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Kapitel 5 - Um den Kirchturm

  • Die interne Stellenausschreibung war für LKW-Fahrer im Nah- und Fernverkehr. Führerschein zahlte die Firma. Ich machte also eine Bewerbung fertig und schickte sie in die Personalabteilung. Nach ein paar Tagen meldete sich mein Vorarbeiter in der Frühschicht bei mir, ich sollte mal in die Personalabteilung kommen.

    Dort erwarteten mich Mr. Blackman und Ms. Edwards.
    "Brandon Ridley. Du hast Dich also als LKW-Fahrer beworben." "Ja." "Du bist jetzt 19 Jahre. Das bedeutet, dass Du erst mal Nahverkehr machen wirst, weil Du erst mit 21 Pennsylvania verlassen darfst." "Ich weiß." "Nahverkehr ist aber auch wichtig. Und es ist kein einfacherer Job als Fernverkehr. Du bist Dir schon darüber im Klaren, was das bedeutet? Du wirst längere Arbeitstage haben als im Lager. Im Lager arbeitest Du mit Pausen je nach Saison zwischen 9 und 12 Stunden. Als Fahrer wirst Du mit Pausen immer zwischen 11 und 13 Stunden am Tag arbeiten." "Ja. Ich weiß." Die Bestimmungen hatte ich mir durchgelesen. Sie fragten mich noch andere Dinge, erklärten mir Sachen und ließen mich Fragen stellen. Am Schluss kam dann noch ein Hinweis, der mir aber egal war, da ich schon wegen des Studiums fast so lange angestellt bleiben musste: "Und wenn Du innerhalb von 2 Jahren nach der Führerscheinprüfung kündigst oder wir Dich wegen einer Verfehlung entlassen müssen, dann fordern wir die Kosten komplett ein." Das waren ganz normale Konditionen, zumindest hatte ich im Internet meistens von solchen Klauseln gelesen, wenn die Firma die Kosten für irgendwelche Scheine übernahm.

    Offensichtlich hatte ich einen guten Eindruck gemacht, denn nach nicht ganz zwei Wochen durfte ich wieder hinkommen und bekam die frohe Botschaft, dass ich den CDL-A Führerschein machen durfte. Also ging es nun richtig los. Weiter arbeiten im Lager, allerdings mit weniger Stunden. Führerschein in Theorie und Praxis. Und weil das noch nicht reichte auch weiter Video-Vorlesungen.
    Schließlich war es geschafft und ich hatte eine neue Führerscheinkarte, anstatt nur D stand jetzt ein halber Roman drauf: ADK. Dabei war D der normale PKW-Schein, den ich vorher schon hatte. A war der neue LKW-Führerschein für zweiteilige Sattelzüge und K die Einschränkung, unter 21 Jahren LKW nur innerhalb von Pennsylvania fahren zu dürfen.

    Am nächsten Tag dann ging es gleich los. Anstatt in zum Lager ging es nun in die Logistikzentrale, wo die Dispatcher saßen und die Fahrzeuge standen, die nicht gerade unterwegs waren. Und da merkte ich gleich mal einen Nachteil, denn dieser Standort war im Juanita Park, einem Gewerbegebiet in Feltonville, das gleichermaßen bescheiden mit den beiden U-Bahnen der Market Frankfort Line und Broad Street Line zu erreichen war. Ich musste nun von der MFL noch in einen Bus umsteigen. Der fuhr zu manchen Zeiten ziemlich belämmert, wo ich ihn brauchte und obendrein dauerte es 1:15 Stunden, mit dem Auto nur 40 Minuten.
    Fahren durfte ich heute allerdings noch nicht. Erst mal gab es zusammen mit den anderen neuen Fahrern eine Einweisung für all die Dinge, die man in der Fahrschule nicht lernte: Die Übergabe-Fächer für Frachtpapiere und bei Day Drivern wie mir auch für die Fahrzeugpapiere und Schlüssel. Interne Sicherheitsvorschriften, Bedienung des nach seinem Hersteller "Qualcomm" genannten Kommunikationssystems, über das ich meine Anweisungen bekommen würde und Meldungen abschickte.

    Auch im Fahrdienst gab es Vorarbeiter. Wir gingen mit zwei davon runter auf die Stellplätze, wo ein paar Ersatzmaschinen standen. Dann bekamen wir in zwei Gruppen eingeteilt eine Einweisung in die Fahrzeuge: International RH und Prostar, Kenworth T680 und Kenworth W900. Alle Fahrzeuge hatten Cummins-Motoren, um der Werkstatt ein einheitliches Modell zu bieten anstatt der Paccar und Navistar Hausfabrikate - und die Ersatzteilhaltung für die Betriebswerkstatt kleiner und damit billiger zu halten. Die meisten Daycabs hatten Fuller 10-Gang, Fernverkehrsmaschinen 13-Gang - die neuesten Beschaffungen allerdings durchgängig Automatikgetriebe. Das war wirtschaftlicher als Handschaltung, auch wenn es den Fahrern im Normalfall nicht wirklich gefiel. Costco war ein gnadenloser Optimierer von allen Betriebskosten. Meinung der Angestellten war das eher selten gefragt, außer sie trug zur Kosteneinsparung bei.
    Die Einweisung war aber knapp gehalten. Wir stiegen in keinen einzigen LKW. Es ging mehr in Richtung "Da ist der Tank!" Ob es irgendwelche Tankwahl- und Crossfeed-Schalter gab, bei den Fahrzeugen mit moderneren Maschinen den fürs DEF, wo Scheibenwasser rein kam und wie bei den einzelnen Modellen die PTI durchgeführt wurde.

    Ich durfte also erst einmal wieder mobil werden und hatte schon in der Pause mal nach Autos gesucht. In Großstädten und im Osten wurden Autos nicht so liebevoll behandelt und ich lebte in einer Großstadt im Osten. Das Wetter war hier auch nicht gut zum Blech, wenn man die sonnenverwöhnten Autos in Kalifornien gewöhnt war. Daher ließen sich die meisten Gebrauchtwagen in zwei Kategorien stecken. Erstens "Alt und Schrott" und zweitens "nicht viel billiger als ein Neuwagen, aber schon gefahren und die halbe Garantiezeit rum." Eine dritte Gruppe war mein spezielles Problem, nämlich "stand irgendwo in der Gegend, wo man mit der SEPTA nicht hin kam." Aber meistens war das nur eine zusätzliche "Option" zu einer der beiden ersten Gruppen.
    Kaum hatte ich ein paar Dollar zusammengespart, durfte ich sie einem Autohändler in den Rachen stecken. Im beschaulichen Warminster, eher ein Vordorf als eine Vorstadt, fand sich ein Händler mit ein paar netten Angeboten. Ich fuhr also nach der Schulung mit SEPTA Regional raus bis ins Umland und kaufte mir einen fahrbaren Untersatz.
    Das Auto war zwar nach dem Zähler ein Neuwagen, die 7 Meilen waren wohl zwischen Produktionswerk, Bahnverladung, diversen Zwischenlagerplätzen und dem Händler zusammengekommen. Auf dem Papier war es jedoch ein Gebrauchtwagen, da der Händler ihn vor einer Woche mal kurz zugelassen hatte. Mit diesen Pre-Registrations konnten die Händler Konventionalstrafen vom Werk entgehen, wenn nach den Sommerferien noch zu viele alte Modelle nicht abverkauft waren, aber das neue Modelljahr kam. Denn in der Statistik hatte der Hersteller das Auto ja verkauft. Dass es immer noch da stand und jetzt weniger wert war, interessierte in Detroit nicht. Zwar änderte sich bei diesem Modell nicht viel, aber ein paar neue Heckleuchten ab September reichten ja aus.
    Danach machte ich mit meinem fahrbaren Untersatz auf dem Heimweg noch einen Halt bei einem Supermarkt, um ein Bisschen Abendessen einzukaufen. Was würde wohl mein Vater zu diesem Auto sagen? Wahrscheinlich "Ein Ridley fährt nicht mit einem Subcompact", aber wenigstens war es ein amerikanisches Fabrikat und laut Fahrgestellnummer sogar in Michigan gebaut und nicht etwa aus Mexiko importiert, was bei dem Modell auch möglich wäre. Ein Bisschen stolz auf meine Förderung der heimischen Wirtschaft könnte er also sein, wenn es ihn überhaupt interessieren würde, was ich tat :D




    Noch einmal schlafen und dann ging es los. Ich packte mir meinen Rucksack mit der Tagesverpflegung und fuhr dann mit meinem Sonic zur Arbeit. In meinem Fach lag ein Schlüssel, Marke Kenworth und auf dem Fähnchen stand "(MD) 5R98656", dazu die Frachtpapiere.

    Ich ging also runter und suchte einen in Maryland zugelassenen Kenworth. Fündig wurde ich bei einem W900. Erster Arbeitstag und gleich mal das Wunschmodell, wenn auch mit Daycab. Ich kletterte in die Kabine und sah mich um, nämlich ziemlich dumm dreinschauend. Das Ding war nicht größer als der Freightliner M2 in der Fahrschule - und das war ein Class 5-7 Cab auf einem Class 8 Fahrgestell gewesen. Ich hätte gedacht, dass ein kastrierter Fernverkehrs-Truck auch im Daycab etwas mehr Platz bieten würde als ein aufgeblasener Verteiler. Ich startete, nachdem ich mich von der Überraschung erholt hatte, den Motor und fuhr vor zur Laderampe.
    Trailer 9667 war einer der seltsamen Curtainsider, die es in den USA nicht so oft gab. Bei uns kamen sie dann zum Einsatz, wenn der Trailer beim Lieferanten von der Seite beladen werden musste. Da ich den im Normalfall beim Kunden abstellte und mit einem anderen weiter fahren sollte, wusste ich nicht, was der Dispatch am Ende mit dem Ding vorhatte. Besonders bei Heimwerkerbedarf und Getränken kamen die zum Einsatz, mir hätte jetzt eine Dry Box gereicht, ich hatte Heimtextilien geladen. Die Tour heute war eine bequeme, ein Lager-Austausch mit Pittsburgh. Ich kuppelte also den Trailer an, machte die PTI und fuhr vom Hof. 31.08.2014, 6:11 AM - der Traumberuf fing jetzt an.




    Es war zwar Teil meiner Abfahrtkontrolle gewesen, aber die hatte mir nur gezeigt, dass ich es irgendwann mal würde tun müssen. Und bei Greensburg, nicht so weit weg vom Ziel, meldete sich die Reserveanzeige dann. Einmal nachfüllen bitte. Weil es noch reichte und wir, wenn es in den Tourplan passte, aus Kostengründen nicht am Freeway tanken sollten sondern in den Städten oder an Undivided Highways, fuhr ich also auf dem Weg durch Pittsburgh an eine Tankstelle.




    Dann fuhr ich zu unserem Lager und lieferte den Trailer ab. Er blieb einfach auf dem Hof stehen, da keine Rampe frei war. Den sollte dann nachher ein City Driver umsetzen. Ich meldete mich über Qualcomm frei und hatte kurz danach den neuen Auftrag im Display stehen. Es musste ja heute wieder nach Hause gehen, konnte also nichts aufregendes sein.
    "Norfolk Southern Pitcairn Intermodal Terminal" war ein Güterbahnhof als Ladestelle. Ich fuhr hin, meldete mich und sollte erst einmal warten. Dann sollte ich zu einem Platz fahren, wo ich einen Fishbone Trailer bekam, also einen Rahmen mit Auslegern für die gängigen 20 und 40 Fuß Überseecontainer und außerdem die im Inlandsverkehr ebenfalls gängigen Längen 30 und 53 Fuß. Danach ging es zum Kran und eine Blechkiste kam drauf. Der Container war mit Grafikkarten aus Kalifornien für eine kommende Angebotsaktion mit Computerkomponenten beladen. Schließlich machte ich mich wieder direkt auf den Rückweg nach Philadelphia.




    Dort bekam ich die Anweisung, den Container vor Tor 3 abzustellen und abzukuppeln. Nachdem ich bisher nur für die Führerscheinprüfung mit dem sehr übersichtlichen LKW zurücksetzen musste und in Pittsburgh einfach abstellen durfte, musste ich nun mit diesem Gefährt rückwärts an die Rampe. Und seitlich raus schauen konnte ich auch nicht. Das hatte beim Freightliner M2 geklappt und die Übungen sehr vereinfacht, hier sah ich aber dabei nur Auspuff. Außerdem musste man bei der Fahrprüfung einer Reihe Pylonen auf dem Boden neben dem Fahrzeug folgen, jetzt musste ich einen Punkt in der Ferne, nämlich das Tor anpeilen. Irgendwann war ich aber auf dem richtigen Kurs zwischen die Markierungen.




    Anschließend fuhr ich zurück zum Logistics Depot, parkte die Zugmaschine, ging in den Dispatch-Raum und gab meinen Schlüssel und die Papiere ab. Als ich schließlich meinen für so was sehr praktischen Flitzer zu Hause blitzschnell in eine Lücke gequetscht hatte, in die der ratlos um den Block kurvende Nachbar seinen 4 Fuß längeren Mercury Grand Marquis nur bekommen hätte, wenn das Ding 90° seitwärts fahren könnte, war der erste Tag als Trucker vorbei.
    Ich ging ins Haus und dem Geruch nach bereitete Tristan mir einen warmen Empfang. Er hatte derzeit Ferien und zur Feier meines ersten Tages in meinem Traumberuf hatte er den halben Tag damit zugebracht, auf dem Hinterhof im Smoker Pulled Pork zuzubereiten, dazu einen Coleslaw und Potato Wedges. Erwähnte ich schon, dass ich gerne in dieser WG wohnte?

    Am nächsten Tag hatte ich in meinem Fach ein Deja-Vu. Wieder lag ein Kenworth-Schlüssel drin und wieder war er im Nachbarstaat zugelassen, aber es war ein anderer: (MD) I226884. Außerdem gab es wieder eine Ladung Heimtextilien. Heute allerdings mit zwei Teilladungen, Harrisburg und einen Kunden in Scranton.
    Der Truck war auch sonst ein anderer, nämlich ein T680 mit diesem lustigen GFK-Aufsatz auf dem Daycab. Das Ding hatte aber einen Sinn, denn es senkte den Luftwiderstand, wenn man eine Box oder einen Reefer zog. Und da wir bis auf ab und an mal einen Fishbone mit Container drauf nur solche Trailer zogen, hatten alle unsere T680 und Internationals so eine Beule auf dem Dach. Außerdem wurden seitdem keine neuen W900 mehr beschafft, weil es die nicht mit Aerodynamikpaket gab und sie gemerkt hatten, dass sich das im Verbrauch rechnete.

    Ich fuhr also nach Harrisburg und genoss die Ellenbogenfreiheit. Die Kabine war merklich breiter als am W900. Am Ziel durfte dort an die erste Laderampe des Marktes. Während sie entluden, ging ich in den Aufenthaltsraum und holte mir einen Eistee aus dem Automaten.




    Als der Lagerleiter mir bescheid sagte, dass sie fertig waren, zog ich den Truck vor, machte die Türen wieder zu und fuhr weiter nach Scranton. Der Kunde war ein Walmart-Zentrallager. Ob sie mich für die Kriegsbemalung ärgern wollten, konnte ich nicht einschätzen, aber ich sollte an Tor 9 und das war ganz hinten in der Ecke, nur erreichbar über Blind Spot. Damit legte ich den Hof mal kernige 14 Minuten mit meinen anfängerhaften Versuchen, an das Tor zu kommen, lahm. Der Lagerleiter regte sich fürchterlich auf, aber er hatte mir das Tor ja zugewiesen. Und so wie ich aussah, stellte sich eher die Frage, was ich halbe Portion mit Milchbart und Sommersprossen überhaupt in dem LKW zu suchen hatte. Dass ich nicht wie ein Profi einparken konnte, sollte eigentlich klar sein.






    Nachdem ich es doch noch geschafft hatte, wurde ich entladen und musste die Zeit Löcher in den Zaun gegenüber vom LKW starren. Aus dem Fahrerhaus durfte ich nicht raus. Die Bremsleitung vom Trailer hatten sie verplombt, damit ich nicht dem Stapler den Boden unter den Füßen weg zog.
    Danach fuhr ich leer wieder nach Philadelphia. Dort kam ich auf den Hund, es gab nämlich einen Pup Trailer, und die hießen nicht umsonst Welpe. Sie waren 20 bis 30 Fuß lang und damit nur knapp die Hälfte unserer üblichen Trailer. Damit ging es mit einer Ladung Bekleidung dann noch nach Allentown und mit einem identischen Trailer Verpackungsabfall und Leerpaletten zurück.




    Die Dinger waren zwar wendig zu rangieren, aber leider auch gehorsam wie Hundewelpen. Einmal unbedacht zu weit oder mit falschem Timing eingelenkt und sie hauten zur Seite ab.

    So verging das Jahr 2014 und zu Thanksgiving hatte sich dann wieder Randy angekündigt. Zumal wir dieses Jahr auf Thanksgiving Geburtstag hatten. Ich holte ihn am Flughafen ab. Auf dem Parkplatz sah er mein Auto dann auch mal live. Was ich hatte, wusste er natürlich schon lange:
    "Ist der kleine aber süß. Was wohl Dad dazu sagen würde?" Wir schauten uns an und sagten gleichzeitig: "Ein Ridley fährt nicht mit einem Subcompact!" gefolgt von einem längeren Lachanfall.

    Wir mussten das letzte Mal offiziell bei Cola feiern. Allerdings hatte Tristan sich auf dunklen Wegen im Sommer ein Andenken an seinen Herkunftsstaat beschafft und uns davon ein Bisschen abgefüllt und dagelassen, damit wir die Cola nicht pur trinken mussten...

    Weihnachten war ich wieder alleine, Neujahr war auch wieder Tristan zurück, um mit mir zusammen zu feiern. Und Anfang des Jahres gab es dann einen Trucker mehr auf der Welt, allerdings in einem anderen Teil derselben. Ich bekam eine Nachricht von Christian aus dem tiefsten Bayern: "Jetzt weiß ich, was mich bei der S-Bahn und beim Bus immer gestört hat - die Fahrgäste!"




    Einen großen Erfolg für meine Pläne konnte ich im September verbuchen. Die Abschlussergebnisse des Studiums wurden veröffentlicht und ich durfte mich jetzt mit Abschlussnote 3.44 Bachelor of Science nennen. Christian musste ich erklären, dass das hier nach deren Noten ungefähr eine 2+ war. Einen Master aufzusetzen machte keinen Sinn für mich. Ich wollte keine Karriere in die Führungsebene eines Konzerns machen und die Kenntnisse reichten mir für die spätere Führung eines Einmann-Betriebs aus.

    Bis November 2015 kannte ich dann jeden Costco in Pennsylvania ohne Navi und auch den einen oder anderen Walmart oder 7-Eleven fuhr ich so an. Es war ab und zu auch langweilig, aber meine Motivation war gewesen, wenn ich zum gefühlt 1000. Mal irgendeine Tour nicht weiter als 100 Meilen von Philadelphia weg fuhr, dass das ja bald ein Ende hatte.
    Und so kam dann erst einmal die Frage, ob ich Day Driver bleiben wollte, aber dann auch staatenübergreifend eingesetzt wurde oder ob ich in den Long Haul wechseln wollte. Nachdem ich gesagt hatte, dass ich wechseln wollte, blieb nur noch eine weitere Frage, die mein Personaler zwischen die Mainland 48 und mich gestellt hatte:
    "Kenworth oder International?" Nachdem diese Frage beantwortet war, sollte ich am 1. Dezember einen fest zugewiesenen Truck bekommen.

    Ich zog auf dem Heimweg ein Fazit meines bisherigen Lebens. Ich hatte bei der Geburt die Möglichkeit gehabt, später einen gut aufgestellten Betrieb zu übernehmen und ein Leben in Reichtum zu führen. Den Amerikanischen Traum hatte sich mein Großvater erfüllt, ich hätte ihn nur leben müssen. Stattdessen hatte mich dieses Leben in der Jugend angewidert. Ich war zum Rebellen geworden, teils unfreiwillig, und am Ende stand ich mit nichts da außer einem Plan B und keiner Ahnung, wie ich ihn umsetzen sollte.
    Na "nichts" war falsch. Ich hatte einen Zwillingsbruder, der mir einen bescheidenen Neustart ermöglicht hatte. Nicht viel - gerade genug, um an die Ostküste zu kommen und je nach dem wie sparsam ich wohnte und mich verpflegte, 3 bis 6 Wochen über die Runden zu kommen. Gemessen daran, war ich gerade gar nicht so schlecht aufgestellt und obendrein dabei, zum zweiten Mal in der Familie aus dem Nichts eine Existenz aufzubauen.
    Mein Großvater war aus dem Leben eines Wanderarbeiters ausgebrochen, hatte eine Arbeit in einer Zeitungsdruckerei angefangen und schließlich eine der größten Druckereien des Westens aufgebaut. Ich hatte aus meinem alten Auto und 2000 Dollar ein Leben mit einem festen Einkommen gemacht, sammelte seit einem Jahr als angestellter Fahrer Erfahrung für die eigene Firma, hatte inzwischen wieder ein zwar deutlich kleineres, aber dafür neues Auto. Schon als Schichtarbeiter war es nicht leicht, einen Freundeskreis zu unterhalten. Trotzdem hatte ich bis jetzt eine WG mit zwei tollen Freunden, die ich hier gewonnen hatte.
    Allerdings änderte sich das demnächst und die WG brach auseinander. Kyle war mit der Ausbildung fertig und hatte von der Kette, die ihn ausgebildet hatte, keine Stelle hier bekommen. Von den angebotenen hatte er sich für Minneapolis entschieden. Tristan hatte eine Freundin, die stattdessen bei ihm einziehen wollte. Er hatte mich nicht darauf angesprochen, aber ich konnte mir vorstellen, dass ich dabei stören würde, also hatte ich mir zu Dezember eine neue Wohnung gesucht und auch gefunden. Ein Ehepaar Mitte bis Ende 50 hatte einen Teil des Hauses abgetrennt als Mietwohnung, nachdem die Kinder aus dem Haus waren und eine Wohnung daraus gemacht. Dort würde ich einziehen.

    Der Geburtstag war am Freitag und ich hatte mir mal erlaubt, Freitag und Samstag Urlaub zu nehmen. Randy kam am Nachmittag zu Besuch mit dem Flieger an und hatte dieses Jahr drauf bestanden, zum Geburtstag hier zu sein. Dafür war er eben mal Thanksgiving zu Hause. Nun durften wir offiziell ausgehen, was wir an dem Abend auch taten. Auf dem Weg dahin merkte ich, wie sehr ich inzwischen hier angekommen war, als Randy Bedenken an meiner Verkehrssicherung anmeldete:
    "Du guckst immer nur nach einer Seite, bevor wir über die Straße gehen. Willst Du, dass wir umgefahren werden?"
    "Nein. Das ist der Philadelphia-Seitenblick. Alle Straßen mit gerader Nummer sind Einbahnstraßen nach Süden und mit ungerader Nummer nach Norden. Die Walnut Street ist auch eine Einbahnstraße und zwar nach Westen, deshalb hängen in unserer Richtung keine Einbahnstraßenschilder in den Nord-Süd-Straßen. Die würde ja keiner sehen. Aber ich weiß anhand der Nummer der Querstraße trotzdem, von wo die Autos kommen."

    Alkohol löste ja bekanntlich die Zunge und so sagte Randy in der Bar irgendwann in diesem Tonfall, den alle tiefsinnigen Unterhaltungen angetrunkener Leute haben:
    "Irgendwie frage ich mich, warum ich Dich immer bewundert habe, aber es Dir nie gesagt habe." Ich verschluckte mich vor Überraschung an meinem Bier und stellte fest, dass Bier unangenehm in der Nase prickeln konnte. "Wieso das denn?"
    "Weil Du schon immer Dein Ding gemacht hast und Dich nie hast unterkriegen lassen. Ich war einfach nur angepasst." Da konnte er teilweise aber nichts für. Er liebte nun mal das "richtige" Geschlecht und interessierte sich für Basketball. Beides hatte ihm unsere gemeinsame Jugend einfacher gemacht. "Du kriegst keinen Mitsubishi Rallyewagen? Na und, kaufst Du Dir von Taschengeld einen alten Honda. Dass Du in Deutschland zu Christian gekommen bist, war ein Glücksfall für Dich. Du hast das Leben da richtig genossen, Party gemacht und viel mehr. Ich habe schon ein schlechtes Gewissen bekommen, ein Bier zu trinken, auch wenn es da legal war. Mir ist in der Jugend glaube ich eine Menge Spaß entgangen." "Und weißt Du, was verrückt ist? Für mich war es immer anders rum. Du warst Daddys Liebling. Immer hast Du die richtigen Sachen gemacht und er hat Dir alles ermöglicht, was Du wolltest. Ich habe mich dafür gehasst, Eishockey besser als Basketball zu finden oder dass ich auf Jungs stehe. Du warst der perfekte Erbe und ich war der ungeplante zweite, der sich erdreistet hat, ausgerechnet 13 Minuten nach Dir noch in diese Welt zu schleichen und mit dem es irgendwann mal den großen Krach gibt. Das war eigentlich eine selbst erfüllende Prophezeiung."
    "Red keinen Unsinn. Du hast alles richtig gemacht. Sieh Dich an. Du bist vor 3 Jahren mit nichts in Kalifornien weggefahren. Inzwischen bist Du in Pennsylvania angekommen. Du hast Dir ein eigenes Leben aufgebaut, in das Dir keiner rein reden kann, Du hast studiert und Du arbeitest an dem amerikanischen Traum. Du warst nach 2 Generationen wieder ein Pavee oder wie die anderen es nennen ein Tinker. So wie unser Großvater in Deinem Alter. Und wenn Du weiter so konsequent an Deinem Traum arbeitest, dann haben wir es irgendwann zweimal in der Familie geschafft, vom Landstreicher zum Unternehmer zu werden. Großvater hat dann Ridley Print and Design geschaffen und Du hast Ridley Road Haulage aufgebaut. Was war mein Plan? Die Früchte anderer Leute Arbeit erben!" So sah ich es inzwischen auch, aber hatte zeitweise auch das Gefühl, einer Illusion hinterher zu laufen. Insbesondere als Lagerarbeiter und als Day Driver.
    "Aber ich kann Dir sagen, dass ich gestern früh endlich, 2 Jahre nach der einsamen Entscheidung, den Mut hatte, auch offiziell klaren Tisch zu machen!" Er hatte mir mal erzählt, dass er nach dem Studium nicht bei unserem Vater einsteigen wollte sondern bei Kyocera bleiben. Aber ich wusste auch, dass er sich nie getraut hatte, das zu sagen und immer einen Eiertanz um das Thema gemacht hatte. Dass mein nicht immer leichter Weg durch unsere Teenager-Zeit auch eine Menge Mut erfordert hatte, war mir bis eben nie so bewusst gewesen. "Und?" "Betretenes Schweigen. Aber ich glaube, endlich hat auch Dad seine Lektion verstanden. Wir sind ins Besprechungszimmer und er hat erst mal in seiner bekannt liebenswürdigen Art gefragt, warum ich jetzt auch so missraten wäre wie Du. Wenn Du so einen schlechten Einfluss hättest, dann dürfte ich nicht nach Philadelphia fliegen blabla." Das kannte ich ja ganz gut.
    "Und dann habe ich an Dich gedacht und wie stark Du immer in solchen Situationen bei Deinem Standpunkt geblieben bist und dann kam es alles raus. Ich bin abgelaufen wie ein Uhrwerk und er war geschockt. Ich habe ihm gesagt, dass das doch alles nur seine Schuld wäre, er würde ja gerade wieder so anfangen. Ich würde aber inzwischen auf eigenen Füßen stehen mit einem Stipendium von Kyocera und er könnte mir gar nichts mehr verbieten. Seine Methode, uns beide auf seinen Kurs zu bringen wäre immer nur gewesen, uns das Geld wegnehmen zu wollen. Und so erreicht er nur das Gegenteil. Die Stimmung war dann erst mal dahin." "Na das glaube ich. Vielleicht hat er es ja dann doch mal gelernt."
    "Das war gestern Abend. Heute vorm Abflug hat er mich dann noch gefragt, wie ich mir das denn vorstelle und ob alles den Bach runter gehen soll, wenn er nicht mehr kann. Ich habe dann klar gestellt, dass ich immer da sein werde, wenn die Firma mich braucht. Aber so lange er das Ruder in der Hand hat und meine Meinungen nicht neben sich duldet oder meint, sich in mein Privatleben einmischen zu müssen, werde ich meine eigene Karriere machen. Ich habe ihm klipp und klar gesagt, dass ich unter dem Board of Directors nicht in seine Firma einsteigen werde. Und da rein ernennen lasse ich mich nur, wenn ich anderswo schon Erfahrung im Management gesammelt habe, die mich dafür qualifiziert. Das scheint er geschluckt zu haben."
    "Schön, dass wenigstens Du dann Dein Leben führen kannst wie Du willst, ohne rausgeschmissen zu werden." "Soll ich mal jetzt in dieser neuen Situation ein gutes Wort für Dich einlegen?" "Nein, auf keinen Fall! Er soll von sich aus den ersten Schritt auf mich zu machen, gerade nachdem ihm ja jetzt die Augen aufgegangen sein müssten. Oder eher die ersten Schritte, denn mit einem ist es nach allem, was vorgefallen ist, nicht getan. Und erst dann werde ich mir überlegen, ob ich darauf eingehen werde." "Na bei dem zynischen Tonfall, mit dem er mir dann vorhin eine gute Reise gewünscht hat, wirst Du da noch eine ganze Weile drauf warten müssen. Er hat Dich nicht mit einem Wort erwähnt. Nicht dass ich mit Grüßen an Dich gerechnet hätte. Aber er hat mir nicht einmal Spaß hier gewünscht oder auch nur "hier" beim Namen Philadelphia genannt. Ich bin verreist und wenn ich wieder komme, wird er mit der Frage, wie es war, maximal wissen wollen, ob die Leute bei American Airlines einen guten Job gemacht haben."
    "Na wenn ich kein Thema für ihn bin, sollten wir uns auch mal ein anderes suchen." "Einverstanden. Erzähl mal einen Schwank aus Deiner Jugend. Ich habe ja keine zu erzählen." "Und meine willst Du nicht hören. Noch ein Miller?" "Nein, ich nehme jetzt auch mal ein Corona!" "Gute Wahl!" Miller hatte Tristan mal irgendwo schwarz besorgt. Nachdem meine Erinnerung an Bier Franziskaner Weißbier und Hofbräu Hell gewesen waren, fand ich Miller enttäuschendes Abwaschwasser. Heute hatte ich einfach mal oben auf der Tafel angefangen, Budweiser auch nicht für gut befunden und Corona war die nächste Marke im Alphabet gewesen, aber definitiv nicht die schlechteste.

    Wir fuhren spät nach Hause und auch wenn wir, zumindest nach deutschen Maßstäben von vor 4 Jahren, nicht viel getrunken hatten, wurde es doch ein ziemlich schwieriger Weg. Man sah uns nicht viel an, sonst müssten wir auch noch eine Anzeige wegen öffentlicher Trunkenheit befürchten. Die Füße waren aber trotzdem schwer. Am nächsten Morgen ließen Tristan und Kyle uns gnädig ausschlafen. Als wir, die wir natürlich dank Verbot unter 21 nichts gewöhnt waren, irgendwann doch mal aus den Betten kamen, schauten die zwei uns mitleidig an. Das Blei war wohl über Nacht aus den Füßen in die Köpfe gestiegen, jedenfalls waren die jetzt schwer. Tristan setzte uns an den Küchentisch und brachte erst mal starken Kaffee. Ich hasse Kaffee, aber heute lief er quasi von alleine rein.

    So hatten wir am Samstag ein Schonprogramm, fuhren abends wieder in die Stadt, wo wir ein Abendessen in einem guten Restaurant hatten. Randy bezahlte für mich mit. Eigentlich wollte ich das nicht, aber wenn ich ablehnte, war er sicher beleidigt. Außerdem musste ich, als die Rechnung kam, feststellen, dass ich das Geld sowieso nicht übrig gehabt hätte. Da war ich mit der Bar-Rechnung gestern trotz der hiesigen Bierpreise dann doch deutlich besser davongekommen.

    Am Sonntag hieß es dann schon wieder, Abschied zu nehmen. Ich fuhr Randy zurück zum Flughafen und bereitete mich dann mental auf die letzte Woche im Nahverkehr vor. Kommendes Wochenende noch der Umzug, dann begann ein komplett neuer Abschnitt in meinem Leben - Fernverkehrs-Trucker und zum ersten Mal eine komplett eigene Wohnung.

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    Den Philadelphia Look gibt es wirklich. Ein Arbeitskollege, der dort Verwandtschaft hat, hat mir das Straßensystem erklärt bevor ich da hin gefahren bin. Hat man schnell verinnerlicht und ist wirklich praktisch, wenn man zu Fuß Downtown unterwegs ist.

    Durch diese eigentlich nicht unwichtige Zeit für Brandon bin ich nun im Expresstempo durchgerauscht. Day Driver ist schon generell nicht einfach im ATS abzubilden. Erschwerend kommt hinzu, dass Pennsylvania nur aus Philadelphia und Pittsburgh auf der C2C besteht, die dann auch noch als Kopie der gleichen und eher kleinen Ausgangsstadt kaum Frachten untereinander haben. Wenigstens kann man auf der C2C mit ihren generischen Seitenstreifen-Landschaften brauchbar schummeln. Daher auch die LKW aus Maryland ;)
    Auch die kommenden Kapitel werden teilweise noch ziemliche Zeitraffer werden. Immerhin muss ich noch fast 2 Jahre aufholen, damit ich in der Gegenwart und damit im endgültig gleichen Universum wie Manni und Marc angekommen bin.
    Immerhin habe ich bei einem der Walmart Supercenter eine Idee gehabt, wie ich Costco-Verkaufsmärkte beliefern kann - oder "von hinten sind alle Supermärkte grau!"

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Kommentare 10

  • Benutzer-Avatarbild

    alaskabaer01 -

    Klasse Start in dein Leben in Amerika.

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    elwime -

    Schöne Geschichte und ein schöner start in die Speditions Welt.

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    Sauerlaender -

    Wieder ein schönes Kapitel. Langsam geht es ja voran bei dir.

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      TurboStar -

      Danke. Ja, so langsam halt...

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      manni_112 -

      Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen oder wie war das ? Trotzdem Klasse geschrieben und ich denke, den Zeitraffer nimmt dir niemand übel

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      TurboStar -

      Danke. So mühsam ist es gar nicht. Geht irgendwie leicht von der Hand, nur der ETS leidet darunter. Aber da sind eh die Firmen-Trailer tot. Dachser-Kutscher hat den gleichen Grundmod wie ich dafür und bei dem funktionieren die nicht mehr :(

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    loddi51 -

    Wow,was für ein Kapitel.Klasse geschrieben.