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Kapitel 162 - G7-Konferenz

  • Erste Oktoberwoche

    Meine erste Amtshandlung wurde es, den Außendienst von MAN einzubestellen. Immerhin wollten hier gleich zwei Leute so einen Truck. Andererseits erkundigte ich mich für eine kleine Gemeinheit gegenüber Timo in einem Internetforum nach einem nicht eben kleinen Requisit.

    Der Alltag lief die Woche über so vor sich hin. Lewis bekam seine praktische Ausbildung, der Rest war Routine. Luke war inzwischen wieder unterwegs, mangels eigener Zugmaschine erst einmal mit dem alten FH16. Als er sich in der inzwischen dritten Woche morgens die Papiere holte, meinte er:
    "Schöner Truck. Würde ich ja am liebsten öfter fahren. Schenkst Du ihn mir?" "Nur wenn Du mir einen Iveco Turbostar oder Serie T schenkst."
    "Bau erst mal Deinen BMW auf. Der steht da unten rum, wie Du ihn vor fast einem Jahr aus Estland mitgebracht und in einem kurzen Anfall von Arbeitswut zerlegt hast." "Arbeitswut ist gut. Die habe ich eher hier oben ausgelebt seitdem. Aber ich glaube, alte PKW sind doch nicht mein Ding. Schönes Auto weg und Bella Macchina herbei? Idealerweise auch in besserem Zustand als der BMW." "Das wäre ein Fortschritt, den ich durchaus unterstützen würde." Damit war er weg.
    Nach einem kurzen Strohfeuer hatte mich der BMW wirklich nicht mehr gereizt. So wie mich auch PKW-Treffen wenig reizten. Irgendwie waren wohl doch LKW meine Welt. Die Zeit war gut, Restaurationsobjekte zu verkaufen. Im Frühjahr wollten immer alle fahrbereite Autos, um die Saison mitzunehmen. Im Herbst wurden für Restaurationsobjekte bessere Preise gezahlt, damit man den Winter dran arbeiten konnte, wenn man sowieso nicht fahren wollte.

    Am Nachmittag kam der Vertreter von MAN. Timo sollte ein Neufahrzeug bekommen in Standardausführung. TGX XXL 26.500 mit D26-Maschine und Vorlauf-Liftachse, das war hier so das obere Ende vom Standard und mit 5 bis 6 Wochen Lieferzeit ganz gut verfügbar. Zwar wurde der erst noch gebaut, aber dieses Modell war wegen der guten Absatzzahlen in Großbritannien und Irland als Rechtslenker "auf Vorrat" in München in die Fertigung eingeplant und der bei Bestellung nächste noch nicht verkaufte, der fertig wurde, war dann eben unserer.
    Für Luke wurde es ein beim Händler noch nicht zugelassen herumstehender 26.480 XLX D26 Euro 6 von vorm Facelift, logischerweise auch als 6x2/4 fürs Finanzamt. Der hatte den charmanten Vorteil, dass er in Dundee bei einem Händler stand und innerhalb von knapp einer Woche hier sein sollte. Das Pure Black Metallic sah nach meiner Erinnerung ganz toll aus, würde er aber nur ein paar Wochen fahren. Sobald Timos Maschine auch da war, sollte Luke eine Woche freigestellt werden und beide synchron lackieren. Dann musste doch mal wieder Davey in der Zeit nach Hull pendeln.
    Damit begann in der Firma aber noch ein weiterer Umbruch. Während Luke noch mal die Zahnräder wunschgemäß von Hand umrühren durfte, hatte Timo keine Wahl mehr - seinen Facelift Euro 6 gab es nur noch mit Automatik, die erste Zugmaschine bei der Ltd. ohne Schaltknüppel.

    Außerdem nahm ich Luke beim Wort und setzte den Alpina B9 in die üblichen Magazine und Websites wie Classic Car Magazine, Classic & Sports Car und Car and Classics. Als kleines Gimmick bei solchen zerlegten Projekten bot ich Anlieferung wettergeschützt frei Haus an eine LKW-Laderampe an. Wer hat, der hat. Denn viele schreckten zu Recht davor zurück, eine offene Karosse auf einem erst noch zu beschaffenden Anhänger quer durch den britischen Herbst zu fahren und meistens für die ausgebauten Teile noch einen Kastenwagen als Zugfahrzeug dazu mieten zu müssen.


    Zweite Oktoberwoche 2017

    Am Montag erreichte mich ein überraschender Anruf. Erst einmal erreichte er nicht mal mich, sondern Lewis, der sich erst einmal ordnungsgemäß meldete:
    "KFL Intertrans, Sie sprechen mit Lewis Thomson." Danach entgleisten ihm die Gesichtszüge und er wurde ziemlich bleich. Er schaffte es irgendwie, die Stummschaltungs-Taste zu drücken: "Ricky, wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist hier Andrew Tinkler von Eddie Stobart dran. Ist der nicht Konzernvorstand bei denen?" "Ja. Stell ihn mal durch."
    Nachdem ich mit Mister 200 Prozent, wie ihn die Fernsehserie dargestellt hatte, schon im April auf dem Evesham Truckfest Bruderschaft getrunken hatte, konnte ich Lewis gleich noch mal dumm gucken lassen.
    "Eric Kaiser-Leighton hier, Hallo Andrew." "Hallo Eric. Ich habe gerade an Dich und Deine Truppe gedacht. Es geht ja auf Weihnachten zu." Ja, nur noch zweieinhalb Monate bis da hin. "Das ist mir nicht entgangen." "Wir sind in der Zeit immer auf der Suche nach zuverlässigen Subunternehmern. Wir kennen Deine Firma zwar noch nicht als Dienstleister, aber Eure Rangiermanöver mit Zollstock haben mich damals beeindruckt. Wie sieht es denn aus mit Kapazitäten in den kommenden Wochen?"
    "Müsste ich mit unserer deutschen Niederlassung klären. Unsere Fahrzeuge sind theoretisch ausgelastet. Praktisch fahren in Deutschland aber welche in der chemischen Industrie und da lässt es in den Winter rein dann langsam nach. Wenn wir dort Maschinen in den Stückgutverkehr abziehen können, dann werden hier Kapazitäten frei, die wir in Eurem Auftrag bereitstellen könnten." "Wie viel wäre das ungefähr?" "Ich denke mal, dass wir 2 Maschinen frei kriegen sollten. Wenn ich selbst mir den Ur-FH Showtruck schnappe, dann auch 3." "Nicht viel, aber besser als nichts. Wir nehmen gerne noch mehr. Aber schon klar, Ihr müsst ja auch Euren eigenen Kundenstamm bedienen." "Eben. Ich melde mich in den nächsten Tagen mit der endgültigen Zahl. Vielleicht bekommen wir noch ein paar Partner mobilisiert, unsere Leistungen zu fahren." "Was habt Ihr eigentlich für ein EDV-System?" "Hier in Deeside haben wir Isotrak." "Das ist ja ideal. Trailer mit GPS oder nur die Zugmaschinen?" "Trailer teilweise, aber ausreichend viele." "Wenn Ihr uns die Trailer zur Dispatch und für unsere Maschinen überlassen würdet, integrieren wir die Fahrzeuge vollkommen in unseren Ablauf." "Das heißt?" "Unsere Maschinen können mit Euren Trailern laufen und Ihr könnt von uns welche bekommen. Dann muss nicht immer unbedingt geladen werden. Die einzige Zwangslage wäre dann, dass wir am Ende der Laufzeit Eure Maschinen und Trailer wieder vereinigen müssten."

    Wir vereinbarten für den nächsten Tag einen Termin im Appleton Depot. Also setzte ich mich in meinen BMW M5 und fuhr rüber. Weit war das ja zum Glück nicht, aber für diese Chance wäre ich auch zur Stobart-Hauptverwaltung nach Carlisle gefahren. Das Gespräch mit William Stobart als Chef der Transportsparte und dessen Schwager Andrew Tinkler als Konzernchef war eher eine Formsache.
    Am Vortag hatte ich schon mit Julian geklärt, dass wir am Ende von unseren 6 Trucks in Deeside bis zu 3 Stück freistellen könnten. Julian würde 2 Trucks bei Talke abziehen können und den dritten würde er durch Verlagerung auf Steven und Felix gewinnen können. Bei der Gelegenheit hatte ich schon mal anklingen lassen, dass ein einheitliches System von Vorteil wäre und das im Idealfall Isotrak heißen sollte.
    Setzte ich mich selbst dann noch auf den FH16, hätten wir zeitweise sogar 4 Zugmaschinen bei Stobart unter Vertrag. Dann sollte Luke aber, wenn er am Lackieren war, wenigstens mal einfarbig über den FH16 gehen. Der ranzige Originallack war nach 22 Jahren fertig mit der Welt. (Nein, in Wirklichkeit hat der Modder den Truck komplett verändert...
    :evil: )

    Und zum Ende der Woche fand sich mal wieder ein Video aus Deutschland im Internet. Es war ein Bisschen auf Verarsche der sich krankhaft verbreitenden Werbespots für Wertpapierhandels-Portale gemacht, bei denen irgendwelche Prolls Anfang 20 mit Sportwagen angaben:
    "Hey Leute! Das glaubt Ihr nicht! Quasi im Handumdrehen! Nagelneu und nur vom Feinsten! Iveco!!! Stralis!!! XP!!! Es ist echt kaum zu glauben! Vollausstattung! Mikrowellenherd! 50 Liter Kühlschrank! Vollintegrierte Standklima! Mit Doppelbatterie! Beheizbarer - und - belüfteter Fahrersitz! Ledersitze! Teillederlenkrad!" Okay, im Prinzip hatte er mit ein paar Ausnahmen, die heute aber im Fernverkehr jeder wählte, die Serienausstattung des XP runtergerasselt, was die meisten Scania-Anbeter aber nicht mal raffen würden.
    "Und jetzt... kommt erst das Beste!" Er hielt die Kamera aus dem Fenster, so dass die Zahl sichtbar wurde. "Das ist doch der Knaller, oder? Fünf!!! Hundert!!! Siebzig!!! P!!! S!!!" Damit reihte er sich direkt hinter Jan und dem Actros 2558 und noch vor dem Volvo FH16 ein. "So was gibt es mit keinem Aktientrade! So was gibt es nur mit richtig coolen Chefs!" Ich wüsste aber trotzdem gerne mal persönlich, wie sich der Stralis XP 570 so fuhr, während Maxims Video damit endete, dass er auf einem riesigen, leeren Platz mit ausgeschalteter Traktionskontrolle und einer leichten, blauen Rauchfahne von den Hinterreifen im kontrollierten Drift am Kamerastativ vorbei dübelte und das Video ausblendete.
    Maxim hatte zwar manchmal einen kleinen Knall, aber inzwischen auch einiges an Reichweite mit seinen Videos und war ein Imageträger für uns in der Fanszene. Sollte da mal ein Kunde rein gucken, war es dem hoffentlich auch egal. Maxim machte keine Dauerwerbesendung draus, hatte durch seine Kommentare und Einspieler mehr Unterhaltungswert als reine Dashcam-Fahrvideos a la Sascha und zeigte auch seine Schwächen, wenn er mal die Geduld verlor, sich beim Sprechen verhaspelte oder so. Das wusste auch Julian, ließ ihm dafür auch mal so Sachen wie den kleinen Drift auf einem leeren Platz in der Schlussszene durchgehen und hatte ihm auch deshalb wohl gegen die eigene Markenpolitik und Leistungsbegrenzung diesen neuen Truck hingestellt. So lange er sich damit nicht bei den anderen in Erklärungsnot brachte, sollte mir das aber egal sein. Es war seine Personalführung und nicht meine.


    Zweite Novemberwoche 2017

    Die letzten vier Wochen waren Business as usual gewesen. Der erste Sattelzug war schon recht bald aus unserer Dispo raus und an Stobart abgeordnet. Die Wahl war auf Merwyn und seinen DAF XF 106 gefallen. Zum Monatwechsel war Alex als zweiter auf deren Dispo rüber gewechselt.

    Ich erlebte dafür eine kleine Überraschung, als die angemeldete Ladung aus Deutschland mit Maxims altem Iveco, geliehenem Trailer und Serkan am Steuer ankam.
    "Hallo, wer macht denn um die Jahreszeit Urlaub in der Transportbranche und ich dachte, den Iveco sollte Sebastian kriegen? Oder hat der Schule?" "Keiner fehlt, ich bin jetzt fest in Bochum. Jetzt bekommt irgendwann Julian einen Nahverkehrswagen und macht mehr Büro, dann darf ich mich mit Lennart um den Scania R500 und den Volvo FH16 prügeln, Sebastian kriegt den hier und der MAN geht weg."
    "Und was ist mit Björn?" "Der fährt in Bielefeld für seinen Schulfreund, derzeit auf Mack-Renault AE Magnum, demnächst Renault T. Seine Freundin ist schwanger, sie wollen heiraten und ein Haus bauen. Da war ihm eine feste Anstellung lieber und wir haben mit dem Springerdienst aufgehört. Und ich bin lieber zu Euch gekommen als Stadtbusfahrer in Hamm zu werden. Julian war ganz froh, einen LKW mehr zu haben. Du ziehst bis Weihnachten wohl ordentlich Kapazität für Stobart? Mir ist eben ein grüner DAF von Dir mit einem Stobart-Trailer entgegen gekommen. Sieht sogar aus, als sollte das so." So eine Kombination von Alex hatte ich die Tage auch schon mal im Internet gesehen.




    Schließlich rief noch Dominik an. Da er jetzt eine freie schwedische Spedition hatte, suchte er Kooperationspartner in Mitteleuropa. Dabei hatte er sich an Steven gewendet, der aber gesagt hatte, dass da auch noch andere hinter hingen. Also rief er den vermeintlichen Strippenzieher an und das war ich. Ich schlug stattdessen vor, dass wir uns in zwei Wochen in Bochum treffen sollten.


    Dritte Novemberwoche 2017

    Schließlich kam auch Timos MAN an und Luke machte sich mit der Lackierpistole an die Arbeit. Dass bei Luke der walisische Drache auf einem Davidskreuz saß, gefiel mir optisch, aber nur bedingt von der Bedeutung. Auch beim Motto hatte er sich radikalisiert. Stand auf dem Iveco noch "Cymru am byth", was so viel wie "Wales über alles" hieß, hatte er nun das andere Staatsmotto genommen. "Y Ddraig Goch ddyry cychwyn" hieß so viel wie "Der rote Drache rückt vor" und war deutlich nationalistischer. Keine Überraschung dagegen das Logo der Traditionsmarke.




    Und während Luke sich mit den beiden neuen MAN in der Werkstatthalle vergnügte, tat ich das in der Lagerhalle mit einigen Besuchern und einem deutlich älteren Fahrzeug, das grob aus der gleichen Gegend stammte.

    Auch Ben war aktiv. Er baute die Seitenscheiben aus Timos neuer Maschine aus und schickte sie zum Ätzen ein, baute von mir bestellte LED-Lichter, Scheinwerfer mit schwarzem Käfig, verchromte Deflektorhalter und eine verchromte Scheibenwischerblende, Lampenbügel und Stoßstangenbügel an.

    Schließlich hatte Luke beide Trucks fertig, auch Ben war mit den Umbauten an Timos Truck durch und am Freitag kam Timo mit dem DAF rein zur Übergabe. Ich hatte mir etwas ganz besonderes ausgeliehen, was Timo zuerst zu sehen bekam. "Du wolltest ja zurück zu den Wurzeln Deines Onkels. Gefällt er Dir? Luke muss ihn nur noch umlackieren." "Was ist das?" "Ein ERF ECS. Das britische Gegenstück zum MAN F2000."

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    Es gelang mir zwar ernst zu bleiben, aber vergebens.
    "Eric-Simon Kaiser-Leighton! Ich kenne Dich jetzt seit über 3 Jahren. Was hast Du wirklich für mich?" Okay, komplette Namen konnte er kriegen. "Timotheus III Albert Justus Heinrich Hofmeister von Neckargröningen-Remseck! Du kennst mich wirklich. Er steht nebenan in der anderen Halle." "Woher kennst Du diesen Namen?" "Von Ilarion." Das war nicht gelogen, wenn auch nicht offiziell kannte ich den Namen ja wirklich von dem.
    Es gab für Timo nicht nur eine neue Zugmaschine sondern auch einen neuen Kühltrailer in Firmenfarbe. Der Name "Far Side of the World" war ein Filmtitel, in Deutschland bekannt als "Master and Commander - bis ans Ende der Welt" und spiegelte Timos ausgeprägtes Fernweh wider. Passend dazu segelte auf dem Dachbild ein Schiff auf ein Unwetter zu.




    Da blieb ihm dann wirklich der Mund offen stehen. Es dauerte eine kleine Ewigkeit und eine schnelle Bewegung mit dem Handrücken über die Augen, bis er wieder sprechen konnte:
    "Das... Er ist großartig. Als ich vor dreieinhalb Jahren angefangen habe, da habe ich von genau so was geträumt. Die anderen Trucks waren auch okay. Aber mit diesem geht alles in Erfüllung, was ich mir jemals gewünscht habe."

    Timo stieg in die Zugmaschine und rangierte sie aus der Lagerhalle in die Fahrzeughalle. Und dabei fiel Luke dann ein freier Lagerplatz auf:
    "Wo ist denn der 6er BMW?" "Verkauft, wenn Fortschritt gefördert wird, dann nehme ich diese Förderung gerne in Anspruch." "Ich und meine große Klappe. Linkslenker ist aber hoffentlich erlaubt? Sonst habe ich ja gar keine Chance, was zu finden."


    Letzte Novemberwoche

    Natürlich bedeutete das, dass nun der nächste DAF XF105 nach Bochum zu Mahad musste. Ich wollte wieder mit dem alten DAF, dieses Mal also Timos, dorthin fahren, dann das Treffen mit den anderen Geschäftsführern haben.

    Los ging es mit Leerpaletten vom Stobart-Depot in Appleton nach Folkestone. Nun fuhr ich also selbst auch mal für unseren saisonalen Kooperationspartner. Es war eine Routinefahrt, bis auf etwas dickere Luft beim Wechsel vom M25 London Perimeter auf die M20 zur Kanalküste.




    Gegen 17:30 Uhr lieferte ich die Ladung Paletten ab. Dass um Weihnachten die Ladungen stark asymmetrisch liefen und daher leere Ladungsträger keine Seltenheit waren, hatte ich schon in meinem ersten Jahr als Unternehmer gelernt. Damals fuhr ich leere Containerchassis oder welche mit leeren Containern drauf aus dem Landesinneren an die Küste, mit denen zuvor importierte Weihnachtsgeschenke ins Landesinnere gebracht worden waren.

    Nachdem die Bürokratie erledigt war, stellte ich die Zugmaschine im Gewerbegebiet am Straßenrand ab. Also mal wieder eine Nacht mit wildem Campen.




    Am nächsten Morgen gab es dann nach dem normalen Erwachen noch ein böses. André hatte mir eine Fracht nach Duisburg gesichert, aber nachdem ich beim Kunden ankam, musste ich erfahren, dass die schon jemand anders abgeholt hatte.
    Es war 6:18 GMT, also 7:18 MEZ, entsprechend war André schon im Büro. Ich rief ihn an und er wollte was neues suchen. Nach 10 Minuten rum rief er zurück und schickte mich zu Tesco, wo es ebenfalls keine auf den ersten Blick sinnvolle Fracht gab, nämlich Verpackungsabfall nach Osnabrück.
    Aber noch waren wir in der EU und in der galt das Verursacherprinzip. Also wurde gewerblicher Abfall nicht vor Ort entsorgt, sondern wer zu faul war, in seiner Firma selbst ein Abfallmanagement aufzubauen, hatte das Recht, erst einmal seinen Müll mit LKW quer durch die Union zum Versender des Inhalts oder seinem Vertragspartner zurück karren zu lassen, damit der ihn entsorgt.

    Man merkte jetzt doch deutlich, dass die Tage kürzer wurden. Als ich endlich um 7 und eine Stunde später als geplant in Richtung Shuttlezug unterwegs war, war es immer noch ziemlich dunkel.




    Das zu Unrecht so genannte "englische Wetter" fand sich dann in Calais. Man sollte es vielleicht "Küstenwetter" nennen. Der Nachteil an Großbritannien war allenfalls, dass es als Insel eine Menge mehr Küste hatte als zum Beispiel Deutschland.




    Mir war klar, dass ich es heute nicht mehr bis Bochum schaffen würde. Also sagte ich Marlon und Julian das Abendessen ab und machte an der ehemaligen Grenzanlage Bentheimer Wald meine Nachtruhe. Da ich sie früh angefangen hatte und auf 9 Stunden verkürzt hatte, war ich dann schon um 4 Uhr morgens wieder unterwegs. Vertragspartner für die Entsorgung war DB Schenker und um viertel nach 5 war ich dort meine Ladung los. Nun ging es nur noch solo das letzte Stück nach Bochum.




    Gegen 7:30 Uhr war ich dort, um 9:00 war die Besprechung angesetzt. Also blieb noch ein Bisschen Zeit, mich mit Marlon und Julian abzustimmen und mir Zahlen und andere Informationen zur Niederlassung in Bochum anzuschauen.

    Wir setzten uns schließlich in den Besprechungsraum, Julian machte mal wieder den Klassenkasper:
    "Ich begrüße die Teilnehmer der G7-Konferenz, das Treffen von 7 Geschäftsführern. Wie in der EU bestimmt Deutschland mit der größten Delegation, wo es lang geht." "Dann erkläre ich den Brexit und trete aus!" Felix war zu meiner Überraschung nicht alleine angereist und sein tschechischer Begleiter Petr wusste auch, wie die EU (leider) funktionierte: "Und ich nutze das Visegrad-Prinzip, kassiere nur ab, aber verweigere die Mitarbeit."

    Julian rief dann doch zur Form auf:
    "Okay, genug der Scherze, mit Euch kann man wohl keine Europapolitik betreiben. Zumal hier sich viele kennen, aber außer Ricky, Felix und mir kennt niemand alle anderen. Deshalb würde ich vorschlagen, dass wir uns mal kurz reihum vorstellen." Neben uns drei KFL-Geschäftsführern waren natürlich Felix und Steven als die anderen Geschäftsführer unseres bisher namenlosen Zusammenschlusses da. Geplant gewesen war, dass Dominik ebenfalls hier sein sollte, denn er wollte unserer Kooperation beitreten. Petr war bisher im Hintergrund schon dabei, weil er als Subunternehmer für Felix gefahren war. Aber auch er wollte jetzt eigenständig mitmachen.

    Steven und Dominik waren beide auf Skandinavien ausgerichtet. Das würde sich in Zukunft so äußern, dass Stevens Flotte weniger nach Schweden fuhr, sondern sich mehr auf die Verbindung von Dänemark, Norwegen, Finnland und Baltikum mit Mitteleuropa konzentrierte. Dominiks Flotte würde von Schweden aus ins Ausland fahren, sowohl mit 40 als auch mit 60 Tonnen schweren Zügen, je nach Zielland. Das konnte in Skandinavien, Mitteleuropa und Großbritannien sein.
    Die nicht für Talke eingesetzten LKW von KFL in Bochum fuhren aus Deutschland nach Mitteleuropa, Großbritannien, Frankreich und Spanien, gelegentlich auch mal Italien oder Osteuropa.
    Felix und Petr deckten vor allem Transporte aus Süddeutschland, Österreich und Tschechien nach Italien, Frankreich und auf den Balkan ab.
    Daneben gab es auch die Möglichkeit, zur lokalen Zustellung oder Abholungen die Lagerhallen an unseren Niederlassungen zum Umladen zu nutzen. Zwischen Neuss und Deeside durch KFL GmbH und Ltd. sowie zwischen Neuss und Perchtoldsdorf durch Scandinavia Express und Transalpin fuhr außerdem ein täglicher Pendel. Nach Deeside mit einem Trailer wegen der Fähre, nach Österreich allerdings ein Wechselbrückenzug, der aber als Fremdkörper in beiden Flotten keine große Zukunft hatte. Hier würde wohl doch demnächst mal eine Umstellung auf Sattelzüge anstehen. Weiteren Bedarf an ständigem Linienverkehr sahen wir vorerst keinen.

    Außerdem gab es einen generellen Trend zu mehr Kühlern. In Bochum sollte Serkan einen zweiten Kühler kriegen. Steven wollte entsprechende Trailer in die Flotte aufnehmen, dazu an jedem Standort einen weiteren Zug in Betrieb nehmen.
    Julian wollte außerdem für das deutsche Kältezentrum sorgen und ein Kühllager aufbauen, was wohl das Ende der Coloniastraße bedeuten dürfte, denn auf diesem Grundstück war mit der sechsreihigen Fahrzeughalle das Ende erreicht und inzwischen war das auch schon zu wenig. Zwar gab es einen Kühlbereich in der alten Schütz-Halle in Neuss, aber den wollte Steven raus reißen. Im Gegensatz zu den blinkenden und blitzenden Trucks hatte nämlich Patrick dort eher mittelklassige Dämmung eingebaut, die Aufteilung war bedingt durch die kombinierte Halle mit Stückgut und Kühlung suboptimal und die Kühlanlage selbst hatte gefühlt Energieeffizienzklasse H---

    Dominik kaufte entsprechende Trailer und Wechselbrücken als Ersatz für alte Fahrzeuge, die zur Ausmusterung anstanden. Die Wechselbrücken kamen in Skandinavien traditionell auf die Zwischentrailer der 60-Tonner.
    Felix und Petr wollten das Thema ganz elegant lösen. Da Felix kein Kühlhaus auf seinem Grundstück neben der vorhandenen Stückguthalle in Perchtoldsdorf bauen konnte, hatte Petr sich den Zugriff auf ein kleines Kühllager in Modrice am südlichen Rand des Großraums Brno gesichert.

    Blieb nur noch ein weiteres Thema, ein gemeinsames Logistiknetz brauchte ein gemeinsames Dispositionssystem. Und derzeit gab es da von Exceltabellen über drei verschiedene Systeme aus dem Bereich eher kleiner Unternehmen bis zu einem System für komplexe Unternehmen und Unternehmensverbünde nur Einzellösungen. Julian hatte inzwischen auch ein Angebot von Isotrak vorliegen, das weltweit angeboten wurde, auch wenn die Firma nur Niederlassungen in Großbritannien, den USA und Australien hatte. Dominik war aufgrund des total veralteten Systems aus den Werksverkehr-Zeiten für alles offen, der Rest hatte sowieso keine echte Dispo-Software.

    Am Ende waren wir dann mit Julian, Marlon, Steven, Dominik, Felix, Petr und mir wirklich 7 Geschäftsführer, deren 5 Unternehmen KFL Intertrans, Scandinavia Express, Transalpin, Transvysocina und Nordic Logistic an den 7 Standorten Bochum, Deeside, Paderborn, Neuss, Perchtoldsdorf, Modrice und Huskvarna demnächst zusammenarbeiten würden. Und mit Europe Logistic Network hatte das Kind auch einen Namen.

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Kommentare 23

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    Tomlaker -

    Das Kapitel hat mir mal wieder richtig gut gefallen und dein MAN-Zug sieht richtig edel aus.

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      TurboStar -

      Danke schön. Freut mich, dass Dir auch dieses Kapitel gefällt, denn das war ja eher eins aus der Ecke "Organisation und Emotion". Dann freu Dich erst recht auf die beiden nächsten Euro-Kapitel ;)

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    alaskabaer01 -

    Klasse Kapitel. Der B9 könnte bei mir landen. Landebahnbefeuerung ist an. :D Hätte auch ne Firma die den nach Odense holt. :D

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      TurboStar -

      Rechtslenker, Japanmodell, schon weg :P Habe aber keinen Wesenstest des Aufkäufers gemacht, ob der selbst dran interessiert ist oder Weiterverkäufer ist ;)

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    merlinita -

    Wieder ein sehr schönes Kapitel, da tut sich ja so einiges, bin dann mal gespannt was da für ein Iveco Oldie für Dich gefunden wird.

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    Sauerlaender -

    Wieder ein sehr schönes Kapitel von dir. Das ist immer gut zur Motivation.

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      TurboStar -

      Danke. Ja, Motivation durch Mitschreiber ist auch immer schön. Hoffe, bald auch wieder von Dir zu lesen. Ich habe demnächst auch mal wieder vor, Brandon loszuschicken...

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      Sauerlaender -

      Das Kapitel ist in Arbeit. Ich möchte eigentlich auch Weihnachten und den Jahreswechsel noch vor Ostern fertig bekommen. :D

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      Iceman684 -

      Ach, du auch? Wobei Weihnachten bei mir ja schon mehr oder weniger abgehakt ist, aber der Jahreswechsel steht auch noch aus.

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    infinity -

    Aaah, es gibt noch neues in der Tagebuchwelt :D Der Ansatz LogisticNetwork lässt es spannend bleiben :)

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    loddi51 -

    Wieder ein klasse geschriebenes Kapitel.

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    Viking1971 -

    Da kriegste ein Bienchen für. Ich frag mich nur, wann ich mal weiter komme. :D