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Kapitel 158 - Mitternachtssonne

  • Diese Woche...
    ...lernt Ricky, dass Russen trotz ihres Rufes eine Trinkkultur haben...
    ...fahren seine Gedanken Achterbahn...
    ...und eine Zeitschaltuhr spielt ihm einen üblen Streich!

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    Samstag, 17.06. und Sonntag, 18.06.

    Wir hatten noch am Nachmittag den LKW entladen und Vasya zeigte mir, was sich getan hatte. Die Fassade hatte ich schon bemerkt, die grauen Glasfaserzementplatten hatten wir ja im Winter hier rauf gekarrt. Auch die Küche machte mir keine Bedenken mehr, die hier zubereiteten Dinge zu essen. Die Wände und der Boden waren neu gekachelt und die neuen Küchengeräte aus Edelstahl machten auch einen hygienischeren Eindruck als das rostige Gusseisen vom Winter. Von der Edelstahl-Arbeitsfläche zur Vorbereitung der Speisen anstatt der alten Holzplatte mit ihren Kratzern, Schnitten und Rissen nicht zu reden.
    Das Dach war auch abgedichtet, die obere Etage derzeit geräumt und die Wände waren trockengelegt und vom Schimmel befreit worden.

    Ich bekam wieder ein freies Zimmer, diesmal aus einer Dreizimmerwohnung im ursprünglichen Grundriss und musste mir das Bad mit vier Jungen teilen. Aber es war okay, vom Zustand wie vor einem halben Jahr. Ich telefonierte mit Luke und schickte ihm mal ein paar Fotos, weil er wissen wollte, wie es hier aussah. Er bekam sowohl das Zimmer zu sehen als auch das Panorama vom Balkon, den diese Wohnung hatte. In die schöne Richtung auf dichter bewaldete Hügel genauso wie an der Nickelhütte vorbei auf die Berge mit einem Wald aus Zahnstochern ohne Zweige und Blätter, dafür kleinen Seen mit sonderbaren Farben am Ufer. Im Winter hatten wir das ja selbst vor Dunkelheit nicht richtig sehen können.

    Abends ging ich mit Vasya auf den Sommermarkt. Sie feierten zwar die Sommersonnenwende nach ihrem kirchlichen Kalender erst in 2 Wochen und nicht schon in 4 Tagen, wenn sie astronomisch stattfand, aber dennoch gab es quasi die ganze Zeit schon irgendwelche Feierlichkeiten. Das Fest war im Prinzip nur ein großer Platz am Stadtrand mit Verkaufsbuden, Schankzelten mit Tischen, einem Kinderkarussell und einer Tanzbühne.




    Da am Sonntag die pädagogische Arbeit im Heim sowieso ruhte, sprachen Vasya und ich nach einer Grundlage aus einer Portion Pelmini mit saurer Sahne dem Hochprozentigen gut zu. Die russische Kultur wollte immerhin, dass man unmittelbar nach jedem Wodka einen Happen essen musste. Deshalb hatte Vasya eine gemischte Platte für uns bestellt, auf der in Salzlake eingelegte Pilze, sauer eingelegtes Gemüse und Heringe, Fleischbällchen und Minipiroggen lagen. Und weil die Sachen alle so salzig und teils sauer waren, trank man dann auch gegen den Salzdurst immer wieder statt Wodka ein Glas Mors, was weitestgehend eine Saftschorle war. Das war wohl auch der Sinn dieser Häppchen, Durst auf Wasser oder Softdrinks zu steigern, um einen Kater zu vermeiden oder zumindest zu verringern.

    Die Sonne ging nicht unter. Das war mir neu, denn ich war auch zu meinen besten Skandinavienzeiten bei Mahler nie zur richtigen Zeit so weit nördlich gewesen. In Narvik hatte ich schon mal Polarnacht erlebt, aber zweimal in Kiruna den Polartag 2 bis 3 Wochen verpasst. Es war damals zwar auch hell, aber die Sonne ging doch unter, jetzt nicht.




    Vasya erzählte mir, wie froh sie über die Hilfe aus Großbritannien waren. Nicht nur, dass sich viele Dinge am Gebäude verbessert hatten. Auch die Kinder und Jugendlichen hatten sich verändert. Sie sahen, dass etwas passierte und sie nicht vergessen am Ende der Welt in einer schimmelnden Bude festsaßen. Und während letzten Sommer wohl Neid aufgekommen wäre, dass nun erst mal nur ein Teil der Zimmer komplett renoviert werden konnte, war es jetzt selbstverständlich, dass das in den oberen Etagen losging, wo es am schlimmsten war und weiter unten erst mal nur die Wände desinfiziert und neu gestrichen wurden.
    Als er beim Essen vor zwei Wochen verkündet hatte, dass wieder ein Lastwagen aus Großbritannien kommt, hatten die Kids sich gefreut wie lange nicht mehr. Und das Empfangskomitee mit Fußball war auch nicht irgendwie geplant oder abgesprochen gewesen. Sie wussten, dass ich den Tag ankommen sollte und hatten einfach beschlossen, vor dem Haus zu spielen anstatt dahinter, damit sie die Ankunft nicht verpassten.

    Als die Sonne schon wieder deutlich anfing vom Horizont weg zu steigen, machten wir uns auf den Weg zum Heim und in unsere Zimmer. Am Sonntag war ich dann morgens oder eher vormittags besser zusammen, als ich es nach der Menge Wodka erwartet hatte. Den Tag über spielten Vasya und ich mit ein paar Jungs Fußball auf dem Rasen hinterm Haus.


    Montag, 19.06.2017

    Auch wenn ich erst gegen Mittag fahren durfte, hieß es nach dem Frühstück, Abschied zu nehmen, weil die Kinder in die Schule mussten und bis sie von dort zurück waren, wollte ich längst unterwegs sein. Vasya stand nach dem Essen auf und alle Augen richteten sich auf ihn, da schien was vorbereitet worden zu sein. Er sprach englisch, was die jüngeren wohl nicht verstanden, aber es war ja auch an mich gerichtet. An den Tische übersetzten jugendliche Bewohner für die jüngeren.
    "Es ist jetzt fast ein halbes Jahr her. Da kamen zwei Fremde von weit weg zu uns und brachten uns Sachen. Wir wussten nicht, was wir davon halten sollten. Wer machte so was? Schließlich wussten wir, als Ihr nach zwei Tagen weggefahren seid, dass der Vater von Dima selbst hier gelebt hatte. Damals noch im alten Haus, das inzwischen nicht mehr steht. Er kann heute nicht hier sein, denn er bringt Sachen nach Poljarny und kommt dadurch den Wurzeln seines Vaters noch näher, denn der ist, wie ich in alten Unterlagen gesehen habe, dort geboren, auch wenn er die längste Zeit in Gadschijewo gewohnt hat, bevor er hier her kam.
    Also bist Du, Eric oder Ricky, wie ich und die Jugendlichen, die englisch können, Dich rufen, an diesem Wochenende alleine hier gewesen. Und Du bist wie selbstverständlich hier her gekommen und wurdest von einer jubelnden Gruppe Kinder empfangen. Ich denke, Du hast nicht erst da verstanden, wie wichtig Du für uns bist als ein Gesicht der Hilfsaktion. Hier ist eine Speicherkarte mit Fotos, die zeigen, was wir mit der Hilfe aus Großbritannien und auch alleine geschafft haben. Außerdem sind welche dabei, die Dima und Dich im Winter mit den Kindern bei Brettspielen und unserer zünftigen Schneeballschlacht zeigen oder Dich gestern beim Fußball. Bitte gib die Fotos weiter an Dima und seinen Vater, damit sie sie in ihrem Verein verteilen können. Es soll jeder dort sehen, dass ihre Hilfe ankommt und dass wir hier viel Freude an Eurer Hilfe haben und dankbar sind.
    Vor einem halben Jahr kamen zwei Fremde für zwei Tage hier her, aber heute macht sich nach den zweiten zwei Tagen ein Freund auf den Heimweg. Und Du sollst nicht ohne eine Erinnerung an uns nach Hause fahren. Ich weiß von Dima, dass Du gerne Tee trinkst. Unsere ältesten hier lernen in der Schule handwerkliche Fähigkeiten und einige haben ihre Talente zusammengetan. Chochloma ist ein altes russisches Kunsthandwerk und wir schenken Dir zum Dank eine mit dieser Kunst verzierte Teedose. Wenn Du demnächst irgendwo Deine Pause machst und aus dieser Dose Teeblätter in die Kanne löffelst, dann denk an Deine Freunde ganz im Norden von Europa."
    Danach sangen alle Kinder und Jugendlichen noch ein traditionelles russisches Abschiedslied und nun fiel es mir bei aller Freude auf zu Hause, auf Luke und meine Freunde in der Heimat doch etwas schwer, mein Zimmer zu räumen und gegen 13 Uhr nach einem kleinen Mittagsimbiss wieder in meinen LKW zu klettern.

    Die Weite der Landschaft hier oben fand ich faszinierend. Im Winter hatten wir das im Dämmerlicht gar nicht so richtig mitbekommen, aber so was kannte ich nicht aus Deutschland, wo es entweder flach und weit war oder bergig und eng. Nur sehr begrenzt gab es das bei den britischen "Rolling Hills", wenn man durch die Hügellandschaften fuhr und auf einer Kuppe auch mal die nächsten 2 oder 3 Ketten sehen konnte. Mir blieb die Luft weg und ich musste mich sehr auf die Straße konzentrieren.




    Pünktlich zur Pause war ich wieder in Murmansk und traf mich mit Dima auf einem Platz. Er hatte eine Ladung bekommen, die sein LKW-Verleiher gefunden hatte. Da der ihn auch für diese Tour angestellt hatte, ging das wieder. Er war schon durch den Zoll und hatte das TIR-Schild dran.

    Und dann merkten wir, warum die Dashcams so wichtig waren. Ich fuhr hinter einem LKW, uns kam einer der unvermeidlichen und meistens hoffnungslos untermotorisierten GAZelle Kleintransporter entgegen, den dann ein mindestens mal 160 Sachen schneller Skoda Fabia überholte. Als er merkte, dass sein Versuch, 30 Sekunden einzusparen frontal auf einen Renault Magnum zuführte, war es zu spät und es gab vor uns einen großen Knall. Ich ging in die Eisen und setzte den Warnblinker, auch Dima zog zur Seite, als der auf der Fahrerseite komplett zerstörte Skoda schon im Graben lag und in Flammen stand.
    Dima jagte erst seinen eigenen und dann meinen Feuerlöscher auf den Skoda, während ich zu dem LKW lief. Der Fahrer hing im Beckengurt, aber dem merkwürdigen Gurtabdruck auf dem Oberarm nach und der Tatsache, dass er aus dem Schultergurt gerutscht war, hatte er scheinbar seinen Gurt seitlich von der Schulter auf den Oberarm genommen. Das war eine osteuropäische Unsitte und hatte ihm in der auf der Fahrerseite eigentlich komplett intakten Kabine einen starken Aufprall aufs Lenkrad beschert.




    Ein BMW-Fahrer, der kurz nach uns an die Unfallstelle gekommen war, hatte den Notruf gewählt und so kam die Feuerwehr, die schließlich den Skoda gelöscht bekam und der Rettungsdienst für den Fahrerkollegen. Die Polizei kam natürlich auch und nahm die Aussagen von allen Zeugen auf und kopierte die Speicherkarte aus meiner Dashcam. Für den Skodafahrer kam jede Hilfe zu spät. So zusammen geschoben, wie das Auto auf der Fahrerseite war, wäre sie das auch ohne das Feuer. Vermutlich war er direkt nach dem Aufprall tot. Der Magnum-Fahrer wurde ins Krankenhaus abtransportiert, für seinen Lastzug würden sie schweres Gerät brauchen.

    Eine knappe Stunde nach dem Unfall waren wir wieder unterwegs. Eigentlich wollten wir bis Kayraly, damit wir morgen ziemlich die ersten sein konnten, wenn die Grenze öffnete. Wir schafften es aber nur noch bis Alakurtti, tankten noch mal und stellten uns in eine Nebenstraße.
    Ich wollte an sich mit Luke sprechen, aber Dima hielt mich davon ab und kam mich in meinem LKW besuchen:
    "Hast Du so was schon mal erlebt? Also dass jemand vor Deinen Augen tödlich verunglückt ist?" "Ja. Das war der dritte in 17 Jahren. Aber man gewöhnt sich nicht dran. Ich glaube, das tun nicht mal Rettungskräfte, die fast jeden Tag zu solchen Szenen gerufen werden." "Wie bist Du beim ersten Mal damit fertig geworden?" Er war echt mitgenommen. "Das war nicht einfach. Ich war damals auch alleine unterwegs, gar nicht so weit von hier auf finnischer Seite. Da hatte einer um die 20 gedacht, er wäre Tommi Mäkinen. Der hat seinen Subaru Impreza dermaßen in den Wald gedübelt, dass die Feuerwehr 4 Bäume fällen musste, um mit der Rettungsschere dran zu kommen. Da sitzt man dann 1650 Meilen von zu Hause, ungefähr in Deinem Alter, alleine mit seinen Problemen. Ich konnte damals nicht mal meine Mutter anrufen, weil man sich als Fernfahrer keine langen Auslandsgespräche vom Handy leisten konnte.
    Die erste Nacht und der folgende Tag waren Mist, dann ist mir klar geworden, dass ich weder eine Schuld an seinem Tod hatte noch ihn verhindern konnte. Er hatte mich überholt, war schon ein paar hundert Meter vor mir mit voller Kontrolle über sein Auto gefahren und dann auf einer Bodenwelle aus einer leichten Kurve geflogen.
    Du hast mal gesagt, dass Du Christ bist, dann nenn ihn Gott. Wenn man Atheist wäre, dann würde man es Schicksal nennen. Aber wenn wer oder was auch immer Dich den Tag auf der Liste hat, dann wirst Du ihn nicht überleben. Wenn Du zu schnell fährst, dann machst Du den Abflug. Wenn Du vorschriftsmäßig fährst, dann rauscht Dir ein Anderer rein. Und wenn Du meinst, es wäre sicherer, an dem Tag das Haus nicht zu verlassen, dann stolperst Du über den Wohnzimmerteppich und schlägst Dir den Schädel an der Tischplatte aus Granit ein. Ich befürchte, die kommenden Stunden werden hart für Dich. Aber mir hat es geholfen, einzusehen, dass ich nichts machen konnte, um den Unfall oder auch den zweiten und den heute zu verhindern. Ich war nur zufällig in der Nähe. Du brauchst emotionale Distanz zu dem Erlebnis."



    Dienstag, 20.06.2017

    Am nächsten Morgen machte sich dann die Verzögerung bemerkbar und trotz kurzer Nacht waren wir erst um kurz vor 10 am russischen Grenzposten. Hier trennten sich unsere Wege, denn ich war mit einem leeren Truck relativ schnell durch, sie mussten ja nur schauen, dass er wirklich leer war. Dima jedoch musste seine TIR-Dokumente und das versiegelte Fahrzeug kontrollieren lassen. Das ging zwar schneller als ohne TIR, aber die Idee, ein Carnet zu eröffnen, hatte sein vorübergehender Chef nicht alleine gehabt und entsprechend lang war die Wartezeit mit den Papieren.

    Fairerweise muss ich sagen, dass "schnell" in meinem Fall 4 Stunden waren und später teilte Dima mir per Whatsapp mit, dass es bei ihm 6 Stunden gedauert hatte. Während der Wartezeit telefonierte ich endlich mit Luke über das Erlebnis gestern. Ich hatte die gewisse Distanz, aber auch dann ging es nicht so einfach an mir vorbei und es tat gut, die belastenden Gefühle mit ihm zu teilen. Meine Pause legte ich kurz vor Rovaniemi direkt auf den Polarkreis.




    Zwar hätte ich noch ein Stück fahren können, aber es war egal, da ich es sowieso nur noch bis vor die verschlossene Ladestelle schaffen würde und ganz ohne Pause wäre es nicht gegangen. Auf einem abenteuerlichen Schotterweg kam ich zur ersten meiner Ladestellen für den Heimweg. Bei einem Holz verarbeitenden Betrieb mitten im Wald bei Juurssuo nahe Oulu stand ich um 21:40 Uhr vorm Tor. So was nannte man "rohstoffnaher Standort".


    Mittwoch, 21.06.2017

    Am nächsten Morgen, nach der zweiten und letzten auf 9 Stunden verkürzten Nacht, bekam ich dann Bausätze für Saunakabinen aufgeladen, die an eine Baumarktkette in Großbritannien gingen. Ein Kollege hatte die Sauna kürzlich als den besten finnischen Exportartikel bezeichnet, ich exportierte jetzt zur Bestätigung Saunen.

    Der Tag war nun sehr spannend, denn ich musste ein Schiff kriegen. Zum Glück ging es in Finnland sehr viel geradeaus, so dass man sich das Anbremsen von Kurven schenken konnte. Um die schwedischen Tankstellen zu umgehen, füllte ich in der 45er Pause noch mal auf. Dass er von der Motorentechnik nicht auf dem neuesten Stand war, war mir klar gewesen, aber die Trinksitten eines FH16 Baujahr 1995 waren dann schon nicht von schlechten Eltern. Bei flotter Gangart oder viel Stop and Go stand kontinental gerechnet die 40 vorm Komma. Auch wenn man nur auf der Autobahn unter eher günstigen Bedingungen dahinfuhr, nahm er um die 30 Liter auf 100 Kilometer, den Durchschnittsverbrauch des aktuellen FH16.

    Es wurde sehr knapp und so wurde ich auch sehr nervös, als in Vaasa der Verkehr dicht und die Ampeln rot waren.




    3 Minuten bevor der Check-In schloss, stürmte ich dann das Büro von Wasaline. Meine beiden kurzen Nächte waren weg und ich war im Fährenmodus vom Schiff gefahren, weshalb ich 11 Stunden voll machen musste, bevor ich in Holmsund meinen Stellplatz im Hafen verließ. Jetzt rutschte ich aus dem Tagesrhythmus raus und wenn Luke Feierabend hatte, war ich im Bett und wenn ich gerne nach der Arbeit telefonieren wollte, war er zwischen Deeside und Hull unterwegs. Also beschränkten wir uns auf kurze Telefonate.


    Donnerstag, 22.06.2017

    Auch wenn die Sonne südlich vom Polarkreis natürlich immer unterging, war es um 01:35 Uhr doch recht hell.




    Meine Fahrt ging über Schnellstraßen, die teils nur eine, alle paar Kilometer die Seite wechselnde, Überholspur hatten. Schon gestern auf dem Schiff hatte ich angefangen zu grübeln und musste die Gedanken immer wieder wegscheuchen und heute ging es so weiter. Offensichtlich hatte ich zuletzt zu viele Kollegen getroffen, die in ungefähr meinem Alter den Punkt unter den "Pflichten eines Mannes" abgehakt hatten, der mir verwehrt blieb - einen Sohn zeugen.
    Hatte ich Martin und Marvin in Geiselwind noch ein Bisschen trotzig gesagt, dass wir die Firma schon vererbt bekamen, war ich mir da auch nicht so sicher. Und bei Leiv und Daniel war es diese besondere Stimmung mit den 3 alten Trucks, Grill und Picknicktisch gewesen, bei der ich ihre Vater-Sohn-Emotionen während dieser für sie besonderen Tage wohl aufgesaugt hatte.
    Es musste, um Erbe nicht nur des Kapitals sondern auch des Geistes der Firma zu werden, ja irgendein Kind von Lukes oder meiner Schwester ein Interesse an dem Thema entwickeln, ohne damit aufzuwachsen. Dass es keine Garantie war, in die Fußspuren der Eltern zu treten, wenn man mit einem Beruf aufwuchs, hatte ich selbst bewiesen. Selbst wenn ich einen passenden Schulabschluss hinbekommen hätte, wäre eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten für mich so ziemlich die letzte Option gewesen. Aber es fiel einem doch leichter, ein Interesse an einem Beruf zu entwickeln, wenn ihn die Eltern ausübten und man damit groß wurde.

    Auch die Freude der Kinder in Nikel hatten bestimmt ihren Teil dazu beigetragen, dass ich plötzlich über dieses Thema nachdachte, das vorher nie eine Rolle in meinem Leben gespielt hatte. Es war einfach keins. Ich war nie in der Situation. Bei der ersten Beziehung zu Luke waren wir zu jung. In Deutschland war das bis vor ein paar Tagen sowieso kompliziert, außerdem war Björn durch den großen Altersunterschied auch zu jung und mit Chris war ich nicht lange genug zusammen. Außerdem stand der Beruf im Weg, so lange ich selbst Fernverkehr gefahren war.

    Andererseits war es gerade der Unfall in Russland gewesen, der einen Teil meiner Gedanken beeinflusste. Wie schnell konnte es vorbei sein? Und meine Eltern genauso wie Lukes Eltern hatten Enkelkinder von unseren Schwestern. Und doch waren das keine Kaiser-Leightons, es waren Wolanskis und Owens. Mit uns kamen zwei männliche Linien zum Ende. Das war veraltetes Denken, das mir sonst so fern war, aber plötzlich doch zum Nachdenken anregte.

    Jetzt hatte ich überwiegend einen Bürojob und Luke Tagestouren. Kam dieser Gedanke an Familienleben mit der Sesshaftigkeit, die sich eingestellt hatte? Wir hatten auch beschlossen, dass wir jetzt mit der Suche nach einem eigenen Haus anfangen wollten und aus der Miete raus wollten. Andererseits wusste ich ja nicht mal, wie Luke darüber dachte. Und schließlich hatten wir schon darin versagt, einen Hund zu halten. Wie sollten wir dann mit der noch viel größeren Verantwortung klar kommen, die ein Kind mit sich brachte?

    Nicht einmal die teilweise wirklich beeindruckenden Bilder der Strecke konnten mich so richtig da raus reißen, auch wenn ich zum ersten Mal seit 14 Jahren hier lang kam. Wem konnte ich solche Eindrücke schon weitergeben? Okay, Luke natürlich. Aber der kannte das ja auch selbst. Leuchtende Augen würde der schon nicht bekommen.




    Erst ein VW CC, der noch so gerade am Ende eines dieser Überholspur-Abschnitte zwischen Mittelsperre und meinem LKW durchschlüpfte, brachte mich wieder in die Realität.

    Dann erreichte ich auch schon bald meinen zweiten Ladeort in Sundsvall, wo ich bei einer Firma, die so was herstellte, Baustellenabsperrungen laden musste. Weil auch die ersten viereinhalb Stunden rum waren, bot man mir an, mich einfach an den Zaun zu stellen und die Plane zu öffnen. Dann könnte ich dort auch stehen bleiben, nachdem fertig geladen war und meine Pause machen.

    Bei Söderhamn schauten dann nach Tagen zwischen Wäldern, Tundra und Seen die ersten Anzeichen von Zivilisation hinter den Bäumen hervor.




    Da ich es verpennt hatte, in Uppsala einen Platz in einem Gewerbegebiet zu suchen und keine Lust auf einen Stellplatz neben einer Tankstelle direkt an der Hauptstraße hatte, machte ich einen 10er aus dem Tag und fuhr weiter nach Västeras, wo ich einen Stellplatz in einem Gewerbegebiet fand.


    Freitag, 23.06.2017

    0:44 Uhr durfte ich weiterfahren. Auch hier war es noch nicht richtig dunkel, dennoch kam das blaue Innenlicht schön zur Geltung. Dazu spielte Avantasias "The Tower" auf der erstklassigen, nachgerüsteten Audioanlage
    (der kritische Leser prüfe den Screenshot - ist aber fest auf der Textur, es zeigt nicht an, was gerade abgespielt wird. Die Funktion hat ETS2 auch meines Wissens gar nicht. "The Tower" läuft aus Zufall, während ich diese Zeilen schreibe und dann fiel mir bei genauerem Hinsehen auf, dass da tatsächlich was passendes im Radio steht)




    Ich hatte keine Chance, die Strecke bis Göteborg in einem Rutsch zu schaffen. Also machte ich eine Pause am Wegrand. Die Vormittagsfähre war dann weg, also musste ich am späten Mittag übersetzen.
    So hatte ich zwar die Chance, während seiner 45er mit Luke zu sprechen, aber der merkte wohl, dass mich Gedanken umtrieben. Er fragte, ob es noch wegen des Unfalls war. Ich bejahte das erst mal, denn das Thema Familienzuwachs auf welchem Wege auch immer war eins, das definitiv nicht fürs Telefon taugte. Da müssten wir zusammen sein und die Situation am besten auch stimmen.

    In Dänemark hatte ich dann noch Fahrzeit und sah zu, dass ich so weit kam, dass ich nicht am kommenden Tag noch mal eine Pause machen musste. Schließlich musste ich auch noch tanken, denn bis nach Hause würde es nicht reichen und Dänemark war günstiger als Großbritannien. Leider hatte die Tankstelle in Viborg keine Stellplätze, weshalb es wieder auf Wildcampen im Gewerbegebiet hinauslief.


    Samstag, 24.06.2017

    Ich konnte schon mitten in der Nacht wieder losfahren, aber lieber in Esbjerg am Hafen stehen als hier im Gewerbegebiet. Vielleicht konnte ich da in die Stadt. In Sunds, kurz vor Herning, leistete ich mir dann den skurrilsten Rotlichtverstoß meiner Karriere. Die Ampel war ausgeschaltet und blinkte gelb, als ich auf sie zu fuhr. Offenbar wurde sie aber um Punkt 4 Uhr aktiviert und es war Punkt 4 Uhr als ich 20 Meter vor der Kreuzung war. Also sprang die Ampel auf Rot und ehe ich merkte, wie mir geschah, blitzte es hinter der Kreuzung noch mal rot. Wenn das ein Strafmandat gab, würde ich diese Kuriosität aber dem Anwalt übergeben.




    Esbjerg war noch nicht so richtig wach, als ich den Hafen erreichte. Also checkte ich ein, stellte den LKW auf der Wartefläche ab und machte mich erst mal auf den Weg in die Stadt. Es gab hier allerdings wenig zu sehen, dafür konnte ich in einer Bäckerei anständig frühstücken, nachdem es vorhin nur ein Müsli gegeben hatte.

    Auf dem Weg zum Hafen zurück erkannte ich, wie die markante Silhouette eines Foden 4000 die Straße an einer Kreuzung überquerte. Und ich bezweifelte pauschal, dass davon gerade mehr als einer in Dänemark, wenn ich sogar in ganz Europa internationalen Fernverkehr fuhr. Das bedeutete, ich konnte mir am Hafen mit Dima die Wartezeit zusammen vertreiben und hatte auch auf der Fährpassage jemanden zum Quatschen.


    Sonntag, 25.06.2017

    Die Fähre legte um 15:30 Uhr in Immingham an. Hier trennten sich unsere Wege. Dima fuhr in den Süden, wo er erst morgen früh in London entladen und dann den LKW beim Besitzer an der Südküste abliefern musste. Ich war dann gegen 19:30 Uhr in Deeside und wurde von Luke an der Firma empfangen. Ich musste noch abkuppeln, den Trailer sollte morgen Davey zum Baumarktzentrallager fahren, für das beide Partien gedacht waren.

    Dann fuhren wir nach Hause, wo wir uns noch die Bilder von dem USB-Stick anschauten, den Vasya mir gegeben hatte und den ich mir auf den Laptop kopiert hatte. Auch wenn da Kinder zu sehen waren und Luke manchmal sehr amüsiert über die Bilder von Schneeballschlacht im Januar oder Fußballspiel jetzt war, passte die Situation nicht. Ich war einfach zu fertig nach dieser Tour, um jetzt ein solches Gespräch anzufangen.

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Kommentare 9

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    alaskabaer01 -

    Schönes Kapitel. habe die Bilder genossen, ausser das mit dem Rauch.

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      TurboStar -

      Danke. Tote und Verletzte in diesen Tagebüchern sind ja im Normalfall zum Glück nur Bits und Bytes. Aber wenn sich die Mapper die Mühe geben, Unfallszenen einzubauen, dann kann man sie auch mal im Tagebuch erwähnen finde ich.

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      alaskabaer01 -

      Stimmt. Sind zwar meist Unschöne Bilder aber auch diese sieht man im Normalleben. Kenne viele Trucker die solche Bilder kennen und schon viel zu oft sehen mussten.

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      TurboStar -

      Wir haben hier gegenüber dem echten Truckerleben sowieso eine viel zu heile Welt in den Tagebüchern glaube ich, So mit Grillen am Straßenrand, nachreisenden Partnern, wenig Kontrollen und vielen guten Aufträgen in interessante Gegenden. Ab und zu kann ja mal ein Bisschen in die Suppe gespuckt werden. Ich habe aber auch schon oft genug Unfälle weggelassen, z.B. im Bochum-Profil auf der TSM in Spanien, da hat der Mapper irgendwo auch zwei PKW in die Böschung gedübelt, die ich mehrmals unkommentiert passiert habe. Und wenn ich die ausgeflippte KI auch noch nehmen würde, die einem in die Karre fährt, dann hätte ich jedes Kapitel 2 Unfälle :(

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    alaskabaer01 -

    Schön dass in Russland alles wieder gemacht wird. Mit dem Crash, können einen schonmal sehr seltsame Überkommen. Ging mir vor 2 Jahren nicht anders, als ich hier einen Nachbarn tod in seiner Wohnung fand. Eigentlich kam er jeden Samstag zu uns und brachte seinen Dackel her, damit er einkaufen gehen konnte. Danach tranken wir dann noch Kaffee und Unterhielten uns. Aber an diesem Wochenende kam er nicht und Sonntags bellte sein Bodo wie Verrückt, da bin ich hoch, da wir seinen Ersatzschlüssel hatten. Da lag unser Nachbar in sitzender Position auf seinem Sofa. Ich sah ihm ins Gesicht und mir lief es eiskalt den Rücken herunter, also bin ich zu uns runter und habe die 112 angerufen. Die holten noch die Polizei dazu, den Hnd habe ich mit zu uns geholt, denn der liess ausser mir keinen an sein Herrchen. Tja, zum einen Vergesse ich das Gesicht des Toten nicht, und ich dachte bis vor kurzem lange und viel über diesen Scheiß nach den man Leben nennt.

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    Iceman684 -

    Zum Glück habsch meinen CC nicht mehr. Bin also unschuldig. :)

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      TurboStar -

      So weit nördlich in Schweden hätte ich Dich im PKW auch nicht verortet. Das war ja irgendwo bei Docksta oder Bjästa.