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Kapitel 16 - Bei Anruf Überraschung

  • Montag, 30.10.2017

    Als ich in die Firma kam, staunte ich nicht schlecht. Normalerweise hatte Brian vorgearbeitet und feuerte dann vor 8 Uhr die ganzen Fahrten raus, wenn sich nichts dran kurzfristig geändert hatte. Als ich um 7:45 Uhr das System startete, um meine PTI zu machen, kam sofort eine Meldung:

    PICKUP: MDBAL-CAT
    DESTIN: CTHAR-BZH
    TRAILER: MD-5RM0572
    LOAD: D7E
    WEIGHT: 48,402
    REMARKS: OVERSIZE OVERWEIGHT
    DISPATCH: PAERI-CAT-BRW

    Das bedeutete Leerfahrt, aber warum? Bisher hatte Brian mich immer hier losgeschickt. Aber noch bevor ich wieder aussteigen und mein Fahrzeug kontrollieren konnte, klingelte das Handy, es war Brian.
    "Brandon hier. Guten Morgen Brian." "Guten Morgen." "Was hast Du denn mit mir vor? Erst mal leer durchs Land?" "Lokalnachrichten sind nicht Dein Hobby, oder? Gestern Vormittag ist unsere Niederlassung in Philadelphia abgebrannt." Da war ich auf dem Schornstein einer ehemaligen Schokoladenfabrik. "Nein, wer so selten vor Ort ist, braucht keine Lokalnachrichten."
    "Um Dich überhaupt zu beschäftigen habe ich Dir eine Ladung ab Baltimore gegeben. Wenn Du nicht willst, nehme ich sie zurück und schicke einen anderen hin und Du kannst was am freien Markt suchen." Jetzt auf die Schnelle würde ich auch nichts Besseres kriegen. "Nein, schon okay. Ich war nur überrascht." "Wir sprechen die Woche über bestimmt noch mal. Ist alles noch hektisch hier und keiner weiß genau, was jetzt weiter passieren soll. Gute Fahrt erst mal." "Danke."

    Ich kontrollierte meinen Truck und fuhr los. Auf der Fahrt Bobtail nach Baltimore war auf jeden Fall der Verbrauch niedrig. Nach anderthalb Stunden war ich am Ziel und holte den Bulldozer ab. Wie meistens bei CAT war er fertig aufgeladen und gesichert. Ich prüfte die Sicherung kurz, während ich mit dem Versandmitarbeiter den Zustand der Baumaschine protokollierte. Dann steckte ich die Fahnen an und befestigte das Übergrößenbanner.
    Jetzt wurde mal die Auflastung der Antriebsachsen gebraucht. Normal waren je nach Trailer-Leergewicht zwischen 40,000 und 45,000 lb. maximale Nutzlast, was beim Peterbilt 579 mit seinem ultraleichten Sleeper aus Kunststoff und am Computer optimierter Rahmengeometrie ein zulässiges Gesamtgewicht von 80,000 lb. ergab, aber meine Zugmaschine hatte 87,200 lb. Natürlich galten für diese Transporte höhere Limits bei den Achslasten, die Möglichkeiten der Lastverteilung waren auch begrenzt. Die Tieflader hatten keinen Achsschlitten und so blieb nur die Sattelplattenverstellung. Der Vorteil war, dass es Tabellen gab und man das richtige Loch für die Sattelplatte auch ohne Kontrollwaage sicher treffen konnte.

    Schließlich war ich so weit, fuhr dank der flachen Landschaft problemlos durch die Stadt und es ging auf die Autobahn.




    Durch das hohe Gewicht war der Trailer nun auf 55 mph begrenzt, so dass es zwar nicht so schnell wie sonst voran ging, aber dafür trotz Zuladung und Luftwiderstand immer noch recht sparsam. Nachdem ich wieder Philadelphia passiert hatte, zog sich das Wetter zu und es wurde trüb und neblig.

    Auf der Vince Lombardi Service Area (NJ), leider ohne Sicht auf die gar nicht so weit entfernte Skyline von Manhattan, legte ich meine Mittagspause ein. Danach waren es noch knapp 2:20 Stunden bis nach Hartford ans Ziel. Bei Beazer meldete ich mich in Isotrak als angekommen. Ich sollte aber den Tieflader hier lassen. "Reload" für Aufladen der neuen Fracht auf meinen aktuellen Trailer hatte ich ja schon. Wenn ich einen neuen Trailer bekommen sollte, aber den Trailer bei einer 3rd Party Entladestelle wie Beazer wieder mitnehmen und leer in die Fabrik bringen sollte, würde eine Bemerkung "Unload" im Auftrag stehen. Meistens lud aber Beazer selbst ab und ein Local Trucker holte entweder den leeren Trailer nachher oder morgen hier ab oder Beazer stellte eine Maschine drauf, die an CAT zurück sollte.

    PICKUP: CTHAR-CAT
    DESTIN: ONPAS-CAT
    TRAILER: CT-JV9791
    LOAD: 416F2
    WEIGHT: 24,251
    DISPATCH: PAERI-CAT-BRW

    Also machte ich mit dem Vorarbeiter bei Beazer die Übergabe des Bulldozers und fuhr dann rüber zu Caterpillar, wo ein Backhoe Loader auf mich wartete - oder eher wartete er auf Kanada und ich sollte ihn hinbringen. Die Übergabe bei CAT war Routine und dauerte 12 Minuten mit Übergabeprotokoll und Prüfung der Ladungssicherung. Mir blieben nicht mehr ganz 4 Stunden Fahrzeit, am Ende kam ich auf die Minute passend am Warners Travel Plaza in Syracuse (NY) an. Die Warnfunktion am EDL lief jedenfalls schon ein Bisschen Amok, als ich in die Parkposition rollte.


    Dienstag, 31.10.2017

    Morgens tankte ich noch, wozu nun gestern wirklich keine Zeit mehr gewesen war und fuhr dann weiter in Richtung Grenze. Bis zum Grenzübergang Lewiston-Queenston an den Niagarafällen hatte sich auch der Dunst verzogen. Bei schönster Herbstsonne rollte ich auf kanadischer Seite am Lake Ontario vorbei.




    Die Waage hinter Greater Toronto war mal wieder nicht besetzt, denn mein kleiner blauer Freund in der Frontscheibe leuchtete weder rot noch grün, also war der Sender in der Waage scheinbar komplett abgeschaltet.

    Die 4 Stunden nach Parry Sound fuhr ich am Stück durch. Wie zu erwarten war, wollte Brian, dass ich den amerikanischen Trailer wieder mitbrachte.

    PICKUP: ONPAS-CAT
    DESTIN: MABOS-CAT
    TRAILER: RELOAD
    LOAD: 430F2
    WEIGHT: 24,251
    DISPATCH: PAERI-CAT-BRW

    Ich lud also den kleinen Backhoe auf dem Lagerplatz ab und einen größeren für eine Überholung in einem Werk wieder auf. Wobei die meisten Modelle 24,251 lb. Betriebsgewicht hatten, sich lediglich in der Leistung der Hydraulikanlage und Ausstattung wie Nebenantrieben unterschieden.

    Nachdem ich den Bagger für den nächsten Auftrag drauf hatte, die Sicherung angelegt hatte und den Tieflader wieder zusammengebaut an meiner Zugmaschine hatte, stellte ich fest, dass mich das nicht mehr so belastete wie zu Anfang. Ich hatte aber auch nicht mehr die Hühnerbrust und Besenstiel-Arme wie damals, als ich die Firma von Joe Ferguson übernommen hatte. Regelmäßiger Umgang mit Radkeilen, Ketten und Spannschlössern hatte dazu geführt, dass ich einiges an Brustumfang und Armmuskeln zugelegt hatte. Streetclimb tat sein Übriges dazu.
    Ruhigen Gewissens konnte ich mir also in der Kantine ein üppiges Essen zur Mittagspause gönnen. Tief in Ontario und weit weg von der Grenze nach Quebec nahm man es mit dem Nationalgericht von Französisch-Kanada nicht so genau und so bestellte ich Meat Lover's Poutine. Ergänzt mit Würstchenstücken, Hackfleisch und Bacon bekam die ganze Sache schon gleich eine deutliche Aufwertung.

    Interessant fand ich den Fremdkörper auf dem Hof. Es war aber nur ein alter Bagger, den man für ein neues Modell in Zahlung genommen hatte.




    An der auch in Südrichtung komplett geschlossenen Waage vorbei ging es zurück zur Grenze und noch über eine Stunde in die USA. Wieder war ich den 11 Stunden ziemlich nahe gekommen, als ich schließlich den Truck am Clifton Springs Travel Plaza (NY) abstellte. Ich musste wohl lernen, mehr Reserve zu planen. Mit dem Mack hätte ich ein Bisschen überzogene Zeit schon im Paper Log weggerundet. Das EDL war gnadenlos und verriet bei einer Kontrolle alles.


    Mittwoch, 01.11.2017

    Nach dem Frühstück auf dem Rastplatz und meiner PTI ging es ereignislos auf die Interstate nach Osten. Es war ein Bisschen zähflüssiger Verkehr, der das Tempo drückte. So war es schon 2:20 PM, als ich das Werk in Boston erreichte. Hier war es dann natürlich wieder einfacher, den Ladungswechsel durchzuführen. Einfach abstellen und aufsatteln. Wobei es nicht so einfach war, den Trailer abzustellen, denn der Hof stand ziemlich zu.




    Die neuen Befehle trafen ein, während ich noch knapp an Trailerhälsen und Baggerschaufeln vorbei in die Lücke zirkelte.

    PICKUP: MABOS-CAT
    DESTIN: OHCLE-CAT
    TRAILER: MA-6VG1890
    LOAD: 420F2
    WEIGHT: 24,251
    REMARKS: SHOW UP AT PAERI-CAT
    DISPATCH: PAERI-CAT-BRW

    Die Bemerkung war dann mal eine aus dem Kuriositätenkabinett. Ich sollte also, wenn ich auf dem Weg nach Cleveland an Erie vorbei fuhr, bei Brian in der Zentrale reinschauen. Erst mal gab es aber wieder eine Pause in der Kantine. Zurück bis Clifton Springs würde ich es wohl nicht schaffen. Eher wieder Warners Syracuse. Bei ziemlich tief hängenden Wolken fuhr ich wieder ab in Richtung Westen.




    Das Wetter besserte sich im Laufe der Fahrt. Und schon nachdem es dunkel geworden war und die Stundenwarnung für die Tagesrestfahrzeit gekommen war, klingelte mein Handy, es war mein kanadisch gewordener Freund.

    "Hallo Christian, wie ist die Lage?" "Deshalb rufe ich an. Aber wo fährst Du denn rum?" "Zwischen Boston und Cleveland auf der I-90. Was ist denn los?" "Ich weiß nicht so richtig weiter. Irgendwie würde ich am liebsten alles auf Null zurückstellen, nach Deutschland zurückgehen und wieder in München bei der Bahn anfangen." "Warum das denn?" "Warst Du mal in Winnipeg? Am besten um diese Jahreszeit? Das ist einfach nur grau in grau, dann kommt weiß und erst im April wird es wieder schöner. Hier gibt es echt nichts. Lichtblicke sind nur so Blödsinnsaktionen wie eben. Irgendjemand sagt, dass es im Büro Donuts gibt und dann sind wir mit zwei Silozügen und drei Hofkippern um die Wette da rüber geheizt und haben die Karren kreuz und quer auf dem Hof stehen lassen."
    "Also ich habe irgendwie das Gefühl, dass Du Dich da wohl fühlst und angekommen bist. In Deutschland hast Du mir immer nur geschrieben, was Dir gerade nicht passt." "Ja. Meine Laune ist besser. Aber nicht weil die Situation besser geworden ist. Ich lasse mich nur nicht mehr so schnell runter ziehen." "Die Laune ist aber das Ergebnis der Situation. Wenn Du Dich nicht runter ziehen lässt, dann gibt es einfach mehr positives als negatives. Man nimmt sich ja nicht morgens vor, welche Laune man über den Tag haben will."
    "Na ja. Ich muss hier auch am Ende mehr arbeiten für weniger Geld. Bei der Bahn war die Kasse am besten gefüllt." "Geld macht nicht glücklich, es beruhigt nur. Ich könnte, wenn es nur ums Geld ginge, in Kalifornien bei meinem Vater in der Firma sein und Chefsohn sein. Oder mit meinem Bachelorabschluss Teamleiter im Logistikcenter eines Paketdienstes oder so sein und gut verdienen. Aber ich bin Owner-Operator in Philadelphia, von allen Optionen die am schlechtesten bezahlte. Aber sie macht mich am glücklichsten, weil das mein Traum war." "Hier werde ich aber nicht glücklich."
    "Am Ende ist es Deine Sache. Ich kann Dir nur sagen, was ich sehe. Übers Warum und Wohin musst Du Dir selbst klar werden." "Wenn ich irgendwo wäre, wo es mehr als plattes Land voll mit Nebel und Schnee gibt, wäre das was anderes. Dichter an den Rockies. Aber der Zug ist so gut wie abgefahren." "Vancouver ist einer der wichtigsten Ballungsräume Kanadas, versuch es doch da mal." "Keine Mountain Experience, der Winter steht vor der Tür und mein Work Permit gilt auch nur noch ein paar Monate. Da habe ich keine Chance." "Und wenn Du so lange in Manitoba bleibst, bis Du eine Green Card hast?" "Kriegst Du als Trucker nicht. Zumindest nicht mit Kurzstrecke. Langstrecke ist kein Thema."
    "Ich kenne mich nicht mit den Einwanderungsregeln aus." "Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens Du hast einen Job der dringend gebraucht wird. Habe ich nicht! Zweitens, Dein Arbeitgeber weist mit einer Labour Market Impact Analysis nach, dass er sonst niemanden für diese Stelle finden kann. Ist schwierig weil Aufwand und teuer. Haben mir schon einige Recruiter aus dem Westen abgesagt. Drittens das Provincial Nominee Program. Damit ist man aber an eine Provinz gebunden und als Kurzstreckenfahrer habe ich da nur in Manitoba eine Chance."
    "Ich werde mich hüten, Dir etwas zu empfehlen. Da musste ich alleine durch und da musst Du jetzt alleine durch. Aber überleg es Dir gut, bevor Du auf einer Seite des Atlantiks irgendwas ganz aufgibst." "Okay. Ich gehe mal in mich. Vielen Dank erst mal und noch gute Fahrt." "Danke. Dir auch. Und viel Glück bei der richtigen Entscheidung."

    Während dieser Lebensberatung hatte ich natürlich Syracuse passiert und nun hieß es doch wieder hoffen und bangen, dass die Zeit bis Clifton Springs reichen würde. Immerhin war ich besser vorangekommen. Außerdem stellte ich den Tempomaten mal noch 2 mph rauf auf 68 in der Hoffnung, damit die entscheidenden Minuten zu bekommen. Am Ende blieben mir bei Ankunft auf der Rest Area noch ein paar Minuten.


    Donnerstag, 02.11.2017

    Am nächsten Morgen machte ich mich bei ziemlich wolkigem Wetter auf den Weg. Es ging auf einer relativ leeren Autobahn aber gut voran, auch wenn ein betagter Herr in seinem ebenso betagten Dodge Monaco mich nach seiner Entdeckung der Langsamkeit mal auf die Überholspur trieb.




    Pünktlich an der Staatsgrenze wurde das Wetter aber besser. Vielleicht lag der Sunshine State ja doch weiter nördlich als man immer dachte.




    In Erie fuhr ich zu Caterpillar und kam um halb 12 an. Auch wenn es jetzt ein dienstliches Gespräch geben würde, stellte ich auf Offtime. Brian erwartete mich schon am Empfang, immerhin konnte er sehen, wo ich war und meine Ankunftszeit berechnen.
    "Hallo Brandon, schicker Truck." "Danke." Wir gingen in die Kantine, was ich gleich mal für ein Mittagessen nutzte. Auch Brian holte sich was zu Essen, bevor er dienstlich loslegte und ließ uns an der Kasse gleich mal auf die Firma buchen.

    "So wie es aussieht, soll Philadelphia nicht wieder aufgemacht werden. Das soll alles über Baltimore und New York abgedeckt werden." "Oh. Was bedeutet das für mich?" "Im krassesten Fall Sonderkündigungsrecht, was ich sehr schade fände. Denn ich arbeite gerne mit Dir zusammen. Du kannst natürlich bei uns bleiben und Deinen Vertrag erfüllen wie er ist oder auch Konditionen verändern lassen. Werden sowieso welche abspringen aus Deiner Gegend. Die Arbeit geht uns jedenfalls nicht aus. Ich kann Dir zum Wochenstart Touren von New York, Baltimore oder Washington DC geben."
    "Fängt leider jede Woche mit einer Leerfahrt an." "Du kannst Dir auch eine Tour ab Philadelphia selbst auf dem freien Markt suchen und ich teile Dich erst danach ein. Außerdem kannst Du ja auf unsere für Partner frei verfügbaren Touren von Deckwash, Madball oder Nynick zugreifen und da selbst eine auswählen anstatt dass ich Dir fest eine zuordne." "Von wo?" "Sorry. Ich arbeite zu viel mit Codes, viele sprechen wir hier als so ähnlich klingende Wörter aus. Deckwash ist Washington DC mit DCWAS, Madball ist natürlich MDBAL für Baltimore und Nynick New York City mit dem Code NYNYC." "Ach so, eigentlich logisch." "Wenn mir bei einer Ladung das Wasser bis zum Hals steht, würde ich Dir die aber gerne fest zuteilen, sofern Du noch frei bist. Wenn Du natürlich schon am Wochenende eine Ladung ziehst und blockierst, dann habe ich Pech."
    "Am Wochenende habe ich andere Gedanken als die Arbeit. Da bin ich ein Bisschen kompromisslos bei der Trennung." "Das ist auch gut. Wenn ich nicht gerade mal Bereitschaft habe, dann bin ich auch weit weg von der Arbeit und beschäftige mich erst wieder damit, wenn ich am Montag zwischen 7 und halb 8 hier rein komme, um Euch alle an die Arbeit zu schicken, die noch keine haben."

    Also wurde es ein Bisschen umständlicher, in die Woche zu starten. Brian bot mir noch an, zum Mitarbeitertarif Arbeitskleidung zu kaufen, den ich auch als Sub bekam. Also holte ich mir eine Jacke, eine Hose, ein Poloshirt, Stahlkappenschuhe und einen Schutzhelm, alle mit CAT-Logos, zu einem wirklich guten Preis, verabschiedete mich von Brian und fuhr wieder los und pünktlich an der Grenze nach Ohio verkroch sich die Sonne wieder.

    Ich erreichte die Niederlassung in Cleveland kurz nach 2 PM und musste dort erst einmal in 3 Zügen durch eine andere Lücke auf dem Hof wenden. Nun waren Brian erst einmal die Ideen ausgegangen, denn Anschluss gab es keinen.

    PICKUP: OHCLE
    REMARKS: NO ORDERS
    DISPATCH: PAERI-CAT-BRW

    Dann suchte ich selbst im System und fand auch bei John Deere nichts. Also auf den freien Markt, wo ich eine Ladung Sand für Washington DC auftun konnte. Die Firma war nur ein paar Minuten entfernt und bei Sand gab es auch nicht viel Papierkrieg. So war ich schon eine halbe Stunde nach meiner Ankunft bei CAT mit der Ladung vom freien Markt wieder auf dem Weg durch den trüben Herbsttag. Der Solarpark dürfte sich bei dem Wetter auch nicht lohnen.




    Nicht mehr lange und es fing auch noch an zu regnen. Was ein schönes Wetter für ausgeprägten Herbstblues. Ein Kollege von Keystone hatte zwar die schnellere Lackierung aber definitiv den langsameren Truck. Wahrscheinlich mit 410 PS oder so, denn mit 41,500 lb. war ich nicht leicht unterwegs und zog trotzdem vorbei.




    Ich kam noch an Pittsburgh vorbei und wollte am South Somerset Travel Plaza an sich nur tanken. Mit noch über anderthalb Stunden verbleibender Fahrzeit konnte ich noch was reißen, dann war ich am Freitag und Samstag flexibel und konnte mir passende Fahrten suchen oder Brian fand noch was für mich, um möglichst gut an meine 70 Stunden Schichtzeit zu kommen.




    Es sollte anders kommen. Ich stieg gerade wieder in den Truck und das Handy hing wieder über Bluetooth im fahrzeugseitigen System, als es auch schon klingelte. Unbekannte Rufnummer? Ich startete den Motor und nahm gleichzeitig das Gespräch an.
    "Brandon Ridley. Hallo?" Als ich hörte, wer anrief, beschloss ich spontan, nur noch bis auf den Parkplatz zu fahren. "Mein Name ist Javier Noguerra. Ich bin Flugbegleiter bei American Airlines. Bist Du vor 2 Wochen nach San Francisco geflogen?" "Ja." "Und Du hast mir beim Abräumen diese Telefonnummer zugesteckt?" "Ja." "Warum bist Du denn so kurz angebunden?" "Weil ich mich noch 20 Sekunden lang konzentrieren muss, bis ich meine Parkposition erreicht habe, wie es bei Euch heißt."
    Ich rangierte in die Lücke, stellte den Motor ab und holte mir das Gespräch aufs Handy. Auch wenn ich alleine in einem beim Anfahren selbsttätig verriegelten Fahrerhaus saß, hatte ich ein komisches Gefühl, ein derart persönliches Gespräch, wie dieses hier werden dürfte, über die Freisprechanlage zu führen.
    "Was hast Du denn da gerade eingeparkt? Klingt groß." "Knapp 78.000 lb. auf 18 Rädern. Einen Lastwagen und gleichzeitig meinen Arbeitsplatz."
    "Okay. Ich hätte eigentlich gedacht, dass Du irgendwas machst, wo Du oft fliegst." "Warum?" "Na ja. Ich habe Dich in einem Jahr dreimal auf meinen Flügen..." Er hatte mich also auch schon im Winter auf dem Flug nach San Diego bemerkt. Die Betonung schien aber so, als hätte er den Satz abgewürgt, weil er das eigentlich gar nicht sagen wollte.
    "Das waren meine einzigen Flugreisen in den letzten Jahren. Und bei jeder hatte ich Dich auf einem Leg." "Wahnsinn. Statistisch muss man 160 Flüge ab Philadelphia machen, um ein bestimmtes Besatzungsmitglied wieder zu sehen." "Vielleicht ist das ein Zeichen." Irgendwie plätscherte die Unterhaltung so vor sich hin, bewegte sich aber auf kein Ziel zu. Auch wenn meine letzte Bemerkung etwas nassforsch war. Ich hatte zwar einen Wunsch, wo ich dieses Gespräch gerne hin führen würde, aber keine Ahnung, ob er das überhaupt wollte.
    "Bist Du am Wochenende in Philadelphia?" "So ist der Plan." "Ich möchte Dich gerne persönlich treffen. Irgendwie ist das am Telefon alles so kompliziert." "Gerne." "Wann bist Du da?" "Weiß ich noch nicht genau, wenn ich direkt hin fahre, dann Freitag am späten Nachmittag." "Ich komme Freitag spät abends rein, mit Post-Flight-Debriefing werde ich gegen 23 Uhr Schluss haben und bin dann eine halbe Stunde hundemüde zu Hause. Am Sonntag muss ich gegen Mittag wieder zum Pre-Flight-Briefing da sein. Könnten wir uns wohl am Samstag treffen? Das wäre die einzige Möglichkeit." "OK. Wo?" "Zu der Jahreszeit am besten zum Essen. Wo wohnst Du?" "Oak Lane, ganz im Norden von Philadelphia." "Oh, das ist ein Stück. Ich wohne in Voorhees, New Jersey." "Wo ist das denn?" "Ein Vorort von Camden." Wir verabredeten uns für Samstag am frühen Abend trotzdem in seiner Stadt. Und mir kam eine zutiefst weibliche Erkenntnis: Ich habe nichts anzuziehen!


    Freitag, 03.11.2017

    Entsprechend konnte ich es am nächsten Morgen nicht erwarten, los zu kommen. Um 6:40 AM durfte ich losfahren, also kam ich auch um 6:30 AM vom Frühstück zu meinem Truck zurück und stellte den elektronischen Wächter auf On Duty, um die PTI zu machen. Da ich den Trailer gestern genau überprüft hatte und nicht mehr in den 15-Minuten-Intervallen des Paper Log arbeiten musste, kam ich damit aus. Bevor ich abfahren durfte, reichte die Zeit noch aus, um eine Ladung von Washington nach Philadelphia zu sichern, also stellte ich Isotrak gleich mal auf "Not Available", damit Brian nicht mehr mit mir auf dumme Gedanken kam.

    Danach war ich vom Platz runter und fuhr in einem 5:44 dauernden Rutsch durch nach Washington. Der Sand ging an das dortige Baustofflager von Coastline und danach holte ich bei Walmart mein Double mit Büroartikeln im Zentrallager ab.

    Vor lauter Euphorie über das morgendliche Treffen hatte ich allerdings vergessen, dass ich mehr als nur eine Pinkelpause bei Coastline gebraucht hätte. Da machte mich dann freundlicherweise mein EDL drauf aufmerksam. Also musste ich Maryland Welcome Center gleich wieder raus und 30 Minuten ungeduldig im Kreis laufen. Es handelte sich um so einen Rastplatz mit Pavillon, wo man nur Automatenfutter bekam. Und im Vorrat hatte ich auch nichts sinnvolleres mehr als einen Schokoriegel. Kaum dass ich durfte, war ich wieder im Truck und fuhr weiter in Richtung Heimat oder erst einmal nach PAPHL-CST, wie im Isotrak zu lesen war. Um 3:51 PM kam ich an meiner alten Wirkungsstätte an.




    Danach fuhr ich zu meinem Firmengelände und war trotz allem neugierig auf meine Wochenauswertung. Dabei fand ich einen Button "Extended View" und schon gab es mehr Informationen. Dadurch, dass ich schon heute Schluss machte, waren es natürlich wenig Stunden und Meilen. Dafür war ich mit nur einem Grenzübertritt und nur einmal umladen sehr effektiv gewesen.

    WEEK DRIVE: 51:40 HRS
    WEEK WORK: 58:33 HRS
    WEEK START: MO:07:46:AM
    WEEK END: FR:04:30:PM
    WEEK FRAME: 5D:08H:44M
    WEEK MILES: 2,877
    WEEK FUEL ECO: 6.1 MPG
    WEEK AVG SPEED: 55.7 MPH
    WEEK PAYLOAD: 201.655 LB

    Das war deutlich sparsamer als letzte Woche, wobei ich da bestimmt schneller war. Ich rechnete es schnell aus, die Neugier über die Statistik siegte. Zu meiner Überraschung war ich letzte Woche im Schnitt sogar knapp eine Meile langsamer gewesen, obwohl ich viel mehr Gebiete mit 70 mph durchfahren hatte. Andererseits hatte ich letzte Woche mehr Stadtverkehr, weil viel mehr Lieferstellen bedient.

    Nun wurde es aber Zeit. Ich stieg in mein Auto und fuhr nach King of Prussia in die dortige Mall, das zweitgrößte Einkaufszentrum der USA. Es war nicht so einfach, Sachen zu finden, die gut aussahen, aber nicht zu aufreizend waren, hochwertig aber nicht überteuert. Schließlich hatte ich eine Edeljeans, ein Marken-Freizeithemd, eine neue und dem kälteren Wetter angepasste Jacke sowie ein Paar Schuhe gekauft und in meinem Chevy verstaut. Zu Hause machte ich mir was zu Essen, sah noch ein Bisschen fern und ging dann ins Bett. Was würde der Tag morgen bringen? Ich hatte ja schon gar nicht mehr mit diesem Anruf gerechnet.

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    Warum ist CAT abgebrannt? Ganz einfach, das gab es nie in Philadelphia. Als ich anfing, die Kapitel mit dem Mack Superliner zu schreiben, habe ich einfach alte Bilder genommen und in die Story eingebaut. Dabei hatte ich vergessen, dass es zwei Touren gab, wo ich in Philadelphia Pause gemacht hatte, aber nur auf der Durchreise war. Es ergaben sich da raus für die 5 Kapitel so schöne 4 Ladungen von und nach Hause.
    Walmart und Caterpillar sind sowieso die Firmen, mit denen man am einfachsten als Sub fahren kann, weil sie am meisten auf der Karte vorkommen. Da Marc schon für Walmart fährt und ich nicht jede Entscheidung aus der Zentrale mit ihm abstimmen wollte, lag es also nahe, CAT zu nehmen. Ich hätte mir nun also entweder Frachten ab Philadelphia mit der Flycam ergaunern können, die eigentlich in einer Nachbarstadt wie New York oder Baltimore starten, jede Woche aus einem unbekannten Grund keine Fracht am Montagmorgen bekommen oder einfach aus meinem Script verbannen können, was als Firma sowieso nicht auf der Map ist. Mit nur 2 Firmen (Costco und Dole) ist Philadelphia ehrlich gesagt ein sehr undankbarer Startplatz. Aber es ist nun mal meine Lieblingsstadt da drüben.

    ​Die Frachten würfele ich für die Abwechslung aus dem tatsächlichen Lieferprogramm von Caterpillar aus. Da stammen auch die Gewichte her. Der ATS kennt nur einen Backhoe, eine Planierraupe, einen Raupenbagger, einen Radlader und eine Walze. Da würde ich sonst drei mal das gleiche Modell durch die Gegend karren. So sind es wenigstens verschiedene Gewichtsklassen, muss aber nicht immer zwingend mit der Textur übereinstimmen.

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