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Kapitel 18 - Wo steigt die Geburtstagsfeier?

  • Montag, 13.11.2017

    Die PTI an der neuen Zugmaschine war eine recht schnelle Angelegenheit, deshalb war ich nach 10 Minuten fertig. Da beim Einschalten erst einmal das Navi angefangen hatte, übers Smartphone ein Update auf Softwareversion 1.29 herunter zu laden, sah ich erst nach der Abfahrtkontrolle Brians erste Schandtat der Woche im Display.

    PICKUP: SCCOL-CAT
    DESTIN: MSJAK-CAT
    TRAILER: SC-6LY852
    LOAD: 430F2
    WEIGHT: 24,251
    DISPATCH: PAERI-CAT-BRW

    Es ging also mit einem Backhoe Loader nach Jackson (MS), das bedeutete nach längerer Zeit mal wieder neue Staaten. In strömendem Regen, bei dem sogar die Funktionsfaserjacke von Caterpillar überfordert war, machte ich die Abnahme der Ladung und die PTI für den Trailer, dann ging es los.




    Bei Augusta hatte sich dann die Sonne durchgesetzt und die Wettervorhersage ließ für den Rest des Tages eher an die Klimaanlage denken. Hier im Süden konnte es auch im Winter Wetter für kurze Ärmel geben und in der Filmhauptstadt Los Angeles war einst ein Dialog für irgendeine Fernsehserie entstanden, wie schön es doch sein konnte, an Heilig Abend mit dem offenen Cabrio durch die Stadt zu fahren. Das war auch in San Diego nicht unüblich gewesen, aber in meiner neuen Heimat nicht mehr möglich. Dort konnte man dafür auf weiße Weihnachten hoffen. Aber bis dahin standen noch mein eigener Geburtstag, Thanksgiving und Javiers Geburtstag auf der Agenda.

    Apropos Geburtstag, mein Bruder meldete sich kurz vor Atlanta per Telefon mit einer guten Frage, auf die ich auch noch keine Antwort hatte.
    "Bist Du denn an unserem Geburtstag zu Hause?" "Ich weiß nicht." Und die große Neuigkeit wusste er ja auch noch nicht, da wir unter der Woche selten miteinander sprachen und am Wochenende hatte ich ihn nicht erreicht.
    "Und ich habe auch noch eine Neuigkeit. Ich habe seit letzter Woche einen Freund." "Glückwunsch. Das freut mich für Dich." So überzeugend klang das aber nicht. "Ist was mit Dir?" "Das ist wohl der statistische Ausgleich. Kate hat vor am Freitag mit mir Schluss gemacht. Ich hätte zu wenig Zeit für sie. Ja, verdammt. Man schreibt nur einmal im Leben eine Masterarbeit und ich habe vor einem Monat nun mal damit angefangen!" "Oh. Das tut mir leid."
    "Hatte mich so drauf gefreut, Dich wieder zu sehen. Aber ich gönne Dir Deinen Freund. Du warst so lange alleine. Und ich komme trotzdem. Wann weißt Du denn, wo Du sein wirst?" "Wenn ich Pech habe, am Samstag." "Oh Gott. Das wird dann aber lustig mit der Anreise. Ich denke, zur Thanksgiving-Woche bin ich nicht alleine am Flughafen." "Ich versuche mal, im Vorfeld was klar zu machen. Auch wenn Javier als Flugbegleiter Berufsvorteil hat, will der auch wissen, wo ich bin." "Javier? Hast Du Dir einen Latino passend zu Deinem nicht-irischen Temperament geangelt?" "Ja."
    Wir verabschiedeten uns, während ich zum Überholen ansetzte. Ein anderer CAT-Subcontractor fuhr mit einem wahrscheinlich für seinen Motor im Kenworth K100 aus den 70ern oder 80ern zu schwer geratenen Bulldozer durch die Gegend und drohte an dem mit bloßem Auge kaum wahrnehmbaren Anstieg zu verhungern.




    Und als ich dann den ersten neuen Staat erreichte, war ich schon wieder auf der Überholspur, diesmal lag es an einem Volvo VN, dessen Fahrer sich wohl in Multitasking versuchte und beim Fahren einen dicken Burger verspeiste. Da konnte ich nur mit dem Kopf schütteln. Vielleicht noch beim Essen eine Zeitung zum Lesen?




    Alabama war für Trucker auf jeden Fall mal ein kleines Paradies. Bei 1,96 $ je Gallone musste ich einfach am Truckstop volltanken, bevor ich meine Mittagspause machte.

    Die weitere Fahrt war ohne besondere Vorkommnisse, sah man vom zweiten neuen Staat für heute ab.




    Nachdem ich gegen 7:30 PM Central Time meine Ladung bei der CAT-Niederlassung abgeliefert und meine Papiere vom Pförtner gegengezeichnet bekommen hatte, checkte ich noch schnell, ob ich hier gleich was mitnehmen sollte. Das war nicht der Fall.

    PICKUP: MSJAK
    REMARKS: 10H BREAK
    DISPATCH: PAERI-CAT-BRW


    Also suchte ich mir einen Platz im Gewerbegebiet für die Nacht. Eine Werkstatt bot an, für kleines Geld dort zu parken und die sanitären Einrichtungen zu benutzen. Darauf ging ich gerne ein.


    Dienstag, 14.11.2017

    Der Hof bei CAT war gestern verdächtig leer gewesen und so ging es von der Pause direkt in die zumindest hauptkundenseitige Arbeitslosigkeit.

    PICKUP: MSJAK
    REMARKS: NO ORDERS
    DISPATCH: PAERI-CAT-BRW

    Also ging ich in die Frachtbörse und sah mich dort um, was es hier gab. Schließlich fand sich eine offenbar ziemlich wichtige Gasladung. Also fuhr ich quer durch die Stadt zur Raffinerie, was im Berufsverkehr nicht vergnügungssteuerpflichtig war und eine Dreiviertelstunde dauerte. Aber schließlich kam ich doch an.

    In der Dispo war ich überrascht, dass die Lieferstelle eine Tankstelle war. Also fragte ich die junge Disponentin mal.
    "Wieso ist das denn so dringend, eine Tankstelle 2 Staaten weiter zu beliefern?" "Weil wir nicht an jeder Raffinerie Flüssiggas für Autos herstellen können. Und diese Tankstelle hatte mehr Gaskunden als üblich und muss nun schnell wieder aufgefüllt werden." "Ach so."
    "Es wäre nett, wenn Du mich von unterwegs auf dem Laufenden halten könntest, wie weit Du bist." "Ihr habt doch Isotrak, oder?" "Ja." "Dann tracke mich doch einfach." "Hey, cool. Das hat ja kaum einer." "Ich fahre normalerweise für Caterpillar. Die nutzen das auch." "Okay, dann müssen wir Dich kurz als freien Subunternehmer einrichten."
    Ich gab ihr die entsprechenden Unternehmensdaten und hatte damit beim nächsten Unternehmen einen Zugang zu Frachten. Damit waren aber auch alle Marktgrößen in den USA abgefrühstückt, die dieses System einsetzten. Als ich am Truck ankam und zum Trailer fahren wollte, war schon der Auftrag im System.

    PICKUP: MSJAK-CVR-RE
    DESTIN: GAAUG-GUL-GS
    TRAILER: MS-5NB8997
    LOAD: PROPANE
    WEIGHT: 31,500
    SUPPLY PORT: 11
    REMARKS: HAZMAT 420SA/UN2-1075
    DISPATCH: MSJAK-CVR-JBL

    Die Zeile "Supply Port" war neu und bezeichnete das Füllventil, an dem der Trailer bereit stand. Und die Bemerkung kannte ich auch noch nicht, wusste sie aber zu lesen. Hazmat war eine gängige Abkürzung für Gefahrgut und 420SA war der Gefahrgutcode nach der Norm NFPA 704. Dargestellt wurde er in einem vierfarbigen "Diamant".
    Das rote Feld war oben, stand für die Brennbarkeit und enthielt die erste Zahl. 4 bedeutete "Schlagartig bei Raumtemperatur und Umgebungsdruck verdampfende Flüssigkeit oder gasförmiger Stoff, zündfähig bei Zündtemperatur unter Raumtemperatur."
    Links war das blaue Feld für die Gesundheitsgefährdung und die 2 bedeutete "Starke oder regelmäßiger noch unterhalb von ständigem Kontakt kann vorübergehende Bewusstlosigkeit oder bleibende Schäden hervorrufen."
    Rechts das Feld war gelb und betraf die Reaktivität. Die 0 stand für "Stabil, auch bei Feuer, reagiert nicht mit Wasser." Das mochte einem komisch vorkommen, aber stimmte. Denn das Problem, wenn man unter einem geschlossenen Tank mit Propan Feuer machte, war nicht eine Reaktion des Propans mit irgendwas sondern dass der Dampfdruck den Kessel sprengte und dann das freiwerdende Gas zündete, wie unter dem roten Teil beschrieben. Benzin oder Propan waren beim Gefahrstoffkurs die Klassiker, um eine gelbe 0 zu erklären, obwohl sie schnell brannten.
    Die untere Spitze des Zeichens war dann weiß und dort stand keine Ziffer sondern ein Buchstabencode für Besonderheiten. SA hieß "Einfaches, erstickendes Gas." Dieser Diamant wurde aber im Straßentransport nur freiwillig und zusätzlich eingesetzt und die Angabe diente meiner schnellen Information im Umgang mit dem Gefahrstoff. Am Trailer wurden verpflichtend die von der UN weltweit genormten Nummern und Gefahrstoffklassen gezeigt, also Klasse 2 "brennbares Gas" und die 1075 für verflüssigte Kohlenwasserstoffgase.

    Ich klickte auf die Lieferstelle, die sich als Gulf-Tankstelle erwies. Also auch in dieser Branche wurde also fleißig mit der Konkurrenz zusammengearbeitet. Überspielen ins Navi und los ging es.




    Hier in der Gegend wurde 65 gefahren. Man kam gut voran bei noch akzeptablem Verbrauch. Dank des glattflächigen Fässchens hinten dran erreichte ich auf Abschnitten bis zu 7 mpg. In Georgia durfte ich dann wieder 75 mph, aber hielt mich an die selbst auferlegten 70. Außerdem wurde man hier nicht nur vom Navi daran erinnert, dass man die Zeitzone wechselte. Damit war meine Bordzeit wieder identisch mit der Logzeit.




    Bei Atlanta bekam ich die Meldung, dass die direkte Stadtautobahn zu war. Also fuhr ich über den Southern Perimeter. Und dort traf ich ein Unikat aus alten Zeiten wieder. Persönlich war ich ihm nie begegnet, aber zumindest im Osten kannte jeder bei Costco Lincoln Burrell. Er war Subunternehmer und fuhr einen bis ans Ende aufgebrezelten Western Star. Da die Marke in den 70ern und 80ern den Ruf aufgebaut hatte, was besonders zu sein, hielt er sich auch dafür. Zu seinem optischen Nachteil hatte er heute einen Pup dran, als ich mich direkt hinter dem Autobahnkreuz, an dem er auf den Perimeter aufgefahren war, an ihm vorbei schob.
    Diese Kombination aus Fernverkehrsmaschine und Nahverkehrsauflieger sah immer ein Bisschen behämmert aus, da nahm ich auch meinen 579 nicht von aus. Bei Classics wie seinem Western Star 4900 oder einem Kenworth W900 wurde es noch alberner, aber sein ganzer im Straßendschungel sowieso übertriebener Anbaukram von Kuhfänger bis Furtschnorcheln zog es richtig ins lächerliche.




    Nachdem ich in Augusta angekommen war, stellte ich den Trailer ab. Kraftstoffe wurden wegen der Explosionsgefahr nicht gepumpt. Das hätte teure Spezialpumpen in jedem Tanktrailer erfordert. Stattdessen ließ man sie einfach durch Schwerkraft in die Bodentanks laufen. Ich konnte also schnell Feierabend machen und blieb für die Pause gleich hier, denn Brian hatte nichts mehr mit mir vor, dafür morgen umso mehr.

    PICKUP: GAAUG-BZH
    DESTIN: VANOF-CAT-SF
    TRAILER: GA-9EH9855
    LOAD: 966M
    WEIGHT: 51,176
    REMARKS: PICKUP FROM 7 AM - OVERWEIGHT
    DISPATCH: PAERI-CAT-BRW


    Mittwoch, 15.11.2017

    Nach dem eher mäßigen Frühstück im Tankstellenshop fuhr ich also zu Beazer, bevor Brian überhaupt in Erie zur Arbeit erschien und holte auf der Baustelle einen Radlader ab, für den ich mal wieder einen Sonderschein bekam, um bis zu 90,000 lbs wiegen zu dürfen. Der 966M war das schwerste Gerät, das ich mit meinem Truck fahren durfte, ohne das zulässige Gesamtgewicht der Zugmaschine zu überschreiten. Mit vollen Tanks waren da die 87,200 lb in Reichweite.
    Das hieß aber auch mal wieder, den Schneckengang einzulegen und 55 mph fahren zu müssen. Wäre ich in Kalifornien geblieben, dann wäre das ganz normales Tempo. Aber ich hatte mich an die 65 oder 70 mph hier schon so sehr gewöhnt, dass mir 55 ziemlich lahm vorkamen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als ich im abziehenden Nieselregen von der Baustelle rollte.




    Bei Columbia hörte der Regen auf. Ich nutzte die Gelegenheit, um mal bei Brian anzurufen. Inzwischen warteten zwei Leute darauf, wo ich am Wochenende sein würde.
    "Hallo Brandon. Wie kann ich Dir helfen?" "Hallo Brian. Vorausschauende Planung wäre nicht schlecht. Wie Du weißt habe ich kommende Woche Montag Geburtstag, wollte an dem Tag nicht arbeiten und wüsste gerne, wo ich dann sein werde. Sowohl mein Bruder als auch mein Freund wollen für den Tag Reisen buchen und das wird in der Woche schon schwer genug." "Oh, da verlangst Du was. Aber durch die kurze Woche mit dann nur zwei Tagen bis Thanksgiving, wo Du ja auch frei haben wolltest und wir auch nichts zu fahren haben, weil die Niederlassungen und auch unsere Kunden nicht arbeiten bist Du jetzt vermutlich nicht zu Hause."
    Über den Boyfriend war er locker drüber gegangen, wobei ich bei ihm auch nichts anderes erwartet hatte. Aber bei Leuten, mit denen man entweder privat oder beruflich eine enge Verbindung hatte, war es doch immer ein spannender Moment sich zu outen.
    "Dann plane mich bitte entweder in eine Touristengegend in Florida oder in den Norden. Mit meinem Freund in einer Kleinstadt irgendwo in Alabama ausgehen zu müssen wäre unnötig aufregend." "Schon klar. Ich schaue mal, was ich machen kann." "Danke."

    Nachdem wir uns verabschiedet hatten, wurde es eine der unspektakulärsten Fahrten meiner ganzen Karriere. Ich schaffte es bis zum Abend noch nach Norfolk und lieferte den Radlader ab. Dann fuhr ich zu dem bekannten Truck Service mit Übernachtungsmöglichkeit. Dass ich nur noch 10 Minuten hatte, war auch Brian klar. Aber wann ich wieder los konnte auch. Denn er schickte mir nicht den 10-Stunden-Break mit Wartezeit bis er selbst wieder an der Arbeit war sondern wieder den nächsten Auftrag für morgen früh.

    PICKUP: VANOF-CAT-SF
    DESTIN: GAAUG-BZH
    TRAILER: VA-7LP6597
    LOAD: 938M
    WEIGHT: 36,216
    REMARKS: PICKUP FROM 7 AM
    DISPATCH: PAERI-CAT-BRW

    Weil heute Javier aus seinen späten Diensten weit genug in Richtung früh gerückt war, um auch Feierabend zu haben, telefonierten wir. Auch er war natürlich nicht begeistert, dass ich noch nicht wusste, wo ich am Wochenende sein würde und die Richtung eher nach Süden zeigte.


    Donnerstag, 16.11.2017

    Um 7 AM begann ich dann mit meiner PTI, denn da stand "ab" und ein Tag, der mit Aufstehen begann, konnte sowieso kein guter werden. Auch das reichhaltige Südstaaten-Frühstück und die Dusche hatten diese Ansicht nicht vollständig entkräften können.

    Heute bekam ich also den unmittelbaren Vergleich in Sachen Verbrauch und Geschwindigkeit, denn ich konnte mit einem kleineren Radlader heute die 70 wieder ausfahren und nahm die gleiche Strecke zurück.

    Die Fahrt war bis auf einen Anruf von Brian genauso unspektakulär wie in die Gegenrichtung.
    "Hallo Brian!" "Hallo Brandon. Ich bekomme Dich mit einer Kundenfracht jetzt bis Freitagabend nach New Orleans. Reicht Dir das?" "Leider nicht. Die Stadt ist toll, aber leider nicht die Zeit. Weil die nächste Woche so kurz wird, wollte ich diese eigentlich besser ausnutzen und den Samstag auch noch fahren." "Dann hätte ich als Anschluss Pensacola im Angebot. Müsstest Du am Samstag vormittags sein. Ab da müsstest Du dann aber selbst was nach Orlando oder zurück nach New Orleans suchen. Außer ich kriege noch was rein." "Okay, das klingt nach einem Plan. Dann gib mir Pensacola." Zumal ich Tampa und Daytona Beach auch noch als erreichbar erachtete.

    Am Abend stellte sich dann heraus, dass ich auf einer Strecke, die mich am Vortag 10:50 Stunden bei 55 mph gekostet hatte, heute noch ungefähr anderthalb Stunden übrig hatte. Zwar waren 70 mph kein billiges Unterfangen, aber 55 kosteten mich auf der anderen Seite mehr nicht zurückgelegte Frachtkilometer als sie Diesel einsparten.
    Bei den schweren Ladungen musste ich es wohl oder übel in Kauf nehmen, da die Reifen nicht mehr aushielten, aber es brachte auch nichts, wenn man zu langsam wurde, um Diesel zu sparen. Wahrscheinlich lag die Wahrheit in der Mitte, bei 65 mph offensichtlich. Das war jedenfalls die Geschwindigkeit, bei der die meisten Unternehmen die Begrenzer einstellen ließen, die welche einbauten.

    Immerhin blieb mir jetzt noch Zeit, schon mal mit der Anschlussfracht loszufahren.

    PICKUP: GAAUG-BZH
    DESTIN: LANOR-UPR
    TRAILER: BY CUSTOMER
    LOAD: OFFICE CONTAINER
    WEIGHT: 15,000
    DISPATCH: PAERI-CAT-BRW

    Wer war eigentlich "UPR"? Es gab doch immer wieder neue Kunden. Der Klick auf die Info ergab, dass es für "Union Pacific Railroad" stand. Ich sattelte also um und ritt kurz darauf mit den Bürokabinen in den Sonnenuntergang.

    Truckstops waren in Georgia eher Mangelware, daher machte mein System zum Ende mal wieder Terror und ich handelte mir am Ende sogar den ersten Verstoß ein. Obwohl ich nicht wählerisch bei der Parkbucht gewesen war, sprang die Anzeige noch um auf 11:01 Stunden Lenkzeit, bevor die Räder still standen.
    Ich schrieb Randy eine WhatsApp und rief Javier an, um beiden mitzuteilen, dass ich noch nicht wusste, wo genau in Florida ich meinen Geburtstag verbringen würde oder alternativ doch in New Orleans. Bei Javier blieb das Gespräch natürlich nicht bei so banalen Informationen.


    Freitag, 17.11.2017

    Am Morgen stand dann also erst mal Futter für den Truck auf der Agenda, wozu die Zeit gestern nicht mehr gereicht hatte. Dann ging es wieder auf die I-20 Richtung Atlanta. Dort wechselte ich auf die I-85 und in Montgomery auf die I-65 Richtung Mobile. Und als ich mich gerade auf die noch knapp 30 Minuten entfernte Mittagspause am Creek Travel Plaza in Alabama freute, klingelte mein Handy.

    "Brandon hier. Hallo!" "Hier ist dein Kumpel Lenny. Du hast doch am Montag Geburtstag. Die ganze Clique wüsste gerne mal, wann Du den feiern willst!" "Jedenfalls nicht am Montag. Eher am Wochenende nach Thanksgiving. Ich bin gerade im tiefsten Süden und weiß noch nicht mal, wo ich feiern werde. Jedenfalls nicht in Pensacola." Er machte eine kurze Denkpause.
    "Wie kommst Du ausgerechnet auf Pensacola?" "Weil ich da am Samstag früh mit meiner letzten Fracht verende und mir noch eine suchen muss." "Wo willst Du denn hin?" "Irgendwo, wo es Hotels und Partymöglichkeiten gibt. Orlando oder so." "Zum Beispiel Tampa?" "Ja, warum?" "Wir haben zu wenig Leute, alle Jahre wieder. Alle wollen Thanksgiving Urlaub und die Läden müssen an Black Friday trotzdem voll sein. Wir haben eine Ladung Computer in Pensacola stehen, die nach Tampa zu Best Buy muss. Frag nicht warum." "Waruuhuum? Hey, ich bin 2 Jahre für Costco gefahren. Erzähl mir nur nicht, wie das im Einzelhandel funktioniert!" "Stimmt ja." "Ich fahre die Tour gerne."
    "Was hältst Du eigentlich davon, Dein GPS in Whatsapp für Ralph und mich frei zu schalten? Wir wüssten manchmal gerne, wo Du bist und ob Du schon eine neue Fracht hast." "Na ja. Ich habe ja einen Disponenten bei meinem Hauptkunden, der normalerweise was mit mir vorhat. Kann ich aber machen. Absagen kann ich in beide Richtungen dann immer noch."

    Am Nachmittag passierte ich dann die letzte neue Staatsgrenze für diese Woche. Inzwischen wussten sowohl Randy als auch Javier, wo es am Wochenende hin gehen sollte. Hoffentlich bekam Javier das noch hin, denn die 48 Stunden, die er brauchte, um sich einen Dienst wünschen zu können, waren zumindest für einen gleichzeitigen Anfang unserer Wochenenden schon zu knapp. Für Randy wurde es wieder einfacher, da die meisten Leute früher flogen als er. Er startete jetzt ja erst Samstag kurz vor Mitternacht in San Francisco, wenn die meisten Leute schon im Laufe des Tages abgeflogen waren.




    Viel spektakulärer als die Grenze war dann aber die Brücke über die offiziell Lake Pontchartrain genannte Lagune kurz vor New Orleans.




    Schließlich kam ich bei Union Pacific an, die hier einen Güterbahnhof hatten. Der Trailer sollte in die hinterste Ecke, aber inzwischen war ich geübt genug, um mich davon nicht mehr erschrecken zu lassen. Knapp 7 Minuten war ich beschäftigt, den Zug so zu wenden, dass ich in die passende Richtung zurückstoßen konnte, am Ende um 180° hinter das Materiallager zu drehen und den Trailer parallel zum Gleis abzustellen.

    Ich beendete den Tag an einer Tankstelle, wo ich den Bobtail auf einem PKW-Parkplatz abstellte.


    Samstag, 18.11.2017

    Über Nacht hatte es heftig geregnet, aber morgens war die Front gerade abgezogen. Ich tankte erst einmal, bei 1,93 $ je Gallone konnte ich nicht ablehnen, auch wenn noch über halb voll war und ich nur 90 Gallonen rein bekam. Gestern hatte das System mir den Auftrag nicht gemeldet, also schien es gegen 8 Uhr für Brian erst los zu gehen. Und tatsächlich, als ich um 6:56 AM Central das System einschaltete, bekam ich meinen Auftrag.

    PICKUP: LANOR-CAT-WS
    DESTIN: FLPEN-BZH
    TRAILER: LA-OAR0985
    LOAD: D7E
    WEIGHT: 48,402
    REMARKS: OVERSIZE-OVERLOAD
    DISPATCH: PAERI-CAT-BRW

    Damit hatte ich allerdings nicht gerechnet. Jetzt musste ich mit 55 mph nach Pensacola fahren, das machte den weiteren Plan nach Tampa ein Bisschen straff. Aber mein Navi rechnete immer ein Bisschen pessimistisch, da sollte sich Zeit raus holen lassen. Ich holte den Brocken also ab. Nur noch die Fähnchen und das Warnbanner festmachen und es konnte losgehen.




    Nachdem ich in Pensacola den Walmart-Trailer abgeholt hatte, wunderte ich mich, dass die Ankunftszeit kaum runter ging. Früher purzelten die Minuten da nur so, weil das wohl irgendwie mit niedrigen Geschwindigkeiten rechnete. Das Softwareupdate schien da was geändert zu haben. Hatte ich mich verzockt und musste einen 34er Reset vor Tampa machen, Strafe an Walmart zahlen und meinen Bruder und meinen Freund versetzen? Immerhin kamen sie beide erst morgen an. Randy hatte mich gebeten, nur die Nacht auf Sonntag ein Zimmer für mich zu buchen. Was hatte er nur vor?

    Es half nichts, mir fehlten über zweieinhalb Stunden, um heute noch anzukommen. Das waren die, die ich dem lahmen Navi früher abgenommen hätte. Also musste ich am mir inzwischen ganz gut bekannten Orange Lake Truck Stop raus und noch mal eine Nacht im Truck verbringen. Das war immerhin die Nacht, die ich mir dann das Hotelzimmer in Tampa ersparen konnte. Javier ging nicht ans Telefon, vielleicht war er schon im Bett.


    Sonntag, 19.11.2017

    Die Restzeit auf dem Navi und die Rest-Wochenschichtzeit im E-Log waren ziemlich deckungsgleich. Ich sah also zu, dass ich nach Tampa kam. An der Waage auf halber Strecke musste ich auch noch raus, aber da die Fracht leicht war, hatte ich keine Sorgen. Jetzt eine Einzelkontrolle hätte alles ruiniert. 55,533 lb wog mein Lastzug dann. Die Fracht hätte locker auch in ein Pup gepasst, wobei ich froh war, nicht so ein schwänzelndes Teil dran zu haben.

    8:47 AM erreichte ich dann Best Buy in Tampa und sollte an Tor 1 drücken.




    Der Lagerleiter empfahl mir eine Freifläche in der Nähe, um die Zugmaschine abzustellen. Da mir nur noch 8 Minuten Schichtzeit blieben, fuhr ich ein paar Straßen weiter am erstbesten Supermarkt raus, kaufte mir ein paar Vorräte für die kommende Woche, schaltete danach um auf die Joker-Option "Off Duty Driving" und fuhr weiter. So konnte ich im Notfall vollkommen legal behaupten, dass dort meine Fahrt vom Kunden zu Ende gewesen war und ich nach meinem Einkauf nur noch privat an meinen Stellplatz gefahren war. Den Kassenzettel steckte ich in meine Dokumentenmappe.
    Man musste bei diesen Fahrten Bobtail unterwegs sein und nicht vom Kunden weg oder zum Kunden hin fahren. Dann wurden sie aber auch nicht auf Lenk- und Schichtzeiten angerechnet. Man hatte ja sonst keine andere Möglichkeit, um sich bei einem Reset längere Strecken zu bewegen. Die wenigsten Trucker hatten ein Fahrrad dabei, wobei man gelegentlich welche auf irgendwelchen abenteuerlich zusammengebratenen Haltern an der Kabinenrückwand sah.

    Beim Abstellen gab es noch schnell die Statistik.

    WEEK DRIVE: 65:08 HRS
    WEEK WORK: 69:51 HRS
    WEEK START: MO:08:00 AM
    WEEK END: SO:08:59 PM
    WEEK FRAME: 6D:00H:59M
    WEEK MILES: 3,547
    WEEK FUEL ECO: 5.9 MPG
    WEEK AVG SPEED: 54.5 MPH
    WEEK PAYLOAD: 226,545 LB

    Als ich den Platz, auf dem ein paar weitere Trucks standen, gerade verließ, fuhr ein Taxi vorbei. Ich hob den Arm und es hielt an.
    "Zum Flughafen bitte." Es wurde langsam Zeit, dass ich dort hinkam. Randy landete in knapp anderthalb Stunden mit Delta. Javier kam allerdings erst 11:15 AM an und weil er dabei arbeitete, folgte also noch das Debriefing. Er rechnete damit, gegen 12 Uhr raus zu sein.

    306 mal gelesen

Kommentare 18

  • Benutzer-Avatarbild

    alaskabaer01 -

    Klasse geschrieben und tolle Fotos.

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    loddi51 -

    Klasse geschriebenes Kapitel.

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    infinity -

    Schöne Lekture für mich zu Frühstück :) Und den Shoppingwahnsinn 'Black Friday* auch schon mit angerissen...

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      TurboStar -

      Vielen Dank. Da drüben hat er Tradition. Hier wurde ja der Sommerschlussverkauf erst zum Sale und dann zu Gunsten der Black-Aktionen abgeschafft. Ist ja viel cooler so :S Wer kennt noch den Typen mit der Flüstertüte in der Werbung? "Sommerschlussverkauf bei..." ;)

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    Sauerlaender -

    Wieder ein schönes Kapitel von dir. Da bin ich ja mal auf die Geburtstagsfeier gespannt.

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      TurboStar -

      Danke schön. Doppelgeburtstag zu dritt sozusagen. :)

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      Sauerlaender -

      Und an verschiedenen Orten. Ich bin dann gerade auf dem Weg von Sacramento nach ... ;) Hätte ich ja fast meinen Cliffhanger verraten. :D

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      elwime -

      Schliesse mich hier an and wünsche einen schönes Geburtstagsfest

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    Werner 1960 -

    Dann freuen wir uns mal auf Deinen Geburtstag. (Gut geschrieben)

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      TurboStar -

      Danke, ist aber nur virtuell meiner - für Brandon entliehen bei meiner Großmutter selig. Ich selbst habe wie mein Europa-Held Ricky am 4. Juli, der aber in den USA gleichzeitig Nationalfeiertag ist. Ob das nun praktisch oder unpraktisch für Brandon gewesen wäre, hätte ich den genommen.

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      Sauerlaender -

      Da ich es aber nach wie vor so halte, dass meine Hauptfigur, Marc Murdock am gleichen Tag, wie ich selbst Geburtstag hat, haben Brandon und Marc am gleichen Tag Geburtstag und sind, wenn ich das richtig mitbekommen habe, sogar auf den Tag genau gleich alt. ;) Da ich ja virtuell nicht wieder so ein alter Sack mit Jahrgang 1970 sein wollte, hatte ich das Geburtsjahr auf 1995 geändert. :)

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      TurboStar -

      Fast, um ein Jahr vorbei. Brandon und Randy sind Baujahr 94.