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Kapitel 20 - Frontalzusammenstoß, Überschlag und die resultierenden Totalschäden

  • Nicht viel nach meinem Geburtstag war dann auch Javier dran. Ich revanchierte mich beim Geschenk unkreativ mit Tickets für die 76ers.

    Am 23.12. erheiterte mich ein Video, das Randy mir über WhatsApp schickte.
    "Eine schöne Bescherung aus Kalifornien!" Er war mal im Betrieb unseres Vaters unterwegs. Ein Arbeiter hatte scheinbar seinen Gabelstapler mit einer Rolle Papier auf dem Hof der Druckerei in die stabile Seitenlage gebracht. Den dilettantischen und zum Scheitern verurteilten Versuch, einen Fünftonner Stapler plus Papierrolle mit einem anderen Fünftonner aufzurichten, hatte unser Vater in seiner bekannt liebenswürdigen Art unterbunden, seine Schimpftirade war im Video nicht zu überhören. Besonders lustig war der Schalter in seinem Kopf, der mitten im Satz umschaltete auf die übliche Arroganz und Ignoranz gegenüber seinen niederen Angestellten, als sich die Motorhaube eines betriebsfremden Kenworth W900 durch die Einfahrt schob. Bloß nicht so wirken, als habe man die Kontrolle über sich selbst verloren.
    So war das aber nun mal, wenn man billige und ungelernte Arbeitskräfte nahm, um Geld zu sparen und billiger zu produzieren. Irgendwann bauten sie dann eben mal richtig teuren Mist. Der arme Kerl tat mir jetzt schon leid, denn der dürfte, wie ich unseren alten Herren kannte, pünktlich zu Weihnachten die Arbeitspapiere bekommen.

    Über Weihnachten war ich bei Javier und seiner Familie, seit Jahren das erste Weihnachten mit Familienanschluss und seit dem Austausch in Deutschland das erste, bei dem so was wie wirkliche Weihnachtsstimmung aufkam.
    Die Geschenke spielten da keine Rolle und es waren auch nur Kleinigkeiten nach den eher teuren Geschenken in Form von Eintrittskarten für hochkarätige Sportveranstaltungen zu unseren Geburtstagen. Generell beschenkte man sich bei den Noguerras nicht groß zu Weihnachten. Das war nur Verschieben von Sachwerten.
    Hier stand die Rückbesinnung auf die eigentliche Bedeutung des Fests im Vordergrund. Ich war zwar als Irischstämmiger und obendrein Nachkomme der ziemlich religiösen Pavee auch katholisch, aber dieser Aspekt war bei meinen Eltern wohl in Vergessenheit geraten. Ich erinnerte mich noch an die Kritik meiner Großeltern, dass meine Eltern sich zu sehr aufs Weltliche konzentrierten.

    Zwischen den Feiertagen gab es von Caterpillar nichts zu fahren. Der schon seit vor Weihnachten ungewöhnlich strenge Winter ließ mich aber auch darauf verzichten, für meine Einzelhandelsfreunde bei Costco oder Walmart zu fahren. Das Risiko, eine Menge Geld in den Graben zu setzen war deutlich größer als die zu erwartenden Einnahmen. Bei denen, die mussten oder sich trotzdem nicht scheuten, fanden sich genug Lastzüge kieloben in den Youtube-Videos ihrer Dashcams.

    Die Neujahrsnacht verbrachte ich traditionell mit den Freunden, was an sich Javier nicht ausgeschlossen hätte. Der verbrachte vom Arbeitgeber ausgeschlossen allerdings die Nacht in Phoenix, Arizona mit seinen Kollegen. Zwar hatte auch er durch die aus den Nachrichten und diversen Kabarett-Programmen berühmt gewordene Computerpanne bei American unbürokratisch und unkoordiniert Urlaub über die Feiertage bekommen, aber dummerweise nur über Weihnachten beantragt. Als der Fehler auffiel, war er natürlich sofort für Neujahr geblockt und eingesetzt.

    Der strenge Winter ließ das Geschäft im Nordosten der USA und Kanada fast zum Erliegen kommen. Brian schickte mich daher im Januar bis März vor allem wieder die Ostküste runter nach Carolina, Georgia, Florida, weiter am Golf in Richtung Mississippi und Louisiana und ins wärmere Landesinnere von Tennessee und Alabama.

    Apropos "strenger Winter", eine Meldung bekam ich dann aus einem Land, das dafür bekannt war, welche zu haben. Es war mal wieder nur ein Bild zur Eröffnung des Gesprächs. Und da konnte man vom Winter nicht viel sehen. Aber wahrscheinlich war der Hof nur gut geräumt.




    Du hattest Recht.
    Immer! Ich habe doch gesagt, dass Du in Kanada besser untergebracht bist.
    Hier ist es ja auch schöner.
    Wo ist hier? Das Nummernschild von Alberta erkenne ich gerade noch.
    Zu Hause ist Calgary. Das Bild ist aber in Edmonton gemacht.
    Fährst Du jetzt dem Sleeper nach zu urteilen Langstrecke?
    Das gilt bei Walmart als nicht verteilender Nahverkehr. Ist aber schon recht weit. Alberta komplett, Saskatchewan Manitoba alles zwischen Highway 16 und US-Grenze. Nach dem Winter bekomme ich auch British Columbia zwischen 16er und US-Grenze dazu. Mountain Experience soll ich aber nicht im Winter machen.
    Und das soll Kurzstrecke sein?
    Ja. Langstrecke wäre Kanada und USA komplett und keine Garantie, am Wochenende zu Hause zu sein. Unter mir sind die City Driver genannten Tagesfahrer, die keine Sleeper haben. Die kommen jeden Abend nach Hause, aber Calgary-Edmonton und zurück fahren die auch locker mal. Ich selbst bin am Ende des 70er Cycle immer und oft zusätzlich eine Nacht dazwischen zu Hause.
    Das ist aber nicht Walmart direkt? Die fahren doch Freightliner.
    Nein, Meridian Transport. Ein Subunternehmer aus Calgary. So richtig mag ich das Ding nicht, aber besser als ein Cascadia ist er auf jeden Fall, wenn es schon rund sein muss. Volvo bleibt wohl ein ewiger Traum und einen eckigen bekommt man bei Walmart-Subs erst recht selten. Aber wie Du mir schon empfohlen hast, besser Kanada mit dem falschen Truck als gleich im für mich falschen Land.
    Ihr immer mit Volvo. Scheint ja so ein deutsches Ding zu sein. Ich habe ein paar deutsche Abonnenten auf Youtube und die fragen auch immer, warum ich keinen Volvo gekauft habe.

    Ja, ich hatte inzwischen einen Youtube-Kanal. Genauer gesagt zwei Kanäle. Als "BKR Truck Driving", was meine Initialen Brandon Kieran Ridley waren, stellte ich in einem Trucker-Vlog Mitschnitte von Dashcam und Gopro während der Fahrt sowie Fragen & Antworten und Kommentare kommentieren auf Truckstops online.
    Zwar lag meine Zeit als Assassin's Creed Spieler eine Weile zurück, aber passend zu den Spitznamen von Caleb, Jamie, David und Hayden aus dieser Spieleserie fiel meine Wahl dank meines inzwischen auch sehenswerten Geschicks mit den Messern auf den Schwertkämpfer Malik aus Teil 3, mein zweiter Kanal hieß "Streetclimber Malik" und beschäftigte sich mit unseren Ausflügen als Explorer und ein Bisschen Schattenkämpfer-Show mit Ka-Bar und Kunai.

    Das Jahr hatte schön begonnen, zumindest in den ersten 10 Wochen. Ich war an sich jedes zweite oder dritte Wochenende zu Hause, unterwegs klappte es ab und zu, dass ich Javier für eine Nacht oder ein Wochenende in der Ferne treffen konnte. Und dann stand Ostern vor der Tür. Mittwochmorgen klingelte mein Telefon. Selten genug dank der umfangreichen Kommunikationsmöglichkeiten in Isotrak war mein Dispatcher dran.
    "Guten Morgen Brian." "Ich sehe, Du bist schon unterwegs. Immer wieder schön, Euch allen beim Arbeiten zuzuschauen." "Sehr witzig." "Ich werde Dich am Donnerstag um die Mittagszeit in Philadelphia haben. Wann willst Du denn nächste Woche wieder los?" "Kann ich Dich zurück rufen? Alleine rum sitzen habe ich keine Lust und muss erst mal sehen, wer von meinen Freunden wann Zeit hat." "Okay." Karfreitag war kein Feiertag in Pennsylvania, aber viele Betriebe arbeiteten trotzdem nicht. Daher war auch weniger zu transportieren, besonders in unserem Bereich. Es war vor allem ein Tag zum Einkaufen.

    Der erste Anruf ging natürlich an Javier, der zum Glück gerade erst auf dem Weg zum Flughafen in Kansas City war.
    "Hallo Brandon. Hast Du Sehnsucht nach mir?" Wir hatten vor einer halben Stunde erst aufgelegt. "Ja. Vor allem am Wochenende. Ich habe eben endlich erfahren, dass ich Donnerstagmittag ankomme und mir aussuchen darf, ob ich am Montag oder Dienstag wieder los muss." "Ich habe nachher vorgezogenes Wochenende, aber schon verplant. Es soll 70 °F warm werden, da wollen wir am Donnerstag und Freitag die Kajaksaison einläuten." "Schade."
    "Es wäre manchmal schön, wenn ich früher wüsste, wann Du nach Hause kommst." In letzter Zeit hatte sich da wenig getan, meine einzelnen Frachten waren immer noch eher kurz. "Ich habe einen Nachtflug nach Salt Lake City auf Sonntag. Freitagabend kannst Du mich besuchen kommen, entweder nach der Kirche und wir gehen zusammen hin. Samstag früh fahren wir dann zu meinen Eltern. Nach dem Mittagessen geht es zurück in meine Wohnung und dann müsste ich Dich bitten, zu mir ins Bett zu kriechen oder leider wegschicken." Wenn ich tagsüber bei ihm schlafen würde, wäre ich richtig aus meinem eigenen Ablauf raus, der von Arbeit am Tag ausging. Andererseits blieb mir dann ja noch der Sonntag, um das auszugleichen.

    Danach telefonierte ich noch den Rest ab. Die Studenten waren zum Spring Break in die Karibik verreist, die arbeitende Bevölkerung musste am Montag auch wieder genau das tun. Hayden wollte, wie so oft, wenn kein anderer von uns Zeit hatte, seinem alleinigen Hobby Trainsurfing nachgehen. Also sagte ich Brian, dass ich auch wieder Ostermontag los wollte.

    Abends, als wir wieder telefonierten, stellte mir Javier die Gretchenfrage:
    "Brandon, sei bitte ehrlich. Bist Du Streetclimber Malik?" "Ja." Wie auch immer er darauf gestoßen war. "Ich weiß ja, dass Du irgendwo rum kletterst und bin selbst Risikosportler, aber ganz ehrlich. Das ist mir zu krass." In der Tat war ich in letzter Zeit risikofreudiger und vor allem zeigefreudiger geworden.
    Das mit dem Risiko mochte teilweise daran liegen, dass ich seltener los zog und daher die Intensität der Erlebnisse erhöht hatte, aber dennoch auch daran, dass ich routinierter und damit sicherer wurde und mir mehr zutraute. Das mit dem Zeigen war eigentlich eher eine Kamerasache. Man konnte durch den Schnitt noch mal einiges raus kitzeln, was eigentlich gar nicht so wild gewesen war, wie hinterher der fertige Film vermuten ließ.
    "Das sieht vieles aber auch nur so aus. Liegt am Kameraschnitt." "Dann schneide anders oder stell den Channel bitte ein. Mir zuliebe. Ich halte das nicht aus, mir so was anschauen zu müssen." Dann sollte er es sein lassen. Ich suchte ja auch erst gar nicht nach Videos von Kanuten im allgemeinen oder ihm im speziellen. "Lass uns das bitte am Freitag oder Samstag besprechen." Ich wollte an sich den Kanal nicht wieder einstellen. Auch der hatte so seine Abonnenten und es hatten sich schon nach wenigen Wochen tolle Schreibfreundschaften mit Explorern aus aller Welt ergeben.
    "Bist Du jetzt sauer?" "Ein Bisschen. Du fährst irgendwo mit dem Kanu rum und ich weiß nicht, was abläuft. Ich filme was und soll aufhören, weil Du es siehst." "Wenn bei mir was schief geht, bin ich nass. Wenn bei Dir was schief geht, bist Du ein Fleck auf dem Boden. Und wenn ich wirklich Risiko gehe, dann ist das bei Rennen, wo Rettungsschwimmer und Sanitäter bereit stehen, um sofort einzugreifen."

    Ich hatte am Donnerstag die Planierraupe abgeliefert, war zu meiner Halle nach Roxborough-Manayunk gefahren, hatte den Truck gereinigt und abgestellt und ausgeräumt. Alles, was nach Hause musste, war in meinem Chevy und ich fuhr vom Hof. Die Strecke war 7 Meilen lang, aber ich schaffte keine 3. Ein Linksabbieger versuchte es mal noch schnell, aber sein aufgedonnerter Honda Civic fuhr nicht halb so fast und furious an wie er aussah. Und als nächstes landete ich in einem weißen Aufblaskissen. Immerhin brauchte ich mich um nichts zu kümmern, denn die Staatsgewalt war zufällig hinter mir her gefahren.
    "Sind Sie okay?" "Ja, Sir!" Dann ging der Polizist zum Streifenwagen zurück. "Verkehrsunfall Blue Bell Hill, Walnut Lane and Daniel Street. Keine Verletzten, zwei Abschleppwagen erforderlich." Danach mussten sowohl der wenige Meter vor seinem Elternhaus gescheiterte Knabe als auch ich mit zur Wache, unsere Aussagen zu Protokoll geben.
    Er stieg ins SUV seiner Mutter und ich ließ mir ein Taxi kommen. In der Werkstatt sahen wir uns wieder. Er beweinte, als ich ankam, schon seinen Honda, den ich im hinteren Bereich der Beifahrerseite erwischt hatte. Mit einem Mechaniker ging ich zu meinem Chevy Sonic.




    Auf meine kurze Twittermeldung von dem Schrotthaufen musste ich Randy schnell schreiben, dass mir nichts passiert war. Von Javier kam nichts, aber der war vermutlich gerade im Wasser, hoffentlich mit Boot dazwischen.

    "Da ist leider nicht mehr viel zu machen. Der Längsträger ist schon angestaucht, dadurch ist die Vorderachse krumm, der Motor aus einigen Halterungen gerissen. Die Reparatur ist teurer, als das Ding wert ist." "Wundervoll. Dann bleiben mir wohl nur Ausräumen und die Unterschrift unter dem Verschrottungsbeleg?" "Könnte man so sagen." Der Erlös aus dem Auto, an dem noch eine Menge gute Teile waren, ging natürlich an die gegnerische Versicherung.
    Ich sollte mein Geld dann von denen bekommen. So lange wollte ich aber nicht warten. Und ich überlegte, während ich im Taxi nach Hause gefahren wurde, womit ich denn in Zukunft so herum fahren wollte. Da Javier mir meinen Nervenkitzel als Explorer und Streetclimber nehmen wollte, kam mir eine Idee, wie sich mein Adrenalinpegel in Anwesenheit von Sanitätern und bei organisierten Veranstaltungen korrigieren ließe. Dazu brauchte ich aber ein Fahrzeug, das einen Anhänger ziehen konnte und in dem man wohnen konnte. Das beschränkte es auf wie ich erst dachte zwei Klassen. Van und Extended SUV.

    Zu Hause fing ich an im Internet nachzuforschen. Beides gefiel mir aber nicht. Die Extended SUV wie Javiers GMC Yukon waren nur Behelfs-Camper. Man konnte alles rein packen und drin schlafen, aber leider nicht mehr. Für Tisch und Kochstelle musste man draußen ein Zelt aufbauen und bei Wind und Wetter außerhalb des Fahrzeugs ausharren. Außerdem musste man aus dem Rucksack und der Reisetasche leben.
    Ein Van war zwar in der Hinsicht besser, da man dort meistens das Bett für den Tag in eine kleine Sitzgruppe umbauen konnte. Außerdem hatten die einen fest verbauten Herd und ein paar Schränke. Allerdings waren die dann im Alltag untauglich, weil man dauernd mit dem Hausstand durch die Gegend fuhr. Wehe man wollte dann mal einen Satz Reifen holen oder so. Den musste man dann unters Bett und vor den Küchenschrank verstauen, nur um hinterher trotz aller Maßnahmen Dreck auf dem Teppich zu haben. Außerdem fand ich diese Kartons mit Rädern dran hässlich und spießig. Campervans waren was für Rentner, die der Sonne hinterher reisen, um vor dem Rheuma zu flüchten.
    Und dann fand ich eine Alternative, die mir sofort gefiel. Ich konnte ein für meinen Geschmack schickes Auto fahren, bei Bedarf große Dinge transportieren, einen Anhänger ziehen und innerhalb von Sekunden einen reisefertigen Camper draus machen. Und teurer als ein Campervan auf Basis Chevrolet Express, Ford Econoline oder dem obendrein nicht mehr so ganz taufrischen Dodge Ram Van war es am Ende auch nicht. Und ich musste nicht gleich alles zusammen kaufen sondern konnte die Wohneinheit später nachkaufen.

    Während ich einen neuen fahrbaren Untersatz suchte, meldete sich Javier und fragte auch, ob ich wohlauf war. Da er kaum Netz hatte, konnten wir uns nur ziemlich verzögert auf Whatsapp schreiben.

    Leider war das, was ich mir ausgesucht hatte, die gefragteste Fahrzeugklasse der USA, also waren gerade hier in der Großstadt Angebot und Nachfrage im Missklang. Alle wollten so ein Ding, aber der Gebrauchtmarkt gab keine her, entsprechend hoch waren die Preise. So schickte mich das Internet schließlich bis zu Troutman's Chevrolet in Millersburg. Ein Anruf ergab, dass das Fahrzeug noch da war und ich ließ es bis morgen früh reservieren. Das Geld musste ich leider aus der Firma abziehen, aber ich konnte schlecht mit dem Peterbilt 579 im Alltag rum fahren.

    Problematisch war nur, ans Ziel zu kommen, ohne dafür ein eigenes Fahrzeug zu benutzen. Ich musste also mit SEPTA Regional zum Bahnhof an der 30. Straße und dann dreieinhalb Stunden mit einem Amtrak-Zug nach Harrisburg. Dort konnte ich dann eine nicht eben preiswerte und 24 Meilen lange Taxifahrt antreten. Hier in den höheren Bergen und schmalen Tälern lag sogar noch Schnee.
    Beim Händler stand mein mögliches neues Auto schon bereit. Ich sah mir alles genau an, fand keine Mängel und für das Alter von 6 Jahren auch eher wenige Gebrauchsspuren. Also unterschrieb ich den Kaufvertrag und der Händler nahm meine fehlenden persönlichen Daten auf, schickte die Ummeldung an PennDOT, das Verkehrsamt des Bundesstaates. Mit der vorläufigen Zulassung konnte ich den Wagen fahren, den umgeschriebenen Fahrzeugbrief und die endgültige Zulassung bekam ich dann mit der Post nach Hause. Also kletterte ich in mein neues Auto, denn nun ging es nicht mehr nach unten auf den Fahrersitz sondern nach oben.




    Der Marke war ich treu geblieben und für hiesige Verhältnisse war der Silverado 1500 Extended Cab auch ein ganz normales Auto. In Europa mochten sie ja anderer Ansicht sein, aber der GM Smallblock V8 hieß nicht umsonst "der Motor, der Amerika bewegt". Besonders mit dem klassischen, aber seit 2005 nicht mehr hergestellten Hubraum von 5,7 Litern war er vom Motorrad "Boss Hoss" über PKW, SUV, Vans und Sportwagen bis hin zu Lastwagen, als Bootsmotor und sogar Flugzeugmotor ebenso zum Einsatz gekommen wie als stationärer Stromerzeuger. Das Exemplar in diesem Pickup hatte 5,3 Liter Hubraum und 315 PS. Wenigstens hatte der Motor dieser Generation Zylinderabschaltung.

    Javier war nördlich von Allentown, wie mir die Handyortung verriet. Das war nur eine halbe Stunde Umweg, also beschloss ich spontan, mal da vorbei zu fahren. Die Warnung vom Navi bestätigte ich mit OK, denn das Ziel konnte nur mit geländegängigen Fahrzeugen angesteuert werden.

    In der Tat ging es schließlich auf einen unbefestigten Waldweg und ich musste den Allradantrieb zuschalten. Drei SUV, darunter Javiers GMC Yukon XL, verrieten mir, dass ich am Ziel war. Das letzte Stück musste ich laufen. Es war manchmal sehr aufschlussreich, wenn man irgendwo unangemeldet auftauchte. Und noch aufschlussreicher war es, wenn man nicht sofort auftauchte. Die Gruppe von 5 Leuten war mit ihren Kanus auf dem See und sie schienen absichtlich zu kentern und sich wieder aufzurichten. Quasi als Wettbewerb, wer es öfter konnte. Zumindest waren ihre weithin hörbaren Rufe
    "Eins - zwei - drei - vier!" das Mitzählen der Rollen.
    "Du willst nicht ernsthaft 5 versuchen?" "Doch!" Derjenige, der das wollte, war Javier. "Du erzählst am Feuer, dass Dir übel wird, wenn Du Deinen Freund auf alten Fabrikhallen rumklettern siehst? Stell Dir mal vor, der langweilt sich, kommt uns besuchen und sieht Dich in 45 °F kaltem Wasser 5 Eskimorollen machen." Da brauchte man sich nicht viel vorzustellen, er stand hinter einem Baum. "Kommt er aber nicht. Der hat gerade nicht mal ein Auto und wenn doch, dann hat er sicher wieder so eine Straßenwanze gekauft und bleibt auf dem Weg hier rauf nur stecken!"
    "Trotzdem! Lass den Quatsch! Du brauchst uns nichts zu beweisen. Okay, ich habe auch 4 geschafft, aber trete auf keinen Fall für 5 an!" "Das ist nicht das gleiche, als würde man eine mehr schaffen!" Javier stach mit dem Paddel ins Wasser und kenterte. Als er wieder rauf kam, rief sein Gegner, der aufgegeben hatte: "Du kriegst von den schnellen Wechseln 25 °F rauf und runter zwischen Luft und Wasser nur Krämpfe!"
    Die vierte Rolle hatte schon länger gedauert als die vorherigen, bei der fünften blieb das Boot kopfüber treiben.
    "Verdammt! Der kommt nicht rum!" Zwei der anderen kenterten ihre Boote absichtlich und tauchten kurz danach schwimmend auf. Sie kraulten zu Javiers Boot und begannen, es aufzurichten. Mein Freund kippte leblos vornüber, als es sich endlich drehte.
    Ich lief aus dem Wald runter ans Ufer. Eine Sicherung war bei mir durchgeknallt, daher stand die Sorge um ihn gerade hinter der Wut auf ihn an zweiter Stelle:
    "Mir wird echt übel! Das ist also Deine Art, nur nass zu werden? Ich glaube, wir müssen mal sehen, wer hier zum Fleck auf dem Boden wird!" Die beiden anderen waren ans Ufer gepaddelt und aus ihren Booten ausgestiegen. Sie drehten sich um, sahen wohl eine männliche Furie aus dem Wald rennen und hielten mich mal prophylaktisch fest. "Wer bist Du?" "Der Straßenwanzenfahrer, der nicht hier her kommt, sondern sich zu Hause langweilt, weil er nicht auf alten Fabrikhallen rumklettern soll!" "Also Javiers Freund?" "Ich dachte wenigstens bis eben, dass ich das wäre. Ich komme mir gerade eher wie seine persönliche Witzfigur vor - und reichlich verarscht!"
    Im Hintergrund klappte Javier die Augen wieder auf und hustete erst einmal. Dann sah er mich:
    "Brandon? Was suchst Du hier?" Suchen? Dich, Du Pfeife! "Das frage ich mich auch gerade! Eigentlich meinen Freund, gefunden habe ich aber nur ein leichtsinniges, selbstgefälliges Arschloch!"
    "Du gehst jetzt besser, glaube ich." "Das glaube ich auch! Sonst überlebt der diese Nummer am Ende doch nicht!" Ich drehte mich um und stapfte zu meinem Auto. Der eine Kanute kam mit: "Ich bin mir sicher, es tut ihm leid, was passiert ist." "Das ist mal das Mindeste. Mir einen Risikosport verbieten und dann selbst absaufen ist Vertrauensbruch im Bereich Level 3 bis 4! Meine Telefonnummer hat er. Wenn er wieder mehr Luft als Wasser in den Lungen hat, kann er sich gerne melden. Aber gib ihm den Tipp, dass das Wörtchen "Entschuldigung" in seinem Anruf dann besser sehr weit vorne vorkommen sollte!" Damit stieg ich in meinen Silverado, knallte die Tür zu und donnerte Schlamm spritzend den Waldweg zur Straße runter.

    Am Samstag meldete sich Javier schon mal nicht. Ich kaufte die notwendigen Dinge ein und machte ein Bisschen Bürokram.

    Der Sonntag begann mit Kirche. Der Ostergottesdienst bei Sonnenaufgang war doch immer wieder ein besonderes Erlebnis. Nach den Ereignissen seit meiner Rückkehr nach Philadelphia war mir danach, aber auch der weitere Verlauf des heutigen Tages verlangte nach göttlichem Beistand, wenn ich ehrlich war.
    Gegen 9 Uhr traf ich mich mit David und Jamie. Wir wären eigentlich mit Jamies Ford Explorer gefahren, weil das zu dritt bequemer gewesen wäre. Aber sie nötigten mich dazu, doch mein neues Auto vorzuführen und so saß ich am Steuer meines Pickup. Unser Ziel war die alte Langwellen-Sendeanlage NSS Annapolis. Ich hatte mich erst einmal im Internet informieren müssen, was das war
    NSS Annapolis – Wikipedia

    Ich war noch nie auf einem Sendemast gewesen. Die Dinger waren mit 800' auch nicht gerade kleine Vertreter ihrer Zunft für den Einstieg. David streamte live und nahm sein von uns liebevoll "Sprengstoffrucksack" genanntes Gebilde in Betrieb. Es steckte in seinem Rucksack und bestand aus einem Handy als Sender, einem Webbook mit der Gopro-Software, einem dicken Akkupaket für die beiden Geräte und den Verbindungskabeln, zusammengehalten von Klebeband und Kabelbindern. In der Tat sah es mehr nach Sprengsatz aus als nach mobiler Multimediaausrüstung. Jamie und ich setzten uns nur unsere Stirnhalterungen für die Gopros auf.

    David gab mir die entscheidende Anweisung:
    "Tuch vor den Mund, ich streame jetzt." Dann kommentierte er entsprechend: "So, Malik ist vermummt, also kann es los gehen. Wir wollen nach da oben." Der Mast, den wir uns ausgesucht hatten, stand frei und nur das Gitter in der Leiter und die Stacheln um die Beine sollten uns am Aufstieg hindern. Allerdings taten sie das nicht wirklich, die Stacheln waren an den Beinen ohne Leiter eher ein Alibi, denn da würde sowieso keiner hoch steigen.
    In der Tat waren das Kraft raubende 110' bis wir über einen Querträger zur Leiter kommen konnten. Also machten wir auf der Plattform eine Pause und setzten uns hin, damit man uns nicht sehen konnte.
    "So, der erste Abschnitt wäre geschafft, wir sind auf dem Turm und an der Leiter. Bleiben noch fast 700' bis zur Spitze. Wir werden wohl 20 bis 30 Minuten rum dafür brauchen." Dann ging es weiter nach oben.

    Es wurde in der Höhe tatsächlich immer anstrengender, die Leitern zu steigen. Man brauchte da hoch schon Ausdauer. Aber irgendwann waren wir oben auf dem Umlauf und setzten uns wieder hin. 800' ergaben eine tolle Aussicht über die Chesapeake Bay, nach Westen konnte man die Landmarken von Washington erkennen, besonders das Kapitol.
    Wenn man so weit oben war, dann sollte es nicht an den letzten paar Fuß scheitern. Also stiegen wir einer nach dem anderen auf die Befestigung an der Spitze, wo früher die Kabel der Schirmantenne zum in der Mitte positionierten Hauptmast festgemacht waren. Dieser 1200' hohe Mast war wie auch die anderen 6 kleinen abgebaut worden. Man konnte auf dem ca. 1 sqft. großen Ding gerade so bequem stehen. Jamie packte schließlich eine Drohne aus und flog um sich selbst herum und auch um uns, wie wir ganz da oben standen.
    Es war dieses Gefühl der Freiheit, um das mich Javier bringen wollte. Ich war ganz oben und es war großartig da. Ich breitete die Arme aus und sah bestimmt nachher auf dem Drohnenvideo aus wie Cristo Redentor in Rio de Janeiro, passend zu Ostern.
    David saß auf der Wartungsplattform und scrollte durch seinen Livechat.
    "Das waren dann wohl unsere Koordinaten. Vielen Dank, jetzt wissen wir wenigstens, wo wir sind und alle anderen 600 Zuschauer auch. Abstieg!" Die Anlage gehörte auch 20 Jahre nachdem sie abgeschaltet war, noch der Navy. Und die war wie alle Truppenteile nicht erfreut, wenn man auf ihrem Eigentum herum kletterte.
    Zum Glück ging es runter immer schneller als rauf. Nach 20 Minuten war ich als letzter noch am Turm, stand auf der Absperrung mit dem Dornenkranz. Dann ritt mich der Teufel, besonders hoch war es nicht mehr, auch Jamie und David waren gesprungen, das war ungefährlicher als um die Dornen herum zu klettern. Ich breitete aber die Arme aus wie eben und sprang danach erst ab, machte eine Rolle und blieb dann mit wieder ausgebreiteten Armen 3 Yard vor Jamie stehen. David hatte seine Ausrüstung mittlerweile in den Rucksack gepackt, Jamie und ich nahmen die Gopros ab und steckten sie in die Jackentaschen. Dann gingen wir zum Auto.

    In einem Fastfood-Restaurant tauschten wir unsere Daten von den Kameras aus und dann fuhr ich die beiden nach Hause und dann zu meiner eigenen Wohnung. Hier begann ich, die Videos zu sichten und zusammen zu schneiden. Ich hatte nie die Absicht, von dem Turm zu springen, aber dennoch war meine Stimmung schlecht.
    Also nahm ich als Tonspur "I believe I can fly" von R. Kelly und begann zu schneiden. In der ersten Strophe kamen Szenen vor, wie wir die Sperren überkletterten, durchs Fachwerk aufstiegen und uns auf die erste Plattform zogen. Im Refrain scherzten wir herum. Dann kam in der zweiten Strophe der weitere Aufstieg, im zweiten Refrain gab es dann den Ausblick von oben. Danach wurde die Melodie ja gleich dramatisch. Ich zeigte erst einmal meine Freunde, wie sie oben auf der Spitze standen, dann mich selbst, wie ich drauf kletterte. Beim letzten "spread the wings and fly away" nahm ich die Szene, wo ich die Arme ausbreitete. Danach folgten zu den immer dramatischer gesungenen "I can fly" die Szenen, wo Jamie mich mit der Kamera dauernd umflogen hatte. Beim Klaviersolo schnitt ich ohne eine einzige Szene vom Abstieg um auf den Moment, wo ich mit ausgebreiteten Armen auf dem Dornenkranz stand und sprang zum letzten Akkord des Solos ab. Beim "Fly, fly, fly!" des Hintergrundchors tauchte dann der Mast im Hintergrund auf und mit dem letzten Ton des Liedes stand ich vor Jamie auf der Wiese.

    Das Video war keine 10 Minuten online, als mein Handy klingelte.
    "Hallo Bruderherz. Wie geht..." "Brandon! Mach so einen beschissenen Filmschnitt nie, nie, nie, nie, nie wieder! Mir war klar, dass Du heile wieder unten angekommen bist, weil mich David sonst bestimmt angerufen hätte, dass Dir was passiert ist. Trotzdem weiß ich jetzt, wie sich ein Herzinfarkt anfühlen muss. Was ist los?" Ich erzählte ihm von Javier und seinem Verhalten.
    Geduldig hörte er zu.
    "Das tut mir leid. Ist aber auch echt eine harte Nummer. Und er hat sich immer noch nicht gemeldet?" "Nein. Nicht aus dem Krankenhaus, wo er über Nacht war, nicht gestern von zu Hause. Er ist in der Nacht mit Zwischenstopp nach Salt Lake City geflogen, hatte da den ganzen Tag Pause und ist jetzt wieder auf dem Rückflug. Zeit wäre also heute Morgen gewesen und selbst als ich auf dem Turm war und mein Smartphone im Auto lag, wären zumindest meine Anrufliste und meine Mailbox für ihn da gewesen."

    "Wann musst Du wieder los?" "Morgen früh um 8." "Okay. Wenn Du mich sehen willst, sag bescheid. Ich habe die Woche noch Spring Break und kann irgendwo hin fliegen." "Erst einmal abwarten, wie es nun weiter geht. Aber Danke." "Dazu sind Brüder doch da."

    Mit dem beruhigenden Gefühl, dass Randy wie immer für mich da war, ging ich ins Bett. Mal sehen, was Brian morgen früh mit mir vor hatte.

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Kommentare 14

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    infinity -

    Schönes Kapitel. I believe I can fly - ein passender Titel. Den könnte ich für heute in RL auch ansetzen... wir waren mit dem Team endlich mal wieder für 10km auf dem Wasser.

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      TurboStar -

      Danke - auch die Bootssportsaison eröffnet? :)

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      infinity -

      Jo. Wir waren zwar im Januar schon einmal draußen, danach ist die Wakenitz aber zugefroren. Jetzt geht es wieder los mit dem Drachenboot. Mit'm Kajak will ich diesen Monat auch noch los.

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    Sauerlaender -

    Schönes Kapitel von dir. Nettes neues Fahrzeug von dir. Bin selbst auch schon am überlegen, ob mein nächster PKW nicht vielleicht ein SUV oder Pickup wird. Ich kann mich im Moment noch nicht so wirklich zwischen Muscle Car, SUV oder Pickup entscheiden.

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      TurboStar -

      Danke. SUV und Pickup hattest Du ja bisher eher nicht auf dem Schirm. Kommt halt drauf an, was Du machen willst. Von zu Hause zur Halle und via Supermarkt zurück, am Wochenende einen Ausflug reicht Dir ein Muscle Car und sieht dabei sicherlich auch noch am besten aus.

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      Sauerlaender -

      Für den Bereich Camping haben wir ja auch noch den Savana. Falls es Marc irgendwann zeitlich mal schafft, den Führerschein zu machen, vielleicht auch noch ein zweites Bike. Das Problem ist zum teil, wie ein Amerikaner zu denken. Persönlich mag ich SUV nicht wirklich und Pickup sind eigentlich für mich auch eher unpraktisch. Aber als Amerikaner sieht man das etwas anders. Mal sehen, was es letztlich wird.

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      Iceman684 -

      Hauptsache du besorgst dir nicht wieder ne Opa Karre, sonst mault Keela wieder. ;)

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    loddi51 -

    Wieder ein schön geschriebenes Kapitel.