dabei war. Aber ich holte sie ja jetzt ab. Ich startete den Savana und der Small Block V8 erwachte zum Leben.
    Das war auch wieder typisch für die Ryans. Es gab den Savana auch mit kleineren Maschinen. Es musste aber der V8 sein. Das hatte den Effekt, dass Keela, wenn sie viel mit dem Savana unterwegs sein musste, ständig über die kalifornischen Spritpreise schimpfte. Andererseits hatte der Sound des Vans was. Das dumpfe Blubbern des Achtzylinders klang irgendwie gut. Dagegen konnte man das Geräusch des Sechszylinders in meinem Taurus vergessen.
    Ich fuhr gemütlich durch die Stadt zum Zentrallager. Dort brauchte ich dann auch nicht lange warten, bis Keela aus der Tür kam. Charlie hatte sich pünktlich bei Keela gemeldet um die Übergabe an den Bereitschaftsdienst durchzuführen. Keela kletterte auf den Beifahrersitz und sagte: „Einmal ans Meer bitte.“ „Willst du nicht fahren? Schließlich ist das dein Auto.“ „Machst du Witze? Ich bin froh, dass ich nicht fahren brauche.“ „So ist das. Du brauchst mich also nur als Fahrer.“ „Nicht nur, aber zum großen Teil. Man soll die Männer ja auch machen lassen, was sie am besten können.“ „Na vielen Dank auch.“ Ich stellte den Wählhebel zurück auf „D“ und wir fuhren los.
    Nach den letzten beiden Tagen fuhr ich nun zum dritten Mal in Folge in Richtung San Francisco. Wieder ging es durch West Sacramento und über die I-80. Als ich auf der Interstate bei 56 mph den Tempomat einlegen wollte, kam aber von Keela: „Etwas schneller darf es schon sein. Ist doch kein 18Wheeler.“ „Sorry. Die Macht der Gewohnheit.“ „Dann bin ich ja gespannt, wo wir gleich landen. Im Hafen oder bei 7Eleven.“ „Ich dachte, du wolltest nach Pacifica und nicht nach San Francisco.“ „Will ich ja auch.“ „Dann ist es ja gut. Auf einen Stadtbummel habe ich keine Lust.“ „Ich auch nicht. Dazu bin ich zu müde.“ „Ich habe auch eine Kanne Kaffee mit.“ „Später.“ Ich war noch nicht am Abzweig nach San Rafael, als Keela auf ihrem Sitz schon eingeschlafen war.

    Ich hingegen fuhr natürlich weiter Es ging über die übliche Strecke nach San Francisco und dann auf die CA-1 in Richtung Pacifica. Kurz bevor wir den Campingplatz erreichten, weckte ich Keela dann. „Fahr erstmal nach Rockaway Beach. Ich will mal sehen, ob jemand von meinen Freunden da ist.“ Wir fuhren also zu dem Strand, wo normalerweise die Profis surften.
    Dort war aber keiner zu sehen. „Und jetzt?“ fragte ich Keela. „Wir gucken mal im Nick’s.“ Ich fuhr mit dem Van also auf den Parkplatz von dem Restaurant, was tatsächlich schon ab neun Uhr geöffnet hatte. Dort saß dann an einem Tisch eine kleine Gruppe von Leuten, an die ich mich erinnern konnte. Es waren welche von Keelas Surffreunden.
    „Was macht ihr denn hier drinnen? Wollt ihr nicht ins Wasser?“ fragte Keela in die Runde. Nun wurden wir erstmal begrüßt. Keela sehr überschwänglich und ich etwas zurückhaltender. Wir setzten uns zu der Gruppe und bestellten bei der Bedienung einen Kaffee. Dann wurden erstmal die letzten Neuigkeiten ausgetauscht. Schließlich war Keela ein paar Wochen nicht mehr hier gewesen. Das letzte mal war sie im November zum Surfen hier.
    Als Keela dann mitbekam, dass von den anderen keiner ins Wasser wollte, sondern sie sich nur zum Quatschen getroffen hatten, sagte sie: „Was seid ihr denn für Weicheier? Marc und ich gehen gleich ins Wasser.“ „Aber nicht hier.“ Sagte einer ihrer Freunde. „Warum nicht?“ „Rockaway ist schon im Sommer nur was für Experten. Das weißt du. Im Januar sollte auch eine gute Surferin, wie du das lassen.“ „Wenn ihr meint.“ Sagte Keela leicht schmollend. „Wenn ich das richtig im Kopf hatte, ist dein Freund sowieso nicht so gut, wie du. Vielleicht wartet ihr noch ein paar Wochen.“ „Und in Linda Mar?“ „Das geht schon eher. Das ändert aber nichts an den Temperaturen. Ich weiß, dass du sowieso im Neoprenanzug surfst, aber kalt ist das trotzdem.“ „Wenn ihr meint.“ Keela hatte auf eine andere Reaktion gehofft. „Selbst in Südkalifornien geht im Januar kaum einer surfen. Nur die ganz harten, obwohl es da immer noch etwas wärmer ist. Wenn du unbedingt surfen willst, fliegst du besser nach Hawaii.“ Keela sah nicht glücklich aus. Sie hatte sich das offensichtlich anders vorgestellt. „Macht euch besser so ein paar schöne Stunden. Du bist eine gute Surferin. Das weiß von uns jeder. Aber wenn du dir bei der Kälte einen Krampf holst, kann das auch für dich böse enden.“ „Okay.“ Sie lächelte gezwungen. „Glaub mir, es ist besser so. Ich kenne die Ecke hier schon mein ganzes Leben. Du bist hier letztes Jahr erst im Sommer hingekommen. Warte besser noch, bis wenigstens die Lufttemperaturen über 20 Grad steigen. Das Wasser ist hier ja eh immer frisch.“ „Gut. Ihr kennt euch hier besser aus.“ Innerlich atmete ich wieder auf. Ich hatte auch keine Lust gehabt, im Winter surfen zu gehen. Ich hätte es allenfalls Keela zu Liebe getan.
    Wir saßen dann noch bis Mittag mit den anderen zusammen, danach gingen wir dann wieder zu Mori Point hoch. Das Wandern war mir auch wesentlich lieber. Wir genossen dabei den Ausblick auf den Pazifik und atmeten die frische Seeluft ein. Außerdem genossen wir, dass wir zusammen waren.
    Keelas Enttäuschung war inzwischen wieder verschwunden. Sie hatte dann doch ein Einsehen, wenn ihr Leute, die schon jahrelang hier waren, aus ihrer Erfahrung Ratschläge gaben. „Willst du denn trotzdem hierbleiben?“ fragte ich sie. „Auf jeden Fall. Alleine, dass ich hier am Meer bin, bringt mir schon viel Erholung.“ Wir gingen dann wieder zurück nach Rockaway Beach und liefen noch am Strand entlang. Dabei merkte ich, dass Keela recht hatte. Alleine schon das Rauschen der Brandung und der salzige Geschmack der Luft brachten irgendwie die Erholung.

    Als es dann langsam dunkel wurde, fuhren wir zum bekannten Campingplatz, wo sich der Betreiber auch freute, mit Keela einen Stammgast wieder zu sehen. Am Abend gingen wir dann noch romantisch essen und machten es uns anschließend im Savana gemütlich.

    Sonntag, den 21. Januar 2018, Pacifica, CA:

    Wir wollten an diesem Sonntag eigentlich beide erstmal ausschlafen, wurden aber dann von einem leichten Erdbeben geweckt. Hier waren wir aber auch in unmittelbarer Nähe der San Andreas Verwerfung. „Wie kommt ihr eigentlich mit diesem nervtötenden Gewackel klar?“ sagte Keela, die sich mehr erschrocken hatte, als ich. Ich war aber auch in Kalifornien aufgewachsen und war daher leichtere Erdbeben gewohnt. Keela hingegen kannte sowas aus Minnesota nicht und erschreckte sich jedes Mal wieder aufs Neue. „Gewohnheit.“ Sagte ich trocken. „Bei mehr als 4,0 werde ich dann auch langsam etwas nervös, alles was darunter ist, gehört zur Normalität.“ Keela schüttelte nur den Kopf. „Ihr Kalifornier seid schon seltsam.“ Lachte sie. „Wer wollte denn unbedingt an die Westküste ziehen?“ fragte ich mit einem Grinsen. „Bestimmt nicht, wegen der Wackelei.“ „Vielleicht verursacht ja gerade die Wackelei deine geliebten Wellen.“ „Da könnte was dran sein.“ Keela legte sich wieder hin und kuschelte sich an mich. „Dann halte mich mal gut fest, damit es nicht so viel wackelt.“ Ich nahm sie in den Arm und wir kuschelten uns aneinander. Dann schliefen wir noch mal ein.

    Als wir dann endlich aufstanden, war es schon Vormittag. Wir gingen in das Gebäude mit den Sozialräumen und duschten erstmal. Anschließend machten wir uns am Savana Frühstück, was wir dann dick angezogen draußen einnahmen. „Immer noch besser, als zu Hause.“ Lachte Keela. „Meinst du jetzt Sacramento oder Saint Paul?“ „Letzteres. Da liegt jetzt bestimmt reichlich Schnee.“ „Kann schon sein.“ „Da ist es in Kalifornien schon besser.“ Ich tippte ein bisschen im Smartphone und sagte dann: „Wir hätten ja auch zum Lake Tahoe fahren können. Oder zum Tioga Pass. Dort waren heute früh -9 Grad, am Lake Tahoe -6 Grad.“ „Lass mal. So ist das schon besser.“ „Auch gut.“ Ich schenkte uns noch mal frischen Kaffee nach und wir blickten in Ruhe über den Pazifik.

    Nach dem Frühstück gingen wir wieder etwas spazieren. Dabei genossen wir, dass wir mal Zeit zusammen hatten. Hätte Keela bei Charlie nichts gesagt, wäre ich jetzt wohl schon wieder mit dem Truck unterwegs. Wir genossen dann den Tag, den wir so noch zusammen hatten.
    Am späten Mittag suchten wir uns noch ein Lokal, wo wir noch mal in Ruhe zu Mittag essen konnten. Anschließend machten wir dann noch einen schönen Verdauungsspaziergang. Am Spätnachmittag packten wir dann aber wieder alles zusammen und fuhren wieder zurück nach Sacramento. An diesem Sonntag lief die Rückfahrt auch sehr entspannt.
    Den Abend verbrachten wir dann noch zusammen auf der heimischen Couch. Gegen zehn Uhr gingen wir dann aber ins Bett. Ich musste ja am nächsten Morgen wieder zeitig los.
    Schöne Grüße aus dem Sauerland

    657 mal gelesen

Kommentare 23

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    alaskabaer01 -

    Klasse Kapitel und Fotos. :)

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    infinity -

    Zusammen zum Camping :) Kommt mir bekannt vor... Heute hat mir dein Kapitel die Wartezeit auf der Zulassungsstelle verkürzt :D

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      TurboStar -

      Welche Wartezeit? :P Okay, war auch 20 Minuten da, aber hatte es mir schlimmer vorgestellt. Habe schon mehr Zeit auf Zulassungsstellen verbraten.

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      infinity -

      Ich hab 2 Stunden dort verbracht *kotz*. Aber was solls. Lieber heute als wie nen anderen Tag wo mir dann die Spätschicht im Nacken sitzt... Dein Tagebuchkapitel hab ich dort übrigens auch noch geschafft... :D

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      thespone -

      Ich lese Tagebuchkapitel mittlerweile meistens auch irgendwo unterwegs(an der Bushaltestelle, etc.). Erst Recht, wenn sie so lang sind, wie die von Marc :D

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    loddi51 -

    Schön geschriebenes Kapitel.

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    Viking1971 -

    Tja die Ameisenbären sind schon sehr gewöhnungsbedürftig aber toll im Verbrauch. Naja in Relation zum W900 versteht sich. Ein schönes Kapitel. :)

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    TurboStar -

    Und auch von Dir wieder ein tolles Kapitel. Das scheinen ja wahre Klangkünstler zu sein. Meines Wissens gibt es überhaupt keine V8 mehr in US-Trucks, weil die die kalifornischen Abgaswerte nicht geschafft haben, die in mehr als 10 weiteren Staaten auch gelten und dadurch die Nachfrage nicht mehr da war, sie in den übrigen Staaten noch anzubieten. Zumal die da dann auch kaum noch einer kauft, um sich nicht den Gebrauchtmarkt zu verkleinern, weil Staaten raus fallen.

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      Sauerlaender -

      Danke. Kann ja auch am Modder gelegen haben. ;) Auf der Website habe ich auch weder einen V8 noch generell eine Maschine mit 698 PS gefunden, wie die im Mod verwendet wurde. War Wahrscheinlich künstlerische Freiheit des Modders. :D Ein weiterer Grund den Mod nicht weiter zu verwenden.

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    Iceman684 -

    Schönes Kapitel, aber Gina fährt nicht nur regional.

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    Werner 1960 -

    Toll geschrieben.