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Kapitel 8 - Neue Freunde, Massentierhaltung und Fritten mit Bratensoße

  • Ich hatte für mein Weihnachtsessen noch eine Ente abstauben können. Davon gab es dann die Hälfte gefüllt und mit Rotkohl und Knödel zum Mittag, danach ging ich in die Messe und fuhr abends dann in die Innenstadt.
    Die deutsche Bevölkerung war in Philadelphia so stark, dass es hier nicht nur einen Stadtteil namens Germantown gab, im Umland war noch die Stadt King of Prussia - zum Schrecken Christians gab es ausgerechnet dort zumindest nach meiner halbjährigen Erfahrung mit dem tatsächlichen Original die beste "Original Bavarian Weisswurst" zu kaufen. Der süße Senf kam im Gegensatz zur original nachgemachten Wurst sogar aus einer bekannten Fabrik in Bayern.

    Nun ging es aber auf den Weihnachtsmarkt. "Weihnachten - Das Fest der Liebe" und der Aachener Printen!






    Ralph wartete schon am Treffpunkt. Er war eine ziemlich "gewichtige Persönlichkeit", also etliche Pfund zu viel für seine Größe. Unter seiner Wollmütze schauten ein paar kurz rasierte Haare raus. Weil wir uns eben noch schnell zur Erkennung Selfies zugeschickt hatten, erkannte er mich auch sofort.
    "Hallo Brandon. Schön, dass Du da bist." "Hallo Ralph." Wir gingen über den Weihnachtsmarkt und erzählten uns ein Bisschen, warum wir an diesem Familientag alleine in einer Stadt hingen, die weit von unserer ursprünglichen Heimat entfernt war. Ich beließ es dabei, dass ich mich mit meinen Eltern zerstritten hatte und mit 18 zu Hause ausgezogen war. Das war ja nicht falsch und ein einleuchtender Grund.
    Er war einen Monat nach seinem 6. Geburtstag Vollwaise geworden. Während er mit der Schule eine Woche auf Klassenfahrt war, wollten seine Eltern Urlaub in Kalifornien machen, waren am 11. September 2001 in Boston aufgebrochen und bekanntlich nie angekommen. Danach wendeten wir uns schöneren Dingen zu, bestaunten den riesigen Weihnachtsbaum, tranken "Original German Gluhwine". Ich aß eine Gulaschsuppe und Ralph ein "Berlin Doner Kebap". Wobei ich sagen muss, dass die Sachen zwar gut waren, aber wenn man wie ich mal Weihnachten in Deutschland erlebt hatte, einfach nur kitschig nachgestellt.
    So hatten wir den Abend zusammen verbracht, anstatt alleine zu Hause zu hängen.
    "Silvester treffe ich mich mit Freunden an der Eisfläche von Penn's Landing. Willst Du auch kommen?" "Silvester verbringe ich traditionell mit einem Freund aus der WG, in der ich hier die ersten Jahre gelebt habe." Dafür ließ Tristan sogar jedes Jahr seine Freundin alleine, oder genauer gesagt mit ihrer Mädchenrunde, ins neue Jahr rutschen. "Bring ihn doch mit, wenn er will."

    Wieder zu Hause am zweiten Feiertag traf ich dann William.
    "Wie ist der Prozess eigentlich ausgegangen?" "Schuldig." "Dann könntest Du Schmerzensgeld von ihm verlangen." Wir gingen in sein Büro im Keller, wo er früher von seinen Kindern ungestört war und es deshalb dorthin gelegt hatte. Nun musste ich ihm doch ein offizielles Mandat erteilen, damit er Akten anfordern konnte. Außerdem erzählte ich ihm schon mal die Erlebnisse aus der Zeit.
    "Dann ist sogar Schadenersatz für das Auto drin. Und wenn Du einverstanden bist, verklagen wir vorsichtshalber Deinen Vater gleich mit. Wenn das Gericht der Meinung sein sollte, dass der Leibwächter keinen Schadenersatz zahlen muss, weil er auf Anweisung gehandelt hat, muss das im unmittelbaren Umkehrschluss Dein Vater tun, weil er diese Anweisung gegeben hat. Wäre also nicht die Frage, ob Du Geld kriegst sondern nur von wem. Und wenn in der Akte wirklich was von Mobbing steht, dann könnte er auch dafür zu Schmerzensgeld verpflichtet sein." "Mit dem größten Vergnügen." Ich hatte keine Rachegefühle, als es darum ging, im Strafprozess gegen Snyder auszusagen. Jetzt gerade kamen sie auf, wenn ich von meinem Vater Geld bekommen sollte. Denn das würde ihm wehtun.

    Zur Neujahrsfeier traf ich mich wieder mit Ralph. Ich nahm Tristan mit. Ralph hatte seine Freunde dabei. Da war erst einmal Caleb, sein Sandkastenkumpel. Sie hatten sich ihre Ausbildungsplätze schon in der gleichen Gegend gesucht, um zusammen bleiben zu können. Sein Geld verdiente Caleb als Lokführer bei SEPTA Regional.
    Leonard, genannt Lenny, kannte Ralph von der Berufsschule. Der war bei der Konkurrenz und hatte seine Ausbildung bei Walmart als Dispatch gemacht. Wie Ralph war er übernommen worden und arbeitete seit Herbst fest dort. Cody war wiederum ein Kumpel von Lenny und Student, die beiden stammten von hier.
    Irgendwie passte Cody nicht zum Rest. Insbesondere Ralph und Caleb waren laut und vorlaut, Tristan war sofort ein Arsch und eine Seele mit Caleb geworden. Lenny war zwar etwas ruhiger, aber unterhielt sich viel mit Tristan und mir, hatte ab und zu auch mal einen frechen Spruch auf den Lippen. Und so zog er auch Cody irgendwann auf:
    "Was ist denn mit Dir los? So kalt, dass die Stimmbänder einfrieren müssen, ist es doch nicht. Du kriegst ja heute gar kein Wort raus!" Anstatt einer Antwort bekam Lenny einen Blick ab, der töten könnte.

    Wenn dieser Blick getötet hätte, wäre ich wiederum sehr unglücklich geworden. Ich erwischte mich dabei, wie ich immer wieder mehr oder weniger unauffällig zu Lenny rüber schaute. Er trug wie Tristan und Cody nur ein Basecap, ich hatte wie Caleb und Ralph eine Wollmütze auf. Bei ihnen waren die Haare zu kurz, um den Denkapparat mit so einem Bisschen Stoff auf einem Plastikgerippe warm zu halten. Bei mir lag es eher daran, dass ich mich noch nicht an das Klima gewöhnt hatte und zu schnell an den Ohren fror. Außerdem waren zumindest an der Seite bei mir die Haare dank angedeutetem Undercut auch relativ kurz.
    Lenny hatte schulterlange, mittelbraune Haare und war ein Stück größer als ich, was keine Kunst war. Es war aber auch nicht zu viel, so 3 bis 4". Knapp gesagt, er war am hellen Ende meines Beuteschemas, das sich auf "eher dunkle und längere bis sehr lange Haare und maximal 1/2 Fuß größer" zusammenfassen ließ.

    Wir gingen Eislaufen, wo ich mich wenigstens dank meines Inliner-Könnens nicht blamierte. Denn darauf hätte man bei einem Kalifornier vielleicht spekulieren können. Das Feuerwerk um Mitternacht wurde gemeinsam von Philadelphia und Camden in New Jersey finanziert und von einem Schiff auf der Mitte des Delaware River, von beiden Städten gut sichtbar, abgefeuert. Frohes Neues Jahr 2016




    Im neuen Jahr musste ich natürlich auch wieder arbeiten. Außerdem hatte ich an Freitagen oder Samstagen nach der Arbeit ab und zu Treffen mit William über die Klage. Beim ersten sagte er mir, dass die Berufung von Snyder gegen das Urteil abgelehnt wurde und nun rechtskräftig war. Außerdem erfuhr ich, dass er in der Tat in Colorado gelebt hatte und dort im Streit seinem Kontrahenten die Nase gebrochen hatte. Als die Polizei ihn festnahm und überprüfte, stellte sie fest, dass aus Kalifornien ein weiterer Haftbefehl vorlag und lieferte ihn aus, nachdem er wegen der Schlägerei zu einer Haftstrafe verurteilt worden war und sie abgesessen hatte. Beim zweiten Treffen teilte William mir mit, dass das Gericht einen Termin für den Zivilprozess angesetzt hatte.

    Also flogen wir schließlich im Februar zu dem Termin nach San Diego. Im Flieger fiel mir ein Flugbegleiter auf. Er hatte zwar für mein normales Schema sehr kurze Haare, aber bei seinen ausgeprägten Locken hätte alles andere auch einen ziemlich voluminösen Afro ergeben. Apropos "Afro" er war scheinbar etwas, aber maximal zu einem Viertel schwarz, der Rest auf jeden Fall komplett Latino. Also auf diesem Flug vermutlich aus Kalifornien. Pennsylvania hatte eine verschwindend geringe lateinamerikanische Bevölkerung.
    Aber ich schaffte es ja seit 2 Monaten nicht mal, Lenny anzusprechen. Wie sollte ich da bei so einer Zufallsbegegnung was erreichen oder wenigstens mal irgendwie Kontakt aufnehmen? Immerhin musste ja erst mal jemand, von dem ich was wollte, auf meinem Ufer sein. Und alleine dafür war die Wahrscheinlichkeit nur bei ungefähr 10%. Ich beschränkte mich also aufs heimliche Angucken und Genießen während des Fluges. Das war der Vorteil, wenn man keine Beziehung hatte. Man konnte ganz frech jedem hinterher gucken, der einem gefiel.
    Die Ansage des Piloten riss mich aus den Tagträumen.
    "Wir beginnen jetzt mit den Vorbereitungen für den Landeanflug auf San Diego. Bitte begeben Sie sich zu Ihren Plätzen, stellen die Sitzlehnen aufrecht, klappen die Tische hoch, schieben die Sonnenblenden hoch, verstauen Ihr Handgepäck und legen den Sicherheitsgurt an." William flüsterte mir amüsiert eine inoffizielle Fortsetzung zu: "Sollten Sie einen Stewart mit Blicken ausgezogen haben, geben Sie ihm jetzt bitte seine Uniform zurück." Ich lief knallrot an, so viel also zu "heimlich".

    Im Taxi zum Hotel prüfte William seine Mails und sprach mich an. "
    Der Anwalt Deines Vaters will sich außergerichtlich einigen." "Was heißt das?" "Er würde sich heute Abend, vielleicht zusammen mit Deinem Vater, mit uns treffen und einen Geldbetrag anbieten. Im Gegenzug würden wir die Klage gegen ihn einfrieren und nach Erhalt des Geldes komplett zurückziehen." "Und Snyder?" "Die läuft normal weiter, außer Dein Vater bietet für den mit an und einigt sich irgendwie persönlich mit dem. Aus dem Gefängnis kann man sich nicht außergerichtlich einigen." "Woher bekommt der überhaupt das Geld, wenn er zahlen muss?" "Entweder er hat es irgendwo und zahlt, er muss Besitz verkaufen um das Geld zu bekommen oder wird gepfändet und die Strafe wird von seinen Gefängnistagessätzen und Einkünften nach seiner Entlassung abgestottert."

    Ich glaubte es nicht, aber mein Vater ließ sich wirklich dazu herab, persönlich mir gegenüberzutreten. Wir nahmen im Restaurant den klischeehaften Tisch in der ruhigen Ecke und mein Vater legte gleich in seiner bekannt liebenswürdigen Art los, dem Gesicht nach schien das Reynolds nicht zu gefallen.
    "Kannst Du nicht einfach an Deiner Ostküste bleiben und uns in Ruhe lassen? Jetzt willst Du auch noch Snyder ruinieren! Der Mann hat nur seine Arbeit gemacht!" "Das Gericht war wohl der Meinung, dass Snyder dabei etwas übertrieben hat." "Dann zahle ich Dir Dein Auto, meine Güte. Aber lass Snyder in Ruhe! Wenn der sein Haus verkaufen muss, sitzt seine Frau mit den Kindern auf der Straße und er immer noch im Gefängnis."
    William stieg an der Stelle ein:
    "Mit einem Auto kommen Sie nicht davon, Mr. Ridley. Ich habe, wie Sie durch Mr. Reynolds bestimmt bereits wissen, gegen sowohl Sie als auch Mr. Snyder Klage auf Schmerzensgeld für meinen Mandanten eingereicht wegen Störung der Intimsphäre. Bei Ihnen dann noch wegen psychischem Missbrauch und Anweisung an einen Bediensteten zur Körperverletzung. Mr. Snyder zur Nötigung im Straßenverkehr, der vollendeten Körperverletzung im Straßenverkehr und für den materiellen Schaden in Form des zerstörten Rennwagens meines Mandanten."
    Nun schaltete sich auch Reynolds ein:
    "Das sind Ansprüche, die vor Gericht wohl nur zum Teil durch gehen würden." "Ich weiß, aber man setzt bei Verhandlungen ja immer etwas höher an, weil man am Ende weniger kriegt. Auch vor Gericht, wie Sie bestimmt selbst wissen, Herr Kollege. Und es ist ein öffentlicher Prozess. Die Presse hat sowieso immer ein paar Reporter bei Gericht sitzen und ein örtlicher Industrieller im Familienkrach ist für die ein gefundenes Fressen."
    "Wollen Sie mich schädigen, indem Sie mich öffentlich bloßstellen?" "Nein, ich will nur daran erinnern, dass es in Ihrem persönlichen Interesse sein muss, dass wir hier und heute eine einvernehmliche Lösung finden. Wir können entweder gewinnen oder nicht gewinnen. Sie verlieren vielleicht Geld oder kein Geld, aber in jedem Fall gesellschaftliches Ansehen. Und zumindest Ihrem Herrn Anwalt ist das mit dem Bloßstellen nicht allzu fremd. Hat er doch laut Aktenlage darauf verzichtet, für die Aussage des psychologischen Gutachters im Prozess gegen Mr. Snyder die Öffentlichkeit auszuschließen und damit meinen Mandanten ebenfalls bloßgestellt."
    Der vielleicht nicht tödliche, aber zumindest sehr brennende Blick, den Reynolds meinem Vater zuwarf, schien so etwas zu bedeuten wie "ich habe Dir doch gleich gesagt, dass uns das noch auf die Füße fällt!" Dass mein Vater im Hintergrund bei dem Prozess um Snyder nicht unbeteiligt war, hatte ich sowieso vermutet.

    "Ich habe diesem Kerl seinerzeit die Hand zu Versöhnung ausgestreckt, aber er hat es ausgeschlagen und ist an die Ostküste abgehauen! Und jetzt kommt er und will Geld? Nicht mit mir!" "Wenn die Herren uns mal bitte kurz entschuldigen würden." Mein Vater und Reynolds standen auf und gingen an einen freien Tisch knapp 20' weiter.
    William sah mich an:
    "Es 18 Jahre mit so einem Vater auszuhalten, ohne sich einen Strick zu nehmen, ist eine starke Leistung." "Obwohl meine Geburt bereits mein erster Akt der Rebellion war, ging es anfangs. Sie wollten nur ein Kind und ich kam als zweites. Aber bis ich so 10 oder 11 war, haben sie uns gleich behandelt. Dann fingen bei mir die unerwünschten Interessen an. Eishockey und so. Und spätestens als mich mit 14 dann die gegenüber meinem Bruder etwas verspätete Pubertät voll erwischt hatte und ich selber immer mehr auf Krawall gebürstet war, war es vorbei."
    Durch die Entfernung hörten wir natürlich nichts, was die zwei am anderen Tisch besprachen. Nur irgendwann wurde mein Vater laut:
    "Wir haben uns damals gegenseitig gesagt, dass wir nicht mehr Vater und Sohn sind! Warum sollte ich ihm jetzt Geld geben? Ich bezahle Dich, das zu verhindern!" Auch Reynolds platzte jetzt der Kragen: "Diese Forderungen könnte jeder an seiner Stelle stellen. Und wenn er sich noch als Dein Sohn sehen würde und anders rum, wäre es kaum so weit gekommen, dass er Entschädigung fordert! Es gibt jetzt 3 Möglichkeiten. Erstens: Du gehst nach Hause und lässt mich hier meine Arbeit machen. Zweitens: Du hältst Deinen Mund und lässt mich hier meine Arbeit machen. Drittens: ich lege mein Mandat auf der Stelle nieder, bevor ich morgen den Prozess mit wehenden Fahnen verliere!" "Du kriegst kein Mandat mehr für irgendwas von mir!" Die Antwort von Reynolds verstanden wir nicht mehr, weil er wieder die Lautstärke runter nahm. Aber meinem Vater passte sie scheinbar gar nicht.

    Sie berieten sich noch leise weiter und dann kamen sie wieder zu uns. Reynolds nannte eine Summe, die sowohl die Forderungen an meinen Vater als auch an Snyder abdecken sollte.
    "Jetzt entschuldigen Sie uns bitte kurz." William und ich gingen rüber an den anderen Tisch. "Das ist zwar weniger, als ich gehofft hatte, aber wahrscheinlich immer noch ein paar tausend Dollar mehr, als uns das Gericht zusprechen würde. Ich würde vorschlagen, dass wir annehmen, denn ich glaube kaum, dass sich Dein Vater nach oben verhandeln lässt und wenn morgen mehr raus käme, müssten wir auch viel Glück haben." "Okay."

    "Wir nehmen das Angebot an." "Wie funktioniert das dann jetzt?" "Ich habe einen Vertrag vorbereitet. Den unterschreibst Du und den unterschreibt Brandon. Das ist als würde jemand bei Dir in der Firma Drucksachen kaufen. Wir kaufen damit aber eben die Zusage, dass sie die Klage morgen früh bei Gerichtsöffnung zurückziehen. Damit platzt morgen der Prozess. Außerdem verpflichtet Brandon sich, in dieser Angelegenheit nie wieder gegen Dich oder Carl Snyder auf Entschädigung zu klagen." "Und wenn er sich da nicht dran hält?" William schnappte nach Luft, mich ließ so was inzwischen kalt. "Wenn er sich nicht dran halten wurde, könntest Du Gegenklage wegen Vertragsbruch erheben. Außerdem würde jedes Gericht eine Klage nach bekannt werden dieser Einigung ohne Verhandlung abweisen. Aber nachdem ich Brandon inzwischen persönlich kennen gelernt habe, halte ich
    ihn für anständig genug, nicht auf solche Gedanken zu kommen."
    Jetzt war mein Vater dran mit Luft schnappen. Bei mir war Reynolds dagegen gerade mächtig im Ansehen gestiegen. Offensichtlich war er in einigen Punkten meinem Vater auf den Leim gegangen und hatte sich beeinflussen lassen. Ansonsten hatte er nur seine Arbeit so gut wie möglich gemacht, was nun mal im Prozess gegen Snyder nicht zu meinem Vorteil sein konnte. Ich war Belastungszeuge und um Snyder vor einem Schuldspruch bewahren zu können, musste er mich im Zeugenstand zu zerlegen versuchen. Am Ende war er aber deutlich professioneller als mein Vater und schien den generell gerade ein Bisschen als Mandanten zu hinterfragen.

    Am nächsten Morgen nahmen wir ein Taxi zum Gericht, wo William die Klage zurückzog. Dann ging es weiter zum Flughafen. Wir flogen wieder zurück nach Philadelphia. Leider hatte ich kein Wiedersehen mit dem Flugbegleiter vom Hinflug. In Pennsylvania ging ich dann im April wieder in die Fahrschule. Einerseits hatte ich dann doch mal drüber nachgedacht, den Motorradschein zu machen. Andererseits wollte ich den LKW-Führerschein noch um die Module T und X erweitern. T stand für "Triple" und erlaubte das Fahren von doppelten und dreifachen Trailerkombinationen. X war ein kombinierter Schein für Gefahrgut jeder Art und Tankfahrzeuge mit jeder Ladung. Die beiden Scheine gab es auch einzeln, wenn jemand nur Milchtanker oder nur Gefahrgut auf Paletten transportierte. Sowohl T als auch X gab es mit einer einfachen Theorieprüfung.
    Da ich demnächst Geld bekam, würde ich mich in der zweiten Jahreshälfte wohl selbstständig machen, wenn die Bindung an Costco nach dem Führerschein abgelaufen war und da waren diese Lizenzen von Vorteil. T und X hätte ich über die Firma machen können, aber dann würden sie mich wohl wahrscheinlich wie bei einem geänderten Handyvertrag wieder 2 Jahre festnageln. Außerdem hatte ich keine Lust, dann zusätzlich noch für M in eine andere Fahrschule zu gehen.

    Kaum hatte ich meine neue Führerscheinkarte bekommen, ging es auch damit los. Ich sollte mich erst am Montag nach 8 Uhr im Zentrallager in Philadelphia melden.
    "Kriegst Du die Massentierhaltung?" Ich sah den Lagerleiter blöd an. In meiner Nachricht hatte Tiefkühlgemüse und frische Zwiebeln gestanden. "Eine Ladung Frost und eine Ladung Frisch nach Boston. Das wird, weil wir keine Zweizonen-Reefer haben, in ein Pup-Double gepackt. Zwei Welpen - Massentierhaltung!" "Ach so! Ja." Kalauern steht im Wörterbuch kurz vor klauen. Kurz danach war ich mit meinem ersten Klasse T-Gespann unterwegs. Bisher hatte man mich vor allem in den Süden und etwas nach Westen eingesetzt. Nun ging es mal in die andere Richtung.




    Hier waren die Staaten klein, das wurde heute also eine schöne Sammlung neuer Staaten. Nach New Jersey kam New York.




    Dann ging es durch Connecticut.




    Rhode Island und Massachusetts schienen ihre Schilder sehr gut versteckt zu haben, jedenfalls bemerkte ich keine. Vielleicht war ich aber auch vom Verkehrsgeschehen abgelenkt. Insgesamt musste ich sagen, dass der Zug sich gut fahren ließ, überlange Singles machten mehr Ärger beim Abbiegen.
    Double Pup war die neutrale Bezeichnung unter Fahrern, Dispatchern und Lageristen. Offiziell hießen sie STAA Doubles, nach dem Surface Transportation Assistance Act, mit dem sie 1982 in den ganzen USA erlaubt wurden. Wer sie nicht mochte, nannte sie "A set of joints", einen Satz Gelenke. Man musste sich aber nur einer einzigen, dafür umso wichtigeren Sache klar sein - egal wo man damit fuhr, es ging immer nur vorwärts. Dann ging das aber sehr gut.

    Ich lieferte in unserem Lager in Boston (MA) an, das Double wollten sie gleich selbst zerlegen und wegrangieren. Vor der nächsten Tour beschloss ich, meine Pause einzulegen, wenn ich hier schon mal in die Kantine gehen konnte. Danach sollte ich bei Walmart eine Gemeinschaftslieferung Kleidung abholen und nach Burlington (VT) bringen. Hier stand dann auch ein Schild von Massachusetts.




    Und der Weg führte weiter nach New Hampshire. So das eine oder andere Staatsmotto war auch komisch. "Lebe frei oder sterbe!" Was wollte mir der Künstler damit nun genau sagen? Mir fielen 5 Möglichkeiten ein, das zu verstehen. Aber keine war irgendwie so richtig einleuchtend.




    Auch Vermont hatte wohl auf ein Schild verzichtet und so kam ich ohne ein neues Staatsmotto kennen zu lernen gegen 6:30 PM bei unserem Warehouse an. Danach fuhr ich zu einer Tankstelle, aß noch ein Sandwich, ging duschen und dann in die Koje.




    Was ich abends vergessen hatte war das Tanken. Und da es jetzt nach Kanada gehen sollte, musste es auch morgens noch sein. Dort war Diesel viel teurer als bei uns. Ich hatte eine Ladung Käse, die nach Kingston (ON) sollte. Die Grenzformalitäten waren dank der gut vorbereiteten Papiere keine große Sache. Sowohl unsere Leute in der Logistik als auch die Zöllner hatten ihre Routine, nur ich betrat im Wortsinne Neuland. Aber schließlich konnte ich weiter.




    In Montreal ging es nur am Stadtrand lang. Die Waage hinter der Stadt war zwar schon offen, aber man schien mich nicht haben zu wollen. Jedenfalls sprang mein WPass auf grün und ich musste nicht rausziehen.




    Schließlich kam ich nach Ontario, die letzte Grenze für heute.




    Zur allerbesten Mittagszeit kam ich bei unserem Warehouse an. Das hieß, ich konnte den Truck angekoppelt lassen und mir vorne im Ladenbereich, wo es auch eine Bäckerei und Fastfood-Buden gab, was zu Essen besorgen. Danach sollte ich bei UPS einen Trailer mit gefrorenem Fleisch aus Australien - Känguru und Strauß - für eine Sonderaktion zurück nach Burlington bringen.
    Also rüber und dumm geschaut:
    "Was ist das denn? Ich soll doch einen Trailer von Euch kriegen!" "Das ist ein Trailer von uns. Erkennt man an der Farbe!" "Aber das ist nicht Euer Logo. Erkennt man an der Form!" Der Knabe am Lager, wohl maximal so alt wie ich, lachte über diese Antwort. "Ja. Wir hatten leider keinen anderen da. Der gehört buchmäßig uns, aber wir haben von großen Kunden welche mit deren Werbung. Kann mir denken, dass Dir der nicht gefällt, aber Du kannst gerne 6 Stunden warten bis wir einen anderen haben und umladen konnten. Und wenn Eure Bosse mal uns Trailer sponsern würden, könnte man so was auch vermeiden." "Nee, passt schon."

    Also nahm ich diesen Zwitter mit und machte mich auf den Rückweg über die gleiche Strecke. In diese Richtung war dann die Waage auch offen und nun wurde ich rausgeholt. Die Waagen im Nordosten der USA waren meistens nur Dekoration, auf vielen klebte sogar ein Schild "Closed" fest über der Anzeige, weil die LCD-Displays kaputt waren. Ein Bisschen nervös war ich also schon. Ich rollte langsam über die Waage, wie es die Schilder befohlen und bekam grünes Licht. 61,638 lb war deutlich unter der Grenze.




    In Montreal geriet ich dann leider in den Berufsverkehr und ließ einige Zeit liegen. Immerhin dürfte mir das dann eine weitere Fahrt ersparen. Hoffentlich war an der Chevron-Station wieder ein Platz frei, denn die Duschen waren gut und das Frühstück heute Morgen auch.




    Die Rückkehr in die USA erwies sich als nicht weniger trickreich als die Ausreise. Nur wurde vorhin ich als Person mehr gefilzt als die Ladung, jetzt war es anders rum. Aber natürlich gab es auch in diese Richtung keine Schwierigkeiten. Also fuhr ich zu unserem Center in Burlington und danach wieder zur Tankstelle, wo ich einen Platz bekam.

    Auch die Führerscheinklasse X durfte ich in dieser Woche gleich ausprobieren. Mit einer Ladung Feuerwerk sollte ich nach Hartford (CT). Auf dieser Strecke hatte der Staat Vermont ein Schild aufgestellt. Leider konnte ich es nur im Spiegel bewundern.




    Und es sollte wieder zurück nach Kanada gehen, mit einer Ladung Fernseher aus Übersee. Also fuhr ich wieder den gleichen Weg zurück, füllte in Burlington wieder die Tanks auf und überquerte zum dritten Mal in 2 Tagen die Grenze.
    Bei Montreal setzte Regen ein, der sich aber zum Glück nicht lange hielt. Auf der Straße nach Maniwaki brach die tief stehende Sonne wieder durch. Die armen Schweine in Kanada hatten 13 Stunden Lenkzeit und 15 Stunden Schicht. Leider wurde man, wenn man von einem Arbeitgeber wie meinem nach Kanada geschickt wurde, selbst ein armes Schwein. Ich hatte eine Chance, in den 13 Stunden ans Ziel zu kommen, also wurde das auch erwartet. Als es geschafft war, hinterfragte ich, ob das so richtig war. Denn am Ende war ich doch ziemlich fertig. Nie in meinem Leben war ich so lange gefahren.

    Die Tankstelle in dem Städtchen wurde wohl auch selten im Bereich der Parkplätze oder auf der dritten Tankspur befahren. Jedenfalls wuchs dort einiges an Unkraut durch den Asphalt. Die Auswahl an Abendessen war relativ schmal. Es gab Poutine, Poutine oder Poutine. Wer auch immer auf die Idee gekommen war, Pommes mit geriebenem Käse zu bestreuen und dann in Bratensoße zu ersäufen, gehörte in dem entstehenden Matsch ebenfalls ersäuft. Egal, es machte satt und danach fiel ich wie ein Stein in mein Bett.




    Am nächsten Morgen ging es wieder zurück in die Staaten, aber ich durfte mal einen neuen Grenzübergang ausprobieren. Anstatt wieder Highgate - Philipsburg sollte es diesmal Alexandria Bay - 1000 Islands werden, das Ziel war Rochester (NY). Der Trailer stammte mal wieder von Walmart, was daran lag, dass wir wohl mal wieder mit denen gemeinsam eingekauft hatten, damit beide den Preis niedrig halten konnten.

    Ich ließ in Rochester den Fremdkörper voll Kopierpapier stehen, setzte schon mal um an die Ladung Haushaltswaren für Hartford (CT) und ging dann in die Kantine.




    Die Nacht verbrachte ich auf einem Stellplatz in Albany (NY). Es waren zwei Kollegen da, die mich aber wohl wegen meines Alters nicht für voll nahmen. Also verkrümelte ich mich wieder in die Kabine.

    In Hartford warteten 2 leere Container darauf, nach Providence (RI) gebracht zu werden. Freitag und noch mal weiter von zu Hause weg. Daran, dass die Wochenenden meistens ganz optimiert nur 34 Stunden lang waren, hatte ich mich mittlerweile gewöhnt. Die Firma war doch sehr kostenoptimiert.
    Aber siehe da, offensichtlich hatte ich bei meiner Fahrt am Montag nur nicht drauf geachtet. Rhode Island hatte doch Schilder an der Staatsgrenze.




    Am Hafen holte ich einen Überseecontainer mit Elektronik ab und fuhr mal wieder nach Burlington (VT). Sowohl in unserer Niederlassung als auch an der Chevron-Tankstelle kannte man mich inzwischen scheinbar.

    Und am Samstag sollte ich Fernseher aus einem Rückruf, die wir für Walmarts Hausmarke hergestellt hatten, zurück nach Philadelphia bringen.
    "Warum denn ein Double Pup?" "Einer ist aus Vermont, einer aus New Hampshire. Anstatt umzuladen haben wir einfach ein Double draus gemacht. Du darfst das fahren haben sie uns gesagt." "Ja, darf ich auch. War nur erstaunt, warum es eins ist, obwohl es keinen Grund gibt, die Ladung zu trennen."

    Also machte ich mich auf den Heimweg. Der Regen verzog sich auch recht schnell und so ging es durch die schönen Wälder Neuenglands der Heimat entgegen.




    Eine Pause musste ich schon noch einlegen und 02:35 PM war ich schließlich am Ziel. So hatte das Wochenende sogar über 40 Stunden, bis es Montag früh wieder losging. Ich fuhr nach Hause und erkundigte mich, was denn heute Abend so vorgesehen war. Ralph, Lenny und Cody wollten Billard spielen. Caleb hatte Dienst. Wenn ich dazu käme, könnten wir entweder als Zweierteams an einem Tisch spielen oder einen zweiten Tisch nehmen. Das kam drauf an, wie voll es war.

    Wir entschieden uns für die Version mit einem Tisch und ich spielte mit Ralph gegen Lenny und Cody. Mir passte diese Kombination ausgezeichnet, denn so konnte ich offiziell nur schauen, was die Gegner machten, aber dabei ganz nebenbei Lenny anschmachten. Cody war zwar auch was fürs Auge, aber an Lenny kam er nicht ran.

    Als die Gruppe sich auflöste, meinte Lenny zu mir:
    "Du wohnst doch in Melrose Park, oder?" "In Oak Lane, also noch in der Stadt." "Aber Du nimmst laut Caleb, der Dich schon manchmal gefahren hat, immer die Bahn von und nach Melrose Park." "Ja." "Dann fahren jetzt wir zwei Hübschen mal mit dieser Bahn." Der Tonfall verriet mir nicht, ob er mich wirklich hübsch fand oder nicht. Er verriet mir nur, dass es Redebedarf gab. Lenny wohnte in Lexington Park, das war ein gutes Stück weiter im Osten und meine Bahnlinien absolut nicht in seiner Richtung.

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    Es sind mal wieder sehr viele Bilder geworden. Neuengland hat nun mal viele kleine Staaten, also auch viele neue Schilder zu zeigen. Das soll es aber jetzt auch gewesen sein. Die verbleibenden Staaten sind alle größer. Außerdem sollte es demnächst dann mit mehr Inhalt anstatt Zeitraffer los gehen und dann kommen auch Bilder zum Thema und nicht mehr einfach nur "ich war hier" Fotos.

    224 mal gelesen

Kommentare 25

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    elwime -

    Schöne Geschichte und das Geld für deinen eigenen Truck kommt ja jetrzt auch noch sieht doch gut aus

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      TurboStar -

      Danke schön. Wenn das denn mit "dem eigenen Truck" so einfach wäre. Da gehört mehr zu, als ein LKW. Siehe Marcs Kapitel 1 oder warte auf mein Kapitel 9 ;)

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    Werner 1960 -

    Kann auch nur sagen gut geschrieben, mach weiter so.

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    manni_112 -

    Wiedermal Klasse :) Aber Redebedarf besteht ja scheinbar auf beiden Seiten oder ? :D

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    Iceman684 -

    Welche Map benutzt du eigentlich??

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      TurboStar -

      C2C (2.2 diese Woche erschienen) und Canadream. Das fehlende und dann aufgetauchte Staatsschild von Rhode Island scheint auch ein Bugfix zu sein. Das erste Mal bin ich da nämlich mit C2C 2.1 lang, das zweite Mal nach dem Patch.

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      Iceman684 -

      Decken die dann komplett Kanada und USA ab? Sorry für meine blöden Fragen. Hab mich bisher noch nicht mit ATS beschäftigt.

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      Sauerlaender -

      USA komplett ohne Hawaii und Alaska. (Allerdings sehr viel mit Copy und Paste und teilweise nur auf Strecke gemacht) Kanada überwiegend der Süden mit ein paar wenigen Abstechern in den Norden.

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    loddi51 -

    Wieder ein sehr schön geschriebenes Kapitel.

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    Sauerlaender -

    Schönes Kapitel. Wenn du schreibst mehr Inhalt anstatt Zeitraffer bin ich ja mal gespannt, wie du das jetzt löst.

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      TurboStar -

      Danke. Pro Kapitel wird der Inhalt sicherlich nachlassen. Aber hier gab es auf ca. 10 Word-Seiten Weihnachten, Neujahr, eine außergerichtliche Verhandlung so im Februar, eine Woche LKW-Fahren so um den April rum und einen Cliffhanger. Die Ladestellen und Rasthöfe dagegen bleiben Randnotizen, dass die Costco-Dispo weitestgehend per Qualcomm kommuniziert, hat auch so seine Gründe, Dialoge während der Zeitrafferphase einzusparen. Wenn ich dann mal meinen (zweiten) eigenen Truck habe, würde so was sich mal locker auf 3 bis 4 Kapitel mit Fahren und Rahmenhandlung strecken lassen, die dann aber vielleicht jeweils nur um die 6 Seiten in Word zusammenbringen.