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Kapitel 7 - Zurück in Kalifornien

  • Der Brief stammte vom United States District Court for the Southern District of California, also der unteren gerichtlichen Instanz. Ich blieb wie angenagelt stehen, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, warum mich ein Richter in Kalifornien sehen wollte, nachdem ich seit 2 Jahren nicht mehr dort gewesen war. Und weil ich mich mitten auf dem Weg zum Haus mit entgleisten Gesichtszügen angenagelt hatte, fiel ich natürlich auch meinem Vermieter auf, der gerade einen Busch im Vorgarten mit der Heckenschere bearbeitete: "Was ist los, Brandon? Du siehst aufgeregt aus." Er war so der Vater-Typ, den ich gerne gehabt hätte. Immer unaufgeregt, inzwischen graue Haare und einen gepflegten Vollbart, tiefe Stimme. "Nichts."
    Dabei hatte ich allerdings den Brief wohl falsch gehalten.
    "Ein Brief vom Gerichtsbezirk Kalifornien Süd?" Er schaute mindestens ebenso erstaunt wie ich, wobei ich es nun noch mal tat. Denn dass es ein amtliches Wappen auf dem Umschlag war, war das eine, aber es aus der Entfernung sicher zu erkennen, das andere. "Ja, Sir." "Den Sir kannst Du Dir sparen. Einfach nur William." "Okay. Wie kannst Du das so schnell aus der Entfernung erkennen?" "Zwar Northern District, aber ich war auch mal da drüben und habe 14 Jahre als Anwalt in Eureka gearbeitet. Die Siegel der Bezirke kenne ich alle." "Ich weiß nur nicht, was die von mir wollen. Ich war schon fast 3 Jahre nicht mehr da." "Dann mach ihn doch auf. Das kann viel sein. Vorladung als Zeuge in einem Prozess, eine Testamentseröffnung." Ich öffnete also den Brief hier draußen.

    Mr. Brandon Ridley, born 11/20/1994 is cited to bear witness on 12/16/2015 at 1 PM at San Diego District court in hearing the case of California State vs. Carl Snyder for attempted vehicular manslaughter, absconding the scene of accident and failure to render assistance on the evening of 03/28/2013.

    Das musste erst recht sacken. Warum auch immer es so lange gedauert hatte, aber sie hatten Snyder offenbar erwischt und klagten ihn jetzt wegen "versuchtem Totschlags im Straßenverkehr", Unfallflucht und unterlassener Hilfeleistung an. Ich war anscheinend noch blasser geworden.
    "Dein Gesicht sieht nicht nach einer harmlosen Zeugenaussage aus." "Nein, es ist eine emotionale Zeugenaussage. Ich war vor fast 3 Jahren das Opfer." "Ich glaube, Du brauchst einen Kaffee!" Er nahm mich mit rein ins Haus. "Ich kann zuhören, aber die Sache natürlich nur rechtlich bewerten. Wenn Du reden willst, höre ich mir den Fall aber natürlich gerne mal unverbindlich an." Auch wenn ich kein Freund von Kaffee war, setzte ich mich mit ihm in die Küche und erzählte, was in diesen Wochen Anfang 2013 passiert war.
    "Das ist juristisch eine trickreiche Angelegenheit. Dich äußern musst Du sowieso, wobei die Äußerung auch sein kann, nicht auszusagen. Weil Du selbst Gesetze überschritten hast, könnte eine Aussage Dich belasten und Du bekommst im Nachgang ein Verfahren wegen rücksichtslosem Fahren an den Hals. Gerade in Deinem Beruf nicht so ganz ohne Folgen, aber nach der langen Zeit auch unwahrscheinlich. Deshalb kannst Du es wegen Eigenbelastung verweigern. Auf der anderen Seite könnten wir, wenn der verurteilt wird, auf der Basis eine zivilrechtliche Klage auf Schmerzensgeld und Schadenersatz einreichen." Mit dem "wir" schien er gleich mal das Mandat für sich zu beanspruchen.

    Bis dahin musste ich aber noch ein paar Wochen arbeiten. Dabei gab es nichts Neues. Vor Weihnachten hatten wir so viel zu fahren, dass wir kaum Fernverkehr machten. Dafür waren Züge zuständig, die meistens im kombinierten Verkehr die Langstrecken zurücklegten. Die Fahrten, auch für Long Haul, gingen meistens nur durch Pennsylvania und die unmittelbaren Nachbarstaaten.

    Und dann, nicht mehr lange vor Weihnachten, flog ich nach San Diego. Kosten entstanden mir keine, das Gericht zahlte mir als Zeuge die Anreise, angemessene Hotelkosten und den Verdienstausfall für insgesamt drei Tage. Glücklich war man in der Firma nicht, dass ein Fahrer in der heißen Zeit vor Weihnachten ausfiel, aber gegen eine Gerichtsvorladung waren sie machtlos. Mein damaliger Psychologe hatte mich allerdings kontaktiert. Er wollte vorher noch mal mit mir sprechen.

    In San Diego nahm ich mir einen Mietwagen und ging zum Psychologen. Er ließ mich, nachdem durch meine Flucht in den Osten damals die Behandlung auch mittendrin abgebrochen wurde, erzählen, wie es mir seitdem ergangen war. Dann fragte er noch einige Dinge genauer nach und ich durfte gehen.

    Im Gericht sah ich unsere Eltern dann erstmals wieder, die ebenfalls zur Verhandlung erschienen. Sie versuchten nach Kräften, mich zu ignorieren. Ich war bisher noch nie bei Gericht und dachte immer, dass dort die Zeugen voneinander getrennt wurden. Das Bild kam aber daher, dass in Film und Fernsehen meistens Schwerverbrechern der Prozess gemacht wurde, wo ganz andere Rahmenbedingungen herrschten.
    Hier waren Zeugen und Geschworene aus verschiedenen Prozessen in einem relativ großen Aufenthaltsraum, wo es Kaffee und Snacks aus einem Automaten gab. Entsprechend dem Gebot, nicht über Prozessinhalte zu sprechen, wurden also im Smalltalk leidenschaftlich das Wetter, Ziele für den Weihnachtsurlaub oder andere unverfängliche Themen diskutiert. So sah ich aber auch Robbie, Dylan und Ryan wieder, wobei auch wir uns nur unverfänglich unterhielten, aber für abends verabredeten.

    Schließlich wurde ich nach Snyder als Angeklagtem und den Polizeibeamten, die damals den Unfall aufgenommen hatten, als erster ziviler Zeuge aufgerufen und der Gerichtshelfer geleitete mich zum Zeugenstand. Die Aufnahme der Personalien durch den Richter gestaltete sich knapp und scharf, aber das war wohl normal so.
    "Name?" "Brandon Kieran Ridley." "Geboren?" "20. November 1994 in San Diego." "Wohnort?" "Philadelphia, Pennsylvania." "Familienstand?" "Ledig." "Beruf?" "LKW-Fahrer." "Möchten Sie den christlichen Eid schwören?" "Ja." Der Gerichtshelfer trat daraufhin mit der Bibel vor, der Richter sprach die bekannten Worte: "Schwören Sie, vor Gericht die Wahrheit und nichts anderes zu sagen, nichts zu verfälschen, nichts hinzuzufügen und nichts zu verheimlichen." Ich legte die Hand auf die Bibel: "So wahr mir Gott helfe."

    Da ich Zeuge der Staatsanwaltschaft war, begann der also auch, mich zuerst zu befragen. Dieser "Verhör" genannte Teil war der harmlosere, denn ich stand ja quasi auf seiner Seite. Er befragte mich unter anderem zu dem Streit mit meinem Vater, der diese Fahrt ausgelöst hatte und dann zu meinem Motiv, vor Snyder zu flüchten.
    "Gab es einen Grund, vor Mr. Snyder Angst zu haben?" "Ja, Sir." "Und welchen?" "Einige Wochen zuvor hatten mein Vater und er meinen Partner und mich überrascht. Dafür hatte Mr. Snyder erst einmal meine Zimmertür eintreten müssen. In der folgenden Auseinandersetzung hat er meinen Partner durch den Raum gezerrt und gegen die Zimmerwand gedrückt. Ich wusste nicht, wie er mit mir umgehen würde, wenn er mich auf eine ähnlich klingende Anweisung meines Vaters zu fassen bekäme." "Vielen Dank. Keine weiteren Fragen, Eurer Ehren."
    Damit machte sich der Verteidiger von Snyder bereit für seine Fragen, das berühmte Kreuzverhör. Es war Reynolds, den ich als Anwalt meines Vaters vom Sehen kannte. Ich wusste gar nicht, dass er auch Strafverteidigung machte. Aber vielleicht überschätzte der sich auch nur gerne mal.
    "Mr. Ridley, wie ist Ihnen Mr. Snyder vor diesem Abend, an dem Sie und Ihr Freund überrascht wurden, begegnet?" Er hatte aus dem "Boyfriend" einen "Friend" gemacht. "Bis zu dem Erlebnis mit meinem Partner war er vor allem der Personenschützer meines Vaters oder wenn wir gemeinsam unterwegs waren von uns allen. Für mich persönlich war er ein Bediensteter des Hauses, insbesondere meines Vaters." Als ich in meiner Antwort gleich noch mal das Wort "Boyfriend" betont einbaute, schaute Reynolds kurz ein Bisschen angesäuert.
    "Wie weit war denn Mr. Snyder hinter Ihnen, als Sie diese Rampe trafen, die dort aufgebaut worden war?" "Ich kann es nicht genau sagen. Ich war gerade abgebogen und er war noch nicht zu sehen." "Und vor dem Abbiegen?" "Ich weiß es nicht, Sir. Man sieht auf der Flucht nach vorn selten in den Rückspiegel." "Na, na. Ich würde mich schon vergewissern, wo die Gefahr ist, vor der ich flüchte. Vielleicht war er ja schon weg."
    "Mr. Reynolds, sparen Sie sich, den Zeugen mit solchen Kommentaren wie "Na, na" zum Kind zu machen. Er ist 21 Jahre alt. Was haben Sie eigentlich für einen Schulabschluss, Mr. Ridley?" "Ich bin Bachelor of Science in Logistikmanagement, Euer Ehren." "Und dann LKW-Fahrer? Wieso das denn?" "Persönliche Entscheidung im Hinblick auf meine Zukunftspläne, Sir." Diese Antwort hätte ich gar nicht geben müssen, aber sie schmeckte Reynolds gar nicht. Da konnte er nichts dran machen. Wahrscheinlich hatte auch er über meinen Vater das Bild des Versagers von mir eingepflanzt bekommen und wollte das jetzt über diesen Beruf unter meiner Qualifikation in den Gerichtssaal bringen. Vielleicht hätte es Snyder geholfen, wenn ich hier so ein Bild abgab.
    "Mit welchen Emotionen sehen Sie Mr. Snyder hier heute?" "Einspruch, Euer Ehren! Wir reden hier über Fakten und nicht über Emotionen!" "Wir reden hier von einem, wenn nicht dem entscheidenden Belastungszeugen, der bei einer Verurteilung den Status eines Opfers bekäme und Ansprüche gegenüber meinem Mandanten geltend machen könnte. Da sind das Fragen, die seine Glaubwürdigkeit betreffen." "Mr. Reynolds, da haben Sie in der Sache Recht, aber sparen Sie sich diese Fragen für den von Ihnen selbst als Zeugen berufenen psychologischen Gutachter auf, wo sie hingehören und lassen den Zeugen mit diesen Aspekten in Frieden. Einspruch stattgegeben."
    "Also gut. Mr. Ridley, haben Sie vor diesem Prozess einen Anwalt konsultiert?" "Nein, ich habe keinen Anwalt konsultiert." Konsultieren hätte bedeutet, eine kostenpflichtige Rechtsberatung einzuholen. Ich hatte mit einem Anwalt am Küchentisch gesessen und geplaudert. Diese Feinheit hatte William mir noch so gesagt, da diese Frage nicht ungewöhnlich war. Wenn gefragt worden wäre, ob ich mit einem gesprochen hätte, dann hätte ich allerdings mit Ja antworten müssen. Leicht angesäuert, dass das alles nicht so verlaufen war wie er gehofft hatte, beendete Reynolds das Kreuzverhör. "Keine weiteren Fragen, Euer Ehren." "Danke, die Herren Anwälte, danke Mr. Ridley. Sie können den Saal jetzt verlassen und in den Aufenthaltsraum zurückkehren oder im Zuschauerbereich Platz nehmen. Denken Sie daran, dass es nicht erlaubt ist, mit anderen Personen vor Urteilsverkündung über den Prozessverlauf zu sprechen." Ich setzte mich in den Zuschauerbereich.

    Als nächstes wurden der Reihe nach Robbie, Ryan und Dylan befragt. Sie gaben alle drei an, dass Snyder nicht lange nach mir in die Straße eingebogen war. "So 1 bis 2 Sekunden." Als wir das erste Mal vorbeigefahren waren, war es deutlich weniger und er klebte quasi an meiner Stoßstange. Dann hatte er langsam die Unfallstelle passiert und als Ryan seine Maschine auf der Stelle gewendet hatte und auf sein Auto zu fuhr, gab er Vollgas und verschwand.
    Auch auf die Frage, ob es sich nicht um ein Rennen gehandelt haben könnte, waren sie sich auch einig. Unsere Autos waren serienmäßig, der Altersunterschied zu groß und spätestens als Snyder geflüchtet war anstatt zu helfen, war ihnen klar, dass es hier nicht um ein Rennen gegangen war. Das Motiv von Reynolds war sogar mir klar. Wenn er es dem Gericht als illegales Straßenrennen hätte verkaufen können, dann wäre es nur noch rücksichtsloses Fahren gewesen und weil zum Rennen zwei gehörten auch noch in Teilschuld.
    Auch sein eher plumper Versuch, den Jungs was für die Rampe anzuhängen, fing der Staatsanwalt ab:
    "Einspruch, Euer Ehren! Dieses Gericht hat unmittelbar nach dem Vorfall in einem für Straßenverkehrsdelikte üblichen Schnellverfahren festgestellt, dass die Rampe auf dem Parkstreifen keine größere Gefährdung für die Straßennutzung darstellte als ein geparktes Fahrzeug und entsprechend von den zum Tatzeitpunkt volljährigen Robert Adams und Ryan Slade eine Strafe von je 125 Dollar für das Abstellen von Gegenständen im Straßenraum zu zahlen war. Damit ist sie hier nicht von rechtlicher Relevanz. Brauchen Sie das Aktenzeichen?" "Nein, ich kenne die Akte. Stattgegeben."

    Interessant war noch die Aussage des Psychologen.
    "Zu dieser Zeit Anfang 2013 war Mr. Brandon Ridley bei Ihnen in Behandlung?" "Ja, Sir." "Würden Sie seine Verfassung zu dieser Zeit als stabil beschreiben?" "Nein, Sir." "Kann seine Verfassung Einfluss auf sein rationales Denken gehabt haben?" "Das ist nicht vollkommen auszuschließen, aber zum hier verhandelten Tatzeitpunkt unwahrscheinlich." "Und würden Sie sagen, dass er in der Lage war, sich auf anspruchsvolle Aufgaben zu konzentrieren und fokussieren?" "Das kommt auf die Aufgabe an." "Ich spreche natürlich vom Autofahren." "Ja. Er konnte ohne Einschränkungen Auto fahren." "Bezogen auf normalen Straßenverkehr oder auch unter besonderen Stress?" "Auf jeden Fall unter normalen Bedingungen. Unter Stress kommt es auf die Umstände an." "Vielen Dank, Herr Doktor. Herr Staatsanwalt, Ihr Zeuge." "Danke, Mr. Reynolds."

    Reynolds setzte sich und der Staatsanwalt stand auf.
    "Herr Doktor. Wenn ich von einem Mediziner höre, es komme auf die Umstände an, dann komme ich mir immer vor wie ein kleines Kind, das eine unerhörte Frage gestellt hat. "Du bist zu klein um das zu verstehen." Einige Zuschauer kicherten, auch manche Geschworene waren erkennbar um die Fassung bemüht, die sie wahren mussten. "Erklären Sie doch mal bitte genauer, was es mit diesen Umständen auf sich hat. Wann hätte Mr. Ridley denn wohl nicht Auto fahren können?" "Wenn er zum Beispiel in Sorge um einen anderen Menschen gewesen wäre. Eine Vergleichbare Situation zu dem Abend, an dem sein Partner starb. Das hätte ihn auf jeden Fall mehr beeinflusst als einen nicht vorbelasteten Autofahrer." "Und wenn er einfach nur schnell gefahren wäre und das Auto im Grenzbereich unter Kontrolle hätte haben müssen?" "Das war kein Problem. Ich hatte ihm ja erst wenige Tage zuvor dazu geraten, wieder Rennen zu fahren, um wie Sie als Laie so sagen würden, auf andere Gedanken zu kommen."
    "Ich bin in der Tat psychologischer Laie. Was bedeutet es, wenn Sie sagen, ein Patient ist nicht stabil. Das Gegenteil von stabil ist labil. Was bedeutet das?" "Das Gegenteil ist labil, aber es gibt viele Zwischenzustände von ganz stabil bis ganz labil." "Und wie würden Sie nun Mr. Ridley zu jener Zeit genau in diesem Spektrum charakterisieren, wenn nicht stabil?" "Stabil ohne eine genaue Definition, wie vom Herrn Verteidiger gefragt, hätte bedeutet, dass er in der Lage gewesen wäre, psychischen Alltagsstress ohne Hilfe zu verarbeiten. Das war durch den Verlust seines Partners und das bevormundende Verhalten seiner Eltern nicht gegeben." "Bevormundendes Verhalten?" "Wenn Sie wieder einen Ausdruck aus dem Volksmund haben wollen, wäre Mobbing der richtige Begriff." Ein Raunen ging durch den Saal, meine Mutter guckte zwischen geschockt und beleidigt, mein Vater war noch draußen, da er noch aussagen musste.
    Dieser Entlastungszeuge schien nach hinten los zu gehen.
    "Und in diesem breiten Spektrum, war er an diesem 28. März nun eher auf der stabilen oder auf der labilen Seite?" "Zu der Zeit schon wieder mehr stabil." "War er zuvor eher labil?" "Ja, Sir." "Wann war der Wendepunkt bezogen auf diesen 28. März?" "Das kann man nicht in einen Punkt fassen. Aber wenn Sie eine Angabe haben wollen, würde ich sagen so 5 bis 7 Tage vorher." "Und wie lange war er zu dem Zeitpunkt bereits in Behandlung?" "Seit dem Tod seines Partners, 5 Wochen."
    "Nun wurde die Behandlung seinerzeit abgebrochen, da Mr. Ridley an die Ostküste gezogen ist. Sie hatten gestern noch ein Gespräch mit ihm?" "Ja, Sir." "Wie würden Sie die heutige Verfassung von Mr. Ridley beschreiben?" "Gefestigt. Er verfolgt Ziele mit Ehrgeiz. Auch wenn ich es damals natürlich anders beurteilt habe, muss ich im Nachhinein sagen, dass er das richtige getan hat, sofort hier aufzubrechen und sich weit entfernt vom Einfluss seines Vaters ein neues Leben aufzubauen." "Vielen Dank Herr Doktor. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren."

    Nach diesem in aller Öffentlichkeit des Gerichtssaals ausgebreiteten Bild meines damaligen Seelenzustands war ich erst mal etwas sauer auf den Psychologen. Aber er war nun mal als Gutachter bestellt und wenn es am Ende dazu gut war, Snyder zu verurteilen, war das auch was.
    Es wurden noch einige Zeugen gehört, darunter auch Randy und unser Vater. Dann waren die Anhörungen abgeschlossen. Der Staatsanwalt beantragte einen Schuldspruch, da die Zeugenaussagen und insbesondere meine als Belastungszeuge ergeben hatten, dass Snyder zuvor bereits Anweisungen meines Vaters mit unnötiger Gewalt umgesetzt hatte und mich mit seinem Auto bedrängt hatte. Der Verteidiger versuchte sogar für mich hilflos wirkend, ein Bild zu zeichnen, dass ich Snyder aus der Motivation belastete, mein Leben im Wohlstand meines Elternhauses verspielt zu haben und mich nun dafür an ihm rächen wollte.
    Die Jury zog sich zur Beratung zurück. Die Zeugen gingen in den Pausenraum, bis die Glocke wieder zu hören war.
    "Erheben Sie sich für die Verkündung des Urteils." Alle anwesenden standen auf. "Zu welchem Schluss ist die Jury gekommen?" Die Vorsitzende der Jury gab das Ergebnis bekannt: "Der Angeklagte Carl Snyder ist des versuchten Totschlags unter Benutzung eines Fahrzeugs und der Unfallflucht schuldig zu sprechen. Die Jury ist überzeugt davon, dass die Aussagen der Zeugen wahrheitsgemäß sind und der sachverständige Mediziner hat bestätigt, dass es keinen Grund gibt, dem Belastungszeugen Brandon Ridley keinen Glauben zu schenken oder ihm ein Rachemotiv zu unterstellen. Der unterlassenen Hilfeleistung ist der Angeklagte hingegen nicht schuldig, da zum Zeitpunkt seiner Unfallflucht bereits der Zeuge Robert Adams sich erkennbar darauf vorbereitete, in das Unfallfahrzeug zu gelangen um Hilfe zu leisten und mit dem Zeugen Dylan Carter ein zweiter Helfer zur Verfügung stand."
    Das Strafmaß wurde vom Richter nach dem Ende der öffentlichen Verhandlung festgelegt und bei so einem Fall nur noch in den Gerichtsblättern veröffentlicht. Vielleicht kam es als Randnotiz in die Presse. Dass der Richter ein Strafmaß zusammen mit dem Urteil im Gerichtssaal sprach, kam auch nur im Film vor. Bei "großen" Prozessen wurde dafür dann noch mal eine weitere öffentliche Sitzung angesetzt.

    Am Abend ging ich mit Robbie, Ryan, Dylan und Randy essen. Robbie war immer noch ungelernter Arbeiter bei Walmart, aber hatte sein Auskommen und war zufrieden. Inzwischen hatte er genug Erfahrung, um vom grauen Kittel auf ein blaues Poloshirt gewechselt zu sein, was bedeutete, dass er für Kunden als Ansprechpartner da war, um Produktfragen zu beantworten und in seiner Abteilung Kunden zu beraten. Ryan war nicht mehr in der John Deere Werkstatt sondern zu Caterpillar gewechselt, die hier ein kleines Werk für Entmontage und Instandsetzungen von Gebrauchtmaschinen hatten. Dort war er Teamleiter und hatte die Verantwortung für Arbeiten an jeweils einer Maschine. Nur abnehmen musste die Arbeiten noch jemand anders.
    Dylans Eltern konnten sich kein Studium für ihn leisten, aber er hatte die Schule als zweitbester seines Jahrgangs abgeschlossen. Also studierte er per Stipendium auf Bachelor im Außenhandel, was ihm in Oakland von der Hafengesellschaft bezahlt wurde. Dass die Welt hinter San Diego weiter ging und Chancen bot, hatte er damals durch mich begriffen.
    Dass Randy inzwischen schon im Masterstudium steckte, wusste ich, aber er erzählte es den drei anderen auch, weil sie ihn bisher nun gar nicht kannten. Er hatte inzwischen schon eine Übernahme sicher und es gab einige Abteilungen bei Kyocera, die sich gerne in anderthalb Jahren seine Dienste sichern würden.
    Und bei mir fehlte vor allem das Geld, um mich von Costco zu lösen und mein eigenes Unternehmen aufzuziehen, sobald im Sommer die 2 Jahre um waren, die ich mich als Gegenleistung für den Führerschein verpflichtet hatte. Dass ich einen Rechtsweg sah, daran zu kommen, verriet ich allerdings nicht.

    Am Donnerstag flog ich zurück und machte dann ab Freitag eine verschobene Woche bis Weihnachten. So würde ich genau über den 1. Weihnachtsfeiertag meinen 34-Stunden-Reset machen können.

    Los ging es mit einer Ladung Tiefkühlgemüse von Philadelphia nach Pittsburgh. Der eine oder andere Anstieg war dann in diese Richtung doch nicht von schlechten Eltern. Dieses sich ganz von selbst dauernd verschaltende Ding schaffte es, sich vorm Scheitelpunkt selbst auf 30 Meilen einzubremsen.




    In Pittsburgh ging ich in die Kantine und holte mir ein Mittagessen. Die Anschlussfracht sollte dann nach Charleston (WV). So ungern ich das zugab, aber der Ausblick hier war schon besser. Das Lager in Pittsburgh war deutlich dichter an der Stadtmitte und so hatte man die Skyline aus der Kantine vor Augen und bei der Abfahrt wieder.




    Von Charleston sollte ich dann mit einer Ladung Fernseher von Walmart zu unserem Lager in Columbia (SC). Da es sich um nicht reklamierte Neuware von einem Markenhersteller handelte, ging ich davon aus, dass wir mit Walmart zusammen bestellt hatten, um den Preis zu drücken. Auch das kam gar nicht mal so selten vor, wie außen stehende glaubten. Ich ließ auf dem Weg zur Autobahn einen Subunternehmer von uns mit einem Triple raus, der sich ein Bisschen weit beim Right-on-Red vorgewagt hatte.




    Auf einem Truckstop machte ich schließlich meine Pause für die Nacht. Leider parkte ich ungeschickt und obwohl ich erst um 6 Uhr weiter musste, würde ich um halb 4 kerzengerade im Bett stehen, wenn der Nachbar seinen böse aufgemachten Peterbilt Conventional mit Straight Pipes anwerfen würde.




    Nachdem ich abgeliefert hatte, fuhr ich erst einmal was zu Essen suchen. Ich fand schließlich einen Hotdog-Stand, der auch aussah wie ein Hotdog und sich neben einem Tex-Mex Laden ein Bisschen in der Ecke versteckte.




    Die Pause wurde über anderthalb Stunden lang, denn es schien keinen Auftrag für mich zu geben. Dann sollte ich schließlich zwei leere Überseecontainer nach Savannah zum Hafen bringen. Als ich die Grenze nach Georgia passierte, waren die Spitzen der Talmadge Memorial Bridge schon hinter den Hügeln zu sehen, auch wenn ich sie nicht passieren würde.




    Noch vor 5 PM machte ich auf Anweisung meiner Kiste an der Mittelkonsole Feierabend. Allerdings stand dort auch, dass die Nacht gegen 3:20 AM zu Ende sein musste. Ich parkte meinen Truck mit Sicht auf die besagte Talmadge Memorial Bridge an einer Tankstelle und erkundete das Viertel. Dabei kam ich bei einem Kenworth-Händler vorbei und ließ mir zur Orientierung mal sowohl einen T680 als auch einen W900 kalkulieren. Zu meiner Überraschung kosteten sie fast das gleiche. Den W900 sah ich allerdings in einem anderen Licht, seit ich drin gesessen hatte und war unentschlossen. Den T680 mochte ich optisch nicht so richtig. Auf jeden Fall musste ich noch sehr lange sparen oder anderweitig an eine Menge Geld kommen. Banken gaben einem ja auch nur dann Kredite, wenn man den Nachweis erbringen konnte, gar keinen zu brauchen.

    Direkt neben dem Händler war dann ein Skatepark, wo einige Jugendliche und junge Erwachsene mit ihren Boards und Inlinern die Rampen unsicher machten. Ich setzte mich auf die Betoneinfassung und sah mir das ganze eine Weile an.




    Irgendwann wurde einer auf mich aufmerksam und ich sah ja auch mit meinen 21 eher nach 17 aus.
    "Hi. Was machst Du denn hier?" "Pause. Ich muss hier in der Gegend übernachten?" "Echt? Wieso?" "Bin Trucker und habe keinen Auftrag mehr für heute." "Was? Wie alt bist Du?" "21." "Nee, oder? Wo kommst Du her?" "Philadelphia." "Hörst Dich aber nicht so an." "Ja, aufgewachsen bin ich in Kalifornien."

    "Echt? Kannst Du skaten? Jeder Kalifornier kann doch skaten!" "Das ist ein Vorurteil. Und Board kann ich nicht, nur Inliner." Auch im Villenviertel hatte es einen kleinen Skatepark am Spielplatz gegeben. "Wie groß sind Deine Schuhe?" "9." "Steven! Du hast Schuhgröße 9, oder? Würdest Du Deine Skates verleihen? Unser Freund hier kommt aus Kalifornien und ist Inlineskater, hat aber keine dabei." Und nicht viel später stand ich mit geliehenen Skates, Schonern und Helm da, wo ich wohl wirklich mit 17 zum letzten Mal gewesen war - oben auf der Miniramp.




    Es gab so Dinge, die man einfach nicht verlernte. Und nach ein paar einfacheren Sachen zum Warmlaufen war ich auch wieder "drin" und die Kunststückchen wurden gewagter. Am Ende traute ich mich auch wieder eine der Geländerattrappen runter zu grinden.

    Ich gab Steven, seine Ausrüstung zurück, sah ihnen weiter zu und als es Zeit wurde, nach Hause zu gehen, kamen Steven und Mike, der mich zuerst angesprochen hatte, in meine Richtung mit, weil sie da wohnten. An der Tankstelle verabschiedete ich mich von ihnen.
    "Da drin wohnst Du quasi?" "Ja." "Und wie ist das mit Essen und Duschen und so?" "Hier kann ich schlecht den Gaskocher anwerfen. Ich werde mir in der Tankstelle einen Burger kaufen oder so. Dusche und Toilette haben die da auch." "Dürfen wir mal rein gucken?" "Klar." Ich schloss auf, sie setzten sich mal beide kurz auf den Fahrersitz und staunten über die Schalter und Anzeigen, die da so waren.

    Mitten in der Nacht ging es dann mit einem Reefer Fisch weiter nach Atlanta. Ich war nicht alleine aktiv, auf dem militärischen Teil des Metter Airport wurde auch schon gearbeitet.




    Morgens nach 7 war ich dann in Atlanta am Ziel, fütterte erst mal meinen Truck und machte die Pause. Danach holte ich eine verirrte Ladung Tiefkühlfrüchte ab. Wo Walmart auf dem Trailer stand, war nämlich Costco Hausmarke drin. Und hätte damit nie bei Walmart auftauchen sollen.

    Unterwegs ging es ganz ordentlich bergauf, denn zwischen Atlanta und Nashville hatte jemand eine Bergkette gestellt. Am Ende mit Warnblinker und 30 mph ging es über den Pass.




    Trotz Verkehr ging es in Nashville dann einigermaßen schnell zum Costco-Lager und danach hatte ich bei der kurzen Restzeit die Pause im Qualcomm stehen. Nächster Auftrag morgen ab 6 Uhr von unserem Zentrallager hier in Nashville nach Louisville (KY). Ich suchte mir wieder eine 24-Stunden-Tankstelle mit Dusche und Toilette und machte meine Pause. Mal sehen, wie ich es schaffte, schon am hellen Tag einzuschlafen. Da ich aber auch mitten in der letzten Nacht aufgestanden war, ging das einfacher als gedacht.

    Schon von der Tankstelle zum Lager war, auch vor 7 Uhr, eine Qual gewesen. Und auf dem Weg zur Autobahn stand fest, dass Nashville ein Verkehrsproblem hatte.




    Tennessee schien auch ein Schilderproblem zu haben, denn ich hatte gestern keins gesehen und heute stand auch keins in der Richtung. Immerhin Kentucky hatte eins. Ich schoss mit dem Handy ein Foto und wollte es nachher an Tristan schicken.




    Um 10:44 AM war ich mit meinen Haushaltsgeräten am Markt und machte dort gleich Pause. Anschließend sollte ich mit Leerpaletten zurück nach Nashville. Und als ich dann schon um kurz vor 3 PM und mit nur noch knapp 3 Stunden Restfahrzeit in Nashville war, bekam ich dennoch einen Auftrag nach Atlanta. Weil es da keine brauchbaren Truck Stops oder Rest Areas auf dem Weg gab, musste ich also etwas ausprobieren, was nicht legal war sondern nur geduldet. Dazu war es nicht ungefährlich und auch nicht wirklich entspannend - ein Hard Shoulder Break. Mal sehen, wie es sich schlafen ließ, wenn der Verkehr mit 70 mph in 10' Entfernung an einem vorbeirauschte.




    Es war eine sehr anstrengende Nacht und ich machte mich auch keine Minute später als nötig wieder auf den Weg. In Atlanta machte ich an einer Tankstelle eine Frühstückspause, nachdem es vorhin nur einen Schokoriegel gegeben hatte, nachdem ich schon wieder rollte. Dennoch war ich nach 7 AM schon wieder unterwegs.
    Zweite Umsattelstelle, auch noch am Vormittag, war in Columbia und die letzte Fracht des Tages sollte dann nach Wilmington gehen. Und irgendwann gegen 3 Uhr klingelte mein Diensthandy, ein ganz seltenes Ereignis, zumindest seit ich im Fernverkehr war. Im Nahverkehr gab es öfter mal Koordination mit den Ladestellen über das Ding. "
    Pennsylvania 92961, Brandon hier."
    Wir meldeten uns im Normalfall mit dem Staat und den letzten 5 Stellen vom Nummernschild. Dass die sich mal überschnitten und dann auch noch die Handynummern zum Verwählen ähnlich waren, war quasi ausgeschlossen. Einer der Daydriver aus Pittsburgh, der aber oft genug bei uns stand, hatte seinerzeit ausgerechnet 65000 am Ende, was für mehr als einen Lacher gut war, wenn der angerufen werden musste. Ich hatte meinem Dispatcher mal dazu ein paar Takte von dem bekannten Swing vorgeträllert. Auch wenn die Musik jetzt über 70 Jahre alt war, kannte dank Bigband-Konzerten bei Militärfesten und den Feiern zum Independance Day jedes Kind hier Glenn Miller.
    "Philadelphia Dispatch Center. Ich bin Ralph." Er kicherte ein Bisschen. Ich kannte natürlich schon viele Dispatcher mit Namen, nur wusste man meistens nicht, wer einen gerade übers Qualcomm rumschickte. Ihn kannte ich aber nicht. "Was ist so lustig?" "Ich glaube, spätestens wenn einer von Euch mal ein Kennzeichen bekommt, das auf 65000 endet, lasse ich mich an die Westküste versetzen." "Schade, ist der 3C65000 weg? War ein W900 Daycab." "Ach Du Scheiße - so was gibt es wirklich?" "Wahrscheinlich nicht mehr, war schon nicht mehr ganz neu. Du sitzt doch am PC mit der Flottenliste." Das Eis mit ihm war so schnell gebrochen wie mit keinem. Die meisten waren im Dauerstress und redeten nicht mal einfach so drauf los. "Na gut. Bevor ich einen auf die Mütze bekomme wegen Unsinn schwätzen. Du könntest mir mal bestätigen, dass Du wirklich keine Fahrzeit mehr hast, wenn Du in Wilmington angekommen bist." "Bestätigt. 20 Minuten vielleicht noch."
    "Wie haben sie Dich denn so aus dem Plan geschossen? Dachte schon an einen Computerfehler. Dass einer von Euch Long Haulers mal vor 5 PM keinen Meter mehr fahren darf, ist ja selten." "Ich bin schon die ganze Woche früh unterwegs. Und heute Morgen bin ich um 3 AM direkt nach Ende der Nachtruhezeit von einem Hard Shoulder Break losgefahren. Da wollte ich nicht so lange stehen, bis ich ins normale Zeitfenster rutsche." "Okay, das ist verständlich. Wann kannst Du dann morgen wieder los?" "Kommt drauf an, ob ich in Wilmington gleich einen Stellplatz finde oder erst noch durch die Gegend kurve bis zur allerletzten Minute." "Kannst Du versuchen, das so schnell wie möglich zu erledigen? Sonst habe ich zwei Probleme. Erstens die Ware rechtzeitig nach DC zu kriegen und zweitens Dich über Weihnachten nach Hause." Zu fürsorglich. Weihnachten in der Gegend rum stehen hatte ich noch weniger Lust drauf, als Weihnachten alleine zu Hause zu sitzen.

    Ich verbrachte die Nacht, oder eher den Abend, im Motel und schlief wie ein Stein, war dafür auch sehr früh wieder unterwegs. Leider waren unser Lager und DHL an entgegengesetzten Enden der Stadt. Also hatte ich erst mal zu fahren, bis ich aufsatteln konnte. Und dort musste ich dann auch noch warten. Die Ladung war ernsthaft noch nicht fertig. Ich drückte also am Qualcomm "Warten auf Fracht" und bei der voraussichtlichen Zeit 120 für 2 Stunden.
    Schließlich kam ein abgehetzter Fahrer mit einem Daycab und einem Überseecontainer dran auf den Hof, dann wurde bei mir nachgeladen und schließlich bekam ich meine Papiere und sie entfernten das Schloss vom Bremsschlauch, so dass ich den bereits aufgesattelten Trailer anschließen konnte und losfuhr.

    Gegen 11 erdreistete ich mich zu einer Pause, weil ich es nicht in 8 Stunden bis Washington schaffen konnte. Von der Fahrzeit schon, aber so lang hielt nicht mal ich es dann ohne Toilette aus. Andy's Diner war eine Burger- und Hotdog-Kette, die auf vielen Rest Areas vertreten war und ganz gute Hotdogs machte. Also holte ich mir einen Carolina Style Hot Dog. Bei dem war die Wurst erst einmal knallrot und das Brötchen außerdem gefüllt mit Chili und Krautsalat, gewürzt mit Zwiebelringen und Senf, war das eine ordentliche Mahlzeit.




    Um 2:09 PM fuhr ich am Zentrallager in Washington DC auf den Hof. Ein Lagerarbeiter wies mir ein Tor zu und beschwerte sich:
    "Warum kommst Du erst jetzt? Hier müssen jetzt 3 Mann Überstunden machen und kommissionieren, damit die Ladungen in der Nacht auf Boxing Day raus können!" "Beschwer Dich nicht bei mir sondern bei DHL. Die haben mich 2 Stunden stehen lassen, weil wohl ein Schiff Verspätung hatte. Jedenfalls kam einer mit einem Überseecontainer angefegt und kurz danach konnte ich los." "Na hast ja Recht. Willst sicher auch nach Hause. Bist Du von hier?" "Nee. Philadelphia." "Auch noch ein Stück. Dann mach Dich mal auf den Weg. Frohe Weihnachten." "Frohe Weihnachten." Na so froh war ich da nicht drüber.

    Im Truck war erst mal das Display leer. Was bedeutete das? Ich rief also die Dispatch an. Mal sehen, wer da dran ging. Hatten die Christmas Eve noch Schicht oder schon Bereitschaft?
    "Philadelphia Dispatch, Ralph hier." "Brandon, Pennsylvania 92961. Ich stehe in DC und habe keine Anweisungen." "Na toll. Hat der da in der Frühschicht nichts mehr eingetragen? Hauptsache Feierabend, die Bereitschaft wird es richten." Ich hörte die Tasten von einem Laptop leise klicken. "Komm solo nach Hause. Ich habe nichts mehr." "Okay."
    Ich startete den Motor, aber Ralph legte nicht auf.
    "Du hörst Dich so jung an. Wie alt bist Du eigentlich?" "21." "Cool, das ist ja mein Alter. Hast Du Familie hier? Du hörst Dich so westlich an." Was wurde das jetzt? Verhör übers Privatleben von jemand, den ich nicht mal kannte? Meine Denkpause war wohl zu lang: "Entschuldige, ich sollte so was nicht fragen." Jetzt klang er richtig geknickt. Apropos klingen, er dürfte auch nicht von hier sein sondern aus dem äußersten Nordosten - Boston oder so. "Nein. Meine Familie lebt in Kalifornien." Und bis auf ein Familienmitglied konnte ich auch drauf verzichten, dass die näher an mir dran lebten. "Fliegst Du nachher noch da rüber?"
    "Neugierig bist Du gar nicht, was?" "Entschuldige. Ich glaube, ich bin einfach zu gesellig für den Job. Anweisungen über Tastendruck senden und Meldungen auf den Bildschirm bekommen ist nicht, was ich mir vorgestellt habe. Wir legen mal besser auf. Frohe Weihnachten." Na der heulte ja gleich.
    "Warte. Nein, ich fliege nicht da rüber. Und wo bist Du ursprünglich her?" "Hanover, New Hampshire." Na fast richtig mit Boston. "Und Du musste jetzt Bereitschaft machen und kannst nicht nach Hause?" "Habe mich freiwillig gemeldet. Wie vertreibst Du Dir morgen den Feiertag?" "Ich werde in die Kirche gehen." So gläubig war ich dann. "Und dann mal sehen, ob ich gleich noch was zu kaufen kriege, das sich kochen lässt oder ob es Dosenchili aus dem Tourvorrat gibt."
    "Wenn Du auch alleine hier rum hängst, können wir uns vielleicht auf dem Weihnachtsmarkt treffen. Zu zweit ist weniger langweilig." Besser als zu Hause rum sitzen oder am Computer zocken. "Okay. Von mir aus. Zumindest wenn das Wetter mitspielt." Wie ich aufs Wetter kam? Ganz einfach.



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Kommentare 27

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    infinity -

    Im Namen des Volkes... Schön geschrieben. Ich hab damals als Paketschubser auch des öfteren drauf warten müssen, dass die letzten gelben Sendungen ausm Paketzentrum reinkamen. Eine Parrallele zu deinem abgehetzen Daycab-Driver...

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      TurboStar -

      Danke schön. War Zufall, dass es die gelben wurden. Ich musste nur einen Grund haben, in der Spätschicht in DC fertig zu melden.

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      Sauerlaender -

      Ich dachte DHL heißt Dauert halt länger. :D

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      infinity -

      Das ist situationsabhängig. Ich glaub da nehmen sich die Paketlogistiker alle nix. Ich bin da inzwischen 9,5 Jahre raus. (Echt schon so lange? Ich werd alt...)

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    alaskabaer01 -

    Spannendes und fesselndes Kapitel. Klasse geschrieben.

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    loddi51 -

    Wieder ein spannendes Kapitel.Klasse geschrieben.

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    Sauerlaender -

    Wieder ein sehr schönes Kapitel. Da ist man schon gespannt, wie es denn weitergeht. Ach ja und Frohe Weihnachten. :D

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      TurboStar -

      Vielen Dank. Ja, das ist der Haken beim Zeit aufholen und nicht Echtzeit schreiben. Immerhin, auf WDR haben sie gestern zum ersten Mal das B-Wort ausgesprochen. Bodenfrost :S

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      Sauerlaender -

      In den Geschäften liegt ja auch schon das ganze Zeug. Lebkuchen und Spekulatius und so weiter. :D

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      manni_112 -

      Das liegt da schon seit August :D

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    Werner 1960 -

    Toll geschrieben.

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    manni_112 -

    Klasse Kapitel, Da knüpft wohl wer die erten Kontakte ? :D ;)