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Kapitel 160 - Klartext und Zukunftsperspektiven

  • Mitte August 2017

    Nachdem Luke den Gips abgenommen bekam und alle Tests positiv verlaufen waren, wurde er immer noch im Rollstuhl und per Krankentransportwagen in die Rehaklinik, ebenfalls in Chester, verlegt. Nun musste er wieder laufen lernen. Nicht dass er es vom Ablauf verlernt hatte, aber durch die Verletzungen und die schwere Operation, um die Knochen zu richten, hatte er große Schäden an der Muskulatur davongetragen und nach 4 Wochen in Gips waren die Muskeln auch noch zu schwach. Die Maßnahme sollte auch entsprechend 4 Wochen dauern.

    In der Firma hatte sich alles eingespielt, dachte ich zumindest. Davey war auf den Pendelverkehr gesetzt worden und fuhr nach Hull und zurück. Philip kümmerte sich um die Belange im Büro. Ich dagegen half durch meine täglichen Besuche Luke zumindest moralisch mit auf die Beine.
    Meine Antennen waren aber ansonsten wohl eingefahren, bis zu dem Tag, an dem ein Vertreterbesuch zeitlich etwas ausgeartet war und ich mich dann schnell auf den Weg machte ins Krankenhaus. Philip wollte mich auch noch aufhalten, als ich auf dem Weg raus war:
    "Ricky, ich muss mal mit Dir sprechen." "Ich bin spät dran. Morgen bitte!"

    Während der Besuchszeit am Nachmittag tauchte Philip dann auch in der Rehaklinik auf. Er fragte Luke, wie es ihm geht und plauderte ein Bisschen über dieses und jenes. Also schien es ja im Büro alles glatt zu laufen - dachte ich, bis dann Philip die Kehrtwende einlegte und zu Luke meinte:
    "Ich entführe Dir jetzt mal Deinen Mann auf einen Spaziergang im Krankenhauspark."

    Kaum waren wir vom Gebäude und den gut besuchten Parkbänken direkt daran etwas weg, fing er auch an:
    "Tut mir leid, Ricky. Aber es kann nicht bis morgen warten. Ich bin selbst verheiratet und ich weiß, was es bedeutet, Verantwortung für den Ehepartner zu haben. Das kannst Du mir glauben. Aber Du hast auch Verantwortung für die Firma. Und da musst Du mehr machen." "Jetzt..."
    "Als der Unfall frisch passiert ist, habe ich da noch drüber gesehen und es geschultert! Das geht aber nicht ewig!" Nein, ewig sollte es das auch nicht. In 3 Wochen kam Luke ja raus. "Ich komme doch abends nach der Besuchszeit noch mal rein."
    "Das reicht wohl nicht. Das Tagesgeschäft läuft, Du disponierst die Trucks durch und arbeitest Deine Mappe mit Schriftkram ab, aber bist sonst nicht mal für den Innendienst erreichbar. Sogar von Ben höre ich Klagen, dass die alten DAF inzwischen nur noch mit extremem Aufwand am Laufen zu halten sind und Du Dich nicht kümmerst. Ob ich nicht mal was sagen könnte. Er traut sich wohl nicht. Jung wie er ist, kann ich ihm das nicht mal krumm nehmen. Wir alle haben vermutlich erst im Laufe des Arbeitslebens gelernt, dass man auch mal seinen Standpunkt beim Chef vertreten muss." Ben hatte davon gesprochen. Das hatte ich in der Tat verschoben. "Du wolltest sie eigentlich selbst schon längst weg haben. Daveys und Timos Zugmaschinen haben 700.000 Meilen Plusminus runter und nicht immer unter Duncan ein gutes Leben gehabt.
    Und Davey verhungert seit Wochen zwischen Deeside und Hull. Wir haben einen praktischen Lehrauftrag angenommen. Er müsste wieder mal begleitet werden und seine Arbeitsweise überprüft und wenn nötig korrigiert werden. Apropos Ausbildung! Du musst Dich auf Lewis vorbereiten. Der kommt in gerade mal etwas mehr als einer Woche und wir haben keinen Schreibtisch, keinen PC und keinen Plan, was wir ihm wann beibringen wollen und sollen. Und ich kann es nicht alles machen. Ich laufe derzeit bei 150%, auch um Dir den Rücken freizuhalten, weil Du ein Chef bist, der das eine Zeit lang verdient hat!"

    "Aber..." "Kein aber! Jeden Tag bringe ich meine Frau nach der Arbeit zur Dialyse. Das ist schon seit Jahren so. Derzeit komme ich allerdings morgens schon vor 5 ins Büro, um den Rest zu erledigen. Die Niereninsuffizienz meiner Frau geht Dich an sich nichts an, aber jetzt muss sie das wohl! Ich komme an meine Grenzen. Und wenn ich die Verantwortung für meine Frau wahrnehmen will, dann muss die Firma wieder auf eine einzelne Vollzeitstelle zurückgefahren werden." "Und wenn..."
    "Wenn Du erwartest, dass ich das noch 3 Wochen durchziehe und auch noch die unaufschiebbaren Dinge für Lewis Anfang mit mache, dann tut es mir leid. Wenn ich auch nur annähernd so viel Zeit der Krankheit meiner Frau widmen wollte wie Du es bei Luke machst, dann wäre KFL Intertrans Ltd. in den letzten 5 Wochen mit Anlauf vor die Wand gefahren. Ich habe noch nie meinem Chef die Pistole auf die Brust gesetzt und ich weiß nicht, ob das jemals ein Angestellter mit Dir gemacht hat. Aber entweder Du bist ab morgen wieder einen vollen Arbeitstag im Büro, plus die Zeit, die dringenden und aufgelaufenen Dinge zu erledigen oder ich werde Dienst nach Vorschrift machen, auch auf die Gefahr hin, dass wir dann alle in kürzester Zeit arbeitslos auf der Straße sitzen, weil der Laden den Bach runter geht! Bitte komm zur Besinnung! Ich schaffe es nicht alleine! Und ich habe eine chronisch kranke Frau, die nicht wie Luke mit 4 Wochen Gips und 4 Wochen Reha wieder gesund ist. Wenn keine Spenderniere gefunden wird, dann wird sich das noch über Jahre hinziehen, zusätzlich zu den fast 2 Jahren, die es schon so ist."
    "Ich..." "Und wo wir schon mal dabei sind. Ich glaube wenn Du nicht mal schleunigst mit Timo sprichst, dann haben wir einen der alten Trucks kurzfristig frei zur Ausmusterung. Der ist mit der politischen Lage hier noch unglücklicher als wir alle und Du als nahe liegende Bezugsperson, sowohl als Chef als auch als ebenfalls deutscher EU-Ausländer, nicht erreichbar, um ihm eine Perspektive zu geben! Ich an seiner Stelle würde mir da ein weiches Kissen auf dem Kontinent suchen, um nicht am Ende mit nichts in der Hand aus dem Vereinigten Königreich ausgewiesen zu werden, wenn es "No Deal" gibt. Denk darüber nach, ich will jetzt keine Antwort. Morgen sehen wir uns sowieso." Er ging und ließ mich im Park stehen.

    Als ich wieder zu Luke kam, war ich entsprechend durch den Wind und er merkte es:
    "Was ist los mit Dir?" "Nichts." "Wenn Du denkst, dass Du mir keine Sorgen aufhalsen willst, dann ist das nett gedacht. Aber es bringt nichts. Ich sehe doch, dass was mit Dir ist und wenn ich weiß, dass Du das in Dich rein frisst, dann regt mich das nur noch mehr auf." Also gab ich in kurzen Worten Philips Standpauke wieder.
    "Ich befürchte, da hat er Recht. Natürlich freue ich mich, wenn Du bei hier mir bist. Aber als Geschäftsführer hast Du wirklich eine Verantwortung für die Firma und alle Angestellten. Einschließlich Lewis, der ja schon einen Vertrag hat, sind das ohne uns immer noch 10 Leute, wir machen das Dutzend voll. Dazu kommen die Familien der Angestellten, die ja am Ende auch von der Firma abhängig sind. Und wir zwei haben beschlossen, uns zu informieren, ob wir ein Kind annehmen, das dann auch von der Firma ernährt werden muss. Ich habe "nur" gebrochene Beine und kriege ein Aufbautraining für meine Beinmuskeln. Ich schaffe das schon mit weniger und kürzeren Besuchen von Dir. Die Jungs brauchen Dich mehr als ich!"

    Am nächsten Morgen war ich dann auch früher im Büro. Als erstes entschuldigte ich mich bei Philip und bedankte mich für die offenen Worte. Dann ging ich ans Tagesgeschäft, bis Ben in die Werkstatt kam. Ich ließ mir von ihm die Wartungsberichte von Daveys und Timos Trucks geben. Bei Timo war ein Anstieg zu erkennen, aber es ging noch einigermaßen. Als Ben mit der Aufstellung der Reparaturen an Daveys XF fertig war, setzte er hinterher:
    "Wenn das Ding das nächste Mal mit einem schwereren Defekt hier rein kommt, leite ich die Notsprengung ein!" Bei der Anzahl von Defekten und auch manchen ärgerlich zu reparierenden konnte ich das sogar ganz gut verstehen.

    Als nächstes war Lewis an der Reihe. Ich bestellte einen Schreibtisch bei einem Büroeinrichtungshaus hier im Gewerbegebiet und einen Computer mit allen nötigen Lizenzen bei unserem IT-Dienstleister. Danach rief ich bei der Chamber of Commerce an und forderte einen praktischen Ausbildungsplan für Speditionskaufleute an. Der sollte dann in der kommenden Woche und immerhin vor Ausbildungsbeginn bei uns eingehen. Wenigstens in der Berufsschule hatte ich ihn vor Lukes Unfall noch angemeldet, sonst hätte ich jetzt ein mittleres Problem.

    Davey kam abends von einer Zweitagestour zurück. An sich sollte Timo einen neuen Truck bekommen und Davey auf dessen DAF gesetzt werden, dann Alex einen neuen und Davey dessen DAF kriegen, bevor dann mal er selbst an die Reihe gekommen wäre. Diesen Plan hatte ich verworfen, nachdem ich vorhin den Reparaturbericht gesehen hatte. Davey bekam sofort einen neuen Truck, und zwar einen, der beim Händler auf Halde stand.
    Sobald ich es von der Arbeit schaffte, was wohl in Lewis erster Schulwoche sein würde, wollte ich dann den alten DAF auf seine letzte Tour für uns selbst fahren. Das Ziel war eine Werkstatt in Bochum, in der ein in Afrika geborener KFZ-Mechanikermeister scharf auf alles war, das das Steuer rechts hatte, weil seine Kumpanen in Kenia das besser bezahlten.
    Ich nahm die Frachtpapiere und bat unseren Fahrer-Azubi in mein Büro.
    "Also, Davey. Was für einen Truck hättest Du denn gerne als nächsten. Du hast den ältesten, Du bist dran." "Oh. Da habe ich gar nicht mit gerechnet. Was darf ich denn aussuchen?" "Die Marke der 7 Westeuropäer. Um Motorisierung und Ausstattung kümmere ich mich dann. Wobei Deiner von der Halde kommt. Je nach Hersteller kann es also passieren, dass Du ein Vor-Facelift-Modell bekommst." "Hm. Auf jeden Fall keinen DAF mehr. Und Scania Streamline auch nicht. Ansonsten kenne ich ja nur Iveco." "Tja, kannst ja mal bis morgen drüber nachdenken."

    Am nächsten Morgen kam er dann, um seine Papiere für den Tag zu holen:
    "Guten Morgen." "Guten Morgen. Hast Du gut geschlafen trotz der schweren Entscheidung?" "Ja. Iveco." Mir wäre lieber gewesen, wenn er den unkomplizierter bekommen hätte. So sehr wie Luke sich in letzter Zeit mit ERF- und MAN-Fanartikeln - ab und zu zur allgemeinen Verwirrung einen von Volvo - eindeckte, würde er wohl eher keinen Iveco mehr fahren und wäre, hätte man seinen nicht in den Vordermann gehämmert, sicher einem Tausch zugestimmt.
    "Ooookay." "Was denn? Sollte Dir als Fan der Marke doch recht sein." "Ist es grundsätzlich auch. Aber irgendwie bin ich doch immer überrascht, wenn sich einer outet. Im Truckerforum oder auf Rastplätzen hatte ich immer das Gefühl, der einzige Iveco-Fan nördlich der Alpen zu sein. Zumindest der einzige, der keinen italienischen Nachnamen hat."
    "Einen solltest Du auf jeden Fall noch kennen. Maxim macht ja genug Werbung für die Marke. Der hat mich auch ein Bisschen beeinflusst. Außerdem fand ich schon interessant, wie viel besser Luke sein 460er Stralis gezogen hat als mein 460er XF105." "Okay. Ich schaue mal, was ich kriegen kann. Dass es ein XP wird, kann ich aber nicht versprechen. Vielleicht noch mal ein normaler Hi-Way. Wie gesagt muss ich schauen, dass ich schnell einen kriege. Wenn es nach mir geht, wechselst Du kommende Woche. Dann kann ich auch mit Dir auf eine kleine Einweisung fahren. Wenn Lewis erst mal hier ist, wird es schwerer, weil ich dann hier mehr gebraucht werde, um ihn auszubilden." "Okay."

    Für mindestens die verbleibenden 3 Wochen vergab ich den Trailershuttle nach Hull an unseren Subunternehmer Adrian Malone, Davey sollte wieder mehr Dinge tun, die ihn weiter brachten. Wenn Luke wieder arbeiten konnte, sollte er aber lieber mal lackieren, also würden da noch 2 oder 3 Wochen mehr drauf kommen.

    Dann fuhr ich nach Manchester zu Iveco Northern Commercials, eine ziemliche Anreise. Für Neuwagen ließ man in Großbritannien den Außendienst antreten, aber ein Spontankauf ging eben nur vor Ort bei dem dünnen Händlernetz. Ich sah mir die Fahrzeuge an, die dort standen und am Ende entschied ich mich für einen Stralis Hi-Way ohne XP, dafür mit 500 PS, Handschaltung, der obligatorischen Vorlaufachse und für den Verkauf von Halde verträglichem Lack in Mausgrau, dafür ein paar blinkenden Zubehörfelgen.
    Davey würde ihn erst einmal so fahren müssen, bis Luke ihn während einer Schulwoche lackieren konnte. Allerdings sollte Ben einen Lampenbügel mit ein paar Zusatzscheinwerfern und zwei Rundumleuchten bestellen. Gefahrgut ging hier zwar auch ohne Feuerwerk, das brauchte man eher in den Alpen. Aber es sah auch gut aus und da der Truck länger halten würde als Daveys Ausbildung, würde er damit sowieso noch die Berge sehen.


    Letzte Augustwoche 2017

    Am Montag früh war dann Timo an der Reihe. Anstatt ihm seine Frachtpapiere zu geben, holte ich ihn in mein Büro.
    "Es tut mir leid. Ich habe in den letzten Wochen etwas zu wenig an Euch in der Firma gedacht und insbesondere an Dich. Du haderst mit dem Brexit?" "Ach, der Flurfunk ist im Chefbüro angekommen?" Ich konnte ihm die Spitze nicht übel nehmen. "Ich bin halt besorgt. Ich habe ja nichts außer Nachrichten von schlecht verlaufenden Verhandlungen." "Wenn es so weit ist, dass Du wirklich um eine Aufenthaltserlaubnis kämpfen musst, dann werde ich Dir eine Erklärung geben, dass Du für das Unternehmen wichtig bist. Und mehr wollen die dann auch normalerweise nicht. Fahrermangel haben wir hier auch, trotz Insellage. Und wenn sie auch noch großflächig Einwanderer vergraulen würden, wird der nur noch größer."
    "Na ja, es würde Dich ja auch betreffen." "Ich bin aber Unternehmer und damit Investor, bin mit einem Briten verheiratet und ein halbes Jahr nach dem Brexit ist der Ärger eh vorbei. Ich werde Ende 2019 die britische Staatsbürgerschaft beantragen." "So schnell? Ich müsste 5 Jahre warten." "Wenn man verheiratet ist nur 3 Jahre. Das dann aber ohne Rücksicht, mit wem man verheiratet ist. Auch eine gewisse, zukünftige Meghan, Duchess of Sussex, noch Markle, wird sich 3 Jahre ab der Hochzeit gedulden müssen, bevor sie den Pass bekommt." "Ach so. Bei "wenn man mit einem britschen Staatsbürger verheiratet ist" habe ich mich natürlich nicht informiert. Nur dass ich durch den Beruf von der 450-Tage-Regel und der 90-Tage-Regel für Auslandsaufenthalte ausgenommen bin." Das war auf jeden Fall trotzdem eine tief greifende Information. "Ja. Aber ich werde, nachdem ich es weiß, dass Du an einen britischen Pass denkst, mal wenigstens aufpassen, dass ich Dich in den 5 Jahren nicht über 730 Tage raus schicke. Sonst kriegst Du meistens trotz Reisejob 8 Jahre Wohnsitz zur Auflage."
    "Das ist nett von Dir. Ich weiß aber echt noch nicht, wie es weiter gehen soll. Dass Du mir helfen wirst, wo Du kannst, wenn ich hier bleibe, ist auf jeden Fall ein Argument. Ich denke mal diese Woche drüber nach." "Nimm Dir ruhig die Zeit, die Du brauchst. Du weißt, dass ich auch für Dich da war, als Du aus weniger verständlichen Gründen KFL mit dem Gedanken gespielt hast, die Firma zu verlassen. Wenn Du zu lange brauchst, kriegt allenfalls Alex vor Dir einen neuen Truck. Oder hast Du wieder ein Angebot von Patrick Schütz beziehungsweise David Haider?" "Ich habe gesagt, dass ich besorgt bin und nicht, dass ich verzweifelt bin." "Keine weiteren Fragen!" Lachend schob ich ihm die Frachtpapiere rüber.

    Danach bekam Davey eine kleine Einweisung in das neue Bedienteil von Isotrak, das jetzt keine On-Board-Unit mehr war sondern ein Outdoor-Tablet, was es ermöglichte, das Ding auch mit aus dem Fahrerhaus raus zu nehmen, wenn es erforderlich sein sollte.

    Und am Dienstag gab ich nicht nur Davey Papiere, ich ging auch selber mit. Die ersten Teile der Tour hatte ich noch selbst geplant, aber irgendwo musste dann Philip mal einspringen. Davey sah sich die Papiere nur flüchtig an, ob sie vollständig waren und die entscheidenden Daten drin waren. Bei mir saß das mit dem Prüfen noch drin, wenn ich fuhr. Die Daten in den Papieren entsprachen aber denen in Isotrak, insofern würde er die Daten, die er jetzt nicht prüfte, gleich sehen. Ich gab ihm eine kurze Einweisung in den Stralis Hi-Way. Und kaum startete er den Motor, hörte ich das System schon piepsen, als es die Daten empfing. Ich schloss hinter der Zugmaschine das Tor und stieg dann auf den Beifahrersitz. Im Display stand der Auftrag.

    PICKUP: UKDES-KFL
    DESTIN: UKWIK-MBA
    TRAILER: 104
    LOAD: MACHINE PARTS
    WEIGHT: 20300
    SUPPLY PORT / BAY: 4
    REMARKS: PRELOADED
    DISPATCH: UKDES-KFL-ERK

    Bei Isotrak waren Start und Ziel mit 2 Buchstaben für das Land und drei für die Stadt verschlüsselt, die Firma mit 3 weiteren. UKDES-KFL waren wir selbst, im Vereinigten Königreich (UK), in Deeside (DES) und KFL sprach für sich. Es ging in die Nähe von Wick in Schottland, in einen Steinbruch der Mibau-Stema-Gruppe, die Ladung waren Maschinenteile und sie lagen auf Trailer 104, was der vierte von den seinerzeit 5 Fruehauf-Trailern mit Heckbühne gewesen war. Die Ladung wog 20,3 Tonnen und der Trailer stand an Rampe 4, war am Freitag oder Samstag von Gary oder Rafal vorgeladen worden und der Auftrag kam aus unserer eigenen Dispo und zwar von mir selbst, ERK waren die ersten zwei Buchstaben vom Vornamen und der erste vom Nachnamen.

    Die Bedienung auf dem Tablet war etwas anders als bisher, aber da fand Davey sich schnell rein. Es war noch dunkel, als wir los fuhren, denn zu zweit konnte man einiges schaffen. Da Zweimannbesatzung auch das neue Thema für Davey war, erklärte ich ihm dazu einige wissenswerte Dinge rund um Fahrtenschreiber und Vorschriften, aber auch, dass ihn heute eine Tour bis in den äußersten Norden Schottlands und wieder zurück ins Herz der Highlands erwarten dürfte. Alleine hätte er es eher nur in den Süden der Highlands geschafft, so gerade an Glasgow vorbei auf dem Hinweg.




    Auf der Autobahn ging Davey dann erst mal erfolgreich Scanias jagen. Leider wurde er auch gejagt und beim Einscheren blitzte es im Rückspiegel.
    "Oh Mist, gerade mal 6 Wochen vor Ende der Probezeit." "Dann musst Du Dich 6 Wochen anstrengen, nichts mehr anzustellen." Die 6 mph abzüglich Toleranz zu viel brachten ihm schon, wie jeder Verstoß, der auch nur eine einzige Meile zu schnell nach Abzug aller Toleranzen war, 3 Punkte ein. In der Probezeit war bei 6 Punkten der Lappen weg, danach bei 12. Was war Deutschland doch ein Paradies in Sachen Strafen. "Na ja. Erst mal muss was kommen. Wenn Du glück hast, warst Du zwischen den Spuren oder der Scania war schon ins Bild gefahren. In beiden Fällen ist die Messung ungültig."

    Gegen 8 machten wir für ein zweites Frühstück Pause. Meins zu Hause hatte nur aus einem Apfel und einer Mandarine bestanden. In der Zeit klarte es dann auch auf, so dass ich nun bei deutlich besserem Wetter die Reise in den Norden fortsetzen konnte und die Grenze nach Schottland passierte.




    Hinter dem Großraum Glasgow war dann meine Lenkzeit zu Ende. Immerhin kam man inzwischen noch besser voran als früher, seit man auf Landstraßen 50 mph und auf allen dual carriageways unabhängig vom Status der Straße als M, A oder B route 60 mph fahren durfte.

    [Hinweis für Mitautoren, die Regelung gilt schon seit 06.04.2015, aber ich bin selbst erst die Tage drüber gestolpert.]

    Wo genau es dann zum Halt mit Fahrerwechsel kam, entlockte mir ein kleines Lachen. Ich schickte Timo ein Foto unseres Trucks mit der Frage:
    "Erinnerst Du Dich noch an diesen Rastplatz?"




    Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, offenbar stand er auch gerade. Sie war aber entweder eine bewusste Steilvorlage oder unüberlegt. Sogar das Foto von damals hatte er gefunden:
    "Ja, der war beschissen!"




    "Bevor oder nachdem Du da Pause gemacht hast?" Okay, es war eine bewusste Vorlage gewesen. "Schon vorher und erst recht hinterher! Pun intended!"

    Davey und ich ließen uns hier eine halbe Stunde Zeit, aßen in Ruhe ein Sandwich, kochten und tranken Tee und missbrauchten den Weidezaun wieder als Toilette, aber nicht ganz so ausgiebig wie Timo seinerzeit.

    Weiter ging es durch die immer wieder beeindruckende Landschaft der Highlands. Dass Tomas damals im U25-Interview vom Magazin Fernfahrer gesagt hatte, dass hier seine Lieblingsrouten wären, konnte ich gut verstehen.




    Davey kam von hier mit fast genau seiner Blockfahrzeit von viereinhalb Stunden ans Ziel. Wir wurden im Steinbruch mit einem Gabelstapler abgeladen. Es waren 3 Kisten und eine Palette, von denen eine besonders lang war und ein Förderband enthielt. In den anderen waren die Antriebe und Trichter, die Stützen lagen auf der Palette. Entsprechend dauerte es keine 30 Minuten von Einfahrt bis Ausfahrt, einschließlich Abladen, schnelle Sichtprüfung der Ladung durch den Vorarbeiter und Papierkram.

    Wie es hier weiter ging, wusste ich noch, aber das war nur eine Teilladung. Entsprechend meldete sich Isotrak mit zwei Meldungen.

    PICKUP: UKINV-SIT
    DESTIN: NLAMS-TNT
    TRAILER: 104
    LOAD: WINDSCREEN ANTIFREEZE
    WEIGHT: 16000
    REMARKS: TRANSSHIP DEESIDE
    DISPATCH: UKDES-KFL-ERK

    PICKUP: UKABD-BAY
    DESTIN: UKDES-TOY
    TRAILER: 104
    LOAD: BRAKE FLUID
    WEIGHT: 8000
    DISPATCH: UKDES-KFL-PHK

    Ich hatte am Montag schon die Ladung Frostschutzmittel von Inverness nach Amsterdam gefunden. Die sollte in Deeside umgeladen werden, wobei eher ein anderer Fahrer diesen Trailer bekommen würde und noch was dazu für den Kontinent. Philip hatte also noch eine Restladung Bremsflüssigkeit für das Toyota-Werk quasi direkt neben unserer Firma gefunden.

    Ich fuhr also leer zurück nach Inverness, wir ließen uns beladen und ich fuhr noch aus der Stadt raus auf einen Rastplatz außerhalb der Stadt. Da wir um 20 Uhr schon standen, konnten wir um 5 Uhr weiter. Wir hatten die Fahrzeit eher locker angehen lassen, aber dennoch waren wir eine Stunde später als gestern. Das war auch der Grund für den frühen Start und eine Lektion für Davey. Während man alleine immer früher wurde, da man 9 oder 10 Stunden fuhr und dann 10 oder 11 Stunden Pause machte, waren die Tage selbst mit Ladezeiten im Fernverkehr meistens nur 21 bis 22 Stunden maximal von Start bis Start.
    Zu zweit konnte man 18, mit Verlängerung bis zu 20 Stunden fahren, bis zu 21 Stunden mit Ladezeiten arbeiten und musste immer nur 9 Stunden Pause machen. Auch wenn die wenigsten Zweimannteams das ausreizten, war ich mit Luke im Schnitt um die 16 Stunden am Tag gefahren, plus Ladezeiten und Pausen waren es also meistens 28 Stunden von Start bis Start. Das sollte man schon berücksichtigen, wenn man seine Zeiten und Termine plante.

    Die Sonne kämpfte sich über die Bergspitzen und eröffnete uns wie am Vortag schon ein Panorama auf die wundervolle Landschaft hier oben.




    Nun brauchte der Stralis auch mal wieder Futter, an der Landstraße war es aber billiger als an der Schnellstraße, deshalb hatten wir gestern Abend nicht mehr getankt.

    In Aberdeen war auch die Stadt schön. Hier in den Highlands hatte sich die Stadt einiges von ihrem urigen Charme bewahrt. Der Aufstieg durch das Nordseeöl kam spät genug. In den Midlands und London, aber auch Glasgow und Teilen von Edinburgh hatte man alles platt gemacht und die Innenstädte "modern" neu gebaut.




    Die Einfahrt zu Bayer ging durch einen sehr schmalen Weg zwischen alten Schuppen, Worker Cottages und einer hohen Steinmauer.




    Wir bekamen die Restladung und waren dann auf dem Heimweg. Nach einer ereignislosen, aber am Ende wieder verregneten Fahrt kamen wir wieder in Deeside an, lieferten noch eben die Paletten mit der Bremsflüssigkeit bei Toyota ab und fuhren mit dem Frostschutz zu unserer Halle.

    Am Donnerstag fand ich einen Brief für Luke in der Post. Also fuhr ich an dem Nachmittag in der Besuchszeit zu ihm. Er öffnete das Schreiben und schien sehr erleichtert, als er mir den Brief gab.
    Das Verfahren gegen ihn war eingestellt worden, vermutlich ebenso gegen den Fahrer vor ihm, der noch auf die PKW davor aufgedrückt worden war, bei denen es aber nur Blechschaden gegeben hatte. Der Brief enthielt den kompletten Unfallhergang. Sie hatten beide schon stillgestanden, als zuerst der Volvo auf Lukes Sattelzug aufgefahren war und dann der Scania Streamline auf den. Damit wurde nur noch gegen den Fahrer des Streamline ermittelt und Luke war Zeuge und sowohl er als auch ich als Geschäftsführer und Fahrzeughalter Geschädigter. Also sollte auch ich persönlich demnächst einen Brief bekommen, wenn das Verfahren eröffnet wurde. Gegen den Volvo-Fahrer konnte nicht mehr ermittelt werden, da er ja tot war.

    Am Freitag war der 1. September und wegen dieser Konstellation hatte ich Lewis gesagt, dass sein offizielles Programm erst am Montag starten würde, er durfte aber gerne schon am Freitag mal vorbei kommen. Ich war gespannt, wie er sich entscheiden würde.
    Als unsere offizielle Bürozeit um 7:30 Uhr anfing, waren Philip und ich schon längst da und hatten erste Dinge erledigt. Von Lewis keine Spur. Der tauchte dann aber gegen 20 nach 8 auf.
    "Guten Morgen. Hast Du gut her gefunden?" "Ja, der Weg vom Bahnhof zieht sich doch." Er kam aus dem ziemlich weit entfernten Prestatyn und musste noch ungefähr ein Jahr warten, bis er Auto fahren konnte, denn er war erst kürzlich 16 geworden und Auto ging hier immerhin mit 17, aber auch so ein Jahr konnte lang sein. "Ja, wie lange bist Du gelaufen?" "31 Minuten." Das war für 2 Meilen wiederum ziemlich flott.
    Beibringen wollte ich ihm heute sowieso noch nichts. Dadurch, dass er freiwillig hergekommen war, hatte er gezeigt, dass er motiviert war. Dass er dafür eine Stunde länger geschlafen hatte, war geschenkt. Mit Fußweg auf beiden Seiten war er dann auch in einer Richtung knapp anderthalb Stunden unterwegs. Das waren Opfer für den Wunschberuf.
    Da sein Schreibtisch bis auf den PC und ein paar Basics leer war, konnte er sich dort erst mal einrichten und im Büromaterialschrank bedienen. Dann führte ich ihn über das Gelände, stellte ihn bei Ben in der Werkstatt sowie bei Gary und Rafal im Lager vor. Danach zeigte ich ihm eher ein paar interessante Dinge. Dass wir sehen konnten, wo unsere Fahrer gerade waren, wie lange sie noch zu ihrem Ziel brauchten und so. Dabei erwähnte ich schon mal so Dinge wie Lenkzeitregelung oder dass auf dem Kontinent der Fahrer oft selbst abladen musste und Arbeit verbrauchte, es hier aber nicht durfte und daher an der Rampe Pause machte.

    Nachmittags kamen dann der Reihe nach die Fahrer rein und so lernte er die auch gleich kennen. Am Montag, wenn er gegen 7:20 Uhr hier ankam, könnte der eine oder andere Frühstarter schon raus sein.

    678 mal gelesen

Kommentare 18

  • Benutzer-Avatarbild

    Sauerlaender -

    Schön, dass es bei dir auch in Europa wieder weitergeht. Tolles Kapitel und interessante neue Infos.

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    alaskabaer01 -

    Toll geschrieben und wieder klasse Fotos.

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    infinity -

    Schönes Kapitel. Ich glaub ich muss mal wieder auf die Insel und für die Londoner Niederlassung was fahren.

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    merlinita -

    Sehr schönes Kapitel, gut dass de wieder am arbeiten bist und vor allem dass du wieder mal einen vernünftigen Truck im Fuhrpark hast^^

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      TurboStar -

      Danke. Irgendwie kann ich nicht ohne die Italiener, die mittlerweile ja Spanier sind :D Leider viel zu wenige von unterwegs und dauernd nur belächelt und drüber gelästert. Ich hoffe, Davey hat ein dickes Fell. UK ist ja eher schwedische Bastion, gefühlt sind da nur Volvo und Scania unterwegs. Was bestimmt auch daran liegt, dass das die Hauptmarken von Eddie Stobart und H.W. Malcolm sind und die mit ihren Leasingrückläufern dann auch den Gebrauchtmarkt damit überschwemmen.

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    loddi51 -

    Klasse geschrieben und tolle,scharfe Fotos.

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    Viking1971 -

    Ich hadere immer noch mit den Lenkzeiten für Alleinfahrer. Du darfst innerhalb 24 Stunden 9 bzw. 10 Stunden fahren und musst Pausen von 9 bzw. 11 Stunden einhalten. Aus den Zeiten mit Fahrtenschreiberkarten weiß ich das immer eine komplette Schicht auf den Dingern sein musste. Und dann hab ich folgendes Problem. Wenn ich also durchfahre, sagen wir von Bremen nach Wiener Neustadt muss ich dann nicht erst die 24 Stunden auf der Karte voll machen, bevor ich die Scheibe wechsle?

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      TurboStar -

      Stimmt, da könnte ein Fehler drin sein, wenn man seine Zeit voll fährt. Dann eben glatt 24 Stunden, kann aber durch Ladezeiten auch wieder alles durcheinander geraten. Weil das Pausen- oder allenfalls Arbeitszeit aber keine Fahrtzeit ist.

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      Viking1971 -

      Ladezeiten werden in die Schichtzeit eingerechnet. Diese darf 15 Stunden nicht überschreiten, da man sonst nicht auf seine 9 Stunden Pause kommt. Allerdings sollte sie in der Regel nach 13 Stunden enden, da man sonst seine 11 Stunden Pause nicht einhalten kann.

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      TurboStar -

      Ich will nicht ausschließen, dass ich auch noch einen Verständnisfehler aus meiner Anfangszeit mit mir rumschleife, der jetzt 4 Jahre unbemerkt "überlebt" hat :(