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Kapitel 161 - Abschied und Zukunft

  • Erste Septemberwoche 2017

    In der Tat waren Sean und Timo schon weg, als Lewis am kommenden Montag seinen ersten offiziellen Ausbildungstag antrat. Heute musste er dann auch Dinge behalten, die wir ihm zeigten. Wobei es natürlich mit eher einfachen Sachen wie dem Zusammenstellen von bereits vorliegenden Frachtpapieren los ging und Philip oder ich alles noch mal nachprüften.
    Der erste Eindruck enttäuschte aber nicht, Lewis hatte hinter seiner von lila gefärbten Haaren überdeckten Stirn genug "Brains", um schnell Zusammenhänge zu erfassen und Dinge zu verstehen. Also gab es schon die erste Lektion Isotrak, die sich allerdings darauf beschränkte, in der Livekarte die Trucks zu verfolgen und deren Tourdaten und Fahrzeuginformationen abzurufen. Wenn er mal nichts zu tun hatte, aber Philip und ich ein paar Minuten brauchten, bis wir für ihn da waren, sollte er die anschauen und aus seinen Beobachtungen lernen.

    Als ich am Nachmittag einen Anruf entgegen genommen hatte, blinkte plötzlich mein Skype for Business, mit dem wir bürointern kommunizierten, wenn man nicht in ein Telefonat unterbrechen wollte oder den Fahrern Nachrichten hinterließen, wenn wir sie nicht ans Telefon bekamen. Lewis schrieb mir
    "Ich glaube, David bekommt gleich Probleme."
    Ich klickte also nebenher mal auf Daveys Truck in Isotrak und in der Tat, mit der aktuellen Verkehrslage dürfte der es nicht rechtzeitig zum Kunden schaffen. Da ich wegen Lewis im Dispo-Büro saß, wo auch sein Schreibtisch war, zeigte ich ihm über die Bildschirme hinweg einen Daumen hoch.
    Nachdem das Telefonat fertig war, sah ich, dass Davey wohl der Umleitung seines Navis gefolgt war. Das brachte einen mit unseren Truck-Navis zwar nicht in Schwierigkeiten wie für Lastwagen ungeeignete Brücken, aber im Berufsverkehr von Glasgow brachte es einen auch nicht schneller weiter. Isotrak, das mit seiner teuren Lizenz auch Verkehrsdaten von den Nebenstrecken zog und ins Navi einspeiste, hatte also gerade mal 2 Minuten Ersparnis da lang gefunden. Zwei Ampeln, die einem vor der Nase auf rot sprangen und man hätte auch drauf bleiben können.

    Aber ich hatte den Jungs gesagt, dass sie sich nicht für schlauer halten sollten, als die Stauberechnung von Isotrak. Bei ihrem privaten Navi und dem eher primitiven TMC sollten sie es meinetwegen versuchen und würden vermutlich auch oft Recht behalten. Timo und Luke hatten es jeweils einmal gegen Isotrak versucht und Schiffbruch erlitten, Merwyn war der Meinung, Erfahrung schlägt jeden Computer und hatte drei Schiffe auf Grund gesetzt, bevor er einsah, dass Isotrak besser war als er.
    Beim dritten Mal hatte ich ihn seine Verspätung selbst ankündigen lassen, da ich dem Kunden noch 5 Minuten bevor er von der Route abgewichen war, eine Verspätung von ca. 20 Minuten für eine eilige Fracht avisiert hatte. Nachdem er dann dem von der plötzlichen Verdreifachung der Zeit verwunderten Kunden von Angesicht zu Angesicht erklären durfte, dass er selbst daraus die 55 Minuten gemacht hatte, indem er das Navi ignoriert hatte, war auch der geheilt.

    Ich rief Daveys Kunden an und gab ihm die Verspätung durch, eine der unangenehmeren Arbeiten in der Dispo. Aber inzwischen hatte ich da genug Routine drin, sodass das für mich nichts Schlimmeres mehr war als Pizza zu bestellen.

    Am Ende der Woche hatte Lewis sich für einen Schulabgänger ohne Vorkenntnisse schon gut bewiesen. Luke wurde am Freitag aus dem Krankenhaus entlassen, war nicht mehr grundsätzlich krank geschrieben, aber durfte dann eine Woche noch nicht Auto oder LKW fahren. Stattdessen beschloss er, kommende Woche Daveys neuen Truck zu lackieren, was mit dem Hydrauliklift mit Arbeitskorb, den Ben sich für Arbeiten an Dächern, Dachspoilern und Edscha-Planen hatte bestellen lassen, auch ohne Gefahr für die frisch verheilten Beine möglich war.

    Luke hatte sich ein gewöhnungsbedürftiges Motiv ausgesucht. Bei Davey drängte sich das Thema aber nun mal auf.


    Zweite Septemberwoche 2017

    Davey durfte somit noch mal eine Abschlusswoche mit seinem rumpeligen DAF XF feiern. Am Freitag kam dann Davey rein und gab seine Schlüssel von dem DAF für immer ab. Der fuhr noch einmal für Geld und zwar mit mir. Dann führten wir Davey in die Fahrzeughalle. Philip interessierte sich nicht wirklich für Fahrzeugübergaben, Lewis kam mit Davey, Luke und mir runter, auch Ben legte die Arbeit nieder.
    "Wow!" Davey blieb mit offenem Mund vor seinem neuen Stralis stehen. Aus die graue Maus!
    Trotz der Firmenfarben, die nicht so ganz zum Thema passten, hatte Luke sich mal wieder selbst übertroffen und die thematisch falsche Farbe unserer Firma einfach Einbezogen und zum Thema des Trucks gemacht. Airbrush-Motiv auf dem Dach war eine schwarze Gestalt in einem blauen Kathedralengewölbe, die üblichen Sterne waren durch Pentagramme ersetzt worden. Und in der Ahnengalerie von Iveco hatte sich mit Seddon Diesel sogar ein britischer Hersteller fürs Extra-Logo gefunden.






    In der darauf folgenden Woche erklärte ich mich zu Andrés Opfer, der mich mitsamt dem alten DAF nach Bochum disponieren sollte. Um zu verhindern, dass eine Terrororganisation im nahen Osten in Zukunft Werbung für uns oder unter walisischer Flagge fuhr, wie es schon einem amerikanischen Klempner und einem dänischen Supermarkt passiert war, die Fahrzeuge mit Firmenaufschrift verkauft hatten, hatte ich mit der Zeitung vom Vortag um die Firmennamen und Anschriften sowie das walisische Wappentier abgeklebt und zur erstbesten Dose grüner und weißer Farbe gegriffen. Während reinweiß bei so was dankbar war, lag der Grünton dann doch sichtbar daneben. Das dürfte in Ostafrika aber auch keinen stören.


    Dritte Septemberwoche 2017

    Meine "Befehle" hatte ich von André bekommen. Also kamen sie nicht über Isotrak rein sondern über das System in Deutschland. Auf meinem Tablet lief das aber auch noch, also kein Problem. Nur umständlich, da man die Adressen nicht ins Navi des Trucks überspielen konnte. Und mir ging diese doppelte Logistik im grenzüberschreitenden Verkehr langsam auch auf die Nerven.
    Die erste Fuhre ging mit Würstchen von Deeside nach Manchester, eine harmlose Tour, wobei es auf der Strecke einen Milchlaster erwischt hatte. Das Unfallrisiko hatte nichts mit der Entfernung zu tun. Was allerdings ein in Polen zugelassener Lastwagen im britischen Nahverkehr zu suchen hatte, blieb mir verschlossen.




    Solche Auswüchse der EU, sogar die eigentlich im Land anzusiedelnden Arbeitsplätze in den Osten auszuflaggen, hatte uns letzten Endes den Brexit beschert. Auch wenn ich weder den Brexit mochte noch Kollegen an sich was Schlechtes wünschte, ertappte ich mich bei einem Gedanken, der in Richtung "wenigstens einer weniger" ging. Gesellschaftsliberal mochte ich immer noch kurz vorm Extremismus sein, wirtschaftlich sah ich mittlerweile manches eher konservativ. Da war einem der eigene Teller dann doch näher als offene Zugänge für die, die von ihm essen wollten, ohne dafür Steuern zu bezahlen. Hätten sie polnische Fahrer zu britischen Tarifen auf britischen LKW beschäftigt, wäre nichts dagegen zu sagen. Hier wollten sowieso zu wenige diesen Job machen. Aber die komplette Flotte auszuflaggen und mit einem britischen Briefkasten die polnische Firma als Subunternehmer los zu schicken gefährdete Unternehmen wie unseres. Hier hatte die EU in der Tat versäumt, einige Mechanismen zu unterbinden.

    In Manchester gab es dann Phosphorsäure nach London. Toll sah der komplett entschmückte Truck nichts mehr aus. Das war einfach nur eine Arbeits-Tour. Mich störte, dass die Sonnenblende weg war und ich dauernd die Sonnenbrille brauchte, aber die Blende und andere Anbauteile konnte Ben ganz gut so verkaufen. Im Export brachten die Teile nichts. Bei Coventry machte ich meine Mittagspause.




    Am Nachmittag erreichte ich London, wo ich den Trailer absattelte und im gleichen Gewerbegebiet eine Ladung Leerpaletten nach Dortmund. Solche Trailer voll davon sammelten sich immer an, wenn ein Kunde stark asymmetrischen Ladungsverkehr hatte, weil er zum Beispiel seine Produkte in Transportbehältern der Automobilindustrie, vor allem Gitterboxen und den genormten Kunststoffbehältern versendete, aber seine Rohstoffe und Halbzeuge auf Europaletten bekam. Oder wenn er volumenmäßig viel mehr Halbzeuge bekam als Fertigprodukte raus gingen. Wenn er Gehäuse für seine Geräte und das Innenleben getrennt bezog, dann blieben logischerweise hinterher die Paletten mit den Bauteilen übrig, da das Versandvolumen genau den angelieferten Gehäusen entsprach und die gleiche Menge Paletten brauchte.

    Damit war das für DE08 XNH auch der letzte Auftrag. Ich fuhr noch bis Folkstone und hinter einem LKW von Stobart auf das Gelände. Allerdings wollte ich erst in der Nacht den Zug nehmen und hier meine lange Pause auf britischer Seite machen.




    02:45 Uhr BST fuhr mein Zug dann in Richtung Kontinent ab. Das hieß, ich kam 04:20 Uhr MESZ in Calais an. Bei Sonnenaufgang und noch ausreichend vor dem dicksten Berufsverkehr umrundete ich Brüssel.




    Meine Pause musste ich gegen 9 Uhr einlegen, schon stramm auf Lüttich zu. Und auch wenn ich nie ein Freund von DAF gewesen war und es von Anfang an klar war, dass gerade diese alten Dinger von Duncan weg mussten, packte mich nun doch ein Bisschen Wehmut. Bis in den frühen Sommer hatten die 105er alle gute Arbeit geleistet, Alex seiner tat das immer noch. Bei Timo ließ die Zuverlässigkeit auch langsam nach und tausend Kleinigkeiten gingen Ben in der Werkstatt auf die Nerven. Aber auch der Truck hat in der letzten Augustwoche die 700.000 Meilen gerissen.
    Jetzt begann der endgültige Umbruch von Duncan auf KFL. Damals hatte ich zugesagt, dass alle Trucks ihre grüne Farbe behalten sollten, bis sie ausgemustert wurden. Vielleicht würde keiner der beiden noch verbleibenden mehr das Neujahrsfeuerwerk 2018 sehen. Einer ganz sicher nicht.




    Gegen Mittag war ich dann in Dortmund und lieferte die Paletten ab. Dann ging es Solo in die Nachbarstadt. Früher war das Kraftwerk immer ein Zeichen, dass ich gleich zu Hause war. Jetzt war es ein Zeichen, dass ich gleich bei unserer Niederlassung war, in der unser kleines Imperium begonnen hatte. Wobei klein relativ war. Immerhin kamen Bochum und Deeside zusammen auf stolze 17 Zugmaschinen, von denen über die Hälfte für uns selbst fuhr und der Rest als Subunternehmer von Talke in der Chemielogistik.




    Ich fuhr in die Coloniastraße und packte das ADR-Zubehör und was sonst noch zurück zu uns sollte, aus dem Truck. Außerdem fragte ich Julian, ob er den Diesel absaugen wollte. Er hatte aber weder ein Fass oder die benötigten Kanister noch eine Absaugpumpe da. Obwohl hier mehr LKW unterwegs waren, gab es noch keine eigene Werkstatt sondern das wurde alles bei den Gebrüdern Lahrmann gemacht. Genau da fuhr ich dann auch den DAF hin.
    Mahad war begeistert von dem Rechtslenker. Den konnte er besser verkaufen als die Linkslenker, weil sein Geburtsland Kenia nun mal Linksverkehr hatte. Er machte mir einen guten Preis, der aber grob schon im Vorfeld abgesprochen war und ich nahm noch die Nummernschilder ab. Die brauchte die Behörde zwar nicht zurück, aber ich wollte sie nicht in den Export schicken. Mahad steckte sie kurzerhand in einen auch für CDs geeigneten Aktenvernichter. Mit den Plastikschildern aus Großbritannien wurde der dreimal fertig. Entscheidend für die Behörden war nur, dass ich eine SORN-Erklärung abgab, dass das Fahrzeug nicht mehr im Vereinigten Königreich zugelassen und betrieben werden sollte und das V963 Export Salvage Certificate, dass das Fahrzeug im EU-Ausland verkauft worden war, um dort verschrottet oder aus der EU in ein Drittland weiterverkauft zu werden.




    André holte mich mit Marlons und Judiths Firmenwagen in der Werkstatt ab. Marlon und Julian waren heute auch im Büro. Ich ließ mich informieren, wie der Stand der Dinge war. Finanziell sah es gut aus. Im Gegensatz zu Deeside, wo doch mehr zu konsolidieren war, als ursprünglich gedacht, waren die Einnahmen hier konstant hoch. Das lag aber auch an dem sicheren und für einen Subunternehmer dank der Gefahrgut-Spezialisierung gut bezahlten Vertrag mit Talke. Die Verluste von Lukes Iveco und Shawns DAF als recht neue Fahrzeuge hatten auch nicht geholfen.

    Bei der Bochumer Flotte waren der zweite PEMA-DAF zurück an den Vermieter und nach deutlicher Überziehung der eigentlich vorgesehenen Zeit "mein" Iveco Stralis aus den Anfangstagen von KFL in den Export weggegangen. Der MAN und der Scania R500 wären langsam fällig, dürften aber eine Heimat in einem deutschen Kleinunternehmen oder im EU-Ausland finden. Sebastian lernte jetzt aber noch auf dem MAN, einem von derzeit noch drei Schaltwagen in der deutschen Flotte, wie man "anständig" LKW fuhr.
    Julian dachte darüber nach, wenn der R500 weg ging, Lennart auf den "Celtic Legend" FH16 zu setzen, den er gerade selbst fuhr und stattdessen einen Renault T Standard Sleeper zu holen und nur noch Zweitagestouren zu fahren. Auch er musste inzwischen eine Menge im Büro regeln und außerdem wollte Celia nicht mehr jedes zweite Wochenende irgendwo hin reisen, um ihn zu sehen.
    Bei den Trucks für uns, wo als nächstes Maxims Stralis fällig war, wollte Julian die Farben umkehren, so dass die Trucks von Bochum und Deeside gleich aussehen würden, also beige unten, dunkelblau auf der Kabine und weiß am Dach mit hellblauem Dekor. Mir war das nur Recht, wenn er die Auflieger dann mit anpasste. Denn die umgedrehten Kombinationen aus Zugmaschine und Trailer in Großbritannien regten mich schon eine Weile auf. Außerdem wollte er alle Auflieger für den Tauschverkehr hier zulassen. Die Zusatzversicherung für die britischen Trailer, die ja keine eigenen Kennzeichen und somit auch keine eigene Versicherung hatten und eine Sonderregelung brauchten, war sehr bürokratisch und am Ende teurer als der Unterhalt von allen vier regulär zugelassenen Trailern.

    Am Abend besuchte ich noch ein paar alte Freunde in Köln und am Mittwoch flog ich aus dem großen Dorf im Norden zurück nach Manchester. Die Strecke wurde mit einer Turboprop von Flybe bedient. In Manchester nahm ich den Zug zurück nach Hause.


    Vierte Septemberwoche 2017

    In dieser Woche hatten wir dann schließlich einen Termin beim Children and Family Court Advisory and Support Service bekommen. Es gab erst einmal nur eine Beratung. Trotz der hier deutlich besser gelebten Antidiskriminierungspolitik bekamen wir die Warnung, dass wir im Alltag als gleichgeschlechtliche Eltern auch von kleinen Hindernissen über Skepsis, versteckter Diskriminierung und offen diskriminierender Politik zum Beispiel bei Auslandsreisen in islamische Urlaubsländer oder nach Osteuropa bis hin zur fast schon schlimmeren, versteckten Diskriminierung im Inland zu tun bekommen würden.
    Das glich der Staat durch die Auswahl des entsprechenden Kindes aus, aber die dazu nötige, starke Persönlichkeit war nicht nur eine Erleichterung auf der Seite sondern könnte im Gegenzug dazu führen, dass für uns ungeübte Neueltern die Erziehung dann schwerer würde. Generell war, sofern wir nichts anderes wollten, der Normalfall, dass wir mit unserem Alter Mitte bis Ende 30 dann ein ca. 10 Jahre altes Kind vermittelt bekommen würden, damit wir ungefähr das gleiche Alter wie die meisten Eltern gleich alter Kinder hätten. Uns kam dieses Alter und die entsprechende Selbstständigkeit aber gelegen.
    Zum Schluss bekamen wir die Antragsunterlagen mit und man empfahl uns, die Sache gut zu überdenken. Sollten wir den Antrag abgeben, würde es normalerweise ein halbes Jahr dauern, bis eine Entscheidung gefällt wurde. Wie lang dann die Wartezeit war, konnte man nicht genau sagen. In der vorgeschlagenen "Altersklasse" aber wahrscheinlich sehr kurz. Die meisten Eltern wollten ein Baby oder Kleinkind adoptieren und daher gab es bei denen Wartelisten. Je älter die Kinder wurden, umso schwerer bekam das Amt sie überhaupt noch unter.

    Bedenken von unseren beiden Eltern blieben aus. Wir hatten ja befürchtet, dass da was von wegen "Hund abgeben und Kind wollen" kommen könnte. Das war ja auch ein berechtigter Einwand. Aber ein Kind war in dem Alter selbstständig und dank des britischen Schulsystems sowieso erst einmal bis nachmittags in der Schule, bekam dort ein Mittagessen und hatte danach noch eine Stunde mit Hausaufgaben zu tun. Dann war die Arbeitszeit der Eltern, die hier schon seit den 60ern meistens beide berufstätig waren, auch schon mehr oder weniger rum. Das war ja Sinn und Zweck der Sache mit der Nachmittagsschule hier.
    In den Ferien galt dann eben, dass ich nicht den Springer für alle machte, wie im Sommer noch angedacht, sondern bevorzugt dann Urlaub hatte und Luke gleich mit. Einziger Familienvater unter unseren Fahrern war derzeit sowieso Merwyn. Und letzten Endes konnte, da es nun mal mehr Ferientage für Schüler als Urlaubstage für Berufstätige gab, ein Kind in dem Alter auch in eine Zugmaschine einsteigen und mitfahren, wenn die Begeisterung für LKW da war. Dann wurde eben ein entsprechendes Ziel gesucht, Stichwort "mein interessantestes Ferienerlebnis" - Spanien, Italien oder Skandinavien waren ungefährlich, schön anzusehen, eine interessante und längere Tour und blieben Brexit hin oder her hoffentlich unbürokratisch erreichbar.

    Im Internet fand sich am nächsten Tag mal wieder Russkij vons Berge alias Maxim Stanjaslov auf Youtube. Neben seinem üblichen Einblick in den Alltag ging es auch um seinen Truck.
    "Ich befürchte ja, dass es bald vorbei ist. Der hat jetzt fast 300.000 Kilometer runter und das ist der Moment, wo sie hier normalerweise weg gehen. Ich bin ja fast am überlegen, ob ich fragen soll, ob ich ihn behalten darf. Neu gibt es bei uns ja nur noch Volvo, Renault und Mercedes. Eure Meinungen dazu sind eher Volvo als Mercedes. Und ich sehe das genauso. Wenn ich also nicht mehr Iveco fahren darf, dann nehme ich einen Volvo." Maxim sah direkt in die Kamera und wurde vom Akzent zu Ivan dem Schrecklichen: "Ich weiß, dass Du das meistens guckst, Julian. Also - entweder diesen Iveco behalten oder neuen Volvo! Neuen Iveco wird der Ivan wohl nicht kriegen! Wobei, vielleicht hole ich meine Freunde von die Russisch Mafia und dann kriegt Ivan auch neuen Iveco!"

    Am Freitag dann war ich gerade dabei, Lewis in breitestem Walisisch zu erklären, was man mit zurückkommenden Frachtpapieren von den Fahrern machte, als der nächste mit einem Stapel Papiere rein kam und sich sprachlich anpasste.
    "Helo!" "Helo! Rydw i yno i chi mewn munud!" Die Minute musste er mir jetzt dann mal geben, bis ich für ihn da war. Ich hatte gar nicht auf die Stimme geachtet, bis jetzt die holprige Antwort kam, in gestelzter Sprache, wie sie nur im Sprachkurs vorkam. "Cw... Cymery... Cymerwch eich amser, os gy... gwelwch yn da... dda." "Cymerwch eich amser" hätte es in diesem Umfeld auch getan, mir mitzuteilen, dass ich mir Zeit lassen sollte. Der Rest war förmliches Blabla.
    "Hallo Timo. Ich glaube, wir bleiben noch ein paar Wochen oder sogar Monate bei Englisch oder Deutsch? Reichen Dir zwei Muttersprachen und zwei Fremdsprachen fließend noch nicht? Warum lernst Du denn Walisisch?" "Okay. Von mir aus gerne. Für eine längere Unterhaltung reichen die paar Floskeln noch nicht. Konnte es mir nur eben nicht verkneifen, habe den Satz aber auch aus der letzten Lektion noch in Erinnerung gehabt. Warum hast Du es denn gelernt?" "Weil ich zu der Zeit schon mal in Wales gelebt habe und eine Beziehung mit einem Waliser hatte."
    Wenn die Ohren nicht im Weg gewesen wären, hätte er im Vollkreis gegrinst: "Na also!" "Länger als vier Wochen habe ich aber schon gebraucht, um damit anzufangen. Vor 4 Wochen warst Du Dir noch nicht sicher, ob Du hier bleibst." "Er sich auch nicht. Einer von uns wird nach dem Brexit ein Problem im Land des anderen haben, wenn sie sich nicht einigen. Wir sind immerhin schon zwei Monate ein Paar. Aber ich habe mich in der Tat letztes Wochenende zum Bleiben entschieden."
    "Na dann erst mal alles Gute mit Deinem Freund. Und die Entscheidung freut mich. Dann bekommst Du jetzt aber auch eine Sprachlektion von mir. Unter uns warmen Klosterbrüdern kannst Du Dir "Os gwelwch yn dda" sparen und Dir für eine Einladung zur formellen Teatime bei Deinen Schwiegereltern in spe aufheben." "Ja, das scheint das Problem von den Sprachkursen allgemein zu sein. Iestyn korrigiert mich da auch immer wieder, dass ich zu hochgestochen rede." "Das wird schon. Das meiste lernst Du, wenn Du BBC Cymru oder andere Programme aus Wales hörst und im Fernsehen anschaust. So ein paar neu gelernte Sätze kannst Du gerne auch mit Luke oder mir sprechen. Lewis wird sich vermutlich auch über ein Begrüßung oder Verabschiedung auf Walisisch freuen." "Klar! Ich freue mich über jeden, der Walisisch lernt."

    Der Aufnäher mit dem Davidskreuz auf Lewis Rucksack war ja nicht zu übersehen. Und das benutzten eher die Radikalen in der Unabhängigkeitsbewegung, denen der rote Drache zu angepasst an die Engländer war und der mehr von denen benutzt wurde, die sich einfach nur eine stärkere Stimme in Westminster und mehr regionale Befugnisse für den Senedd in Cardiff wünschten. Außerdem hatte Lewis in der Mittagspause mal versucht, schnell das Heftchen des Plaid Ifanc, der Jugendbewegung der linksnationalistischen Partei Plaid Cymru, wegzupacken, als ich ins Dispo-Büro kam.
    Ich hatte mit der Unabhängigkeitsbewegung in Wales aber kein Problem. Erstens war man hier in Wales allgemein und gerade als Mitglied von Plaid Cymru und Plaid Ifanc nicht automatisch ausländerfeindlich, wenn man Nationalist war. Das unterschied Wales von vielen anderen Ländern. Im Gegenteil, war insbesondere Plaid Cymru ausgesprochen weltoffen, Respekt und Toleranz gegenüber jeder Person unabhängig von Nationalität, Geschlecht, Hautfarbe, Religion, Sexualität und so weiter stand sogar ausdrücklich in den Parteigrundsätzen.
    Das Ziel von ihnen war ein unabhängiges Wales als Mitglied in der EU. Damit könnte ich mich auch sehr gut anfreunden, besser als mit einem starken Wales in einem Vereinigten Königreich außerhalb der EU oder zumindest ihrer Freihandelszone. Wenn mich als eher gut betuchten Unternehmer an Plaid Cymru etwas störte, war das ihr je nach Drehrichtung der politischen Großwetterlage und Zusammensetzung des Parteivorstands latent oder offen ausgelebter Hang zum Sozialismus. Es war aber eine demokratische Partei und ob er in deren Jugendbewegung Mitglied war, hatte mich nichts anzugehen.

    Es ging aber gerade eher um Timos sprachliche Neuausrichtung und weniger um Lewis politische Ambitionen. Timo trumpfte auch gleich mal mit einer Anekdote aus der Vergangenheit auf:
    "Rhosllanerchrugog" und "Bwlchgwyn" kann ich inzwischen auch." "Sehr gut, der Mann lernt dazu. Hast ja auch 3 Jahre dafür gebraucht." "Ha, ha!" Ich schob Lewis mal die Papiere aus Timos Wochenmappe rüber.
    "So Timo. Nach Deinem Bekenntnis zu Wales darfst Du Dir dann ja doch noch eine Marke für Deinen nächsten Truck wünschen." "Ich denke, ich gehe zurück zu den Wurzeln." "Renault?" "Nein, noch tiefer verwurzelt. Bis zu meinem Onkel und zu MAN." Na warte, Freundchen! Ich war wieder dran mit Puls in die Höhe treiben. Und so eine Steilvorlage konnte ich nicht ohne Torschuss auf mir sitzen lassen.

    389 mal gelesen

Kommentare 13

  • Benutzer-Avatarbild

    Sauerlaender -

    Wieder ein sehr schönes Kapitel von dir. Interessant auch mal zu sehen, was noch so in Bochum läuft. ;)

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      TurboStar -

      Danke. Ja, Bochum sollte man nie außer Acht lassen. Und den Rest von Europa zwischen Paderborn und Perchtoldsdorf auch nicht :P

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    infinity -

    Schöne Gute-Nacht-Lektüre. Mal gucken was für die Differenz von 4 Monaten noch so in der Pipeline steckt.

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    alaskabaer01 -

    Klasse geschrieben und wieder tolle Bilder.

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    Werner 1960 -

    klasse geschrieben.

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    loddi51 -

    Wieder ein schön geschriebenes Kapitel.

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    merlinita -

    Schönes Kapitel und schöner Skin für den Iveco, pass bloss auf wenn du mit dem Pentagramm in katholische Länder fährst die könnten da sensibel sein, in real life hatte ich im studentenheim an der uni in italien das liber cantiones vom dsa rollenspiel, so ein zusatzband über zauber in der welt des schwarzen auges, das hätte mich damals fast den heimplatz gekostet da da ein pentagramm vorne drauf war^^ ; gut war ein katholisches heim von einem pfarrer geleitet aber trotzdem die sind da manchmal sehr sensibel mit sowas

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      TurboStar -

      Danke. Interessanter Hinweis. Erst mal ist er ja noch 2 Jahre Tagebuchzeit Azubi und darf nur durchs UK fahren, das da eher entspannt ist. Danach kommt er allerdings um Irland und Frankreich gar nicht drum herum. Italien steht eher selten auf dem Programm, dafür hat es Partnerfirmen. Spanien kann da schon öfter vorkommen.